Kulturelle Bildung als Prozess gesellschaftlicher Weltaneignung
Wie kulturelle Kompetenz durch ästhetische Erfahrung, kritische Reflexion und eigene Praxis entwickelt wird
Detlef Endeward (10/2026)
Kulturelle Kompetenz und kulturelle Bildung – eine notwendige Unterscheidung
Die Begründung kultureller Kompetenz als eigenständiger Dimension der Gesellschaftskompetenzen beantwortet zunächst die Frage, welche gesellschaftliche Fähigkeit Menschen benötigen. Kulturelle Bildung bezeichnet demgegenüber den Prozess, in dem diese Fähigkeit erworben, entwickelt, überprüft und verändert wird. Beide Begriffe hängen eng zusammen, sind aber nicht gleichbedeutend. Eine Kompetenzbeschreibung benennt, was Menschen gesellschaftlich wahrnehmen, verstehen, beurteilen und gestalten können sollen. Eine Bildungsperspektive fragt danach, durch welche Erfahrungen, Auseinandersetzungen und Formen eigener Praxis sich diese Fähigkeiten entwickeln.
Kulturelle Bildung erschöpft sich daher weder im Kennenlernen anerkannter Kunstwerke noch im Erlernen künstlerischer Techniken. Solche Erfahrungen können wichtige Bestandteile sein. Ihr gesellschaftlicher Bildungsgehalt entsteht jedoch erst dort, wo Menschen eigene Wahrnehmungen, kulturelle Ausdrucksformen und die Bedingungen ihrer Entstehung zum Gegenstand der Auseinandersetzung machen. Kulturelle Bildung bedeutet nicht, einen feststehenden Kanon kultureller Bedeutungen zu übernehmen. Sie eröffnet die Möglichkeit, diese Bedeutungen zu befragen, miteinander zu vergleichen und selbst zu verändern.
Die gesellschaftliche Perspektive ist entscheidend: Menschen bilden sich nicht außerhalb historischer Verhältnisse, sondern innerhalb kulturell geprägter Lebenszusammenhänge. Deshalb gehört zur kulturellen Bildung auch die Auseinandersetzung mit den Machtverhältnissen, die darüber entscheiden, welche kulturellen Erfahrungen Anerkennung finden und welche an den Rand gedrängt werden.
Kulturelle Bildung als Selbst- und Weltaneignung
Menschen begegnen gesellschaftlicher Wirklichkeit niemals voraussetzungslos. Ihre Wahrnehmungen, Erwartungen und Wertungen sind durch Sprache, Bilder, Erzählungen, Gewohnheiten und Erfahrungen geprägt. Diese kulturellen Formen ermöglichen Orientierung; zugleich begrenzen sie, was zunächst überhaupt wahrgenommen und für möglich gehalten wird. Kulturelle Bildung beginnt deshalb nicht erst in einer pädagogisch organisierten Veranstaltung. Sie ist mit alltäglicher Erfahrung verbunden, gewinnt aber dort eine neue Qualität, wo die eigene Wahrnehmung bewusst untersucht und erweitert wird.
Der Begriff der Weltaneignung verweist auf einen aktiven Zusammenhang. Menschen nehmen kulturelle Angebote nicht einfach auf. Sie verbinden sie mit eigenen Erfahrungen, deuten sie um, widersprechen ihnen oder entwickeln aus ihnen neue Vorstellungen. Dabei verändern sie nicht nur ihr Wissen über die Welt, sondern möglicherweise auch ihr Verhältnis zu sich selbst und zu anderen. Kulturelle Bildung ist insofern Selbstbildung in gesellschaftlichen Zusammenhängen, nicht bloß individuelle Selbstentfaltung.
Diese Perspektive knüpft an Überlegungen zur ästhetischen und kulturellen Bildung an, in denen Wahrnehmung, Erfahrung und subjektive Aneignung eine grundlegende Bedeutung besitzen.1 Eine gesellschaftskritische Konzeption muss darüber hinaus fragen, unter welchen Bedingungen solche Aneignungsprozesse stattfinden und welche Deutungsmöglichkeiten den Beteiligten offenstehen.
