Rüstungsindustrie, Weltraum und ein aktuelles Beispiel für die Grenzen medialer Kritik
Wenn Kritik erst innerhalb des gesetzten Rahmens beginnt
Rüstungsindustrie, Weltraum und ein aktuelles Beispiel für die Grenzen medialer Kritik
Der Tagesschau-Beitrag vom 29. September 2026 über die Zusammenarbeit von Bundeswehr und Rüstungsindustrie im Weltraum ist aufschlussreich – gerade weil er sich selbst durchaus kritisch mit dieser Entwicklung beschäftigt. Die kritische Frage lautet: Bundeswehr und Rüstungsbranche nähern sich an – kommen sie sich dabei möglicherweise zu nahe?[1]
Die Kritik konzentriert sich anschließend vor allem auf Vergabeverfahren, Wettbewerb und die mögliche Bevorzugung einzelner Unternehmen. Das sind berechtigte Fragen. Zugleich wird dadurch ein sehr viel grundsätzlicherer Vorgang kaum zum Gegenstand der Berichterstattung.
Der militärisch-industrielle Komplex erscheint – aber ohne diesen Namen
Was der Beitrag beschreibt, weist wesentliche Merkmale dessen auf, was traditionell als militärisch-industrieller Komplex bezeichnet wird: Staat und Militär formulieren neue Sicherheitsbedarfe; Unternehmen entwickeln dafür Produkte; Staat, Militär, etablierte Rüstungsunternehmen und Start-ups werden institutionell zusammengebracht; öffentliche Mittel schaffen Märkte; technologische Entwicklung orientiert sich zunehmend an militärisch definierten Anforderungen.[2]
Auf der Veranstaltung „Mission-K“ treffen nach Angaben der Tagesschau mehr als 100 Unternehmen und Start-ups auf Bundeswehr und Verteidigungsministerium, um auszuloten, welche ihrer Produkte zu den militärischen Planungen passen. Gleichzeitig wird die militärische Nutzung des Weltraums erheblich ausgebaut.[1]
Das ist kein isolierter Vorgang. Die Bundesregierung hat erklärt, dass seit Mai 2025 Beschaffungsverträge von rund 85 Milliarden Euro auf den Weg gebracht worden seien. Ausdrücklich einbezogen werden Zukunftstechnologien wie Weltraum, Cyber und unbemannte Systeme. Dabei sollen nicht nur klassische Rüstungsunternehmen, sondern auch Hersteller von Dual-Use-Technologien, zivile Unternehmen und Start-ups profitieren.[3]
Für die militärische Nutzung des Weltraums sind darüber hinaus erhebliche Investitionen vorgesehen. Bereits im September 2025 kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius ein Sicherheitspaket von 35 Milliarden Euro für den Weltraum an.[4]
Nicht mehr nur bestehende Rüstungsunternehmen beliefern das Militär. Ein wachsender technologischer und industrieller Bereich wird durch staatliche Nachfrage, Fördermittel und militärische Anforderungen überhaupt erst als Markt organisiert.
Die Medienkritik bleibt innerhalb eines engen Rahmens
Die zentrale kritische Frage des Tagesschau-Beitrags lautet sinngemäß:
Kauft die Bundeswehr tatsächlich das beste Produkt, und werden dabei die Vergaberegeln eingehalten?
Das ist eine legitime Frage. Thematisiert werden die Gefahr einer zu großen Nähe zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern, die Einhaltung korrekter Vergabeverfahren sowie die Notwendigkeit parlamentarischer Kontrolle.[1]
Damit wird jedoch die Entstehung und Ausweitung dieses Marktes selbst nicht zum Problem.
Eine politisch-ökonomische Betrachtung müsste deshalb bereits eine Ebene früher ansetzen.
Wer definiert den gesellschaftlichen Bedarf? Wie wird aus einer möglichen Gefährdung ein militärischer Sicherheitsbedarf, aus diesem ein staatliches Beschaffungsprogramm und daraus wiederum ein Milliardenmarkt?
Welche ökonomischen Interessen entstehen durch diesen Markt? Unternehmen, Beschäftigte, Forschungsinstitutionen, Regionen und Investoren können materiell vom Fortbestand und Wachstum militärischer Nachfrage abhängig werden. Bereits die Debatte um das Bundeswehr-Sondervermögen zeigte, dass Rüstungsunternehmen langfristige staatliche Aufträge und Planungssicherheit einfordern, um Produktionskapazitäten aufzubauen.[5]
Welche Opportunitätskosten entstehen? Ingenieurinnen und Ingenieure, Forschungskapazitäten, Produktionsanlagen und öffentliche Milliarden stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Ihre militärische Verwendung ist deshalb immer zugleich eine Entscheidung über andere mögliche Verwendungen. Dass diese Verteilungsfrage inzwischen auch innerhalb der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung sichtbar wird, zeigt die Haushaltsdebatte für 2027: Während der Verteidigungsetat stark wächst, stehen gleichzeitig Kürzungen in anderen Politikfeldern zur Diskussion.[6]
Was geschieht mit Dual-Use-Technologien? Die Grenze zwischen ziviler Innovationspolitik und Rüstungsindustrie wird zunehmend durchlässig. Technologien, Unternehmen und Forschungsbereiche können gleichzeitig in zivile und militärische Produktionszusammenhänge eingebunden werden. Die Bundesregierung benennt diese Einbeziehung von Dual-Use-Unternehmen ausdrücklich als Bestandteil ihrer Industrie- und Sicherheitspolitik.[3]
Und schließlich:
Welche Rückkopplungen entstehen?
