Soziale Kompetenz/Identitätskompetenz
Soziale Kompetenz und Identität
Eigensinn, gesellschaftliche Fragmentierung und die Fähigkeit zu solidarischer Selbstbestimmung
Das Individuum ist ein gesellschaftliches Wesen
Menschen entwickeln ihre Identität nicht unabhängig von der Gesellschaft, in der sie leben. Was sie über sich selbst denken, welche Vorstellungen sie von ihren Möglichkeiten entwickeln, welche Erfahrungen sie machen und wie sie ihre Beziehungen zu anderen gestalten, ist untrennbar mit ihren gesellschaftlichen Lebensbedingungen verbunden. Identität entsteht weder ausschließlich aus individuellen Eigenschaften noch wird sie von außen vollständig bestimmt. Sie bildet sich in einem lebenslangen, widersprüchlichen Prozess der Auseinandersetzung zwischen Individuum und Gesellschaft.
Damit ist eine grundlegende Spannung angesprochen: Jeder Mensch ist ein unverwechselbares Individuum mit eigenen Erfahrungen, Bedürfnissen, Interessen und Vorstellungen. Zugleich ist er auf andere Menschen angewiesen, wächst in gesellschaftliche Beziehungen hinein und findet Bedingungen vor, die er nicht selbst geschaffen hat. Individuelle Selbstbestimmung ist deshalb niemals voraussetzungslos. Sie entwickelt sich innerhalb gesellschaftlicher Möglichkeiten und Beschränkungen.
Soziale Kompetenz beginnt mit der Fähigkeit, dieses Verhältnis wahrzunehmen und zu verstehen. Sie erschöpft sich weder in der Anpassung an soziale Erwartungen noch in der Beherrschung gesellschaftlich erwünschter Verhaltensweisen. Es geht darum, die eigene gesellschaftliche Existenz zu begreifen, Beziehungen zu anderen Menschen bewusst zu gestalten und die Bedingungen des Zusammenlebens kritisch beurteilen und verändern zu können.
In diesem Sinne ist soziale Kompetenz immer auch Identitätskompetenz. Oskar Negt bestimmt diese als Fähigkeit der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Christine Zeuner entwickelt diesen Gedanken weiter, indem sie Identität als lebenslange Arbeit des Individuums an seinem Verhältnis zu sich selbst und zur Gesellschaft beschreibt. Dabei geht es nicht allein um die Frage, wer ein Mensch ist, sondern ebenso darum, wie er geworden ist, was aus ihm werden kann und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen er sein Leben gestaltet.1
Eine solche Perspektive unterscheidet sich von Kompetenzvorstellungen, die vor allem auf individuelle Anpassungs- und Leistungsfähigkeit zielen. Nicht die möglichst reibungslose Eingliederung in vorgegebene gesellschaftliche Verhältnisse ist das Ziel, sondern die Fähigkeit, diese Verhältnisse zu verstehen, sich in ihnen selbstbestimmt zu bewegen und sie gemeinsam mit anderen zu verändern.
Identität als gesellschaftlicher Entwicklungsprozess
Identität ist kein unveränderlicher Besitz. Sie wird im Laufe des Lebens immer wieder neu hergestellt, bestätigt, infrage gestellt und verändert. Menschen entwickeln Vorstellungen davon, wer sie sind, indem sie eigene Erfahrungen verarbeiten, sich mit anderen vergleichen, Anerkennung erfahren oder Zurückweisung erleben. Sie übernehmen gesellschaftliche Erwartungen, grenzen sich von ihnen ab oder widersetzen sich ihnen.
Dabei sind individuelle und kollektive Identität miteinander verbunden. Menschen verstehen sich beispielsweise als Angehörige einer Familie, einer Generation, einer Berufsgruppe, einer sozialen Klasse oder einer kulturellen Gemeinschaft. Solche Zugehörigkeiten können Orientierung, Anerkennung und Sicherheit vermitteln. Sie können aber auch Erwartungen erzeugen, die individuelle Entfaltung begrenzen.