Ästhetische Erfahrung, Irritation und Reflexion
Ästhetische Erfahrungen können gewohnte Formen der Wahrnehmung unterbrechen. Ein Film, ein Bild, ein literarischer Text, Musik oder eine Theateraufführung kann vertraute Situationen anders erscheinen lassen, Widersprüche sichtbar machen und Gefühle auslösen, für die zunächst keine eindeutige Erklärung verfügbar ist. Gerade diese Irritation kann zum Ausgangspunkt eines Bildungsprozesses werden. Sie fordert dazu heraus, genauer hinzusehen, eigene Erwartungen zu prüfen und andere Perspektiven einzubeziehen.
Dabei ist die ästhetische Erfahrung nicht bereits mit ihrer kritischen Reflexion gleichzusetzen. Ein eindrucksvolles Bild kann berühren, ohne gesellschaftliche Zusammenhänge zu erschließen. Es kann bestehende Vorurteile ebenso verstärken wie infrage stellen. Kulturelle Bildung verlangt deshalb, Wahrnehmung und Empfindung mit Fragen nach Gestaltung, Entstehungsbedingungen, Perspektiven und gesellschaftlichen Bedeutungen zu verbinden.
Für die Arbeit mit Film bedeutet dies beispielsweise, nicht nur zu fragen, was dargestellt wird, sondern auch, wie eine Darstellung Wahrnehmung organisiert: Welche Figuren erhalten Aufmerksamkeit? Wessen Erfahrungen bleiben unsichtbar? Wie wirken Bildausschnitt, Montage, Musik und Erzählperspektive? Die ästhetische Analyse wird so zum Bestandteil gesellschaftlicher Erkenntnis, ohne den Film auf eine bloße Illustration politischer Aussagen zu reduzieren.
Individuelle Erfahrung und gesellschaftliche Erfahrungsverarbeitung
Kulturelle Bildung knüpft an Erfahrungen an, die Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen machen. Diese Erfahrungen sind jedoch nicht unmittelbar gesellschaftliche Erkenntnis. Sie werden in vorhandenen Deutungsmustern verstanden, mit anderen Erfahrungen verglichen und in Sprache, Bildern oder Erzählungen ausgedrückt. Ob aus einer individuellen Erfahrung eine gemeinsam bearbeitbare gesellschaftliche Frage wird, hängt wesentlich von solchen Vermittlungsprozessen ab.
Oskar Negt und Alexander Kluge haben die gesellschaftlichen Bedingungen der Verarbeitung und öffentlichen Artikulation von Erfahrung hervorgehoben.2 Für kulturelle Bildung folgt daraus, dass die Erfahrungen der Beteiligten weder bloß als subjektive Meinungen stehen bleiben noch durch vorgegebene Deutungen ersetzt werden sollten. Sie sind Ausgangspunkte einer Untersuchung: Welche gesellschaftlichen Verhältnisse werden in ihnen sichtbar? Welche Erfahrungen widersprechen einander? Welche Begriffe und kulturellen Ausdrucksformen helfen, gemeinsame Zusammenhänge zu erkennen?
Der Bildungsprozess bewegt sich damit zwischen persönlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Analyse. Er erweitert die Fähigkeit, eigene Erlebnisse zu artikulieren, fremde Erfahrungen wahrzunehmen und über individuelle Betroffenheit hinaus nach gesellschaftlichen Ursachen und Handlungsmöglichkeiten zu fragen.
Kulturelle Bildung, Identität und gesellschaftlicher Zusammenhang
Kulturelle Formen stiften Zugehörigkeit. Gemeinsame Geschichten, Erinnerungen, Rituale, Symbole und Ausdrucksweisen können Menschen miteinander verbinden und gesellschaftliche Orientierung ermöglichen. Zugleich können sie Grenzen ziehen, Unterschiede verfestigen und Menschen ausschließen. Kulturelle Bildung muss deshalb beides zum Gegenstand machen: die Bedeutung kultureller Identifikation für individuelle und kollektive Lebenszusammenhänge und die gesellschaftlichen Folgen ihrer Verabsolutierung.
Identität erscheint aus dieser Perspektive nicht als unveränderlicher Besitz, sondern als historisch und sozial vermittelter Prozess. Menschen gehören unterschiedlichen Zusammenhängen an und machen Erfahrungen, die nicht immer widerspruchsfrei zueinander passen. Kulturelle Bildung fördert die Fähigkeit, solche Spannungen wahrzunehmen, die eigene kulturelle Prägung zu reflektieren und andere Lebens- und Deutungsweisen nicht vorschnell an den eigenen Maßstäben zu messen.