Sicherheitsprobleme erzeugen Rüstungsnachfrage. Rüstungsnachfrage erzeugt Unternehmen, Arbeitsplätze, Forschungsprogramme und Produktionskapazitäten. Diese wiederum begründen ökonomische und institutionelle Interessen an einer dauerhaften Nachfrage.
Gerade diese Rückkopplung ist für den Begriff des militärisch-industriellen Komplexes zentral. Der Begriff bezeichnet nicht einfach mächtige oder moralisch fragwürdige Rüstungskonzerne. Er richtet den Blick vielmehr auf institutionelle Verflechtungen und wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Militär, Politik, Verwaltung, Forschung und Unternehmen.[7]
Die ökonomische Alternative verschwindet
Während in anderen Industriebranchen Überkapazitäten, Werksschließungen, Stellenabbau und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit diskutiert werden, wächst gleichzeitig ein in erheblichem Maße staatlich finanzierter Rüstungssektor.
Damit müsste eigentlich eine politisch-ökonomische Frage in den Mittelpunkt rücken:
Warum wird gesellschaftliche Produktionskapazität gerade in diese Richtung mobilisiert?
Diese Frage ist nicht identisch mit der Frage, ob Deutschland verteidigungsfähig sein soll oder welche militärischen Fähigkeiten dafür erforderlich sind. Auch wenn ein bestimmter Sicherheitsbedarf vorausgesetzt wird, bleibt die Frage bestehen, wer über Umfang, Richtung und gesellschaftliche Verwendung der dafür mobilisierten Produktionsmittel entscheidet.
Gerade die gegenwärtige Entwicklung zeigt zugleich etwas, das in wirtschaftspolitischen Debatten häufig in den Hintergrund tritt: Der Staat ist durchaus in der Lage, Märkte zu schaffen, Nachfrage zu garantieren, Milliarden bereitzustellen, technologische Entwicklungen zu fördern und industrielle Transformation politisch zu beschleunigen.[3]
Was in anderen Bereichen als Ergebnis von Marktprozessen, mangelnder Wettbewerbsfähigkeit oder betriebswirtschaftlichen Sachzwängen erscheint, wird hier ausdrücklich zum Gegenstand staatlicher Industriepolitik.
VW und Rüstung: Die abstrakte Frage wird konkret
Wie konkret dieser Zusammenhang inzwischen geworden ist, zeigt ausgerechnet die Automobilindustrie. Volkswagen hatte 2024 beschlossen, die Fahrzeugproduktion im Werk Osnabrück im Sommer 2027 auslaufen zu lassen. Am 7. September 2026 vereinbarten Volkswagen, das Land Niedersachsen und Aurelius Capital Eckpunkte für einen Verkauf. Das bisherige Automobilwerk soll anschließend schrittweise zu einem „Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen“ entwickelt werden. Als erstes Ankerprojekt ist eine Kooperation mit Rafael Advanced Defense Systems zur möglichen Fertigung von Systemen und Komponenten für die Luftverteidigung vorgesehen.[8]
Damit wird die abstrakte Frage nach der Verwendung gesellschaftlicher Produktionskapazitäten geradezu gegenständlich: Die Hallen, die industrielle Infrastruktur, das Produktionswissen und ein großer Teil der Belegschaft bleiben – verändert wird das Produkt und damit der gesellschaftliche Zweck der Produktion.
Die Entwicklung in Osnabrück verbindet deshalb die Debatte über die „Krise“ der deutschen Automobilindustrie unmittelbar mit der Expansion der Rüstungsindustrie. Was auf der einen Seite als fehlende Auslastung, Überkapazität oder mangelnde Wettbewerbsfähigkeit erscheint, kann auf der anderen Seite durch staatlich erzeugte und finanzierte Nachfrage wieder zu einer ökonomisch nutzbaren Produktionskapazität werden.[8][9]
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
Wie effizient funktioniert der neue Rüstungsmarkt?
Sondern:
Warum und durch welche politischen Entscheidungen entsteht dieser Markt – welche gesellschaftlichen Ressourcen werden dafür mobilisiert, welche Interessen entstehen dadurch und welche alternativen Verwendungsmöglichkeiten geraten aus dem Blick?
Was aus dem Blickfeld gerät
Der Tagesschau-Beitrag sieht durchaus ein Problem. Aber er betrachtet es innerhalb eines bereits weitgehend gesetzten Problemrahmens.
Er fragt nach zu großer Nähe zwischen Staat und Unternehmen, aber kaum nach der strukturellen Verflechtung von Staat, Militär und Industrie.
Er fragt nach korrekter Vergabe, aber kaum danach, wie dieser Markt politisch hergestellt wird.
Er fragt nach Wettbewerb zwischen Rüstungsunternehmen, aber nicht nach der gesellschaftlichen Entscheidung zwischen unterschiedlichen militärischen und zivilen Produktionsmöglichkeiten.
Und er fragt nach effizienter Beschaffung, aber kaum danach, welche neuen ökonomischen und institutionellen Interessen eine dauerhaft expandierende Rüstungswirtschaft hervorbringt.
Damit wird ein wesentlicher Teil des politischen Konflikts bereits vor Beginn der eigentlichen Kritik ausgeblendet.
Ein Beleg für die These
Gerade deshalb ist dieser Beitrag interessant. Nicht weil dort überhaupt keine Kritik stattfindet. Im Gegenteil: Die vorhandene Kritik macht die Grenze des medialen Problemrahmens besonders sichtbar.
Die kritische Berichterstattung beginnt dort, wo die politische Grundentscheidung bereits vorausgesetzt wird. Gefragt wird danach, wie Aufrüstung organisiert wird: transparent oder intransparent, wettbewerblich oder bevorzugend, effizient oder ineffizient.
