Kapital – gesellschaftliches Verhältnis und sich verwertender Wert

Kapital ist kein Ding, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis

In der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx bezeichnet Kapital nicht einfach Geld, Eigentum, Maschinen oder Produktionsmittel, sondern ein historisch bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis. Geld und Produktionsmittel werden erst dann zu Kapital, wenn sie unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen zur Verwertung von Wert eingesetzt werden.

Entscheidend ist deshalb nicht die stoffliche Gestalt des Kapitals, sondern seine gesellschaftliche Funktion. Eine Maschine ist für sich genommen noch kein Kapital. Sie wird zu Kapital, wenn sie als Produktionsmittel eingesetzt wird, um durch die Beschäftigung von Lohnarbeitskräften Waren herzustellen und Mehrwert anzueignen.

Kapital ist somit weder eine natürliche Eigenschaft von Dingen noch eine überhistorische Erscheinung. Es setzt bestimmte gesellschaftliche Bedingungen voraus: Privateigentum beziehungsweise kapitalistische Verfügung über Produktionsmittel, Warenproduktion, entwickelte Geldverhältnisse und eine Klasse von Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen muss, weil sie nicht selbst über die erforderlichen Produktionsmittel verfügt.

Kapital als Bewegung: G – W – G′

Marx bestimmt Kapital als sich verwertenden Wert. Seine allgemeine Bewegungsform lautet:

\[ G-W-G’=G+\Delta G \]

G steht für vorgeschossenes Geld, W für Ware und G′ für den ursprünglich vorgeschossenen Geldwert zuzüglich eines Überschusses.

Während die einfache Warenzirkulation (W – G – W) auf den Austausch von Waren zur Befriedigung von Bedürfnissen gerichtet ist, verfolgt die kapitalistische Zirkulation einen anderen Zweck: die Vermehrung des vorgeschossenen Werts.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Verwertung des Werts zum Selbstzweck der Produktion wird. Die Produktion von Gebrauchswerten bleibt notwendig, ist aber der Kapitalverwertung untergeordnet.

Die Bewegung des Kapitals endet deshalb nicht mit einem einzelnen erfolgreichen Verkauf. Der erzielte Überschuss kann erneut als Kapital eingesetzt werden. Kapital existiert als fortlaufender Prozess der Verwertung und Akkumulation.

Arbeitskraft, Mehrwert und Ausbeutung

Woher stammt der zusätzliche Wert, der aus G schließlich G′ macht?

Marx weist darauf hin, dass die bloße Warenzirkulation den gesellschaftlichen Gesamtwert nicht vermehren kann. Der Ursprung des Mehrwerts muss deshalb im Produktionsprozess gesucht werden.

Eine besondere Rolle spielt dabei die Ware Arbeitskraft. Ihr Gebrauchswert für den Kapitalisten besteht darin, dass lebendige Arbeit mehr Wert schaffen kann, als die Arbeitskraft selbst kostet.

Der Wert der Arbeitskraft bestimmt sich bei Marx durch die gesellschaftlich notwendigen Kosten ihrer Reproduktion, einschließlich eines historisch und gesellschaftlich bestimmten Elements. Der Lohn ist die verwandelte Erscheinungsform dieses Werts beziehungsweise Preises der Arbeitskraft.

Während eines Teils des Arbeitstags erzeugen die Beschäftigten einen Wert, der dem Wert ihrer Arbeitskraft entspricht (notwendige Arbeit). Darüber hinaus leisten sie Mehrarbeit, deren Ergebnis als Mehrwert vom Kapital angeeignet wird.

Ausbeutung bezeichnet bei Marx deshalb nicht in erster Linie besonders schlechte Arbeitsbedingungen oder ungerechte Löhne, sondern das strukturelle Verhältnis, in dem unbezahlte Mehrarbeit angeeignet wird. Sie kann auch bei formal freiem Arbeitsvertrag und bei Bezahlung der Arbeitskraft zu ihrem Wert stattfinden.

Die vollständige Bewegung des industriellen Kapitals lässt sich entsprechend darstellen als:

\[ G-W\,(Pm,Ak)\;\dots\;P\;\dots\;W‘-G‘ \]

Dabei bezeichnen Pm die Produktionsmittel, Ak die Arbeitskraft und P den Produktionsprozess. Erst in diesem Prozess entsteht neuer Wert und damit die Möglichkeit des Mehrwerts.

Kapital als Herrschaftsverhältnis

Das Kapitalverhältnis ist zugleich ein gesellschaftliches Macht- und Herrschaftsverhältnis. Wer über die Produktionsmittel verfügt, entscheidet wesentlich über Investitionen, Organisation und Zwecke der Produktion sowie über die Verwendung des erwirtschafteten Überschusses.

Die Lohnabhängigen sind dagegen ökonomisch darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Der formal freie Arbeitsvertrag beruht somit auf einer gesellschaftlichen Ungleichheit hinsichtlich der Verfügung über Produktionsmittel.

Marx spricht in diesem Zusammenhang vom Kapital als einem gesellschaftlichen Verhältnis, das sich in Dingen darstellt. Maschinen, Fabriken und Geld erscheinen als selbstständige Träger wirtschaftlicher Macht, obwohl ihre Kapitalfunktion aus gesellschaftlichen Verhältnissen hervorgeht.

