Remilitarisierung der BRD nach 1945 und gesellschaftlicher Widerstand
Kalter Krieg im Inneren
Detlef Endeward (09/2025)
Die Geschichte der Remilitarisierung der frühen Bundesrepublik ist eng verbunden mit einer ebenso frühen und breiten gesellschaftlichen Gegenbewegung. Während der Aufbau der Bundeswehr und die Einbindung in westliche Militärstrukturen im Zeichen des Kalten Krieges als sicherheitspolitische Notwendigkeit begründet wurden, formierte sich zugleich vielfältiger Widerstand gegen die Wiederbewaffnung. Gewerkschaften, Studierende, kirchliche Gruppen und pazifistische Initiativen warnten vor einer erneuten Militarisierung der deutschen Politik und Gesellschaft.
Remilitarisierung
Widerstand
Phase 1: Besatzungszeit und völlige Demilitarisierung (1945–1949)
Mai 1945: Bedingungslose Kapitulation Deutschlands → vollständige Auflösung der Wehrmacht.
Potsdamer Abkommen (August 1945): Festlegung der vollständigen Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Demokratisierung und Dezentralisierung Deutschlands.
Verbot jeglicher deutscher Streitkräfte und Waffenproduktion.
Phase 1: Grundsätzliche Ablehnung – Nachkriegspazifismus (1945–1949)
Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte ein weit verbreiteter Antimilitarismus in der Bevölkerung – aus Entsetzen über die NS-Verbrechen und Kriegserfahrungen.
- Kirchen, Intellektuelle und ehemalige Widerstandskämpfer traten für eine entmilitarisierte, friedliche Zukunft Deutschlands ein.
- Forderungen nach einer „zivilen Gesellschaft“ ohne Armee waren verbreitet.
- Es bestand ein breiter Konsens gegen jegliche Wiederbewaffnung.
Phase2: Sicherheitspolitischer Kurswechsel (1949–1950)
1949: Gründung der BRD (Westdeutschland) und der DDR (Ostdeutschland).
Die BRD war zunächst formal entmilitarisiert, aber der Kalte Krieg führte zur Neubewertung.
Koreakrieg (1950): Auslöser für Forderungen (v.a. der USA), die BRD sicherheitspolitisch in das westliche Verteidigungssystem einzubinden.
Phase 2: Beginn der Wieder-bewaffnungsdebatte – Erstes öffentliches Aufbegehren (1950–1952)
1950: Beginn der politischen Pläne zur Wiederbewaffnung (z. B. Himmeroder Denkschrift) führte zu ersten öffentlichen Protesten.
1951/52: Entstehung erster pazifistischer Gruppen und Initiativen.
Die Evangelische Kirche veröffentlichte 1950/51 Mahnrufe gegen die Wiederbewaffnung.
SPD unter Kurt Schumacher war zunächst strikt gegen eine Wiederbewaffnung.
„Ohne mich!“-Bewegung: Ausdruck der Ablehnung durch breite Bevölkerungsteile („Ohne mich in die Armee“).
Phase 3: Westintegration und Wiederbewaffnung (1950–1955)
1950: „Himmeroder Denkschrift“ – Konzeptionelle Grundlage für eine neue deutsche Armee.
1951: Gründung des Bundesamts für Wehrtechnik und Beschaffung.
1951: Einrichtung des „Blank-Amts“ (Vorläufer des Verteidigungsministeriums), unter Theodor Blank.
1952: Deutschlandvertrag (Generalvertrag) → Souveränität der BRD in Sicht.
1955: Beitritt zur NATO.
Mai 1955: Gründung der Bundeswehr (offizieller Beginn der Wiederbewaffnung).
Phase 3: Organisierter Widerstand – Friedensbewegung formiert sich (1952–1956)
Gründung von Organisationen wie:
„Kampagne gegen die Wiederbewaffnung“
„Nie wieder Krieg!“-Bewegung
1955: Gründung der Bundeswehr führte zu massiven Protesten.
Beginn der Ostermärsche in Großbritannien (ab 1958 auch in der BRD).
Einflussreiche Persönlichkeiten wie Gustav Heinemann traten aus Protest zurück (Heinemann verließ 1950 das Kabinett Adenauer).
Phase 4: Aufbau und Integration der Bundeswehr (1955–1960er Jahre)
Ab 1956: Erste Rekrutierungen und Aufbau der Truppen.
Einführung der Wehrpflicht im Juli 1956.
Orientierung an westlichen, insbesondere US-amerikanischen Standards (z. B. NATO-Struktur).
Starke innenpolitische und gesellschaftliche Debatten (z. B. Ostermarsch-Bewegung).
Phase 4: Protest gegen Wehrpflicht und atomare Aufrüstung (1956–1960er Jahre)
1956: Einführung der Wehrpflicht → neue Protestwelle.
Erste Verweigerer wurden strafrechtlich verfolgt → Kritik an Einschränkung des Gewissensrechts.
Widerstand gegen mögliche Stationierung von Atomwaffen in Westdeutschland.
„Ohne mich“-Haltung hielt sich lange in Teilen der Gesellschaft.
Phase 5: Konsolidierung und internationale Kooperation (1960er–1980er Jahre)
Bundeswehr wurde zu einem integralen Bestandteil der NATO-Strategie.
Beteiligung an Übungen und Kooperation mit anderen NATO-Staaten.
Keine Beteiligung an aktiven Kriegseinsätzen (nur Verteidigung).
Weiterentwicklung als reine Verteidigungsarmee unter parlamentarischer Kontrolle.
Phase 5: Friedens- und Studentenbewegung (1960er–1980er Jahre)
1960er: Friedensbewegung verschmolz teilweise mit der Studentenbewegung.
Kritik an „autoritären Strukturen“ in Militär und Politik.
1970er/80er: Neue Friedensbewegung richtet sich v. a. gegen NATO-Doppelbeschluss und atomare Aufrüstung.
Proteste gegen die militärische Rolle der BRD innerhalb der NATO.
