Kurt Maetzig zu seinem Film ‚Rat der Götter‘

Der Regisseur zu seinem Film

Kurt Maetzig über „Der Rat der Götter“

Ein Film zwischen historischem Aufklärungsanspruch, Parteilichkeit und späterer Selbstkritik

Kurt Maetzig hat keine geschlossene Selbstinterpretation seines Films Der Rat der Götter (1950) hinterlassen. Er hat sich jedoch über Jahrzehnte hinweg immer wieder zu seiner Entstehung, seinen historischen Grundlagen, seinen politischen und ästhetischen Vorstellungen und zu den Grenzen seiner filmischen Gestaltung geäußert. Zusammengenommen lassen diese Aussagen erkennen, wie Maetzig seinen Film verstand und wie sich seine Einschätzung im Laufe der Zeit veränderte.

Dabei entsteht kein widerspruchsfreies Bild. Der Regisseur, der 1951 die Notwendigkeit einer parteilichen Filmkunst begründete, warnte bereits damals vor Schematismus und der Reduzierung von Menschen auf gesellschaftliche Typen. Später kritisierte er die Informationsfülle seines Films, dessen didaktische Tendenzen und die politischen Erwartungen, die im Schluss zum Ausdruck kamen.

Diese Veränderungen gehören selbst zur Geschichte des Films.


„Lernt aus meinen Fehlern!“ – ein sich entwickelndes Selbstverständnis

Günter Agde hebt in seiner Vorbemerkung zu dem von ihm herausgegebenen Schriftenband hervor, dass Maetzig seine künstlerische Arbeit kontinuierlich durch theoretische und politische Reflexion begleitet habe. Seine Texte seien Ausdruck eines sich entwickelnden künstlerischen Selbstverständnisses.

Agde warnt ausdrücklich davor, frühere Irrtümer, Überschwänglichkeiten oder Widersprüche nachträglich zu beseitigen. Besonders aufschlussreich ist ein Titelvorschlag Maetzigs für den Schriftenband:

„Lernt aus meinen Fehlern!“

Dieser Vorschlag lässt erkennen, dass Maetzig sein Werk nicht als abgeschlossene Folge künstlerischer Leistungen verstanden wissen wollte. Seine Filme und theoretischen Äußerungen konnten vielmehr selbst zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung werden.[1]

Die Aussagen von 1951, 1971, 1977/78 und 1980 dokumentieren unterschiedliche Phasen einer künstlerischen und politischen Entwicklung. Sie dürfen deshalb nicht behandelt werden, als seien sie gleichzeitig entstanden.


Ein schwieriger Stoff – der Film als historisches Aufklärungsprojekt

Bereits während der Produktion von Der Rat der Götter war Maetzig bewusst, dass er einen ungewöhnlich komplexen Gegenstand filmisch bewältigen musste. Der Film sollte die Verbindungen zwischen Großindustrie, nationalsozialistischer Herrschaft, Krieg und Nachkriegsentwicklung sichtbar machen. Zugleich sollte er anhand einzelner Figuren die Verantwortung von Wissenschaftlern, Unternehmern und Arbeitern darstellen.

In den Produktionsdokumenten berichtet Maetzig von einem erheblichen Arbeitsaufwand. Allein die acht Dokumentarteile erforderten die Sichtung und Bearbeitung von Tausenden Metern historischen Filmmaterials. In seinen Äußerungen zur Produktion erklärt er, dass er gegenüber dem Stoff von Anfang an Bedenken gehabt habe. Dennoch sollte der Film durch eine aufwendige Inszenierung und die Ausschöpfung der Möglichkeiten von Ausstattung, Fotografie und Regie verwirklicht werden.[2]

Darin liegt bereits eine grundlegende Spannung: Der Film sollte einerseits möglichst viel über reale historische Zusammenhänge vermitteln und andererseits als eigenständiger Spielfilm funktionieren.

Der Anspruch ging über die Darstellung einzelner historischer Ereignisse hinaus. Die Geschichte des Konzerns sollte eine Erklärung gesellschaftlicher Zusammenhänge ermöglichen. Nicht nur die Handlungen einzelner Industrieller, sondern auch die wirtschaftlichen Interessen und Machtverhältnisse hinter politischen Entscheidungen sollten sichtbar werden.


