Eine fast unsichtbar gewordene Wissenschaftstradition wieder sichtbar machen
Türen öffnen für eine vielfach marginalisierte Wissenschaftstradition: Marxistisch orientierte Gesellschaftstheorie wieder zugänglich und diskutierbar machen.
Bilderstellung mit ChatGPT – 30.10.2026
Marxistisch orientierte Wissenschaft, ihre publizistische Öffentlichkeit und ihre gesellschaftliche Marginalisierung
Marxistisch orientierte Wissenschaft hat eine lange, vielfältige und widersprüchliche Geschichte. Sie reicht weit über Marx und Engels hinaus und umfasst unterschiedliche Ansätze der Geschichtsschreibung, politischen Ökonomie, Philosophie, Kulturwissenschaft und Gesellschaftsanalyse.
Dass diese Tradition heute im öffentlichen Diskurs nur noch eingeschränkt wahrgenommen wird, sagt wenig über ihren wissenschaftlichen Erklärungswert aus. Es verweist vielmehr auf historische Veränderungen der politischen, institutionellen und publizistischen Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit.
Die Geschichte ihrer Sichtbarkeit und Marginalisierung ist deshalb selbst ein Gegenstand kritischer Gesellschaftsanalyse. Sie gehört zu den Fragen, die im Grundlagenbeitrag „Historisch-materialistisches Denken und Gesellschaftskompetenz“ aufgeworfen werden.
Eine internationale Wissenschaftsöffentlichkeit vor 1933
Ein eindrucksvolles Zeugnis der frühen Vielfalt marxistisch orientierter und sozialgeschichtlicher Forschung ist das von Carl Grünberg herausgegebene Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung (1911–1930).
Die 15 Bände dokumentieren eine Wissenschaftslandschaft, in der politische Ökonomie, Geschichtswissenschaft, Sozialpolitik, Philosophie und Rechtswissenschaft miteinander verbunden wurden. Dabei ging es nicht allein um die Geschichte sozialistischer Organisationen, sondern um die Untersuchung gesellschaftlicher Entwicklungen und Konflikte.
Grünbergs Archiv war dabei nicht auf eine einheitliche marxistische Lehrmeinung festgelegt. Sein Forschungsgegenstand reichte über marxistische Theorie im engeren Sinne hinaus und bezog unterschiedliche sozialistische und sozialreformerische Strömungen ein.
Diese Vielfalt widerspricht der nachträglichen Vorstellung eines einheitlichen, abgeschlossenen Marxismus.
Mit der nationalsozialistischen Herrschaft wurden große Teile dieser intellektuellen Landschaft zerstört. Wissenschaftler, Schriftsteller, Gewerkschafter und politische Intellektuelle wurden verfolgt, vertrieben oder ermordet. Internationale Netzwerke zerfielen; Forschungs- und Publikationsmöglichkeiten wurden vernichtet.
Die Emigration bedeutete allerdings nicht das Ende dieser Tradition. Teile marxistisch orientierter Wissenschaft entwickelten sich im Exil weiter, insbesondere in Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Ihre Rückwirkungen auf die deutsche Wissenschaftslandschaft nach 1945 blieben unterschiedlich.
Wiederaneignung seit den 1960er Jahren
Nach 1945 wurde diese Tradition in der Bundesrepublik zunächst nur begrenzt wieder aufgenommen. Der Antikommunismus des Kalten Krieges und die politische Abgrenzung gegenüber der DDR erschwerten eine offene Auseinandersetzung mit marxistischen Ansätzen.
Die Situation in der DDR war anders gelagert. Dort besaß der Marxismus-Leninismus eine institutionell privilegierte Stellung. Diese staatliche Anerkennung bedeutete jedoch nicht automatisch wissenschaftliche Offenheit. Andere marxistische Traditionen und vom offiziellen Parteimarxismus abweichende Positionen waren vielfach eingeschränkt oder ausgeschlossen.
Seit den 1960er Jahren veränderte sich die Situation in der Bundesrepublik erheblich.