Darin liegt auch die Bedeutung seiner Analyse des Fetischcharakters ökonomischer Kategorien: Gesellschaftliche Beziehungen zwischen Menschen erscheinen als Eigenschaften und Beziehungen von Sachen.

Akkumulation und gesellschaftliche Dynamik

Kapital ist auf fortgesetzte Verwertung angewiesen. Konkurrenz und der Zwang zur Sicherung der Rentabilität treiben die Unternehmen dazu, Produktionsverfahren zu verändern, Arbeitsproduktivität zu steigern, neue Märkte zu erschließen und Mehrwert erneut zu investieren.

Dieser Prozess der Kapitalakkumulation verändert fortwährend die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion.

Zugleich entstehen Widersprüche: zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung, zwischen Produktivitätssteigerung und Beschäftigungssicherung, zwischen der Ausweitung der Produktion und den Bedingungen ihrer profitablen Verwertung.

Kapital ist damit bei Marx nicht nur eine ökonomische Kategorie, sondern ein Schlüsselbegriff zur Erklärung der historischen Dynamik kapitalistischer Gesellschaften.

Die zentrale Einsicht lautet: Nicht die Dinge besitzen von Natur aus Kapitalcharakter. Erst bestimmte gesellschaftliche Eigentums-, Produktions- und Herrschaftsverhältnisse machen sie zu Kapital. Diese Verhältnisse sind historisch entstanden und deshalb grundsätzlich auch veränderbar.


Begriffliche Einordnung

Für das Verständnis des Marxschen Kapitalbegriffs sind drei Unterscheidungen besonders wichtig:

Kapital und Reichtum: Nicht jeder Reichtum ist Kapital. Reichtum bezeichnet materielle oder gesellschaftlich verfügbare Güter und Möglichkeiten; Kapital bezeichnet eine bestimmte gesellschaftliche Form des Reichtums, deren Zweck die Verwertung ist.

Kapital und Produktionsmittel: Produktionsmittel sind stoffliche Voraussetzungen jeder Produktion. Kapital sind sie nur innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Produktionsverhältnisse.

Kapital und Kapitalismus: Kapital bezeichnet das gesellschaftliche Verhältnis und den Verwertungsprozess; Kapitalismus die Gesellschafts- und Produktionsweise, in der dieses Verhältnis die wirtschaftliche Entwicklung maßgeblich bestimmt.

Gerade diese Unterscheidungen verhindern, dass historisch entstandene gesellschaftliche Verhältnisse als natürliche und unveränderliche Bedingungen menschlichen Wirtschaftens erscheinen.


Zentrale Literatur

Primärliteratur

  • Marx, Karl (1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. In: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 23. Berlin: Dietz Verlag. Besonders S. 161–191 (Verwandlung von Geld in Kapital), S. 192–213 (Arbeitsprozess und Verwertungsprozess), S. 214–225 (konstantes und variables Kapital), S. 589–604 (einfache Reproduktion) sowie S. 640 ff. (allgemeines Gesetz der kapitalistischen Akkumulation). Online-Volltext.

  • Marx, Karl (1885): Das Kapital. Zweiter Band. Der Zirkulationsprozess des Kapitals. MEW 24. Berlin: Dietz Verlag. Besonders die Darstellung der Kreisläufe des Geldkapitals, produktiven Kapitals und Warenkapitals.

  • Marx, Karl (1894): Das Kapital. Dritter Band. Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion. MEW 25. Berlin: Dietz Verlag. Besonders S. 822–839, „Die trinitarische Formel“. Hier bestimmt Marx ausdrücklich das Kapital als gesellschaftliches Produktionsverhältnis und kritisiert seine Gleichsetzung mit Produktionsmitteln. Online-Text.

  • Marx, Karl (1849): Lohnarbeit und Kapital. MEW 6, S. 397–423. Eine vergleichsweise leicht zugängliche Einführung in das Verhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeit.

Weiterführende Literatur

  • Heinrich, Michael (2005): Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Stuttgart: Schmetterling Verlag. Systematische Einführung in Wert, Geld, Kapital, Mehrwert und Akkumulation.

  • Heinrich, Michael (2008): Wie das Marxsche Kapital lesen? Leseanleitung und Kommentar zum Anfang der Kapitalismuskritik. Stuttgart: Schmetterling Verlag. Zur begrifflichen Entwicklung der Marxschen Kategorien.

  • Mandel, Ernest (1968): Marxistische Wirtschaftstheorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Umfassende Darstellung marxistischer Wirtschaftstheorie.

  • Sweezy, Paul M. (1942): The Theory of Capitalist Development. New York: Oxford University Press. Deutsch: Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Ein klassischer Zugang zu Werttheorie, Akkumulation und Krisen.

  • Haug, Wolfgang Fritz u. a. (Hg.): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Hamburg: Argument Verlag. Besonders die einschlägigen Stichwörter zu Kapital, Kapitalakkumulation, Kapitalverhältnis und Kapitalismus.

Die Seitenangaben der MEW beziehen sich auf die verbreitete Dietz-Ausgabe. Die genannten Textstellen zur Verwandlung von Geld in Kapital und zum Kapital als gesellschaftlichem Verhältnis sind online nachvollziehbar.

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