Parteilichkeit als Voraussetzung filmischer Wirklichkeitserkenntnis

Nur ein Jahr nach der Premiere von Der Rat der Götter formulierte Maetzig in seinem Aufsatz Über Parteilichkeit in der Spielfilmregie (1951) die theoretischen Grundlagen seines damaligen Filmverständnisses.

Für ihn konnte Film niemals eine bloße Wiedergabe von Wirklichkeit sein. Bereits die Auswahl des Gegenstandes, die Entscheidung für bestimmte Figuren und die Gestaltung der Bilder bedeuteten eine Interpretation gesellschaftlicher Verhältnisse.

Maetzig formuliert diesen Zusammenhang ausdrücklich als Problem der Erkenntnis. Wenn gesellschaftliche Wirklichkeit objektiv erkennbar sei, müsse sich der Künstler um ihre richtige Erkenntnis bemühen. Die Forderung nach Parteilichkeit wird damit nicht als subjektive Vorliebe begründet, sondern aus einem Anspruch auf Wahrheit abgeleitet.

Seine zentrale Argumentation lautet:

„Gestaltung der Wirklichkeit im Film ist nicht nur ihre Abspiegelung, zugleich ihre Verdichtung, ihre Verdeutlichung. Sie besteht in der Deutung der uns umgebenden Wirklichkeit. In dieser Deutung, die der Autor und der Regisseur der Wirklichkeit gibt, liegt bereits die Parteinahme, liegt die Parteinahme für und gegen gewisse Erscheinungen des Lebens. Man kann keine Deutung irgendeiner Erscheinung vornehmen, ohne einen eigenen, einen parteilichen Standpunkt zu gewinnen. Zwischen einer solchen Parteinahme und einer völligen Wahllosigkeit des Standpunktes ist ein riesiger Unterschied. Es geht bei der Parteinahme darum, für das Richtige und für das Wahre Partei zu nehmen. Es geht darum, den Standpunkt des Objektivismus zu überwinden.“

Maetzig erläutert anschließend, dass er unter Objektivismus die Vorstellung versteht, ein Künstler könne unterschiedliche gesellschaftliche Positionen gleichberechtigt nebeneinanderstellen, ohne selbst Stellung zu beziehen. Dagegen setzt er die Überzeugung, dass gesellschaftliche Wirklichkeit erkannt werden könne und sich der Künstler deshalb um die Wahrheit bemühen müsse.

„Wenn aber die Wirklichkeit objektiv erkennbar ist, dann gibt es über ein und denselben Gegenstand nicht mehrere gleichberechtigte Meinungen. Dann gibt es richtige und falsche Meinungen. Dann kann der Künstler nicht den verschiedenen Meinungen über einen Gegenstand gleichberechtigt Ausdruck geben, sondern er muß der Wahrheit nachspüren, er muß selbst zum Forscher der Wahrheit werden. Der Realismus ist für ihn eine Methode des schöpferischen Suchens nach der Wahrheit. Aus diesem Suchen nach der Wahrheit entsteht seine Parteinahme für das Richtige, für die Wahrheit.

Diese Wahrheit kann der Künstler nicht am Schreibtisch finden. Er muß die Wirklichkeit studieren, er muß die Veränderungen der Wirklichkeit kennen, er muß die soziologischen Entwicklungsgesetze kennen, er muß die Entwicklungstendenzen kennen, um die Wirklichkeit richtig zu erkennen.“

Maetzig verbindet damit künstlerische Gestaltung und gesellschaftliche Erkenntnis. Der Regisseur soll nicht lediglich die unterschiedlichen Auffassungen seiner Figuren präsentieren. Er soll untersuchen, welche gesellschaftlichen Interessen und Entwicklungstendenzen hinter den dargestellten Ereignissen stehen.[3]

Dieser Anspruch bestimmt auch die Konzeption von Der Rat der Götter. Die Beziehungen zwischen IG Farben, nationalsozialistischer Herrschaft, Krieg und amerikanischen Wirtschaftsinteressen sollen nicht nur als Abfolge einzelner Entscheidungen erscheinen. Der Film versucht, sie als Ausdruck übergreifender gesellschaftlicher Machtverhältnisse verständlich zu machen.