Iring Fetscher trug mit seinen Veröffentlichungen zur Geschichte des Marxismus und mit der Herausgabe marxistischer Texte dazu bei, die Vielfalt marxistischen Denkens erneut zugänglich zu machen. Seine dreibändige Dokumentation Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten (1963–1965) und die Marx-Engels-Studienausgabe (1966) stehen beispielhaft für diese Wiederaneignung.
Eine wichtige Rolle spielten wissenschaftliche Zeitschriften. Das Argument, 1959 gegründet, entwickelte sich zu einem Forum kritischer Gesellschaftstheorie. Die seit 1971 erscheinende PROKLA verband marxistisch orientierte politische Ökonomie mit der Untersuchung gesellschaftlicher Konflikte und aktueller Entwicklungen.
Zugleich entstand eine breite publizistische Öffentlichkeit, in der marxistische und marxistisch orientierte Wissenschaft keineswegs ausschließlich auf kleine politische Spezialverlage beschränkt blieb.
Die Bedeutung dieser Zeitschriften für die Neue Linke und den akademischen Marxismus hat David Bebnowski in seiner Untersuchung Kämpfe mit Marx (2021) ausführlich herausgearbeitet. Er zeigt zugleich, wie eng theoretische Debatten, politische Auseinandersetzungen und die Herausbildung neuer wissenschaftlicher Öffentlichkeiten miteinander verbunden waren.
Als kritische Gesellschaftstheorie noch in großen Verlagen erschien
Besonders bemerkenswert ist die Bedeutung großer und einflussreicher Verlage im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Suhrkamp, Rowohlt und die Europäische Verlagsanstalt veröffentlichten umfangreiche Programme zur Kritischen Theorie, marxistischen Philosophie, politischen Ökonomie, Sozialgeschichte, Kulturtheorie und Gesellschaftsanalyse.
Die Bücher erreichten Studierende, Lehrkräfte, Gewerkschafter und eine breite politisch interessierte Öffentlichkeit. Wissenschaftliche Auseinandersetzungen wurden dadurch über die Universitäten hinaus zugänglich.
Gerade die Taschenbuchreihen, Studienausgaben und preisgünstigen Editionen spielten dabei eine wichtige Rolle. Die edition suhrkamp, die rowohlts deutsche enzyklopädie und die Veröffentlichungen der Europäischen Verlagsanstalt erschlossen wissenschaftliche Debatten für Leserinnen und Leser außerhalb enger akademischer Fachöffentlichkeiten.
Die Veröffentlichung solcher Arbeiten war zugleich Ausdruck gesellschaftlicher Konflikte und einer erweiterten Nachfrage nach kritischer Theorie.
Die Verlagsgeschichte verdient deshalb eine eigenständige Untersuchung: Welche Autoren wurden verlegt? Welche wissenschaftlichen und politischen Debatten erreichten ein größeres Publikum? Welche Bedeutung hatten Taschenbuchreihen, Studienausgaben und Zeitschriften für die politische Bildung?
Dabei sollte auch die Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbildung berücksichtigt werden. Wissenschaftliche Texte wurden nicht nur gelesen, sondern in Seminaren, Studienkreisen und politischen Bildungszusammenhängen angeeignet und diskutiert.
Rückzug, Spezialisierung und neue Öffentlichkeiten
Seit den 1980er Jahren veränderten sich die Bedingungen dieser Öffentlichkeit.
Die politische Neuorientierung der Bundesrepublik, Veränderungen der Universitäten, der Rückgang organisierter sozialistischer Bewegungen und der Strukturwandel des Buchmarktes beeinflussten auch die Verbreitung kritischer Gesellschaftswissenschaft.
Hinzu kamen die internationalen Umbrüche von 1989/90. Der Zusammenbruch des Staatssozialismus veränderte die gesellschaftliche Wahrnehmung marxistischer Theorie tiefgreifend. Dabei wurden die unterschiedlichen Traditionen marxistischen Denkens im öffentlichen Diskurs häufig mit dem gescheiterten sowjetischen Gesellschaftsmodell gleichgesetzt.
Marxistisch orientierte Arbeiten verschwanden jedoch nicht. Ihre kontinuierliche Veröffentlichung verlagerte sich stärker in spezialisierte wissenschaftliche Zusammenhänge, kleinere Verlage und später digitale Öffentlichkeiten.