Sehr viel seltener wird gefragt, wie die vorausgesetzte Grundentscheidung selbst zustande gekommen ist, welche Interessen sie hervorbringt, welche gesellschaftlichen Ressourcen sie bindet und welche Alternativen dadurch unsichtbar werden.
Kritische Berichterstattung beginnt häufig erst innerhalb eines bereits gesetzten politischen und ökonomischen Deutungsrahmens. Sie kontrolliert, ob Aufrüstung transparent, wettbewerblich und effizient organisiert wird – und überspringt damit die vorgelagerte Frage, wie Aufrüstung selbst zum gesellschaftlich selbstverständlichen Problemlösungsmodell und zum industriepolitischen Programm geworden ist.
Das wäre dann nicht einfach ein Mangel einzelner Journalistinnen und Journalisten. Interessanter ist die strukturelle Frage, warum bestimmte Fragen im medialen Diskurs selbstverständlich erscheinen und andere kaum noch gestellt werden.
Das Beispiel Volkswagen Osnabrück verschärft diese Frage noch einmal: Hier lässt sich unmittelbar beobachten, wie eine zivile industrielle Produktionsstätte, deren Automobilproduktion als wirtschaftlich nicht mehr tragfähig gilt, durch das Zusammenspiel von Unternehmen, Landespolitik, Investoren und Rüstungsindustrie eine neue Perspektive als Rüstungsstandort erhält.[8]
Genau darin liegt die Bedeutung des Beispiels: Der militärisch-industrielle Komplex muss nicht verschwiegen werden. Seine einzelnen Elemente können offen beschrieben werden – Bundeswehr, Ministerien, Unternehmen, Start-ups, Milliardenprogramme, neue Technologien, ehemalige Automobilwerke und neue Märkte. Und dennoch kann der Zusammenhang selbst unsichtbar bleiben.
Gerade das ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie ein hegemonialer Deutungsrahmen funktionieren kann: Nicht dadurch, dass bestimmte Tatsachen notwendig verborgen werden, sondern dadurch, dass sie erzählt werden können, ohne dass der gesellschaftliche Zusammenhang, den sie bilden, selbst zum Gegenstand der Frage wird.
Anmerkungen und Belege
[1] Oliver Neuroth: „Bundeswehr und Rüstungsbranche bündeln Kräfte für die Verteidigung im Weltall“, tagesschau.de, 29.09.2026. Der Beitrag berichtet über „Mission-K“ in Kalkar und stellt ausdrücklich die Frage nach einer möglicherweise zu großen Nähe zwischen Bundeswehr und Rüstungsunternehmen.
→ Tagesschau: Bundeswehr und Rüstungsbranche – Verteidigung im Weltall
↩ 1 · ↩ 2 · ↩ 3
[2] Zum Begriff des militärisch-industriellen Komplexes gehört historisch mehr als die Rüstungsindustrie im engeren Sinne. Gemeint sind dauerhafte institutionelle Verflechtungen zwischen Streitkräften, politischer Entscheidung, staatlicher Beschaffung, Unternehmen, Forschung und weiteren gesellschaftlichen Akteuren. Der Begriff wurde insbesondere durch die Abschiedsrede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower vom 17. Januar 1961 bekannt. Für die gegenwärtige Analyse ist weniger eine unmittelbare Gleichsetzung mit der damaligen US-Konstellation entscheidend als die Frage nach vergleichbaren strukturellen Rückkopplungen.
↩ zurück
[3] Bundeskanzler Friedrich Merz bezifferte beim Tag der Industrie 2026 das seit Mai 2025 auf den Weg gebrachte Volumen der Beschaffungsverträge auf rund 85 Milliarden Euro. Bemerkenswert ist für den hier untersuchten Zusammenhang seine ausdrückliche Nennung von Weltraum, Cyber, unbemannten Systemen, Dual-Use-Herstellern, zivilen Unternehmen und Start-ups als Profiteuren dieser Entwicklung.
→ Bundesregierung: Rede des Bundeskanzlers beim Tag der Industrie 2026
↩ 1 · ↩ 2 · ↩ 3
[4] Bereits im September 2025 kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius Investitionen von 35 Milliarden Euro für Weltraumsicherheit bis 2030 an. Damit wird Weltraumpolitik zunehmend Bestandteil militärischer Infrastruktur- und Beschaffungspolitik.
→ Tagesschau: Mehr Sicherheit im Weltraum für 35 Milliarden Euro
↩ zurück
[5] Die Forderung der Rüstungsindustrie nach langfristigen Aufträgen und staatlicher Planungssicherheit ist bereits seit dem Bundeswehr-Sondervermögen dokumentiert. Produktionskapazitäten können aus Sicht der Unternehmen nur aufgebaut werden, wenn längerfristige staatliche Finanzierungszusagen bestehen. Darin zeigt sich ein möglicher Rückkopplungsmechanismus: Staatliche Nachfrage ermöglicht neue Produktionskapazitäten; einmal geschaffene Kapazitäten benötigen anschließend kontinuierliche Nachfrage.
→ Tagesschau: Rüstungsindustrie fordert Aufträge ein
→ Tagesschau: Vergabeverfahren und Beschleunigung bei Rüstungsgütern
↩ zurück
[6] Für den Bundeshaushalt 2027 sind 109,7 Milliarden Euro für Verteidigung vorgesehen. Damit stellt sich neben der sicherheitspolitischen auch eine Verteilungsfrage: Welche gesellschaftlichen Bereiche erhalten zusätzliche Ressourcen, und in welchen Bereichen stehen geringere Spielräume zur Verfügung?
