Faschismus, Bourgeoisie und kulturelle Hegemonie

Die Verknüpfung von ökonomischen Interessen und Ideologie im Faschismus

Detlef Endeward

Einleitung

Die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland (1933–1945) stellt eines der prägnantesten Beispiele für das Zusammenspiel von politischer Gewalt, ökonomischen Interessen und kultureller Hegemonie dar. Während die offene Repression – von der Zerschlagung der Arbeiterbewegung bis zum industriell organisierten Massenmord – in der Geschichtswissenschaft früh ins Zentrum rückte, hat sich seit den 1970er Jahren zunehmend die Frage gestellt, wie der Nationalsozialismus Zustimmung organisierte und wie er ökonomische Interessen in eine kulturelle Legitimation einzubetten vermochte.

Eine materialistische Perspektive, inspiriert durch Antonio Gramscis Theorie der Hegemonie, macht sichtbar, dass der Faschismus nicht als „reine Ideologie von oben“ oder als „irrationale Massenbewegung“ verstanden werden kann, sondern als eine spezifische Form bürgerlicher Herrschaftssicherung in der kapitalistischen Krise. Der Nationalsozialismus fungierte nicht nur als Repressionsinstrument gegen die Arbeiterbewegung, sondern auch als ideologisches Projekt, das die Klassengesellschaft symbolisch aufhob und in die „Volksgemeinschaft“ übersetzte.

Dieses Essay geht der Frage nach, wie die ökonomischen Interessen der Bourgeoisie und die kulturelle Hegemonie des NS-Regimes zusammenwirkten. Es zeigt, dass der Faschismus einerseits unmittelbare materielle Funktionen für Kapital und Großindustrie erfüllte – von der Zerschlagung der Gewerkschaften über staatliche Aufrüstung bis hin zur Bereitstellung von Zwangsarbeit –, und andererseits durch ideologische Konstruktionen wie Volksgemeinschaft, Antisemitismus und Nationalismus breite gesellschaftliche Zustimmung gewann. Damit bildete sich eine spezifische Einheit von Ökonomie, Politik und Kultur, die sowohl den Interessen der Bourgeoisie diente als auch die Massen mobilisierte.


Die Krise des Kapitalismus in der Weimarer Republik

Die Weimarer Republik war von Beginn an durch ökonomische Instabilitäten geprägt. Die Hyperinflation von 1923 zerstörte Ersparnisse breiter Schichten, während die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zu massiver Arbeitslosigkeit führte. Zwischen 1929 und 1932 stieg die Zahl der Erwerbslosen von 1,9 auf über 6 Millionen Menschen^1.

Diese Krisen setzten die Profite der Industrie unter Druck, schwächten die Kapitalakkumulation und verstärkten zugleich den politischen Einfluss der Arbeiterbewegung. Gewerkschaften, SPD und KPD waren nicht nur politisch stark, sondern stellten mit Streiks und Massenmobilisierungen die kapitalistische Eigentumsordnung in Frage^2.

Die Bourgeoisie – Industrie, Banken, Großagrarier – begann daher, die parlamentarische Demokratie als Risiko zu begreifen. Demokratische Prozesse schufen Unsicherheit: Koalitionsregierungen blockierten Reformen, Arbeiterparteien forderten Mitbestimmung oder sogar Vergesellschaftung. Der Faschismus erschien in dieser Situation als Option, die politische Instabilität zu überwinden und die ökonomischen Interessen der Kapitaleliten zu sichern^3.


Der Faschismus als Herrschaftsform im Interesse der Bourgeoisie

Marxistische Faschismustheorien, von Dimitroff bis Poulantzas, betonen den Klassencharakter des Faschismus: Er sei „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten und imperialistischsten Elemente des Finanzkapitals“^4. Auch wenn diese Formulierung stark schematisierend wirkt, verweist sie auf die enge Verschränkung von Kapitalinteressen und NS-Herrschaft.

Zerschlagung der Arbeiterbewegung

Unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 wurden die Gewerkschaften zerschlagen, Streiks verboten und die KPD sowie später die SPD verboten. Damit eliminierte das NS-Regime die institutionelle Machtbasis der organisierten Arbeiterschaft. An ihre Stelle trat die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die eine Integration der Arbeitenden versprach, tatsächlich jedoch als Disziplinierungsinstrument wirkte^5.

Restauration der Kapitalmacht

Privateigentum und Profitstreben blieben unangetastet. Enteignungen oder gar eine sozialistische Umgestaltung der Wirtschaft standen nicht zur Debatte. Vielmehr profitierten die großen Industrieunternehmen massiv von staatlichen Aufträgen, Rüstungsproduktion und später von der Kriegswirtschaft. Firmen wie Krupp, IG Farben oder Siemens erlebten enorme Gewinnsteigerungen^6.

Staatsintervention im Sinne der Konzerne

Während der Staat in der NS-Zeit stärker in die Wirtschaft eingriff (Vierjahresplan, Lenkung der Produktion), geschah dies nicht gegen, sondern zugunsten der Großindustrie. Die staatliche Steuerung garantierte Absatzmärkte (Rüstung, Infrastrukturprojekte) und beseitigte Konkurrenz, während das unternehmerische Profitinteresse unangetastet blieb^7.

Ausschaltung demokratischer Prozesse

Die Ausschaltung des Parlaments und die Konzentration der Macht im Führerstaat beseitigten politische Unsicherheiten für die Kapitaleliten. Entscheidungen konnten autoritär im Sinne einer kriegs- und expansionsorientierten Wirtschaft getroffen werden.