Allerdings enthält Maetzigs Wahrheitsanspruch eine grundlegende Schwierigkeit: Wenn der Künstler davon ausgeht, die gesellschaftliche Wirklichkeit richtig erkannt zu haben, besteht die Gefahr, dass seine filmische Darstellung nur noch der Bestätigung dieser Erkenntnis dient.

Maetzig hat diese Gefahr bereits 1951 selbst angesprochen. Die ausführliche Auseinandersetzung mit seinem theoretischen Ansatz findet sich im eigenständigen Beitrag „Über Parteilichkeit in der Spielfilmregie“.


Parteilichkeit darf nicht zum Schematismus werden

Unmittelbar nach der theoretischen Begründung der Parteilichkeit wendet sich Maetzig gegen eine schematische Anwendung politischer Erkenntnisse auf die Gestaltung von Filmfiguren.

Er kritisiert die Vorstellung, Menschen könnten allein aus ihrer gesellschaftlichen Stellung heraus charakterisiert werden. Wenn Arbeiter, Unternehmer oder andere soziale Gruppen lediglich die Eigenschaften erhalten, die ihnen nach einem theoretischen Schema zugeschrieben werden, entstehen nach seiner Auffassung keine glaubwürdigen Figuren.

Maetzig bezeichnet solche Konstruktionen als „soziologische Durchschnittstypen“. Dem stellt er die Aufgabe gegenüber, „lebendige Menschen“ zu gestalten. Eine schematische Typisierung nennt er „kunstfeindlich und kunstfremd“.[4]

Diese Aussagen sind für das Verständnis von Der Rat der Götter besonders aufschlussreich. Denn der Film arbeitet mit Figuren, die erkennbar unterschiedliche gesellschaftliche Positionen verkörpern. Die Industriellen repräsentieren wirtschaftliche Macht und Profitinteressen, Wissenschaftler stehen vor Fragen persönlicher und gesellschaftlicher Verantwortung, Arbeiter erscheinen als mögliche Träger von Widerstand und Veränderung.

Gerade deshalb stellt sich die Frage, ob die Figuren über ihre gesellschaftliche Funktion hinaus als widersprüchliche Individuen erkennbar werden.

Maetzigs Text liefert hier einen Maßstab, an dem sich sein eigener Film überprüfen lässt. Seine Forderung nach Parteilichkeit schließt die Forderung nach differenzierter Figurenzeichnung keineswegs aus. Vielmehr soll sich der politische Standpunkt gerade in einer überzeugenden künstlerischen Gestaltung bewähren.

Dasselbe gilt für die Darstellung der Masse. Maetzig fordert 1951, das Gesicht der Bevölkerung in seiner Differenziertheit zu gestalten. In seinen Gesprächen von 1977/78 erläutert er rückblickend, wie er diesen Anspruch bei den Massenszenen von Der Rat der Götter umzusetzen versuchte.

Besonders ausführlich erinnert er sich an die Szene nach der Explosionskatastrophe, in der Frauen ihre getöteten Angehörigen identifizieren. An der Gestaltung dieser Szene waren nach seiner Erinnerung etwa 500 Frauen des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands beteiligt.[5]


„Der Rat der Götter ist ein dokumentarer Fall“

In den Gesprächen mit Günter Agde von 1977/78 erläuterte Maetzig seinen aufklärerischen Anspruch rückblickend mit einer Aufforderung an das Publikum:

„Vergleichen Sie mit der Wirklichkeit, gucken Sie selbst hin, hören Sie selbst, urteilen Sie selbst.“

Unmittelbar in diesem Zusammenhang bezeichnet er Der Rat der Götter als „einen dokumentaren Fall“.[6]

Diese Charakterisierung verweist auf die besondere Verbindung von historischer Recherche und fiktionaler Erzählung.

Maetzig wollte keinen Dokumentarfilm im engeren Sinne herstellen. Er wollte vielmehr einen Spielfilm schaffen, dessen wesentliche gesellschaftliche Zusammenhänge auf dokumentierten historischen Vorgängen beruhten.

Auf S. 58 erläutert er diesen Ansatz am Beispiel der Zusammenarbeit zwischen IG Farben und Standard Oil. Die historischen Beziehungen der beiden Unternehmen bildeten einen wesentlichen Ausgangspunkt für die Filmhandlung. Zugleich wurden authentische Filmaufnahmen in die Spielfilmerzählung integriert.

Maetzig bezeichnet diese Verbindung als „dokumentaren Stil“. Als historische Grundlagen nennt er unter anderem Richard Sasulys Untersuchung über IG Farben, amerikanische Untersuchungsmaterialien und die Protokolle des Nürnberger Prozesses gegen Verantwortliche der chemischen Großindustrie.[7]

Die Dokumente dienten nicht nur als Hintergrundinformation für die Gestaltung von Schauplätzen und Figuren. Sie sollten die gesellschaftlichen Aussagen des Films begründen.

Der Film erhebt damit einen besonderen Wahrheitsanspruch: Seine erfundenen Figuren und Dialoge sollen auf reale gesellschaftliche Zusammenhänge verweisen. Das macht die Unterscheidung zwischen historisch belegtem Vorgang, filmischer Verdichtung und politischer Interpretation besonders wichtig.


Historische Dokumente werden durch Montage zu Aussagen

Die Verbindung von dokumentarischem Material und Spielfilmhandlung gehört zu den auffälligsten Gestaltungsmitteln des Films.

Maetzig berichtet, dass die verwendeten historischen Aufnahmen „teils aus Naziwochenschauen, teils aus sowjetischen Quellen“ stammten. Damit verwendete er Material, das ursprünglich unter sehr unterschiedlichen politischen Bedingungen entstanden war.

Durch Auswahl und Montage erhielten diese Aufnahmen eine neue Funktion. Sie sollten nicht mehr die Aussagen ihrer ursprünglichen Produzenten vermitteln, sondern in einen neuen historischen Erklärungszusammenhang eingebunden werden.

Eine besondere Rolle spielte dabei Hanns Eislers Musik. Maetzig beschreibt sie rückblickend als „deutende, kontrastierende zweite Ebene“.[8]

Die Musik sollte nicht lediglich das Geschehen emotional begleiten. Sie sollte eine eigenständige Interpretation der Bilder ermöglichen.

1971 beschäftigte sich Maetzig in seinem Text Informationswert und Beweiskraft von Dokumenten noch einmal grundsätzlich mit diesem Problem.

Er bezeichnet das Dokument als einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Aber die Authentizität des einzelnen Dokuments garantiere noch nicht die Wahrheit der filmischen Aussage.

Erst durch „Auswahl und Montage“ werde aus den einzelnen Wirklichkeitsausschnitten eine Aussage. Diese könne „richtig oder falsch, aufrichtig oder verlogen“ sein.[9]

Damit präzisiert Maetzig einen Gedanken, der bereits in seinem Text über Parteilichkeit von 1951 angelegt war. Nicht das einzelne Bild entscheidet über die Wahrheit eines Films, sondern der Zusammenhang, in dem es verwendet wird.

Für Der Rat der Götter bedeutet dies, dass die historischen Wochenschauaufnahmen nicht als unmittelbare Beweise für die gesamte Geschichtsinterpretation des Films gelten können. Die Bilder sind authentische historische Dokumente; ihre Verbindung zu einer umfassenden Erklärung gesellschaftlicher Verhältnisse ist eine Leistung der filmischen Gestaltung.


Gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar machen – die Grenzen der Bilderzählung

Maetzigs Überlegungen zur Parteilichkeit enthalten noch einen weiteren Gedanken, der für seinen Film besonders wichtig ist.

Je komplexer die gesellschaftlichen Gegenstände werden, desto schwieriger wird es, sie filmisch zu erzählen. Bereits 1951 warnt er deshalb vor einer „Verführung zum Dialogfilm“.

Er bestreitet keineswegs die Bedeutung des gesprochenen Wortes. Aber die Vermittlung gesellschaftlicher Zusammenhänge dürfe nicht dazu führen, dass ein Spielfilm überwiegend aus erklärenden Gesprächen bestehe.

Maetzig fordert ausdrücklich die „Vorherrschaft der Bilderzählung“.[10]

Damit stellt er einen Anspruch auf, an dem sich Der Rat der Götter besonders deutlich messen lässt. Der Film will umfangreiche Informationen über die chemische Industrie, internationale Wirtschaftsbeziehungen, Kriegsvorbereitungen, Zwangsarbeit, die Verantwortung von Wissenschaftlern und die Nachkriegsentwicklung vermitteln.