→ Tagesschau: Verteidigungsausgaben und Bundeshaushalt
↩ zurück
[7] Die politisch-ökonomische Bedeutung liegt in der möglichen Entstehung langfristiger Strukturen und Pfadabhängigkeiten. Große Investitionen, Beschaffungsprogramme und militärische Planungen schaffen institutionelle und industrielle Strukturen, die anschließend nicht ohne Weiteres verändert werden können. Zur historischen Begriffsgeschichte siehe außerdem Dwight D. Eisenhowers Abschiedsrede von 1961 sowie die Arbeiten von C. Wright Mills, Seymour Melman und Dieter Senghaas.
→ Tagesschau: Deutsche Sicherheitspolitik und Aufrüstung
↩ zurück
[8] VW und Rüstung – aus einer abstrakten Frage wird ein konkreter industrieller Umbau. Volkswagen, das Land Niedersachsen und Aurelius Capital vereinbarten am 7. September 2026 Eckpunkte für die Zukunft des VW-Werks Osnabrück. Nach dem Auslaufen der Automobilproduktion im Sommer 2027 soll der Standort schrittweise zu einem „Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen“ weiterentwickelt werden. Als erstes Ankerprojekt ist eine Zusammenarbeit mit Rafael Advanced Defense Systems im Bereich Luftverteidigung vorgesehen. Volkswagen selbst hebt hervor, dass industrielle Erfahrung, Entwicklungs- und Industrialisierungskompetenz sowie vorhandene Infrastruktur in den Übergang eingebracht werden sollen. Gerade darin liegt die politisch-ökonomische Bedeutung des Beispiels: Nicht nur Kapital, sondern vorhandene Produktionsmittel, Fachwissen und Arbeitsvermögen werden von einer zivilen in eine militärisch orientierte Produktionsstruktur überführt.
→ Volkswagen Group: Weichen für die Zukunft des Standorts Osnabrück gestellt
→ Tagesschau: VW-Werk Osnabrück und Rüstungsproduktion
↩ 1 · ↩ 2 · ↩ 3
[9] VW als Beispiel für die industriepolitische Verschiebung. Bereits im März 2026 hatte VW-Konzernchef Oliver Blume erklärt, Gespräche mit der Rüstungsindustrie für Osnabrück seien „vielversprechend“. Die inzwischen getroffene Vereinbarung macht aus dieser damals noch offenen Möglichkeit einen konkreten Transformationspfad. Damit treffen zwei normalerweise getrennt erzählte Geschichten unmittelbar aufeinander: die Erzählung von Krise, Überkapazitäten und Arbeitsplatzabbau in der Automobilindustrie und die Erzählung von Wachstum, Fachkräftebedarf und Kapazitätsausbau in der Rüstungsindustrie.
→ NDR: VW Osnabrück und Gespräche mit der Rüstungsindustrie
→ ZDFheute: VW Osnabrück als möglicher Rüstungsstandort
↩ zurück
Weiterführende Literatur
Eisenhower, Dwight D.: Farewell Radio and Television Address to the American People, 17. Januar 1961.
Galbraith, John Kenneth: The New Industrial State. Boston 1967.
Melman, Seymour: Pentagon Capitalism. The Political Economy of War. New York 1970.
Mills, C. Wright: The Power Elite. New York 1956.
Senghaas, Dieter: Rüstung und Militarismus. Frankfurt am Main 1972.
Zur gegenwärtigen deutschen Entwicklung sollten darüber hinaus die Debatten über Rüstungsindustrie, staatliche Industriepolitik, Dual-Use-Technologien und die Konversion beziehungsweise Umnutzung ziviler Produktionskapazitäten einbezogen werden. Gerade der Fall Volkswagen Osnabrück bietet hierfür inzwischen ein konkretes Untersuchungsfeld.
Literatur: Militärisch-industrieller Komplex, Rüstung und Industriepolitik
Mills, C. Wright: Die Machtelite. Frankfurt am Main: Westend, Neuausgabe 2019 [amerikanisches Original: The Power Elite, 1956]. Mills untersucht die Verflechtung wirtschaftlicher, politischer und militärischer Eliten in den USA. Für die Analyse des militärisch-industriellen Komplexes ist insbesondere seine Frage wichtig, wie sich gesellschaftliche Macht institutionell konzentriert.
Galbraith, John Kenneth: Die moderne Industriegesellschaft. München/Zürich: Droemer Knaur 1968 [amerikanisches Original: The New Industrial State, 1967]. Galbraith analysiert die Macht großer Unternehmen und die langfristige Planung von Produktion, Technologie und Nachfrage. Für die hier behandelte Frage ist insbesondere das Verhältnis von Großunternehmen, staatlicher Nachfrage und technologischer Entwicklung von Interesse.
→ Bundeszentrale für politische Bildung: Zur Diskussion von Galbraiths „Moderner Industriegesellschaft“
Senghaas, Dieter: Rüstung und Militarismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1972. Senghaas untersucht Rüstung nicht lediglich als sicherheitspolitische Reaktion, sondern als gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturzusammenhang. Für die vorliegende Fragestellung besonders relevant ist seine Analyse der Konfiguration des amerikanischen Rüstungskomplexes.
Berghahn, Volker R. (Hrsg.): Militarismus. Köln 1975. Der Band bietet historische und gesellschaftstheoretische Zugänge zum Verhältnis von Militär, Staat und Gesellschaft.
Barnet, Richard J.: Der amerikanische Rüstungswahn oder Die Ökonomie des Todes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1971. Eine frühe politisch-ökonomische Analyse der amerikanischen Rüstungswirtschaft und ihrer gesellschaftlichen Eigendynamik.