Eine solche Bildung bedeutet weder die Auflösung kultureller Bindungen noch die unkritische Anerkennung jeder Tradition. Sie fragt danach, wie kulturelle Zugehörigkeit gestaltet werden kann, ohne Ungleichheit und Ausgrenzung zu rechtfertigen, und wie ein gesellschaftlicher Zusammenhang entstehen kann, der Unterschiede und Konflikte aushält.
Kulturelle Bildung als Auseinandersetzung mit Hegemonie
Kulturelle Bildung findet nicht in einem machtfreien Raum statt. Die gesellschaftliche Verfügbarkeit von Bildern, Erzählungen und Deutungen ist ungleich verteilt. Wirtschaftliche Ressourcen, Eigentum an Medien, institutionelle Autorität und politische Einflussmöglichkeiten prägen, welche kulturellen Vorstellungen verbreitet werden und welche als selbstverständlich gelten. Wer kulturelle Bildung auf individuellen Ausdruck und kulturelle Teilhabe begrenzt, blendet diese gesellschaftlichen Bedingungen aus.
Antonio Gramscis Begriff der kulturellen Hegemonie lenkt den Blick darauf, dass Herrschaft auch über die Herstellung von Zustimmung und die Verankerung bestimmter Weltbilder im Alltagsverstand wirksam wird.3 Für kulturelle Bildungsprozesse stellt sich daher die Frage, wie dominante Deutungen entstehen, welche Interessen in ihnen wirksam sind und weshalb sie häufig als vernünftig, natürlich oder alternativlos erscheinen.
Dies lässt sich an öffentlichen Erzählungen über wirtschaftliche Krisen, Arbeit, soziale Ungleichheit oder gesellschaftliche Sicherheit untersuchen. Unterschiedliche kulturelle Darstellungen desselben Vorgangs können verschiedene Verantwortlichkeiten nahelegen und unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten sichtbar machen. Kulturelle Bildung erschließt diese Deutungskonflikte, ohne sie auf ein bloßes Nebeneinander gleichwertiger Meinungen zu reduzieren. Sie verbindet Perspektivenvielfalt mit der Untersuchung gesellschaftlicher Macht- und Interessenverhältnisse.
Mediale Weltaneignung als Bestandteil kultureller Bildungsprozesse
Kulturelle Wahrnehmung ist in modernen Gesellschaften in hohem Maße medial vermittelt. Menschen begegnen gesellschaftlichen Ereignissen über Bilder, Filme, Nachrichten, digitale Plattformen und soziale Netzwerke. Medien transportieren dabei nicht nur bereits vorhandene Bedeutungen. Durch ihre Darstellungsweisen, Auswahlmechanismen und technischen Strukturen wirken sie an der Hervorbringung gesellschaftlicher Wirklichkeit mit.
Kulturelle Bildung muss deshalb die medialen Bedingungen von Wahrnehmung und Erfahrung einbeziehen. Dazu gehört, die Gestaltung medialer Aussagen zu untersuchen, ihre Produktions- und Verbreitungsbedingungen zu kennen und die eigene mediale Wahrnehmung zu reflektieren. Wolf-Rüdiger Wagners Überlegungen zu Medien als Werkzeugen der Weltaneignung bieten hierfür einen wichtigen Bezugspunkt.4
Die Verbindung mit Medienkompetenz ist eng, beide Dimensionen fallen jedoch nicht zusammen. Medienkompetenz richtet sich auf die spezifischen Bedingungen medialer Vermittlung. Kulturelle Bildung fragt darüber hinaus nach den kulturellen Bedeutungen, Wahrnehmungsweisen und gesellschaftlichen Deutungskämpfen, die sich in unterschiedlichen medialen und nichtmedialen Ausdrucksformen entfalten.
Eigene kulturelle Praxis – vom Wahrnehmen zum Gestalten
Kulturelle Bildung bleibt unvollständig, wenn Menschen kulturelle Ausdrucksformen ausschließlich betrachten und beurteilen. Zur Entwicklung kultureller Kompetenz gehört auch die Erfahrung, selbst Bedeutungen hervorbringen und öffentlich zur Diskussion stellen zu können. Schreiben, Fotografieren, Filmen, Gestalten, Musizieren oder szenisches Arbeiten können dazu beitragen, Wahrnehmungen zu schärfen, Erfahrungen auszudrücken und eigene Positionen zu überprüfen.
Die Bedeutung solcher Praxis liegt nicht allein im fertigen Produkt. Wer eine Szene filmt, muss entscheiden, was gezeigt und was ausgelassen wird. Wer eine Geschichte erzählt, wählt eine Perspektive. Wer eine Ausstellung gestaltet, stellt Zusammenhänge her und setzt Schwerpunkte. In der eigenen Produktion werden damit Entscheidungen erfahrbar, die auch fremden kulturellen Darstellungen zugrunde liegen.
Diese Gestaltungspraxis kann individuelle Ausdrucksfähigkeit stärken. Gesellschaftlich bedeutsam wird sie besonders dann, wenn die entstandenen Darstellungen gemeinsam diskutiert, auf unterschiedliche Erfahrungen bezogen und in öffentliche Verständigung eingebracht werden. Kulturelle Bildung verbindet so Wahrnehmen, Gestalten, Kommunizieren und Reflektieren.
Kreativität und Utopiefähigkeit entwickeln
Kulturelle Bildung soll Menschen nicht nur befähigen, vorhandene gesellschaftliche Wirklichkeit besser zu verstehen. Sie kann auch dazu beitragen, über diese Wirklichkeit hinauszudenken. Kreativität eröffnet Möglichkeiten, vertraute Elemente anders miteinander zu verbinden, neue Perspektiven zu erproben und Vorstellungen zu entwickeln, die im gesellschaftlichen Alltag noch keinen festen Platz besitzen.
Ernst Blochs Überlegungen zum Noch-Nicht und zum Möglichkeitsraum gesellschaftlicher Entwicklung verdeutlichen, weshalb solche Vorstellungen mehr sein können als unverbindliche Fantasie.5 Wenn gesellschaftliche Verhältnisse historisch entstanden und veränderbar sind, kann die Vorstellung anderer Formen des Zusammenlebens zu einem Bestandteil kritischer Erkenntnis werden. Utopiefähigkeit bezeichnet dann nicht die Flucht aus der Wirklichkeit, sondern die Fähigkeit, deren ungenutzte und umkämpfte Möglichkeiten zu erkennen.
Allerdings ist Kreativität nicht von sich aus emanzipatorisch. Sie kann ebenso für Werbung, Manipulation und autoritäre Inszenierung eingesetzt werden. Erst die Verbindung mit gesellschaftlicher Reflexion, historischer Erkenntnis und der Frage nach den Folgen für andere Menschen gibt kultureller Gestaltung eine kritische Orientierung.
Kulturelle Bildung und Demokratie als Lebensform
Demokratie ist nicht allein eine Staatsform und nicht auf die Teilnahme an Wahlen beschränkt. Sie ist auch auf alltägliche Verständigung, Anerkennung von Konflikten, gemeinsame Urteilsbildung und die Möglichkeit angewiesen, gesellschaftliche Angelegenheiten mitzugestalten. Kulturelle Bildung kann solche Fähigkeiten entwickeln, wenn Menschen ihre Erfahrungen ausdrücken, fremde Perspektiven aufnehmen, Deutungen miteinander aushandeln und gemeinsam kulturelle Formen gestalten.
Oskar Negts Verständnis von Demokratie als Lebensform macht deutlich, dass demokratische Fähigkeiten gelernt und praktisch erfahren werden müssen.6 Kulturelle Bildungsprozesse können Räume eröffnen, in denen diese Erfahrung möglich wird. Dazu reicht es jedoch nicht aus, Beteiligung lediglich zu inszenieren. Entscheidend ist, ob die Beteiligten tatsächliche Möglichkeiten erhalten, Themen, Perspektiven, Arbeitsweisen und Ergebnisse mitzubestimmen.
Der Zusammenhang von kultureller und politischer Bildung zeigt sich hier besonders deutlich. Während politische Bildung gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse, Rechte und demokratische Handlungsmöglichkeiten untersucht, erschließt kulturelle Bildung die Ausdrucks- und Deutungsformen, in denen gesellschaftliche Erfahrungen artikuliert und gemeinsame Vorstellungen entwickelt werden. Beide Prozesse können sich gegenseitig verstärken.
Die Verschränkung kultureller Bildung mit anderen Bildungsprozessen
Kulturelle Bildung ist ein eigenständiger Bildungszusammenhang, aber kein isolierter. Die gesellschaftlichen Erfahrungen, die kulturell verarbeitet werden, berühren zugleich politische, ökonomische, soziale, historische, technologische und ökologische Fragen. Deshalb entwickelt sich kulturelle Kompetenz in enger Verbindung mit den übrigen Dimensionen der Gesellschaftskompetenzen.
| Bildungszusammenhang | Verbindung mit kultureller Bildung |
|---|---|
| Historische Bildung | Erschließt die Entstehung, Veränderung und gesellschaftliche Bedingtheit kultureller Ausdrucksformen und Deutungen. |
| Kommunikative Bildung | Ermöglicht, kulturelle Erfahrungen zu artikulieren, Perspektiven auszutauschen und gemeinsame Verständigung zu entwickeln. |
| Politische Bildung | Verbindet kulturelle Deutungen mit Macht, Herrschaft, demokratischer Teilhabe und gesellschaftlichen Konflikten. |
| Ökonomische Bildung | Untersucht materielle Bedingungen kultureller Produktion, Eigentum, Verwertung und ökonomische Interessen. |
| Medienbildung | Reflektiert die medialen Formen, technischen Bedingungen und Wirkungen kultureller Weltaneignung. |
| Soziale und Identitätsbildung | Bearbeitet Zugehörigkeit, Anerkennung, soziale Erfahrungen und die Entstehung individueller und kollektiver Identitäten. |
| Interkulturelle Bildung | Eröffnet die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen und ungleichen Machtverhältnissen. |
| Philosophische Bildung | Fragt nach Sinn, Werten, Wahrheit und den Voraussetzungen kultureller Urteile. |
| Technologische Bildung | Untersucht technische Bedingungen kultureller Produktion und deren gesellschaftliche Folgen. |
| Ökologische Bildung | Reflektiert kulturelle Naturbilder, Lebensweisen und gesellschaftliche Vorstellungen vom Verhältnis zur Natur. |
| Gerechtigkeitsbildung | Thematisiert kulturelle Anerkennung, Ausschluss und die Rechtfertigung oder Kritik gesellschaftlicher Ungleichheit. |
Die Übersicht beschreibt keine getrennten Unterrichtsfächer, sondern unterschiedliche Zugänge zu gemeinsamen gesellschaftlichen Problemen. Gerade die Verbindung der Perspektiven verhindert, dass kulturelle Ausdrucksformen losgelöst von ihren historischen, materiellen und politischen Bedingungen behandelt werden. Historische Kompetenz erschließt dabei die Veränderbarkeit des Gewordenen; kommunikative Kompetenz vermittelt zwischen individueller Erfahrung, gesellschaftlicher Verständigung und gemeinsamer Praxis.
Kulturelle Bildung als offener gesellschaftlicher Prozess
Kulturelle Bildungsprozesse lassen sich anregen und unterstützen, aber nicht vollständig planen oder in vorab festgelegte Ergebnisse überführen. Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, kulturelle Prägungen und Interessen mit. Deshalb können dieselben Gegenstände verschiedene Fragen und Einsichten hervorrufen. Eine offene Bildungspraxis nimmt diese Unterschiede ernst und nutzt sie als Ausgangspunkt gemeinsamer Auseinandersetzung.
Das bedeutet nicht, auf begründete Urteile zu verzichten. Offenheit verlangt vielmehr, Deutungen überprüfbar zu machen, Widersprüche zu bearbeiten und die gesellschaftlichen Voraussetzungen unterschiedlicher Perspektiven zu untersuchen. Kulturelle Bildung bewegt sich dabei zwischen Erfahrung und Reflexion, Irritation und Orientierung, individueller Gestaltung und kollektiver Verständigung.
