Medienbildung als Reflexion medialer Weltaneignung

Kulturtechniken, Medialität und die Rolle von Medien in Prozessen der Erkenntnisgewinnung und Wissensvermittlung

Wolf-Rüdiger Wagner/Detlef Endeward (02/2017)

Medienbildung erschöpft sich nicht in der Beschäftigung mit technischen Geräten, digitalen Plattformen oder Massenmedien. Sie gewinnt ihren bildungstheoretischen Stellenwert vielmehr aus der Einsicht, dass Medien an der gesellschaftlichen „Sinnproduktion“ beteiligt sind und dadurch kulturprägende sowie kulturverändernde Funktionen übernehmen. Erst aus dieser Perspektive lässt sich Medienbildung als integraler Bestandteil von Allgemeinbildung begründen. Dabei reicht ihr Gegenstandsbereich weit über Fernsehen, Internet oder soziale Netzwerke hinaus. Auch in Naturwissenschaft, Technik, Medizin oder Mathematik spielen Medien eine zentrale Rolle, weil sie dort als Werkzeuge der Weltaneignung fungieren.

Im Zentrum der Medienbildung stehen deshalb nicht Apparate oder technische Systeme an sich, sondern die Handlungen und Praktiken, in deren Zusammenhang Medien verwendet werden. Medien werden zu Kulturtechniken, wenn sie Prozesse der Informationsgewinnung, Wissensverarbeitung und Kommunikation ermöglichen. Der Begriff der Kulturtechnik verbindet dabei zweierlei: zum einen planvolle Verfahrensweisen, zum anderen technische Artefakte. Beide Dimensionen sind untrennbar miteinander verbunden. Schon das Rechnen verweist darauf: Historisch leiten sich „Kalkulieren“ und „Kalkül“ von den Kieselsteinen ab, die als Rechenhilfen dienten. Zugleich benötigt komplexes Rechnen Schreibmaterialien, um Zwischenschritte sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Erkenntnis ist also immer an mediale Verfahren gebunden.

Vor diesem Hintergrund rückt die Medienbildung die grundlegenden Akte wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Wissensproduktion in den Mittelpunkt: Sichtbarmachen, Darstellen, Speichern, Kommunizieren, Messen, Sammeln, Klassifizieren, Analysieren, Vergleichen, Visualisieren, Modellieren und Simulieren. Diese Tätigkeiten stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern bilden Handlungsketten. Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht erst im Zusammenspiel verschiedener medialer Verfahren.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Mikroskops. Der Blick durch das Mikroskop allein genügt nicht, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu sichern oder zu kommunizieren. Erst fotografische Reproduktionen ermöglichen die dauerhafte Speicherung, den Vergleich und die gemeinsame Auswertung mikroskopischer Befunde. Fotografien erlauben präzisere Messungen als die unmittelbare Beobachtung und machen die Ergebnisse anderen Forschenden zugänglich. Medien sind hier nicht bloße Hilfsmittel, sondern konstitutiver Bestandteil des Erkenntnisprozesses.

Ähnliches gilt für Statistiken. Viele gesellschaftliche und naturwissenschaftliche Phänomene bleiben der unmittelbaren Wahrnehmung entzogen. Entwicklungen wie der Klimawandel oder Veränderungen des Bruttosozialprodukts werden erst durch Datenerhebung, Ordnung und graphische Darstellung sichtbar. Statistiken beruhen daher auf grundlegenden mediengestützten Verfahren wie Messen, Erfassen und Visualisieren. Ohne diese Kulturtechniken gäbe es keinen Zugang zu zahlreichen Dimensionen gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Die Medienbildung muss deshalb auch ein Bewusstsein für „Medialität“ vermitteln. Medien bilden Wirklichkeit nicht einfach ab, sondern konstruieren und inszenieren jeweils spezifische Wirklichkeitsausschnitte. Jede mediale Form besitzt eigene Möglichkeiten und Grenzen. So ist etwa jede zweidimensionale Weltkarte notwendigerweise verzerrt, weil sich die Oberfläche einer Kugel nicht ohne Veränderungen auf eine Ebene übertragen lässt. Welche Darstellung sinnvoll ist, hängt von ihrem Zweck ab. Winkeltreue Mercator-Karten ermöglichen beispielsweise Navigation, obwohl sie Flächenverhältnisse verzerren. Medien vermitteln also niemals neutrale Wirklichkeit, sondern perspektivische Konstruktionen.

Dasselbe zeigt sich in alltäglichen Kommunikationsformen. Technische Eigenschaften eines Mediums legen nicht eindeutig fest, wie es genutzt wird. Jugendliche können Textnachrichten auf dem Mobiltelefon als besonders intim erleben, während ein handgeschriebener Brief Distanz signalisiert. Andere bevorzugen bei Konflikten E-Mails, weil dort bestimmte emotionale Eskalationen ausgeschlossen erscheinen. Die Bedeutung eines Mediums entsteht somit erst im Zusammenhang sozialer Praktiken.

Die Vermittlung von Medialitätsbewusstsein gehört daher zu den zentralen Aufgaben schulischer Bildung. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, die spezifischen Leistungen und Grenzen medialer Formen zu erkennen, kritisch zu reflektieren und angemessen zu nutzen. Dies betrifft alle Fächer. Denn jede Form von Wissen ist an mediale Verfahren gebunden. Geschichte ist beispielsweise ausschließlich über Quellen und Darstellungen zugänglich und damit immer medial vermittelt. Auch die Naturwissenschaften setzen sich im Prozess der Erkenntnisgewinnung mit den Möglichkeiten und Grenzen ihrer medialen Verfahren auseinander. Wenn Bildungsstandards die Reflexion wissenschaftlicher Methoden fordern, schließt dies notwendig die Reflexion über die Rolle von Medien ein.

Medienbildung ist deshalb keine Zusatzaufgabe einzelner Unterrichtsfächer, sondern eine grundlegende Dimension allgemeiner Bildung. Sie befähigt dazu, die medialen Bedingungen von Erkenntnis, Kommunikation und gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion zu verstehen und kritisch mitzugestalten.


Materialien für die medienpädagogische Fortbildung von Lehrkräften in Niedersachsen (Arbeitsfassung vom 14.02.2017)

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …