„Unsere Demokratie“

Warum das alles so bleiben muss, weil es sonst anders wäre

Nun kann man es mit der Kritik natürlich auch übertreiben.

Wer bezahlt Wahlumfragen? Wer stellt die Fragen? Warum wird eine Kommunalwahl zum Stimmungstest? Warum interessieren sich Journalisten für Gewinner und Verlierer? Warum ist der Bürgermeister wichtiger als die Wohnungspolitik? Warum verschwinden Nichtwähler? Warum steht bei null Prozent trotzdem jemand oben?

Das ist doch alles Korinthenkackerei.

Wichtig ist schließlich, was bleibt.

Die Politik bleibt Politik. Die Politiker bleiben Politiker. Und die Medien erklären uns, was die Politik und die Politiker gemacht haben, machen und vermutlich weiterhin machen werden.

Das nennt sich politische Berichterstattung.

Und weil darüber regelmäßig berichtet wird, wissen wir auch regelmäßig, wie es um „unsere Demokratie“ steht.


Zum Glück gibt es Umfragen

Wenn gerade keine Wahl stattfindet, könnten wir natürlich über Politik reden.

Aber worüber?

Über Eigentum? Macht? Interessen? Arbeitsbedingungen? Wohnungspolitik? Krankenhäuser? Schulen? Öffentliche Infrastruktur? Wer über Milliarden entscheidet? Wer von Entscheidungen profitiert?

Das würde schnell unübersichtlich.

Zum Glück gibt es die Sonntagsfrage.

CDU 28. SPD 17. AfD 24. Grüne 12.

Schon ist die politische Welt wieder übersichtlich.

Einer gewinnt, einer verliert, einer holt auf und einer muss sich Sorgen machen.

Und nächste Woche beginnt alles von vorne.

So bleibt Politik spannend, ohne dass man sich unnötig mit ihr beschäftigen muss.


Und wenn wirklich gewählt wird?

Dann könnte ein Problem entstehen.

Plötzlich entscheiden Menschen tatsächlich etwas.

Noch schlimmer: Bei Kommunalwahlen entscheiden sie an Tausenden verschiedenen Orten über Tausende unterschiedliche Dinge.

Das kann kein Mensch überblicken.

Also rechnen wir alles zusammen.

Dann haben wir wieder:

CDU 1.
SPD 2.
AfD 3.

Geschafft.

Aus mehreren Tausend kommunalen Entscheidungen ist wieder eine einzige übersichtliche Wahl geworden.

Und schon wissen wir auch, wer gewonnen hat.


Gewinner braucht Demokratie

Natürlich könnte jemand einwenden, die CDU habe „Niedersachsen“ gar nicht gewonnen.

Kleinlich.

Sie hat mehr Stimmen als die anderen.

Also hat sie gewonnen.

Beim Fußball fragt schließlich auch niemand nach den gesellschaftlichen Ursachen des 2:1.

Ob die Partei anschließend irgendwo einen Bürgermeister stellt, Mehrheiten organisieren kann oder ihre politischen Vorstellungen durchsetzt, sind interessante Detailfragen für Spezialisten.

Wir wollen zunächst wissen:

Wer hat gewonnen?

Sonst könnten wir am Wahlabend ja gar nicht wissen, wer sich freuen soll.


Deshalb brauchen wir Politikerinterviews

Zum Glück erklären die Gewinner anschließend, warum sie gewonnen haben.

Sie sagen:

„Die Menschen haben uns ihr Vertrauen ausgesprochen.“

Die Verlierer erklären:

„Wir haben verstanden.“

Parteien mit Zugewinnen verspüren:

„Rückenwind.“

Und wer irgendwie noch da ist, stellt fest:

„Wir sind fest verwurzelt.“

Das ist außerordentlich praktisch.

Denn dadurch müssen Journalisten nicht herausfinden, warum Menschen tatsächlich so gewählt haben.

Die Parteien erklären es selbst.

Journalismus muss nur noch das Mikrofon hinhalten.


Und natürlich brauchen wir Personen

Kommunalpolitik ist kompliziert.

Da gibt es Räte, Ausschüsse, Verwaltungen, Haushalte, Unternehmen, Verbände, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen und irgendwelche Menschen, die ständig etwas wollen.

Viel einfacher ist:

Wer wird Bürgermeister?

Zwei Gesichter.

Zwei Prozentzahlen.

Eine Stichwahl.

Demokratie kann so einfach sein.


Die Nichtwähler stören dabei nur

Natürlich gibt es Menschen, die überhaupt nicht gewählt haben.

Manchmal ziemlich viele.

Aber die haben schließlich nichts angekreuzt.

Also gibt es auch nichts zu berichten.

Interessant werden sie erst bei der Wählerwanderung.

Dann wandern sie plötzlich.

Von SPD zu Nichtwähler.

Von Nichtwähler zu AfD.

Von CDU zu SPD.

Man sieht förmlich ganze Menschengruppen mit Rucksäcken zwischen den Parteien umherziehen.

Woher wir so genau wissen, wohin sie gewandert sind?

Nun werden Sie nicht schon wieder kleinlich.


Und was hat das alles mit Demokratie zu tun?

Sehr viel.

Denn es ist unsere Demokratie.

Und das Schöne an „unserer Demokratie“ ist das kleine Wort unsere.

Es erspart die lästige Frage:

Welche Demokratie eigentlich?

Wenn Politiker anders wären, Politik anders organisiert wäre und Journalismus anders über Politik berichtete, hätten wir womöglich eine andere Demokratie.

Und wer weiß, wohin das führt.

Vielleicht würden Bürger plötzlich fragen, wem Wohnungen gehören.

Oder wer über Investitionen entscheidet.

Oder warum sie alle fünf Jahre wählen dürfen, aber über manche Entscheidungen niemals abstimmen.

Vielleicht wollten sie sogar zwischen den Wahlen mitreden.

Das könnte anstrengend werden.


Also lieber keine Experimente

Unsere Demokratie hat Politiker.

Unsere Demokratie hat Parteien.

Unsere Demokratie hat Umfragen.

Unsere Demokratie hat Rankings.

Unsere Demokratie hat Gewinner und Verlierer.

Und unsere Demokratie hat Medien, die uns erklären, wer gerade Gewinner und wer Verlierer ist.

Das funktioniert seit Jahren.

Warum sollte man daran etwas ändern?

Nur weil Politik anders sein könnte?

Nur weil Journalismus anders fragen könnte?

Nur weil Demokratie vielleicht mehr sein könnte als die regelmäßige Verteilung gültiger Stimmen auf konkurrierende Parteien?

Jetzt wird es gefährlich.

Denn wenn Demokratie anders wäre, wäre sie nicht mehr „unsere Demokratie“.

Sie wäre eine andere Demokratie.

Und erschreckenderweise könnte diese andere Demokratie am Ende sogar von Leuten gekapert werden, die sich selbst „Alternative“ nennen und mit Demokratie eigentlich gar nicht so viel anfangen können.

Dann hätten wir möglicherweise eine

alternative Nicht-Demokratie.

Und dagegen müssten wir natürlich unsere Demokratie verteidigen.

Am besten so, wie sie ist.

Mit den Politikern, die wir haben.

Mit der Politik, die sie machen.

Mit den Medien, die darüber berichten.

Und mit den Umfragen, die uns jeden Sonntag sagen, was wir nächsten Sonntag wählen würden, wenn nächsten Sonntag eine Wahl wäre.

Auch wenn keine ist.

Das nennt man Stabilität.

Oder politische Bildung.

Oder Journalismus.

Oder Demokratie.

Je nachdem, wen man gerade fragt.

Aber bitte nicht zu viele Fragen stellen.

Sonst verändert sich am Ende noch etwas.

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