Melman, Seymour: Pentagon Capitalism. The Political Economy of War. New York 1970. Für dieses zentrale Werk konnte keine reguläre deutsche Buchausgabe verifiziert werden. Melman untersucht den durch staatliche Militärausgaben geschaffenen und dauerhaft stabilisierten Produktionssektor. Gerade seine Frage nach der Bindung industrieller und technologischer Kapazitäten durch Rüstungsproduktion ist für die gegenwärtige Diskussion erneut relevant.
Zur Diskussion in der Bundesrepublik und in Deutschland
Schmidt, Dorothea: „Gibt es in Deutschland einen militärisch-industriellen Komplex?“, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Bd. 50, Nr. 201, 2020. Schmidt untersucht ausdrücklich, ob und in welcher Form sich der Begriff des militärisch-industriellen Komplexes auf die Bundesrepublik übertragen lässt. Behandelt werden unter anderem Bundeswehrbeschaffung, Rüstungsexporte und politische Machtstrukturen.
→ PROKLA: Gibt es in Deutschland einen militärisch-industriellen Komplex?
Brzoska, Michael: „Militärisch-industrieller Komplex in der Bundesrepublik und Rüstungsexporte“, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, H. 8/1989, S. 501–512. Für die deutsche Diskussion besonders interessant, weil Rüstungsproduktion, staatliche Beschaffung und Exportinteressen gemeinsam betrachtet werden.
Mechtersheimer, Alfred: „Der militärisch-industrielle Komplex in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 28/1971. Eine frühe Untersuchung der Frage, inwieweit sich das ursprünglich auf die USA bezogene Konzept auf die Bundesrepublik übertragen lässt.
→ Bundeszentrale für politische Bildung: Der militärisch-industrielle Komplex in den USA und der Bundesrepublik
o. A.: „Der ‚Militärisch-Industrielle Komplex‘ I. Was wird unter ‚Militärisch-Industriellem Komplex‘ verstanden?“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 14/1978. Der Beitrag ist auch wegen seines umfangreichen zeitgenössischen Literaturapparats zur internationalen und bundesdeutschen Diskussion nützlich.
→ Bundeszentrale für politische Bildung: Was wird unter „Militärisch-Industriellem Komplex“ verstanden?
Für die gegenwärtige Diskussion sollte diese ältere Literatur neu gelesen werden. Denn die aktuelle Entwicklung stellt die historische Frage in veränderter Form erneut: Wenn der Staat über langfristig garantierte Beschaffungsprogramme neue Produktionskapazitäten schafft, zivile Unternehmen für militärische Produktion gewonnen werden, Dual-Use-Technologien gefördert und zivile Industriestandorte in Rüstungsstandorte umgewandelt werden, stellt sich erneut die Frage nach den dauerhaften institutionellen und ökonomischen Verflechtungen von Staat, Militär, Industrie, Forschung und Beschäftigung.
Weiterführende Beiträge in der Lernwerkstatt Film und Geschichte
Die folgenden Beiträge verfolgen einzelne Aspekte dieses Zusammenhangs weiter:
Karl Liebknecht und die Internationale der Rüstungsindustrie
Der Beitrag rekonstruiert eine frühe politisch-ökonomische Analyse der Verflechtung von Staat, Militär und Rüstungskapital. Liebknechts Untersuchungen der Krupp-Affäre und der internationalen Rüstungsindustrie zeigen, dass die Frage nach ökonomischen Interessen hinter Aufrüstung erheblich älter ist als der Begriff des „militärisch-industriellen Komplexes“.
→ Lernwerkstatt: Karl Liebknecht und die Internationale der Rüstungsindustrie
Wenn Krieg zum Geschäftsmodell wird
Der Beitrag führt die Fragestellung in die Gegenwart weiter: Krieg und militärische Sicherheit erscheinen nicht allein als staatliche Aufgaben, sondern zunehmend als Wachstumsfelder für Technologieunternehmen, Investoren und neue Rüstungsunternehmen. Damit erweitert sich der klassische militärisch-industrielle Komplex um digitale Technologien, KI und privatwirtschaftlich entwickelte militärische Infrastruktur.
→ Lernwerkstatt: Wenn Krieg zum Geschäftsmodell wird
Wer verfügt über Volkswagen?
Am Beispiel der aktuellen VW-Krise wird die Eigentums- und Verfügungsfrage gestellt: Wer entscheidet über Werke, Investitionen und Produktionszwecke – Vorstand, Eigentümer, Beschäftigte oder Gesellschaft? Die mögliche beziehungsweise inzwischen konkretisierte Umwandlung von Automobilstandorten in Rüstungsstandorte macht diese Frage besonders anschaulich.
→ Lernwerkstatt: Wer verfügt über Volkswagen?
Die Doppelfunktion der Gewerkschaften im Kapitalismus
Der Beitrag untersucht am VW-Standort Osnabrück das Dilemma zwischen Arbeitsplatzsicherung und der Frage nach dem gesellschaftlichen Zweck der Produktion. Wenn Rüstungsproduktion Arbeitsplätze sichert, während zivile Produktion zurückgeht, entsteht für Gewerkschaften und Betriebsräte ein struktureller Widerspruch: Beschäftigung verteidigen – aber zugleich über das Was der Produktion diskutieren.
→ Lernwerkstatt: Die Doppelfunktion der Gewerkschaften im Kapitalismus
Volkswagen im Nationalsozialismus: 1937–1945
Die aktuelle Verbindung von Volkswagen und Rüstungsproduktion besitzt auch eine historische Dimension. Das Volkswagenwerk wurde im Zweiten Weltkrieg in die nationalsozialistische Rüstungswirtschaft integriert und produzierte unter anderem Kübelwagen, Schwimmwagen, Flugzeugteile und Komponenten der Fi 103 („V1“). Der historische Vergleich darf die grundverschiedenen politischen Systeme nicht gleichsetzen; er macht aber sichtbar, dass die Frage nach der Umstellung industrieller Kapazitäten zwischen ziviler und militärischer Produktion in der Geschichte von Volkswagen bereits eine wichtige Rolle gespielt hat.