Kulturelle Hegemonie als Legitimation der Herrschaft

Ökonomische Vorteile für Kapital und Industrie allein hätten nicht ausgereicht, um die breite Zustimmung der Bevölkerung zu sichern. Hier setzt Gramscis Hegemonietheorie an: Herrschaft erfordert nicht nur Zwang, sondern auch Konsens.

Volksgemeinschaft als ideologischer Deckmantel

Die „Volksgemeinschaft“ suggerierte die Aufhebung sozialer Unterschiede. Klassengegensätze zwischen Kapital und Arbeit verschwanden symbolisch, indem alle Deutschen Teil eines nationalen Körpers sein sollten. Diese Vorstellung wurde in Ritualen, Symbolen, Schulunterricht und Medien permanent reproduziert^8.

Antisemitismus als Projektionsfläche

Ökonomische Krisen, soziale Ungleichheit und politische Instabilität wurden nicht dem Kapitalismus selbst zugeschrieben, sondern „den Juden“. Der Antisemitismus erfüllte eine doppelte Funktion: Er externalisierte die sozialen Konflikte und lieferte ein Feindbild, das Zustimmung mobilisierte. Zugleich entlastete er die Bourgeoisie von Kritik, indem ökonomische Probleme auf „fremde Mächte“ projiziert wurden^9.

Nationalismus und Kriegsideologie

Die Expansion nach Osten wurde als „Lebensraumsicherung“ ideologisch aufgeladen. Tatsächlich bedeutete sie ökonomische Eroberung von Rohstoffen, Agrarflächen und Arbeitskräften. Nationalismus verband ökonomische Interessen der Großindustrie mit einem massenwirksamen Diskurs der Stärke, Größe und historischen Mission Deutschlands^10.

Kulturelle Integration durch Konsum und Unterhaltung

Programme wie „Kraft durch Freude“ oder die Einführung des Volkswagen signalisierten Teilhabe auch für „kleine Leute“. Unterhaltungsfilme, Sportveranstaltungen und Freizeitangebote verschafften positive Identifikationsmöglichkeiten. Damit wurde Zustimmung nicht allein durch Gewalt erzwungen, sondern durch eine populäre Kultur, die Integration versprach^11.


Ergebnis: Einheit von ökonomischer Sicherung und kultureller Hegemonie

Der Nationalsozialismus bot eine Herrschaftsform, die sowohl den Interessen der Bourgeoisie als auch den Bedürfnissen nach kultureller Identität und Sicherheit diente:

  • Für die Bourgeoisie: Sicherung von Privateigentum, Profiten, Rüstungsaufträgen, Zugang zu Ressourcen und billiger Arbeitskraft.

  • Für die Bevölkerung: Symbolische Aufhebung von Klassengegensätzen, klare Feindbilder, Versprechen von Aufstieg und Teilhabe.

Die Hegemonie des NS beruhte somit auf einer doppelten Struktur:

  • Zwang durch Terror, Verfolgung, Ausschaltung von Opposition.

  • Konsens durch Ideologie, Kultur, Unterhaltung und „positive Angebote“.

Beides wirkte in der Logik der Kapitalverwertung zusammen: Die ökonomische Ordnung blieb nicht nur unangetastet, sondern wurde in den Krieg hinein radikalisiert.


Schluss

Die Analyse der NS-Herrschaft in einer materialistischen und gramscianischen Perspektive zeigt, dass der Faschismus als Krisenlösung für das Kapital verstanden werden muss. In der ökonomischen Krise der Weimarer Republik bot er der Bourgeoisie eine stabile Herrschaftsform: Er zerschlug die Arbeiterbewegung, garantierte Privateigentum, intensivierte die Kapitalakkumulation durch Aufrüstung und Krieg.

Gleichzeitig organisierte er Zustimmung durch kulturelle Hegemonie. Volksgemeinschaft, Antisemitismus, Nationalismus und populäre Kultur schufen ein Weltbild, das breite Schichten integrierte und Konflikte externalisierte. Die kulturelle Hegemonie war somit kein bloßes Beiwerk, sondern ein integraler Bestandteil der kapitalistischen Herrschaftssicherung im Faschismus.

Mit Gramsci lässt sich formulieren: Der Nationalsozialismus vereinte Zwang und Konsens in einer hegemonialen Ordnung, die es ermöglichte, die Verwertungslogik des Kapitals in der Krise nicht nur abzusichern, sondern bis in den Krieg hinein zu radikalisieren.


Literaturverzeichnis

  • Broszat, Martin: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1981.

  • Dimitroff, Georgi: Der Faschismus und seine Ursachen. Berlin: Dietz, 1974 [1935].

  • Gramsci, Antonio: Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Hg. v. Wolfgang Fritz Haug. Hamburg: Argument Verlag, 1991 ff.

  • Kershaw, Ian: Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1980.

  • Mason, Timothy: Sozialpolitik im Dritten Reich. Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1977.

  • Neumann, Franz: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944. Frankfurt am Main: Fischer, 1984 [1942].

  • Overy, Richard: War and Economy in the Third Reich. Oxford: Oxford University Press, 1994.

  • Poulantzas, Nicos: Faschismus und Diktatur. Die dritte Internationale und der Faschismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973.

  • Tooze, Adam: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. München: Siedler, 2007.

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