Diese Zusammenhänge sind nicht ohne Weiteres in individuelle Handlungen übersetzbar. Der Film greift deshalb immer wieder auf erklärende Dialoge und dokumentarische Einschübe zurück.

Auf S. 230 unterscheidet Maetzig ausdrücklich zwischen dem politischen Standpunkt und der eigentlichen künstlerischen Arbeit. Thema und Inhalt seien zunächst Voraussetzungen. Erst danach „beginnt die künstlerische Formung, die Verdichtung“.

Ein politisch richtiger Standpunkt garantiert nach diesem Verständnis noch keine gelungene Filmgestaltung.


Die spätere Selbstkritik: Aufklärung wird zur Überfrachtung

In den Gesprächen von 1977/78 betrachtet Maetzig seine frühen Filme mit größerem zeitlichen Abstand.

Sein ursprünglicher Anspruch bleibt dabei erkennbar: Film sollte dem Zuschauer helfen, die eigene gesellschaftliche Situation und die Kräfte zu verstehen, die sein Leben bestimmen.

Gleichzeitig erkennt Maetzig inzwischen deutlicher die Grenzen dieses aufklärerischen Verfahrens. Seine frühen Arbeiten seien teilweise „ins Didaktische abgerutscht“.

Besonders deutlich formuliert er dies am Beispiel von Der Rat der Götter. Die Informationsfülle sei bereits für das damalige Publikum „übergroß“ gewesen. Der Film habe die Grenze dessen erreicht, „was auf rationalem Wege überhaupt noch filmisch zu übermitteln war“.

Bemerkenswert ist, dass Maetzig dieses Problem nicht erst nach Jahrzehnten erkannt haben will. Er erklärt vielmehr:

„Das Problem der Überfrachtung des Rats der Götter wurde mir bereits während der Dreharbeiten an diesem Film bewußt.“

Die spätere Kritik bestätigt damit eine Schwierigkeit, die bereits in seinen theoretischen Überlegungen von 1951 erkennbar war.[11]

Maetzig hatte damals gefordert, gesellschaftliche Erkenntnisse müssten in eigenständige filmische Formen übersetzt werden. Im Rückblick beschreibt er nun, wie schwer es ihm selbst gefallen war, diesen Anspruch einzulösen.

Besonders grundsätzlich wird seine Selbstkritik dort, wo er sich gegen eine Vorstellung von Kunst wendet, die lediglich bereits vorhandene Erkenntnisse an das Publikum weitergibt.

Kunst soll nicht bloß Transportmittel politischer Wahrheiten sein. Sie muss selbst Erkenntnisse ermöglichen und dabei auch emotionale, moralische und ästhetische Erfahrungen erschließen.


Der illusionäre Schluss – Zweifel an der unmittelbaren Wirkung politischer Kunst

Maetzigs spätere Selbstkritik betrifft nicht nur die filmische Form, sondern auch die politischen Wirkungserwartungen, die mit seinen frühen Arbeiten verbunden waren.

Auf S. 157 setzt er sich mit der Vorstellung auseinander, Kunst könne durch die Vermittlung richtiger Erkenntnisse unmittelbar zur Veränderung gesellschaftlichen Bewusstseins und Handelns beitragen.

Diese Erwartungen erscheinen ihm rückblickend überzogen. Er nimmt sich selbst von der Kritik nicht aus und verweist ausdrücklich auf den „heutzutage etwas illusionär wirkenden Schluß“ von Der Rat der Götter.[12]

Der Filmschluss verbindet die Explosionskatastrophe von Ludwigshafen 1948 mit Bildern einer Friedensdemonstration von 1950. Die Montage stellt damit einen Zusammenhang zwischen den Folgen kapitalistischer Industriepolitik, der Empörung der Bevölkerung und einer organisierten politischen Friedensbewegung her.

Aus der filmischen Verbindung entsteht eine Perspektive gesellschaftlicher Veränderung. Die Bevölkerung erscheint nicht mehr allein als Opfer industrieller Entscheidungen, sondern als eine Kraft, die diesen Entscheidungen entgegentreten kann.