→ Lernwerkstatt: Volkswagen im Nationalsozialismus 1937–1945
Nie wieder Krieg
Thematische Übersichtsseite der Lernwerkstatt zu Kriegserfahrung, Militarismus, Remilitarisierung, Friedensbewegung und den gegenwärtigen Debatten um „Zeitenwende“ und „Kriegstüchtigkeit“.
→ Lernwerkstatt: Nie wieder Krieg
Eine historische Verbindungslinie
Zusammengenommen ermöglichen diese Texte eine historische Längsschnittperspektive:
Liebknecht und Krupp → Eisenhower und der militärisch-industrielle Komplex → bundesdeutsche Rüstungswirtschaft und Rüstungsexporte → „Zeitenwende“ und staatlich garantierte Rüstungsnachfrage → Dual Use und neue Technologieunternehmen → VW Osnabrück und die Umwandlung ziviler Produktionskapazitäten in Rüstungsproduktion.
Damit erscheint die gegenwärtige Entwicklung weder als bloße Wiederholung der Vergangenheit noch als völlig neues Phänomen. Neu sind Technologien, geopolitische Bedingungen, Akteure und Größenordnungen. Wiederkehrend ist dagegen die politisch-ökonomische Grundfrage: Wie verändern dauerhaft steigende staatliche Rüstungsausgaben die Beziehungen zwischen Staat, Unternehmen, Forschung, Beschäftigten und Gesellschaft – und welche Interessen entstehen aus diesen Beziehungen selbst?
` setzen. Das bleibt in WordPress auch bei getrennten HTML-Blöcken stabil. Den bisherigen Abschnitt **„Zur Diskussion in der Bundesrepublik und in Deutschland“** nehme ich vollständig heraus; der neue Lernwerkstatt-Beitrag übernimmt dort die Brückenfunktion. Für den **Haupttext** setzen Sie jeweils unmittelbar vor der nächsten H4-Überschrift: „`html
Der militärisch-industrielle Komplex erscheint – aber ohne diesen Namen
„` Entsprechend vor **jeder** weiteren H4-Überschrift. Dadurch entsteht die gewünschte Kapitelgliederung: „`htmlDie Medienkritik bleibt innerhalb eines engen Rahmens
„` „`htmlDie ökonomische Alternative verschwindet
„` „`htmlVW und Rüstung: Die abstrakte Frage wird konkret
„` „`htmlWas aus dem Blickfeld gerät
„` „`htmlEin Beleg für die These
„` Auch **vor dem Anmerkungsapparat**, **vor der Literatur** und **vor den Lernwerkstatt-Verweisen** kommt jeweils eine Linie. Den hinteren Teil des bisherigen HTML-Codes würde ich deshalb durch folgende Fassung ersetzen:Anmerkungen und Belege
[1] Oliver Neuroth: „Bundeswehr und Rüstungsbranche bündeln Kräfte für die Verteidigung im Weltall“, tagesschau.de, 29.09.2026. Der Beitrag berichtet über „Mission-K“ in Kalkar und stellt ausdrücklich die Frage nach einer möglicherweise zu großen Nähe zwischen Bundeswehr und Rüstungsunternehmen.
→ Tagesschau: Bundeswehr und Rüstungsbranche – Verteidigung im Weltall
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[2] Zum Begriff des militärisch-industriellen Komplexes gehört historisch mehr als die Rüstungsindustrie im engeren Sinne. Gemeint sind dauerhafte institutionelle Verflechtungen zwischen Streitkräften, politischer Entscheidung, staatlicher Beschaffung, Unternehmen, Forschung und weiteren gesellschaftlichen Akteuren. Der Begriff wurde insbesondere durch die Abschiedsrede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower vom 17. Januar 1961 bekannt. Für die gegenwärtige Analyse ist weniger eine unmittelbare Gleichsetzung mit der damaligen US-Konstellation entscheidend als die Frage nach vergleichbaren strukturellen Rückkopplungen.
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[3] Bundeskanzler Friedrich Merz bezifferte beim Tag der Industrie 2026 das seit Mai 2025 auf den Weg gebrachte Volumen der Beschaffungsverträge auf rund 85 Milliarden Euro. Bemerkenswert ist für den hier untersuchten Zusammenhang seine ausdrückliche Nennung von Weltraum, Cyber, unbemannten Systemen, Dual-Use-Herstellern, zivilen Unternehmen und Start-ups als Profiteuren dieser Entwicklung.
→ Bundesregierung: Rede des Bundeskanzlers beim Tag der Industrie 2026
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[4] Bereits im September 2025 kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius Investitionen von 35 Milliarden Euro für Weltraumsicherheit bis 2030 an. Damit wird Weltraumpolitik zunehmend Bestandteil militärischer Infrastruktur- und Beschaffungspolitik.
→ Tagesschau: Mehr Sicherheit im Weltraum für 35 Milliarden Euro
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[5] Die Forderung der Rüstungsindustrie nach langfristigen Aufträgen und staatlicher Planungssicherheit ist bereits seit dem Bundeswehr-Sondervermögen dokumentiert. Produktionskapazitäten können aus Sicht der Unternehmen nur aufgebaut werden, wenn längerfristige staatliche Finanzierungszusagen bestehen. Darin zeigt sich ein möglicher Rückkopplungsmechanismus: Staatliche Nachfrage ermöglicht neue Produktionskapazitäten; einmal geschaffene Kapazitäten benötigen anschließend kontinuierliche Nachfrage.