Identitätsbildung vollzieht sich deshalb in einem Spannungsverhältnis von Zugehörigkeit und Abgrenzung, Anerkennung und Selbstbehauptung, Kontinuität und Veränderung.
Die Vorstellung einer in sich geschlossenen, dauerhaft stabilen Identität wird diesem Prozess nicht gerecht. Menschen können unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen angehören, widersprüchliche Erfahrungen machen und verschiedene, teilweise miteinander konkurrierende Vorstellungen von sich selbst entwickeln. Solche Widersprüche müssen nicht Ausdruck einer Identitätskrise sein. Sie können vielmehr Voraussetzung für Reflexion, Lernen und persönliche Entwicklung werden.
Heiner Keupp beschreibt Identität als fortwährende, aktive Gestaltungsarbeit. Mit seinem Konzept der Patchwork-Identität wird deutlich, dass Menschen unterschiedliche Erfahrungen, Rollen und Zugehörigkeiten zu einem subjektiv sinnvollen Zusammenhang verbinden müssen.2
Diese individuelle Leistung darf allerdings nicht isoliert betrachtet werden. Nicht alle Menschen verfügen über dieselben Voraussetzungen, um ihre Identität zu entwickeln. Materielle Sicherheit, Bildung, soziale Anerkennung, kulturelle Teilhabe und gesellschaftliche Mitbestimmung sind ungleich verteilt. Auch die Möglichkeiten, sich Erwartungen zu widersetzen oder neue Lebensentwürfe zu verwirklichen, hängen wesentlich von der sozialen Stellung ab.
Wer über ausreichende Ressourcen verfügt, kann gesellschaftliche Veränderungen möglicherweise als Erweiterung seiner Handlungsmöglichkeiten erfahren. Wer dagegen von Arbeitsplatzverlust, Armut, Ausgrenzung oder dem Zerfall sozialer Beziehungen betroffen ist, erlebt dieselben Veränderungen unter Umständen als existenzielle Bedrohung.
Identitätsbildung ist damit immer auch eine Frage gesellschaftlicher Macht- und Verteilungsverhältnisse.
Eigensinn – die Fähigkeit, sich nicht vollständig vereinnahmen zu lassen
Ein zentraler Gedanke in Negts Verständnis von Identitätskompetenz ist der Eigensinn des Menschen.
Eigensinn meint hier nicht bloß Starrköpfigkeit oder die Weigerung, andere Sichtweisen anzuerkennen. Er bezeichnet vielmehr die Fähigkeit, eigene Erfahrungen, Bedürfnisse, Interessen und Vorstellungen gegenüber gesellschaftlichen Anforderungen zur Geltung zu bringen.
Menschen sind nicht nur Träger gesellschaftlich zugewiesener Rollen. Sie verfügen über eigene Erfahrungen, entwickeln eigene Deutungen ihrer Lebensverhältnisse und können Erwartungen zurückweisen, die ihren Bedürfnissen oder Überzeugungen widersprechen.
Dieser Eigensinn ist eine wesentliche Voraussetzung von Selbstbestimmung. Ohne ihn würde Identitätsbildung auf die Übernahme gesellschaftlich vorgegebener Vorstellungen reduziert.
Gerade in einer Gesellschaft, in der Flexibilität, Anpassungsbereitschaft und permanente Selbstoptimierung vielfach als selbstverständliche Anforderungen gelten, erhält diese Fähigkeit eine besondere Bedeutung.
Negt kritisiert gesellschaftliche Entwicklungen, in denen Menschen aus ihren bisherigen Lebenszusammenhängen herausgerissen werden, während ihre Anpassungsbereitschaft gefordert und ihr Eigensinn als Störung betrachtet wird. Identitätskompetenz wird unter solchen Bedingungen zu einer Fähigkeit, mit bedrohter oder gebrochener Identität umgehen zu können, ohne die eigene Selbstbestimmung preiszugeben.3
Damit verändert sich die Perspektive auf gesellschaftliche Anforderungen. Die Frage lautet nicht nur, ob Menschen fähig sind, sich an Veränderungen anzupassen. Zu fragen ist ebenso, wer diese Veränderungen herbeiführt, wessen Interessen sie dienen, welche Handlungsspielräume bestehen und ob die Betroffenen Einfluss auf ihre Gestaltung nehmen können.