Maetzig verwirft diesen Gedanken später nicht ausdrücklich. Seine Selbstkritik richtet sich vielmehr gegen die Vorstellung eines allzu unmittelbaren Übergangs von Erkenntnis zu politischem Handeln und gesellschaftlicher Veränderung.


„In künstlerischer Hinsicht veraltet“ – ein Urteil von 1980

Im Dezember 1980 äußerte sich Maetzig erneut zu Der Rat der Götter. Diesmal fällt seine Einschätzung der filmischen Form besonders deutlich aus:

„Ihr wißt, der Film ist heute in künstlerischer Hinsicht veraltet.“

Er verweist insbesondere auf den Rhythmus des Films, der einem durch neuere Sehgewohnheiten und das Fernsehen geprägten Publikum fremd geworden sei.

Doch Maetzig verbindet diese Distanzierung nicht mit einer grundsätzlichen Absage an das Projekt.

Er hält daran fest, dass der Film beispielhaft für die Fähigkeit der frühen DEFA stehe, auf große gesellschaftliche und internationale Probleme zu reagieren und dazu Stellung zu beziehen. Auch die Bedeutung der historischen Analyse Friedrich Wolfs beurteilt er weiterhin positiv.[13]

Damit unterscheidet Maetzig zwischen der historischen Bedeutung des Films, seinem gesellschaftlichen Gegenstand und seiner inzwischen veralteten künstlerischen Form.


Ein Film als Gegenstand der eigenen Kritik

Aus den über drei Jahrzehnte verstreuten Aussagen ergibt sich keine einfache Entwicklung von einem zunächst überzeugten politischen Regisseur zu einem späteren Kritiker seines eigenen Films.

Vielmehr lassen sich Kontinuitäten und Veränderungen erkennen.

Maetzig hält daran fest, dass Film gesellschaftliche Wirklichkeit nicht neutral abbildet, sondern durch Auswahl und Gestaltung deutet. Er betrachtet Parteilichkeit weiterhin als eine legitime und notwendige Dimension politischer Kunst.

Ebenso hält er am historischen Gegenstand von Der Rat der Götter fest: an der Frage nach den Verbindungen zwischen wirtschaftlicher Macht, nationalsozialistischer Herrschaft, Krieg und Nachkriegsentwicklung.

Seine Selbstkritik betrifft dagegen zunehmend die künstlerischen Verfahren, mit denen diese Zusammenhänge vermittelt werden sollten.

Die schematische Figurenzeichnung, vor der er bereits 1951 gewarnt hatte, bleibt ein Problem, an dem sich sein Film prüfen lässt. Die ebenfalls früh formulierte Forderung nach einer eigenständigen Bilderzählung erhält im Rückblick auf die Informationsüberfrachtung besonderes Gewicht. Und die politischen Erwartungen, die im Filmschluss zum Ausdruck kommen, erscheinen ihm Jahrzehnte später als teilweise illusionär.

Damit wird Der Rat der Götter nicht nur zu einem Film über Geschichte. Er wird selbst zu einem Gegenstand historischer Untersuchung: als Werk seiner Entstehungszeit, als Ausdruck eines bestimmten politischen und ästhetischen Selbstverständnisses und als Film, dessen Regisseur die eigenen Ansprüche später erneut befragte.

Besonders aufschlussreich ist dabei das Verhältnis von Parteilichkeit und Selbstkritik. Maetzigs Bekenntnis zur Parteilichkeit bedeutet nicht, dass er seine künstlerischen Entscheidungen für unfehlbar erklärt. Vielmehr formuliert er selbst Kriterien, an denen auch sein eigenes Werk scheitern kann.

Seine Aufforderung von 1977/78 bleibt deshalb ein geeigneter Ausgangspunkt für die heutige Auseinandersetzung mit dem Film:

„Vergleichen Sie mit der Wirklichkeit, gucken Sie selbst hin, hören Sie selbst, urteilen Sie selbst.“

Sie richtet sich nicht nur auf die historischen Ereignisse, die der Film darstellt. Sie lässt sich ebenso auf die Aussagen des Regisseurs, die Kritik am Film und dessen eigene Gestaltung anwenden.

Gerade darin liegt die bleibende Bedeutung von Maetzigs Selbstinterpretation: Sie verlangt nicht, seinen Film gegen Kritik zu verteidigen, sondern eröffnet die Möglichkeit, ihn auch an seinen eigenen Ansprüchen zu überprüfen.