Pädagogische Arrangements können hierfür geeignete Bedingungen schaffen: durch die Begegnung mit widersprüchlichen kulturellen Darstellungen, durch eigenständige Untersuchungen, durch ästhetische Experimente und durch Gelegenheiten zur öffentlichen Präsentation und Diskussion. Entscheidend ist nicht die bloße Aktivität, sondern die Möglichkeit, im Prozess die eigene Wahrnehmung und das Verständnis gesellschaftlicher Wirklichkeit zu verändern.
Kulturelle Bildung als Entwicklung kultureller Kompetenz
Kulturelle Bildung bezeichnet den Prozess, in dem Menschen lernen, kulturelle Ausdrucksformen als historisch und gesellschaftlich hervorgebrachte Bedeutungen zu verstehen, ihre eigene Wahrnehmung zu reflektieren, unterschiedliche Erfahrungen und Deutungen aufeinander zu beziehen und die gesellschaftlichen Bedingungen kultureller Deutungsmacht kritisch zu untersuchen.
Dieser Prozess führt von der Wahrnehmung über Irritation, Fragen und Perspektivenwechsel zur Untersuchung gesellschaftlicher Zusammenhänge, zur begründeten Urteilsbildung und zur eigenen Gestaltung. Er bleibt offen für neue Erfahrungen und Korrekturen. Kulturelle Kompetenz ist insofern kein einmal erreichter Zustand, sondern eine Fähigkeit, die sich in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Wirklichkeit fortlaufend weiterentwickelt.
Kulturelle Bildung ist damit ein Prozess kritischer und gestaltender Weltaneignung. Sie verbindet ästhetische Erfahrung, gesellschaftliche Erkenntnis und eigene Praxis und trägt dazu bei, dass Menschen kulturelle Bedeutungen nicht nur übernehmen, sondern ihre Entstehung und Wirkung verstehen, sie infrage stellen und an ihrer Veränderung mitwirken können.
Anmerkungen
1. Zur Bedeutung ästhetischer Wahrnehmung und subjektiver Aneignung in kulturellen Bildungsprozessen vgl. die Arbeiten von Karl-Josef Pazzini. Die gesellschaftskritische Erweiterung des Bildungsbegriffs ist eine konzeptionelle Akzentsetzung dieses Beitrags. ↩
2. Oskar Negt und Alexander Kluge, Öffentlichkeit und Erfahrung (1972), untersuchen die gesellschaftliche Organisation von Erfahrung und Öffentlichkeit. Der Bezug macht deutlich, dass kulturelle Bildung nicht bei individueller Erlebnisverarbeitung stehen bleiben kann. ↩
3. Antonio Gramsci entwickelt seine Überlegungen zu Hegemonie, Alltagsverstand und Zivilgesellschaft in den Gefängnisheften. Kulturelle Bildung wird hier als Fähigkeit zur Untersuchung gesellschaftlich dominanter Deutungen verstanden. ↩
4. Vgl. Wolf-Rüdiger Wagner, Medienkompetenz revisited. Medien als Werkzeuge der Weltaneignung (2004), sowie Bildungsziel Medialitätsbewusstsein (2013). Die Verbindung von kultureller und medialer Weltaneignung ist für den vorliegenden Ansatz zentral. ↩
5. Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung (1959). Der Bezug auf das Noch-Nicht bezeichnet hier die Fähigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit auch unter dem Gesichtspunkt ihrer historischen Veränderbarkeit und möglicher Alternativen zu betrachten. ↩
6. Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform (2010). Der Bezug auf demokratisches Lernen unterstreicht, dass gesellschaftliche Handlungsfähigkeit nicht allein durch institutionelles Wissen entsteht. ↩
Literatur
Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main 1959.
Gramsci, Antonio: Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Hamburg 1991–2002.
Negt, Oskar: Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen 2010.
Negt, Oskar / Kluge, Alexander: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt am Main 1972.
Pazzini, Karl-Josef: Kulturelle Bildung im Medienzeitalter. 1999 (bibliografische Angaben prüfen).
Wagner, Wolf-Rüdiger: Medienkompetenz revisited. Medien als Werkzeuge der Weltaneignung. München 2004 (bibliografische Angaben prüfen).
Wagner, Wolf-Rüdiger: Bildungsziel Medialitätsbewusstsein. München 2013.