Das zeigt sich beispielsweise in der Arbeitswelt. Wird von Beschäftigten verlangt, immer neue Arbeitsbedingungen, Leistungsanforderungen oder Arbeitsplatzverluste als unvermeidliche Folgen wirtschaftlicher Entwicklung hinzunehmen, erscheint Anpassungsfähigkeit als persönliche Tugend. Die gesellschaftlichen Ursachen und die Interessen, die solchen Veränderungen zugrunde liegen, treten in den Hintergrund.
Eigensinn kann hier bedeuten, eigene Erfahrungen ernst zu nehmen, die Zumutungen nicht als individuelles Versagen zu interpretieren und gemeinsam mit anderen nach Alternativen zu suchen.
Allerdings ist Eigensinn nicht bereits deshalb emanzipatorisch, weil jemand auf seiner eigenen Auffassung besteht. Er kann auch in Abschottung, Ressentiment oder die Verweigerung gegenüber anderen Menschen umschlagen. Entscheidend ist deshalb, ob individuelle Selbstbehauptung mit der Anerkennung anderer und mit solidarischer Handlungsfähigkeit verbunden wird.
Eine verwandte Perspektive findet sich bei Paulo Freire. Seine Pädagogik versteht Menschen nicht als passive Empfänger vorgegebenen Wissens, sondern als Subjekte, die ihre Lebenswirklichkeit kritisch erkennen und handelnd verändern können. Ausgangspunkt sind die Erfahrungen der Lernenden, die im Dialog aufgegriffen, befragt und auf gesellschaftliche Zusammenhänge bezogen werden.4
Eigensinn und kritisches Bewusstsein sind nicht identisch. Sie berühren sich jedoch dort, wo Menschen lernen, eigene Erfahrungen nicht bloß als individuelles Schicksal hinzunehmen, sondern als Ausgangspunkt gesellschaftlicher Erkenntnis und Veränderung zu begreifen.
Gesellschaftliche Fragmentierung und bedrohte Identität
Moderne Gesellschaften eröffnen vielfältige Möglichkeiten individueller Lebensgestaltung. Traditionelle Bindungen verlieren an Verbindlichkeit, unterschiedliche Lebensformen werden möglich, kulturelle Zugehörigkeiten vervielfältigen sich. Solche Entwicklungen können persönliche Freiheiten erweitern und neue Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens ermöglichen.
Diese gesellschaftliche Differenzierung ist jedoch von einer anderen Entwicklung zu unterscheiden: der Fragmentierung gesellschaftlicher Lebenszusammenhänge.
Fragmentierung bedeutet, dass soziale Beziehungen, gemeinsame Erfahrungsräume, kollektive Orientierungen und solidarische Bindungen geschwächt oder zerstört werden. Menschen erleben gesellschaftliche Entwicklungen zunehmend als voneinander getrennte individuelle Ereignisse, obwohl ihre Ursachen in gemeinsamen gesellschaftlichen Verhältnissen liegen.
Negt beschreibt die tiefgreifenden Veränderungen moderner Gesellschaften als Umbrüche, in denen vertraute Orientierungen und Lebenszusammenhänge ihre Stabilität verlieren. Solche Veränderungen können Menschen in Situationen bringen, in denen bisherige Erfahrungen nicht mehr ausreichen, um die eigene Lebenswirklichkeit zu verstehen und zukünftige Entwicklungen einzuschätzen.5
Die Gefährdung von Identität entsteht dabei nicht einfach aus der Vielfalt gesellschaftlicher Möglichkeiten. Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen Menschen mit Veränderungen konfrontiert werden und welche Möglichkeiten sie besitzen, diese zu beeinflussen.