Das Argument und PROKLA stehen für die Fortsetzung einer langen Tradition. Mit der deutschsprachigen Ausgabe von Jacobin entstand zudem ein Forum, das insbesondere sozialistische Debatten aus dem angelsächsischen Raum mit deutschsprachigen Diskussionen verbindet.
Daneben bestehen wichtige Publikationsmöglichkeiten bei Verlagen wie VSA, PapyRossa, Argument, Westfälisches Dampfboot, Brill und Haymarket Books sowie weiterhin in Teilen der Programme größerer wissenschaftlicher Verlage.
Von einem vollständigen Verschwinden marxistisch orientierter Wissenschaft kann deshalb keine Rede sein.
Festzustellen ist vielmehr eine Veränderung ihrer gesellschaftlichen Sichtbarkeit, institutionellen Reichweite und öffentlichen Vermittlung.
Die digitale Verfügbarkeit älterer Texte eröffnet inzwischen neue Möglichkeiten. Sie garantiert jedoch noch nicht, dass diese Texte in wissenschaftlichen Debatten, Bildungseinrichtungen oder öffentlichen Diskussionen tatsächlich wahrgenommen werden.
Wissenschaftliche Sichtbarkeit und kulturelle Hegemonie
Die Geschichte dieser Entwicklung berührt unmittelbar die Frage kultureller Hegemonie.
Welche Gesellschaftstheorien als wissenschaftlich relevant gelten, welche Begriffe den öffentlichen Diskurs bestimmen und welche Fragestellungen als randständig erscheinen, wird nicht allein durch wissenschaftliche Erkenntnisse entschieden.
Auch politische Kräfteverhältnisse, institutionelle Strukturen, ökonomische Interessen und gesellschaftliche Deutungsmuster beeinflussen die Produktion und Verbreitung wissenschaftlichen Wissens.
Dabei wäre es verkürzt, jede Marginalisierung unmittelbar auf politische Unterdrückung zurückzuführen. Wissenschaftliche Kontroversen, theoretische Schwächen einzelner Ansätze, Veränderungen gesellschaftlicher Probleme und wirtschaftliche Entwicklungen des Verlagswesens gehören ebenfalls zur Erklärung.
Die Frage bleibt dennoch, warum eine Tradition mit erheblichem Erklärungswert für gesellschaftliche Machtverhältnisse, Krisen, Eigentumsstrukturen und historische Veränderungen heute so wenig zum allgemeinen gesellschaftswissenschaftlichen Bildungsbestand gehört.
Besonders aufschlussreich ist dabei die Unterscheidung zwischen Verfügbarkeit und Sichtbarkeit.
Ein Text kann wissenschaftlich erschlossen, bibliothekarisch nachgewiesen und digital frei zugänglich sein, ohne in den gesellschaftlichen Debatten eine nennenswerte Rolle zu spielen.
Das zeigt der Beitrag Karl Korsch – verschwunden und doch nicht erledigt. Er untersucht exemplarisch, wie ein einflussreicher marxistischer Theoretiker innerhalb und außerhalb der Arbeiterbewegung marginalisiert wurde, später wiederentdeckt wurde und heute zugleich digital verfügbar und öffentlich wenig präsent ist.
Damit erhält die Frage kultureller Hegemonie eine zusätzliche Dimension: Auch Suchmaschinen, digitale Plattformen und KI-Systeme beeinflussen, welche Texte, Begriffe und Wissenschaftstraditionen sichtbar werden.
Wieder sichtbar machen, nicht kanonisieren
Eine Wiederbeschäftigung mit dieser Tradition bedeutet nicht, einen neuen verbindlichen Kanon zu schaffen.
Sie soll vielmehr die Vielfalt der theoretischen Ansätze, ihre historischen Konflikte, ihre Leistungen und Grenzen zugänglich machen.
Die Wiederentdeckung von Karl Korsch, Ernst Bloch, Alfred Sohn-Rethel, August Thalheimer oder Viktor Agartz ist deshalb keine bloße Erinnerung an vergangene politische Bewegungen.
Ihre Arbeiten ermöglichen Fragen an die Gegenwart, die im dominierenden öffentlichen Diskurs häufig nicht oder nur eingeschränkt gestellt werden.
