Zweimal „Im Westen nichts Neues“
Nach der einen Katastrophe und vor der nächsten – und im 21. Jahrhundert: Erzählt der Film noch immer „nichts Neues“?
Redaktion Lernwerkstatt (09/2026)
Die erste Verfilmung von Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues entstand 1930: nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und vor der nächsten. Lewis Milestones Film machte die industrielle Massengewalt des modernen Krieges sichtbar und wurde selbst zum Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen. In Deutschland bekämpften die Nationalsozialisten seine Aufführung; nach 1945 kam der Film wieder in die Kinos – allerdings gekürzt und damit verändert unter den politischen und kulturellen Bedingungen der Nachkriegszeit.
Fast ein Jahrhundert später wurde Remarques Roman erneut verfilmt. Edward Bergers Im Westen nichts Neues von 2022 entstand in einer grundlegend anderen historischen Situation und mit anderen filmischen Mitteln.
Gerade deshalb stellt sich eine zunächst ganz einfache Frage:
Was erzählt der Film 1930 über den Krieg – und was erzählt ein neuer Film im 21. Jahrhundert, wenn er denselben Stoff noch einmal aufgreift?
Die Frage ist bewusst offen. Denn erst eine vergleichende Analyse könnte zeigen, was sich verändert hat: die Darstellung der Soldaten und des Sterbens, die Erklärung des Krieges, das Verhältnis von Individuum und militärischer Organisation, die Darstellung politischer und militärischer Verantwortung, die Dramaturgie, die Bildsprache – und schließlich die jeweils mögliche gesellschaftliche Bedeutung der Filme.
Eine solche vergleichende Analyse steht in der Lernwerkstatt noch aus.
Hier erfolgt einer erste Auseinandersetzung mit der Neuverfilmung:
Im Westen wieder nichts Neues? Edward Bergers Neuverfilmung von 2022
Zum historischen Film von Lewis Milestone, seiner Entstehung, den Auseinandersetzungen um seine Aufführung, dem Verbot und seiner veränderten Nachkriegsrezeption liegen dagegen bereits zahlreiche Materialien vor:
IM WESTEN NICHTS NEUES – „Der“ klassische Antikriegsfilm
Eine zukünftige vergleichende Analyse müsste deshalb Filmrealität, Bedingungsrealität, Bezugsrealität und Wirkungsrealität beider Filme untersuchen: 1930 – Nachkriegsrezeption – 2022/26.
Erst dann ließe sich die zugespitzte Frage beantworten:
Erzählt „Im Westen nichts Neues“ im 21. Jahrhundert tatsächlich noch immer „nichts Neues“ – oder erzählt der neue Film eine alte Geschichte auf eine Weise, die mehr über unsere Gegenwart verrät, als der historische Stoff zunächst vermuten lässt?