Der Verlust eines Arbeitsplatzes kann beispielsweise weit mehr bedeuten als den Verlust des Einkommens. Mit ihm können soziale Beziehungen, berufliche Anerkennung, Alltagserfahrungen, Zukunftserwartungen und das Selbstverständnis eines Menschen infrage gestellt werden.
Wenn solche Erfahrungen zugleich als individuelles Scheitern interpretiert werden, verschärft sich die Bedrohung. Gesellschaftlich verursachte Probleme erscheinen als persönliche Defizite. Die Betroffenen sollen sich anpassen, ihre Qualifikationen verbessern, flexibler werden oder ihre Erwartungen reduzieren.
Damit wird gesellschaftliche Verantwortung auf das Individuum verlagert.
Zeuner arbeitet heraus, dass Menschen für eine gelingende Identitätsbildung auf materielle, soziale und kulturelle Ressourcen angewiesen sind. Werden gesellschaftliche Sicherungen abgebaut und Risiken individualisiert, verändern sich die Voraussetzungen von Identitätsentwicklung. Konkurrenz, Selbstoptimierung und Entsolidarisierung können die Fähigkeit schwächen, gemeinsame Interessen zu erkennen und kollektive Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.6
Gesellschaftliche Fragmentierung ist deshalb nicht allein ein Problem des sozialen Zusammenhalts. Sie betrifft die Voraussetzungen individueller Selbstbestimmung und demokratischer Handlungsfähigkeit.
Wer die eigene Lebenslage nur noch als persönliches Schicksal begreift, verliert möglicherweise den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Wer andere Menschen vor allem als Konkurrenten wahrnimmt, wird gemeinsame Interessen schwerer erkennen. Und wo kollektive Erfahrungen nicht mehr miteinander vermittelt werden, wird solidarisches Handeln erschwert.
Die Entwicklung sozialer Kompetenz muss daher auch darauf gerichtet sein, solche Trennungen zu erkennen und zu überwinden.
Zwischen Individualisierung und Solidarität
Individuelle Selbstbestimmung und gesellschaftliche Solidarität sind keine Gegensätze. Sie setzen einander vielmehr voraus, sofern Selbstbestimmung mehr bedeuten soll als die Durchsetzung eigener Interessen gegenüber anderen.
Menschen können ihre Fähigkeiten, Bedürfnisse und Vorstellungen nur innerhalb gesellschaftlicher Beziehungen entwickeln. Sie sind auf Anerkennung, Unterstützung, gemeinsame Ressourcen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe angewiesen.
Solidarität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht die Aufhebung individueller Unterschiede zugunsten einer vermeintlich homogenen Gemeinschaft. Sie entsteht vielmehr aus der Erkenntnis, dass Menschen trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Interessen gemeinsame gesellschaftliche Bedingungen teilen und aufeinander angewiesen sind.
Dabei dürfen gesellschaftliche Unterschiede und Interessengegensätze nicht ausgeblendet werden. Zwischen Beschäftigten und Unternehmensleitungen, zwischen Vermögenden und Menschen ohne materielle Sicherheiten oder zwischen gesellschaftlich privilegierten und ausgegrenzten Gruppen bestehen nicht nur unterschiedliche Sichtweisen, sondern auch ungleiche Möglichkeiten, Interessen durchzusetzen.
Solidarität setzt deshalb die Fähigkeit voraus, gesellschaftliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen, ohne reale Machtverhältnisse durch die Vorstellung einer konfliktfreien Gemeinschaft zu verdecken.
Soziale Kompetenz schließt damit die Fähigkeit ein, eigene Interessen zu formulieren, andere Perspektiven anzuerkennen, gesellschaftliche Interessengegensätze zu verstehen und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Diese Fähigkeit entsteht nicht automatisch durch soziale Nähe. Menschen können in denselben gesellschaftlichen Verhältnissen leben und dennoch gegeneinander handeln. Gemeinsame Erfahrungen müssen zunächst als solche erkannt, miteinander kommuniziert und auf gesellschaftliche Zusammenhänge bezogen werden.