Dabei geht es nicht darum, marxistisch orientierte Wissenschaft gegen andere gesellschaftswissenschaftliche Traditionen abzuschotten. Gerade ihre Auseinandersetzung mit konkurrierenden Erklärungsansätzen kann ihren Erkenntniswert sichtbar machen und ihre eigenen Grenzen aufzeigen.
Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz ist diese Wiederaneignung besonders bedeutsam. Wer gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen will, benötigt Zugang zu unterschiedlichen theoretischen Perspektiven, historischen Erfahrungen und gesellschaftlichen Deutungen.
Dazu gehört auch die Fähigkeit, zu fragen, warum bestimmte wissenschaftliche Traditionen öffentlich präsent sind und andere kaum noch wahrgenommen werden.
Die Konsequenzen für die historisch-politische Bildung werden im anschließenden Beitrag „Gesellschaftskritisches Denken wieder sichtbar machen“ vertieft.
Eine Wissenschaftstradition wieder sichtbar zu machen heißt, den gesellschaftlichen Vorrat an Erklärungen, Erfahrungen und denkbaren Alternativen zu erweitern.
Weiterführende Beiträge der Lernwerkstatt
Quellen und weiterführende Literatur
Bebnowski, David (2021): Kämpfe mit Marx. Neue Linke und akademischer Marxismus in den Zeitschriften „Das Argument“ und „PROKLA“ 1959–1976. Göttingen: Wallstein. Verlagsseite.
Fetscher, Iring (Hg.) (1963–1965): Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten. 3 Bände. München: Piper.
Fetscher, Iring (Hg.) (1966): Marx-Engels-Studienausgabe. Frankfurt am Main: Fischer.
Grünberg, Carl (Hg.) (1911–1930): Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. 15 Bände. Leipzig: C. L. Hirschfeld. Digitalisierte Gesamtausgabe der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Das Argument – Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften.
PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft.
Jacobin – deutschsprachige Ausgabe.
Das Konzept der Gesellschaftskompetenzen lässt sich in besonderer Weise im Anschluss an marxistische Theorie und marxistisch orientierte Wissenschaft entwickeln, weil diese Gesellschaft konsequent als komplexen, widersprüchlichen und historisch gewordenen Zusammenhang begreifen. Gesellschaft erscheint dabei nicht als Summe voneinander getrennter Teilbereiche, sondern als Geflecht wechselseitiger Beziehungen zwischen Ökonomie, Politik, Kultur, Kommunikation, Geschichte, Technologie, Ökologie und sozialen Beziehungen. Genau diese Perspektive bildet auch den Kern des Konzepts der Gesellschaftskompetenzen, das auf die Fähigkeit zielt, diese Zusammenhänge in ihrer Wechselwirkung zu erkennen und kritisch zu reflektieren.
Karl Marx hat mit seiner historisch-materialistischen und dialektischen Gesellschaftsanalyse einen Ansatz entwickelt, der gesellschaftliche Wirklichkeit als Prozess versteht, der durch Produktionsverhältnisse, Machtstrukturen und Konflikte geprägt ist. Gesellschaft ist bei Marx kein statisches System, sondern ein historisch wandelbares und widersprüchliches Gefüge. Damit wird ein Denken möglich, das gesellschaftliche Phänomene nicht isoliert betrachtet, sondern in ihren strukturellen Vermittlungen: Ökonomische Entwicklungen sind mit politischen Herrschaftsformen ebenso verbunden wie mit kulturellen Deutungen und ideologischen Formationen. Diese Grundfigur ermöglicht ein Verständnis von Gesellschaft, das dem Anspruch des Gesellschaftskompetenz-Konzepts entspricht, Komplexität nicht zu reduzieren, sondern analytisch zugänglich zu machen.