Anmerkungen

[1] Günter Agde: „Vorbemerkungen des Herausgebers“, in: Kurt Maetzig: Filmarbeit. Gespräche, Reden, Schriften, Berlin 1987, S. 11–12. Agde betont den Entwicklungscharakter der Texte. Maetzigs vorgeschlagener Titel „Lernt aus meinen Fehlern!“ unterstreicht den selbstkritischen Ansatz. ↩

[2] Kurt Maetzig: Produktionsdokumente zu Der Rat der Götter, in: Filmarbeit, S. 214–216. Maetzig beschreibt den hohen dokumentarischen Arbeitsaufwand und seine anfänglichen Bedenken gegenüber dem umfangreichen Stoff. ↩

[3] Kurt Maetzig: „Über Parteilichkeit in der Spielfilmregie“ (1951), in: Filmarbeit, S. 223–224. Der zentrale Gedankengang ist im Haupttext ausführlich zitiert. Zur vertieften Untersuchung des theoretischen Begriffs und der künstlerischen Konsequenzen siehe Über Parteilichkeit in der Spielfilmregie. ↩

[4] Maetzig: „Über Parteilichkeit in der Spielfilmregie“, S. 227–228. Maetzig wendet sich gegen die schematische Konstruktion „soziologischer Durchschnittstypen“ und fordert die Gestaltung „lebendiger Menschen“. Die gesamte Passage ist als Vergleichsmaßstab für die Figurenanalyse des Films heranzuziehen. ↩

[5] Maetzig: Gespräche mit Günter Agde, in: Filmarbeit, S. 70–72. Rückblick auf die Gestaltung der Massenszenen und die Beteiligung von Frauen des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands an der Szene nach der Explosion. ↩

[6] Maetzig: Gespräche mit Günter Agde, S. 38. Maetzig fordert das Publikum zur eigenständigen Prüfung auf und bezeichnet den Film als „dokumentaren Fall“. ↩

[7] Maetzig: Gespräche mit Günter Agde, S. 58 und 69. Er nennt unter anderem Richard Sasulys IG-Farben-Untersuchung, amerikanische Untersuchungsunterlagen und die Protokolle des Nürnberger Prozesses als historische Arbeitsgrundlagen. ↩

[8] Maetzig: Gespräche mit Günter Agde, S. 31. Die Dokumentaraufnahmen stammen nach seiner Darstellung aus nationalsozialistischen Wochenschauen und sowjetischen Quellen. Hanns Eislers Musik wird als „deutende, kontrastierende zweite Ebene“ beschrieben. ↩

[9] Maetzig: „Informationswert und Beweiskraft von Dokumenten“ (1971), in: Filmarbeit, S. 316. Maetzig unterscheidet zwischen dem authentischen Wirklichkeitsausschnitt und der durch Auswahl und Montage geschaffenen Aussage, die „richtig oder falsch, aufrichtig oder verlogen“ sein könne. ↩

[10] Maetzig: „Über Parteilichkeit in der Spielfilmregie“, S. 229–230. Seine Forderung nach der „Vorherrschaft der Bilderzählung“ richtet sich gegen eine Überlastung des Spielfilms mit erklärenden Dialogen. ↩

[11] Maetzig: Gespräche mit Günter Agde, S. 136–138. Maetzig bezeichnet die Informationsfülle von Der Rat der Götter als übergroß und erinnert daran, dass ihm das Problem der Überfrachtung bereits während der Dreharbeiten bewusst geworden sei. ↩

[12] Maetzig: Gespräche mit Günter Agde, S. 157. Er spricht rückblickend vom „heutzutage etwas illusionär wirkenden Schluß“ des Films. ↩

[13] Maetzig: Äußerung vom Dezember 1980, in: Filmarbeit, S. 395. Er beurteilt den Film als „in künstlerischer Hinsicht veraltet“, würdigt jedoch weiterhin seine historische und gesellschaftliche Bedeutung. ↩


Literatur

Kurt Maetzig: Filmarbeit. Gespräche, Reden, Schriften. Herausgegeben von Günter Agde. Berlin: Henschelverlag, 1987.

Weiterführend: Über Parteilichkeit in der Spielfilmregie, Lernwerkstatt Film und Geschichte.

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