Hier berührt sich soziale Kompetenz unmittelbar mit kommunikativer und politischer Kompetenz.
Identität, Anerkennung und gesellschaftliche Macht
Identität entsteht nicht nur durch Selbstwahrnehmung. Menschen sind darauf angewiesen, von anderen wahrgenommen und anerkannt zu werden. Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Anerkennung reicht weit über persönliche Wertschätzung hinaus.
Wer gesellschaftlich als leistungsfähig, nützlich, zugehörig oder respektabel gilt, wird nicht allein durch individuelle Eigenschaften bestimmt. Solche Zuschreibungen entstehen innerhalb historisch gewachsener Normen, Institutionen und Machtverhältnisse.
Sie können Menschen Handlungsmöglichkeiten eröffnen, aber ebenso begrenzen.
So werden bestimmte Lebensweisen als normal angesehen, während andere als abweichend erscheinen. Bestimmte Tätigkeiten erfahren hohe gesellschaftliche Anerkennung, andere werden geringgeschätzt, obwohl sie für das gesellschaftliche Zusammenleben unverzichtbar sind. Herkunft, Geschlecht, soziale Stellung, kulturelle Zugehörigkeit oder Erwerbsstatus können darüber entscheiden, welche Erwartungen an Menschen gerichtet und welche Möglichkeiten ihnen eingeräumt werden.
Soziale Kompetenz verlangt deshalb, gesellschaftliche Anerkennungsverhältnisse kritisch zu hinterfragen.
Es geht nicht allein darum, Anerkennung für die eigene Person zu gewinnen. Zu untersuchen ist ebenso, nach welchen Maßstäben Anerkennung verteilt wird, welche gesellschaftlichen Interessen und Machtverhältnisse darin zum Ausdruck kommen und welche Menschen systematisch ausgeschlossen oder abgewertet werden.
Damit verbindet sich die Frage nach den Möglichkeiten individueller Selbstbestimmung mit der Frage nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit.
Eine Gesellschaft, die Menschen formal gleiche Rechte zuspricht, ihnen aber höchst unterschiedliche materielle und soziale Voraussetzungen zur Wahrnehmung dieser Rechte bietet, ermöglicht nicht allen dieselben Chancen auf Selbstbestimmung.
Identitätskompetenz und Gerechtigkeitskompetenz sind deshalb eng miteinander verbunden. Während die eine die Entwicklung und Gefährdung individueller und kollektiver Identität in den Blick nimmt, richtet die andere ihre Aufmerksamkeit auf die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Anerkennung, Teilhabe und Selbstbestimmung verwirklicht oder verhindert werden.
Soziale Kompetenz im Zusammenhang der Gesellschaftskompetenzen
Soziale Kompetenz ist eine eigenständige Dimension des Konzepts der Gesellschaftskompetenzen. Ihr Gegenstand ist das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, insbesondere die Entwicklung individueller und kollektiver Identität unter historisch bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen.
Sie fragt danach, wie Menschen zu gesellschaftlichen Subjekten werden, wie sie Zugehörigkeit und Eigenständigkeit entwickeln, welche Bedeutung soziale Beziehungen für ihre Handlungsfähigkeit besitzen und wodurch diese Beziehungen gefährdet werden.
Damit berührt sie sämtliche anderen Kompetenzdimensionen, ohne in ihnen aufzugehen.
Die historische Kompetenz erschließt, wie individuelle und kollektive Identitäten entstanden sind, wie gesellschaftliche Zugehörigkeiten und Abgrenzungen historisch hervorgebracht wurden und weshalb bestehende Verhältnisse veränderbar sind. Sie eröffnet damit zugleich einen Möglichkeitsraum für andere Formen des Zusammenlebens.