Marxistisch orientierte Wissenschaft erweitert diese Perspektive, indem sie die Verbindung verschiedener gesellschaftlicher Ebenen systematisch in den Blick nimmt. Ökonomische Prozesse werden mit politischen Entscheidungen und kulturellen Deutungsmustern zusammengedacht, Ideologien, Medien und Kommunikation werden im Zusammenhang gesellschaftlicher Machtverhältnisse analysiert, und Geschichte wird als offener, konflikthafter Entwicklungsprozess verstanden. Gesellschaftliche Krisen erscheinen dabei nicht als zufällige Störungen, sondern als Ausdruck struktureller Widersprüche. Zugleich wird die Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung grundsätzlich offengehalten. Damit trägt diese Perspektive wesentlich zu dem bei, was im Konzept der Gesellschaftskompetenzen als „Komplexitätsvermögen“ bezeichnet werden kann: die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Widersprüche und Wechselwirkungen gesellschaftlicher Prozesse wahrzunehmen und kritisch zu durchdringen.
Historisch war marxistisches Denken dabei nie ein geschlossenes System, sondern ein äußerst vielfältiges und interdisziplinäres Feld. Bereits die frühe marxistische Theorieentwicklung im Umfeld der Arbeiterbewegung zeigte eine große Bandbreite an Positionen zu Fragen von Staat, Imperialismus, Reform und Revolution, Ökonomie und Philosophie. Publikationszusammenhänge wie das „Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung“ dokumentieren diese Pluralität eindrucksvoll. Diese Vielfalt wurde jedoch durch den Faschismus brutal unterbrochen: Verfolgung, Emigration und Ermordung zerstörten zentrale intellektuelle Netzwerke marxistischer Theorieentwicklung. Nach 1945 wurde diese Tradition nur teilweise und oft selektiv wieder aufgegriffen, etwa in den Arbeiten von Herausgebern und Historikern wie Iring Fetscher, die versuchten, die verschüttete Breite marxistischen Denkens wieder sichtbar zu machen.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch das Konzept der Gesellschaftskompetenzen in Anschluss an Oskar Negt präzisieren. Negt entwickelt seinen Ansatz gesellschaftlicher Kompetenz aus der Kritischen Theorie heraus und knüpft zugleich an marxistische Grundannahmen an, insbesondere an die Idee der gesellschaftlichen Totalität und der Vermittlung von Erfahrung durch gesellschaftliche Strukturen. Im Zentrum steht bei ihm die „gesellschaftliche Erfahrung“ als historisch geprägter und widersprüchlicher Erfahrungsraum. Gesellschaftliche Kompetenz bedeutet hier nicht bloß kognitives Wissen, sondern die Fähigkeit, eigene Erfahrungen in übergreifende gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen und deren Konfliktstrukturen zu erkennen.
Damit wird Gesellschaftskompetenz als Fähigkeit zur Wahrnehmung und Bearbeitung gesellschaftlicher Widersprüche verständlich. Sie zielt auf die Verbindung von individueller Erfahrung und struktureller Analyse, von Alltagsperspektive und gesellschaftlicher Totalität. In dieser Perspektive wird auch der Marx’sche Ansatz aktualisiert: Gesellschaftliche Widersprüche sind nicht nur theoretische Konstrukte, sondern werden im Alltag erfahren und in Medien, Politik und Kultur ständig vermittelt. Gesellschaftliche Kompetenz besteht darin, diese Vermittlungen zu erkennen und kritisch zu reflektieren.
Insgesamt zeigt sich damit, dass marxistisch orientierte Wissenschaft eine zentrale theoretische Grundlage für das Konzept der Gesellschaftskompetenzen liefern kann, ohne dieses auf ein geschlossenes Weltbild zu reduzieren. Sie ermöglicht vielmehr ein Verständnis von Gesellschaft als historisch offenem, widersprüchlichem und veränderbarem Zusammenhang. Gesellschaftskompetenz bedeutet in diesem Sinne die Fähigkeit, diese Komplexität zu erfassen, strukturelle Zusammenhänge zu analysieren und gesellschaftliche Veränderbarkeit denkend wie handelnd mitzuvollziehen.
Der Theoriepodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung
„Too long, didn’t read – so geht es einigen beim Anblick der Klassiker linker Theorie. Die über zweitausend Seiten langen Gefängnishefte von Antonio Gramsci, die komplizierten Schinken von Marx oder Edward Said – wenn ihr keine Zeit habt, die Bücher alleine durchzuackern oder eine Einführung sucht, dann hört euch den Theoriepodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung an.“
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Karl Marx: «Das Kapital» Band 2
mit Christian Schmidt am
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