→ Tagesschau: Rüstungsindustrie fordert Aufträge ein
→ Tagesschau: Vergabeverfahren und Beschleunigung bei Rüstungsgütern
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[6] Für den Bundeshaushalt 2027 sind 109,7 Milliarden Euro für Verteidigung vorgesehen. Damit stellt sich neben der sicherheitspolitischen auch eine Verteilungsfrage: Welche gesellschaftlichen Bereiche erhalten zusätzliche Ressourcen, und in welchen Bereichen stehen geringere Spielräume zur Verfügung?
→ Tagesschau: Verteidigungsausgaben und Bundeshaushalt
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[7] Die politisch-ökonomische Bedeutung liegt in der möglichen Entstehung langfristiger Strukturen und Pfadabhängigkeiten. Große Investitionen, Beschaffungsprogramme und militärische Planungen schaffen institutionelle und industrielle Strukturen, die anschließend nicht ohne Weiteres verändert werden können. Zur historischen Begriffsgeschichte siehe außerdem Dwight D. Eisenhowers Abschiedsrede von 1961 sowie die Arbeiten von C. Wright Mills, Seymour Melman und Dieter Senghaas.
→ Tagesschau: Deutsche Sicherheitspolitik und Aufrüstung
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[8] VW und Rüstung – aus einer abstrakten Frage wird ein konkreter industrieller Umbau. Volkswagen, das Land Niedersachsen und Aurelius Capital vereinbarten am 7. September 2026 Eckpunkte für die Zukunft des VW-Werks Osnabrück. Nach dem Auslaufen der Automobilproduktion im Sommer 2027 soll der Standort schrittweise zu einem „Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen“ weiterentwickelt werden. Als erstes Ankerprojekt ist eine Zusammenarbeit mit Rafael Advanced Defense Systems im Bereich Luftverteidigung vorgesehen. Volkswagen selbst hebt hervor, dass industrielle Erfahrung, Entwicklungs- und Industrialisierungskompetenz sowie vorhandene Infrastruktur in den Übergang eingebracht werden sollen. Gerade darin liegt die politisch-ökonomische Bedeutung des Beispiels: Nicht nur Kapital, sondern vorhandene Produktionsmittel, Fachwissen und Arbeitsvermögen werden von einer zivilen in eine militärisch orientierte Produktionsstruktur überführt.
→ Volkswagen Group: Weichen für die Zukunft des Standorts Osnabrück gestellt
→ Tagesschau: VW-Werk Osnabrück und Rüstungsproduktion
↩ 1 · ↩ 2 · ↩ 3
[9] VW als Beispiel für die industriepolitische Verschiebung. Bereits im März 2026 hatte VW-Konzernchef Oliver Blume erklärt, Gespräche mit der Rüstungsindustrie für Osnabrück seien „vielversprechend“. Die inzwischen getroffene Vereinbarung macht aus dieser damals noch offenen Möglichkeit einen konkreten Transformationspfad. Damit treffen zwei normalerweise getrennt erzählte Geschichten unmittelbar aufeinander: die Erzählung von Krise, Überkapazitäten und Arbeitsplatzabbau in der Automobilindustrie und die Erzählung von Wachstum, Fachkräftebedarf und Kapazitätsausbau in der Rüstungsindustrie.
→ NDR: VW Osnabrück und Gespräche mit der Rüstungsindustrie
→ ZDFheute: VW Osnabrück als möglicher Rüstungsstandort
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Literatur: Militärisch-industrieller Komplex, Rüstung und Industriepolitik
Mills, C. Wright: Die Machtelite. Frankfurt am Main: Westend, Neuausgabe 2019 [amerikanisches Original: The Power Elite, 1956]. Mills untersucht die Verflechtung wirtschaftlicher, politischer und militärischer Eliten in den USA. Für die Analyse des militärisch-industriellen Komplexes ist insbesondere seine Frage wichtig, wie sich gesellschaftliche Macht institutionell konzentriert.
Galbraith, John Kenneth: Die moderne Industriegesellschaft. München/Zürich: Droemer Knaur 1968 [amerikanisches Original: The New Industrial State, 1967]. Galbraith analysiert die Macht großer Unternehmen und die langfristige Planung von Produktion, Technologie und Nachfrage. Für die hier behandelte Frage ist insbesondere das Verhältnis von Großunternehmen, staatlicher Nachfrage und technologischer Entwicklung von Interesse.
Senghaas, Dieter: Rüstung und Militarismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1972. Senghaas untersucht Rüstung nicht lediglich als sicherheitspolitische Reaktion, sondern als gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturzusammenhang. Für die vorliegende Fragestellung besonders relevant ist seine Analyse der Konfiguration des amerikanischen Rüstungskomplexes.
Berghahn, Volker R. (Hrsg.): Militarismus. Köln 1975. Der Band bietet historische und gesellschaftstheoretische Zugänge zum Verhältnis von Militär, Staat und Gesellschaft.
Barnet, Richard J.: Der amerikanische Rüstungswahn oder Die Ökonomie des Todes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1971. Eine frühe politisch-ökonomische Analyse der amerikanischen Rüstungswirtschaft und ihrer gesellschaftlichen Eigendynamik.
Melman, Seymour: Pentagon Capitalism. The Political Economy of War. New York 1970. Für dieses zentrale Werk ist keine reguläre deutsche Buchausgabe nachgewiesen. Melman untersucht den durch staatliche Militärausgaben geschaffenen und dauerhaft stabilisierten Produktionssektor. Gerade seine Frage nach der Bindung industrieller und technologischer Kapazitäten durch Rüstungsproduktion ist für die gegenwärtige Diskussion erneut relevant.