Die kommunikative Kompetenz ermöglicht es, individuelle Erfahrungen auszudrücken, sie mit den Erfahrungen anderer in Beziehung zu setzen und gemeinsame Verständigungs- und Handlungsprozesse zu entwickeln. Ohne diese Vermittlung blieben Eigensinn und Identitätsarbeit weitgehend auf das Individuum beschränkt.
Die politische Kompetenz richtet den Blick auf gesellschaftliche Machtverhältnisse, demokratische Beteiligungsmöglichkeiten und die Fähigkeit, gemeinsame Interessen in politisches Handeln zu übersetzen. Sie fragt danach, unter welchen Bedingungen Menschen ihre Lebensverhältnisse kollektiv gestalten können.
Die ökonomische Kompetenz untersucht die materiellen Voraussetzungen von Identitätsentwicklung, die gesellschaftliche Organisation von Arbeit, die Verteilung von Ressourcen sowie die Auswirkungen ökonomischer Macht auf individuelle und kollektive Lebenszusammenhänge.
Kulturelle und interkulturelle Kompetenz befassen sich mit den symbolischen Formen, Wertvorstellungen und Deutungsmustern, durch die Menschen Zugehörigkeit herstellen, Unterschiede wahrnehmen und gesellschaftliche Identitäten entwickeln.
Die Gerechtigkeitskompetenz schließlich richtet sich auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen gleichberechtigter Anerkennung und Teilhabe. Sie macht sichtbar, wo Menschen durch soziale Ungleichheit, Diskriminierung oder die Vorenthaltung gesellschaftlicher Ressourcen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt werden.
Zeuner bezeichnet Identitätskompetenz als eine Grundlage für die Entwicklung und das Verständnis der anderen gesellschaftlichen Kompetenzen. Diese Einschätzung unterstreicht die Bedeutung der sozialen Dimension, ohne dass daraus eine hierarchische Überordnung über die anderen Kompetenzdimensionen folgen muss.7
Im hier entwickelten Konzept bilden historische und kommunikative Kompetenz das Rückgrat: Die historische Kompetenz erschließt das Gewordensein und die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Die kommunikative Kompetenz vermittelt individuelle Erfahrung und gesellschaftliche Praxis.
Soziale Kompetenz bezeichnet demgegenüber eine grundlegende Dimension des gesellschaftlichen Lebens selbst: das Werden, die Entwicklung und die Handlungsfähigkeit des Menschen als gesellschaftliches Subjekt.
Emanzipation als Ziel sozialer Kompetenz
Soziale Kompetenz kann nicht auf die Fähigkeit reduziert werden, sich in bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen angemessen zu verhalten. Ein solches Verständnis würde die gesellschaftlichen Bedingungen des Zusammenlebens weitgehend als gegeben voraussetzen.
Ein emanzipatorisches Kompetenzverständnis fragt dagegen, wie Menschen ihre eigenen Lebensbedingungen erkennen, beurteilen und gemeinsam mit anderen verändern können.
Emanzipation bedeutet dabei nicht die Befreiung des Individuums von allen gesellschaftlichen Bindungen. Sie zielt vielmehr auf die Überwindung solcher Abhängigkeiten und Herrschaftsverhältnisse, die individuelle und kollektive Selbstbestimmung verhindern.
Der Eigensinn des Menschen ist hierfür unverzichtbar. Er bewahrt die Möglichkeit, gesellschaftliche Erwartungen nicht einfach hinzunehmen, sondern sie an eigenen Erfahrungen, Bedürfnissen und Vorstellungen zu prüfen.
Eigensinn allein reicht allerdings nicht aus. Erst durch die Anerkennung anderer Menschen, die Reflexion gemeinsamer Lebensbedingungen und die Entwicklung solidarischer Beziehungen kann aus individueller Selbstbehauptung gesellschaftliche Handlungsfähigkeit entstehen.
