Judenverfolgung – Holocaust – Shoah
Begriffe unterscheiden, historische Entwicklungen verstehen
Die Erinnerung an den Holocaust nimmt in der deutschen Erinnerungskultur eine zentrale Stellung ein. Um die gesellschaftlichen Voraussetzungen und die historische Entwicklung der nationalsozialistischen Verbrechen zu verstehen, ist es jedoch notwendig, zwischen Judenverfolgung, Holocaust und Shoah zu unterscheiden.
Die Begriffe sind eng miteinander verbunden, bezeichnen aber nicht denselben historischen Zusammenhang beziehungsweise setzen unterschiedliche Akzente.
Begriffe und ihre Bedeutung
| Begriff | Bedeutung und historische Reichweite |
|---|---|
| Judenverfolgung | Bezeichnet die Diskriminierung, Entrechtung, Ausgrenzung, Enteignung, Vertreibung und gewaltsame Verfolgung jüdischer Menschen. Der Begriff reicht historisch weit über den Nationalsozialismus hinaus und umfasst für die NS-Zeit den gesamten Prozess von der Ausgrenzung bis zur systematischen Vernichtung. |
| Holocaust | Bezeichnet im heute üblichen engeren Verständnis den nationalsozialistischen Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Juden. Der Begriff wird in diesem Beitrag für die Phase der Radikalisierung und systematischen Vernichtung verwendet.1 |
| Shoah (Schoah) | Hebräisch für „Katastrophe“ oder „Vernichtung“. Bezeichnet ebenfalls den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden. Aus jüdischer Perspektive wird dieser Begriff vielfach bevorzugt, weil er keine religiöse Opferdeutung nahelegt.2 |
Die historische Entwicklung der nationalsozialistischen Judenverfolgung
Die Judenverfolgung begann nicht erst mit dem Holocaust. Die Entwicklung von gesellschaftlicher Ausgrenzung und rechtlicher Entrechtung zur systematischen Vernichtung vollzog sich in mehreren Phasen.
1933–1938: Ausgrenzung, Entrechtung und Übergang zur systematischen Verfolgung
Boykotte, Berufsverbote, Nürnberger Gesetze, wirtschaftliche Verdrängung, gesellschaftliche Isolierung und zunehmende Gewalt. Die nationalsozialistische Herrschaft knüpfte an bereits vorhandene antisemitische Einstellungen an und verwandelte diese schrittweise in staatliche Politik.
1938–1941: Radikalisierung der Judenverfolgung
Novemberpogrome, systematische Enteignung, erzwungene Emigration, Vertreibungen, Ghettoisierung und Deportationen. Mit dem Krieg verschärfte sich die Verfolgung grundlegend. Die Massenerschießungen nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 markierten den Übergang zur systematischen Vernichtung.
Weiterführender Beitrag: 1938–1941 – Radikalisierung der Judenverfolgung →
1941–1945: Holocaust – systematische Vernichtung
Massenerschießungen insbesondere im besetzten Osteuropa, Deportationen in Vernichtungslager und europaweit organisierter Völkermord. Die Ermordung der europäischen Juden wurde zum zentralen Bestandteil nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.3
Weiterführender Beitrag: 1941–1945 – Holocaust: systematische Vernichtung →
Diese Phasen sind analytische Unterscheidungen. Die Entwicklungen überschnitten sich, verliefen regional unterschiedlich und waren nicht von Anfang an zwangsläufig auf die systematische Vernichtung festgelegt.
Warum diese Unterscheidung wichtig ist
Die begriffliche und historische Differenzierung lenkt die Aufmerksamkeit auf den gesamten Prozess der Judenverfolgung und nicht ausschließlich auf die vollzogene Vernichtung.
Sie ermöglicht die Untersuchung, wie sich antisemitische Einstellungen, gesellschaftliche Ausgrenzung, politische Entscheidungen und staatlich organisierte Gewalt miteinander verbanden. Damit geraten auch die Beteiligung gesellschaftlicher Institutionen, wirtschaftliche Interessen sowie das Verhalten der Bevölkerung in den Blick.
Die Unterscheidung zwischen Judenverfolgung und Holocaust ist deshalb nicht nur eine Frage historischer Genauigkeit. Sie eröffnet den Zugang zu einer weiterführenden Frage:
Wie konnten gesellschaftliche Verhältnisse entstehen, unter denen die systematische Verfolgung und schließlich die Vernichtung der europäischen Juden möglich wurden?
Anmerkungen
1. Zur Verbreitung des Begriffs Holocaust: Das Wort stammt aus dem Griechischen (holókaustos) und bezeichnet ursprünglich ein vollständig verbranntes Opfer. Im englischsprachigen Raum setzte sich „Holocaust“ im 20. Jahrhundert zunehmend als Bezeichnung für die nationalsozialistische Judenvernichtung durch. In der Bundesrepublik wurde der Begriff insbesondere durch die Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss im Januar 1979 einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Seither etablierte er sich zunehmend im allgemeinen Sprachgebrauch und in der öffentlichen Erinnerungskultur.
Ausführlicher dazu in der Lernwerkstatt: Die Etablierung des Begriffs „Holocaust“ in Deutschland → ↑ Zurück zum Text
2. Zur Bezeichnung Shoah: Das hebräische Wort Shoah bedeutet Katastrophe oder Vernichtung und wurde bereits während des Zweiten Weltkriegs zur Bezeichnung der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden verwendet. In jüdischen Erinnerungskontexten wird es vielfach gegenüber „Holocaust“ bevorzugt, weil der aus der religiösen Opfersprache stammende Begriff Holocaust eine Sinngebung als Opferhandlung nahelegen kann. Diese Deutung wird der nationalsozialistischen Massenvernichtung nicht gerecht. Allerdings sind beide Bezeichnungen auch innerhalb jüdischer Gemeinschaften gebräuchlich. ↑ Zurück zum Text
3. Zur historischen Periodisierung: Die Forschung unterscheidet verschiedene Phasen nationalsozialistischer Judenpolitik, ohne von einem von Anfang an feststehenden Vernichtungsplan auszugehen. Besonders die Jahre 1939 bis 1942 werden als Phase zunehmender Radikalisierung untersucht. Der Übergang zum europaweiten Völkermord vollzog sich vor allem 1941/42 im Zusammenhang mit dem deutschen Vernichtungskrieg im Osten. Die hier verwendete Dreiteilung dient der historischen Orientierung. ↑ Zurück zum Text
Literatur
Browning, Christopher R.: Die Entfesselung der „Endlösung“. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939–1942. Berlin 2003.
Friedländer, Saul: Das Dritte Reich und die Juden. Zwei Bände. München 1998/2006.
Hilberg, Raul: Die Vernichtung der europäischen Juden. Drei Bände. Frankfurt am Main 1990.
Longerich, Peter: Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. München 1998.
Longerich, Peter: Heinrich Himmler. Biographie. München 2008.