Weiterführende Beiträge in der Lernwerkstatt Film und Geschichte
Die folgenden Beiträge verfolgen einzelne historische und gegenwärtige Aspekte dieses Zusammenhangs weiter.
Gibt es in Deutschland einen militärisch-industriellen Komplex?
Der Beitrag nimmt die ältere bundesdeutsche Diskussion ausdrücklich wieder auf und fragt nach ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Im Mittelpunkt steht nicht die schematische Übertragung des ursprünglich für die USA entwickelten Begriffs, sondern die Frage, welche Verflechtungen zwischen Staat, Bundeswehr, Rüstungsunternehmen, Forschung, Finanzkapital und weiteren Industriebereichen inzwischen entstanden sind beziehungsweise neu entstehen.
→ Lernwerkstatt: Gibt es in Deutschland einen militärisch-industriellen Komplex?
Karl Liebknecht und die Internationale der Rüstungsindustrie
Der Beitrag rekonstruiert eine frühe politisch-ökonomische Analyse der Verflechtung von Staat, Militär und Rüstungskapital. Liebknechts Untersuchungen der Krupp-Affäre und der internationalen Rüstungsindustrie zeigen, dass die Frage nach ökonomischen Interessen hinter Aufrüstung erheblich älter ist als der Begriff des „militärisch-industriellen Komplexes“.
→ Lernwerkstatt: Karl Liebknecht und die Internationale der Rüstungsindustrie
Wenn Krieg zum Geschäftsmodell wird
Der Beitrag führt die Fragestellung in die Gegenwart weiter: Krieg und militärische Sicherheit erscheinen nicht allein als staatliche Aufgaben, sondern zunehmend als Wachstumsfelder für Technologieunternehmen, Investoren und neue Rüstungsunternehmen. Damit erweitert sich der klassische militärisch-industrielle Komplex um digitale Technologien, KI und privatwirtschaftlich entwickelte militärische Infrastruktur.
→ Lernwerkstatt: Wenn Krieg zum Geschäftsmodell wird
Wer verfügt über Volkswagen?
Am Beispiel der aktuellen VW-Krise wird die Eigentums- und Verfügungsfrage gestellt: Wer entscheidet über Werke, Investitionen und Produktionszwecke – Vorstand, Eigentümer, Beschäftigte oder Gesellschaft? Die Entwicklung in Osnabrück macht diese Frage besonders anschaulich.
→ Lernwerkstatt: Wer verfügt über Volkswagen?
Die Doppelfunktion der Gewerkschaften im Kapitalismus
Der Beitrag untersucht am VW-Standort Osnabrück das Dilemma zwischen Arbeitsplatzsicherung und der Frage nach dem gesellschaftlichen Zweck der Produktion. Wenn Rüstungsproduktion Arbeitsplätze sichert, während zivile Produktion zurückgeht, entsteht für Gewerkschaften und Betriebsräte ein struktureller Widerspruch: Beschäftigung verteidigen – aber zugleich über das Was der Produktion diskutieren.
→ Lernwerkstatt: Die Doppelfunktion der Gewerkschaften im Kapitalismus
Volkswagen im Nationalsozialismus: 1937–1945
Die aktuelle Verbindung von Volkswagen und Rüstungsproduktion besitzt auch eine historische Dimension. Das Volkswagenwerk wurde im Zweiten Weltkrieg in die nationalsozialistische Rüstungswirtschaft integriert. Der historische Vergleich darf die grundverschiedenen politischen Systeme nicht gleichsetzen; er macht aber sichtbar, dass die Frage nach der Umstellung industrieller Kapazitäten zwischen ziviler und militärischer Produktion in der Geschichte von Volkswagen bereits eine wichtige Rolle gespielt hat.
→ Lernwerkstatt: Volkswagen im Nationalsozialismus 1937–1945
Nie wieder Krieg
Thematische Übersichtsseite der Lernwerkstatt zu Kriegserfahrung, Militarismus, Remilitarisierung, Friedensbewegung und den gegenwärtigen Debatten um „Zeitenwende“ und „Kriegstüchtigkeit“.
→ Lernwerkstatt: Nie wieder Krieg
Eine historische Verbindungslinie
Zusammengenommen ermöglichen diese Texte eine historische Längsschnittperspektive:
Liebknecht und Krupp → Eisenhower und der militärisch-industrielle Komplex → die bundesdeutsche Diskussion über einen militärisch-industriellen Komplex → „Zeitenwende“ und staatlich garantierte Rüstungsnachfrage → Dual Use und neue Technologieunternehmen → VW Osnabrück und die Umwandlung ziviler Produktionskapazitäten in Rüstungsproduktion.
Damit erscheint die gegenwärtige Entwicklung weder als bloße Wiederholung der Vergangenheit noch als völlig neues Phänomen. Neu sind Technologien, geopolitische Bedingungen, Akteure und Größenordnungen. Wiederkehrend ist dagegen die politisch-ökonomische Grundfrage: Wie verändern dauerhaft steigende staatliche Rüstungsausgaben die Beziehungen zwischen Staat, Unternehmen, Forschung, Beschäftigten und Gesellschaft – und welche Interessen entstehen aus diesen Beziehungen selbst?
Ich würde die **„historische Verbindungslinie“ ebenfalls als eigenen, durch Linien abgesetzten Schlussteil** behalten. Sie erfüllt eine andere Funktion als die bloßen Linkempfehlungen: Sie zeigt, warum die verschiedenen Beiträge der Lernwerkstatt zusammengehören und macht daraus einen Lernweg.