Klassengesellschaft im Kapitalismus

Die kapitalistische Klassengesellschaft als historisch entstandene Gesellschaftsordnung

Klassengesellschaften existierten bereits lange vor dem Kapitalismus. Auch antike Sklavenhaltergesellschaften und feudale Gesellschaften waren durch ungleiche Eigentums-, Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse geprägt. Die kapitalistische Klassengesellschaft unterscheidet sich von früheren Klassengesellschaften jedoch grundlegend durch die besondere Form, in der gesellschaftliche Abhängigkeit, Ausbeutung und Herrschaft organisiert sind.

Während in feudalen Gesellschaften persönliche Abhängigkeiten, ständische Privilegien und rechtlich fixierte Herrschaftsverhältnisse dominierten, beruhen kapitalistische Klassenverhältnisse auf der formalen rechtlichen Freiheit und Gleichheit der Menschen bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Ungleichheit.

Die Lohnabhängigen sind persönlich frei, aber ökonomisch darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Die Eigentümer beziehungsweise Verfügungsberechtigten über Produktionsmittel können Arbeitskraft kaufen und sich den im Produktionsprozess erzeugten Mehrwert aneignen.

Die Besonderheit kapitalistischer Klassenherrschaft liegt darin, dass gesellschaftliche Abhängigkeit wesentlich durch ökonomische Verhältnisse vermittelt wird und nicht unmittelbar durch persönliche Herrschaft. Die Ausbeutung der Arbeitskraft vollzieht sich innerhalb formal freier Vertragsbeziehungen.


Die historische Entstehung der kapitalistischen Klassengesellschaft

Die kapitalistische Klassengesellschaft entstand nicht durch einen einmaligen historischen Umbruch, sondern in einem jahrhundertelangen Prozess. Mit der Ausbreitung von Warenproduktion und Handel, der Herausbildung kapitalistischer Unternehmen und der Auflösung feudaler Eigentums- und Abhängigkeitsverhältnisse veränderten sich die gesellschaftlichen Klassenstrukturen.

Eine entscheidende Voraussetzung war die von Marx untersuchte ursprüngliche Akkumulation: die Trennung großer Teile der Bevölkerung von ihren bisherigen Produktions- und Existenzmitteln, insbesondere von Grund und Boden. Dieser Prozess war vielfach mit Enteignung, kolonialer Expansion, Gewalt und staatlichen Eingriffen verbunden.

Mit der Industrialisierung seit dem späten 18. Jahrhundert entwickelte sich die kapitalistische Lohnarbeit zunehmend zur bestimmenden Form gesellschaftlicher Arbeit. Die industrielle Bourgeoisie und die moderne Arbeiterklasse wurden zu zentralen gesellschaftlichen Klassen.

Im 19. und 20. Jahrhundert veränderten Konzentration und Zentralisation des Kapitals, die Herausbildung großer Unternehmen, die zunehmende Bedeutung von Finanzkapital sowie die Ausweitung staatlicher Wirtschafts- und Sozialpolitik die kapitalistischen Klassenverhältnisse.


Wandel der Klassenstruktur ohne Aufhebung des Klassenverhältnisses

Die kapitalistische Klassengesellschaft hat sich seit der Industrialisierung erheblich verändert. Die Bedeutung industrieller Arbeit, der Ausbau des Dienstleistungssektors, die Zunahme qualifizierter Angestelltentätigkeiten und die Entwicklung öffentlicher Beschäftigung haben die gesellschaftliche Klassenstruktur ausdifferenziert.

Sozialstaatliche Sicherung, Tarifverträge, Mitbestimmung und politische Demokratisierung haben die Lebensbedingungen und Handlungsmöglichkeiten großer Teile der Bevölkerung verändert. Sie haben jedoch die grundlegende Trennung zwischen Kapital und Lohnarbeit nicht aufgehoben.

Auch die gegenwärtige Entwicklung durch Digitalisierung, globale Produktionsketten, Finanzialisierung und die Konzentration wirtschaftlicher Verfügungsmacht verändert die Erscheinungsformen kapitalistischer Klassenverhältnisse.

Die empirischen Untersuchungen sozialer Milieus von Michael Vester verdeutlichen, dass diese Veränderungen mit einer vielfältigen kulturellen und sozialen Differenzierung verbunden sind. Die historische Perspektive Edward P. Thompsons erinnert daran, dass Klassenverhältnisse stets gesellschaftlich hervorgebracht und verändert werden.


Klassengesellschaft und Demokratie

Ein grundlegender Widerspruch kapitalistischer Gesellschaften besteht im Nebeneinander politischer Gleichheit und wirtschaftlicher Ungleichheit.

Während demokratische Staatsordnungen gleiche politische Rechte gewährleisten sollen, bleiben die Verfügung über Produktionsmittel, Investitionsentscheidungen und wirtschaftliche Ressourcen gesellschaftlich ungleich verteilt.

Damit stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis demokratische Selbstbestimmung und privatwirtschaftliche Verfügungsmacht stehen und wie weit demokratische Mitbestimmung über die politische Sphäre hinausreichen kann.

Die kapitalistische Klassengesellschaft ist somit nicht lediglich eine Gesellschaft mit sozialen Unterschieden. Sie ist eine historisch entstandene Gesellschaftsordnung, in der Produktion, Aneignung gesellschaftlichen Reichtums und wirtschaftliche Verfügungsmacht durch das Kapitalverhältnis strukturiert werden.

Ihre konkreten Formen verändern sich historisch. Das grundlegende Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit bleibt jedoch für die kapitalistische Produktionsweise bestimmend.


Literatur zur kapitalistischen Klassengesellschaft

1. Marx und Engels – Grundlagen der kapitalistischen Klassenstruktur

Marx, Karl (1847): Das Elend der Philosophie. In: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 4. Berlin: Dietz Verlag, S. 63–182.

Marx, Karl (1852): Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEW, Bd. 8. Berlin: Dietz Verlag, S. 111–207.

Marx, Karl (1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band: Der Produktionsprozess des Kapitals. In: MEW, Bd. 23. Berlin: Dietz Verlag.

Marx, Karl (1894): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band: Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion. In: MEW, Bd. 25. Berlin: Dietz Verlag.

Marx, Karl / Engels, Friedrich (1848): Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd. 4. Berlin: Dietz Verlag, S. 459–493.

2. Historische Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus

Beckert, Sven (2014): King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus. München: C.H. Beck.

Beckert, Sven (2025): Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution. Hamburg: Rowohlt.

Hobsbawm, Eric J. (1980): Europäische Revolutionen 1789 bis 1848. München: Kindler.

Hobsbawm, Eric J. (1980): Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848–1875. München: Kindler.

Polanyi, Karl (1978): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Wood, Ellen Meiksins (2015): Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche. Hamburg: Laika Verlag.


3. Klassenstruktur und soziale Milieus im modernen Kapitalismus

Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Thompson, Edward P. (1987): Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. 2 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Vester, Michael / von Oertzen, Peter / Geiling, Heiko / Hermann, Thomas / Müller, Dagmar (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Wright, Erik Olin (2023): Warum Klasse zählt. Berlin: Suhrkamp.


4. Kapitalistische Klassenverhältnisse und Demokratie

Poulantzas, Nicos (1975): Politische Macht und gesellschaftliche Klassen. Frankfurt am Main: Athenäum.

Wood, Ellen Meiksins (2010): Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus. Köln: Neuer ISP Verlag.

 

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