Hier schließt die Argumentation erneut an Freire an. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswirklichkeit soll Menschen befähigen, gesellschaftliche Verhältnisse nicht als unveränderliches Schicksal wahrzunehmen. Sie sollen sich als Subjekte begreifen können, die Geschichte nicht nur erleiden, sondern mitgestalten.
Für soziale Kompetenz ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: Menschen müssen lernen können, ihre Eigenständigkeit zu entwickeln und zugleich die gesellschaftlichen Voraussetzungen dieser Eigenständigkeit zu verstehen.
Eine demokratische Gesellschaft benötigt deshalb nicht möglichst angepasste Individuen, sondern Menschen, die ihren Eigensinn bewahren, Unterschiede anerkennen, Widersprüche aushalten und bereit sind, gemeinsame Angelegenheiten solidarisch zu gestalten.
Soziale Kompetenz bezeichnet in diesem Sinne die Fähigkeit, sich selbst als gesellschaftliches Subjekt zu begreifen, die Bedingungen der eigenen Identitätsentwicklung kritisch zu reflektieren und individuelle Selbstbestimmung mit solidarischer gesellschaftlicher Praxis zu verbinden.
Ihr emanzipatorischer Gehalt liegt darin, gesellschaftliche Fragmentierung nicht nur individuell bewältigen zu helfen, sondern die Möglichkeiten ihrer Überwindung erkennbar und gestaltbar zu machen.
Anmerkungen und Belege
1 Identität als gesellschaftlicher Prozess. Christine Zeuner behandelt Identitätskompetenz als einen lebenslangen Entwicklungsprozess im Spannungsverhältnis von Selbst- und Fremdwahrnehmung, individuellen Ansprüchen und gesellschaftlichen Bedingungen. Sie knüpft ausdrücklich an Negts Bestimmung von Identitätskompetenz als Fähigkeit der Selbst- und Fremdwahrnehmung an (Negt 1993, S. 663). Vgl. Zeuner, Gesellschaftliche Kompetenzen, S. 65–73, insbesondere S. 67 und 71.
2 Identitätsarbeit und Patchwork-Identität. Zeuner greift auf Heiner Keupps sozialpsychologisches Konzept der Identitätsarbeit zurück. Identität wird darin nicht als feststehende Eigenschaft, sondern als fortwährende Leistung des Subjekts verstanden, unterschiedliche Erfahrungen und gesellschaftliche Anforderungen in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Vgl. Zeuner, S. 70 und 108–109; Keupp u. a., Identitätskonstruktionen.
3 Eigensinn und Anpassungsdruck. Die zentrale Textstelle findet sich bei Negt 2010, S. 224, wiedergegeben bei Zeuner, S. 72. Negt beschreibt, wie die gesellschaftliche Forderung nach Flexibilität in ihr Gegenteil umschlagen kann: Menschen verlieren ihre bisherigen Lebenszusammenhänge, sollen sich jederzeit anpassen und erfahren ihren Eigensinn als gesellschaftlich unerwünscht. Die weitergehende Verbindung von Eigensinn und solidarischer Selbstbestimmung ist eine konzeptionelle Ausarbeitung des vorliegenden Beitrags.
4 Paulo Freire und die Subjektwerdung. Der Bezug zu Freire ergibt sich aus dessen Kritik einer Bildung, die Lernende zu passiven Empfängern vorgegebenen Wissens macht. In seiner dialogischen, problemformulierenden Pädagogik werden die Erfahrungen der Lernenden zum Ausgangspunkt kritischer Bewusstseinsbildung. Die Verbindung zu Negts Eigensinn ist eine theoretische Annäherung, keine Behauptung begrifflicher Identität. Vgl. Freire, Pädagogik der Unterdrückten, insbesondere die Kapitel zur Kritik des Bankiers-Konzepts und zur dialogischen Bildung.
5 Gesellschaftliche Umbrüche und bedrohte Identität. Negt beschreibt die Erosion gewohnter gesellschaftlicher Strukturen und die daraus entstehenden Gefährdungen individueller Identität. Zeuner greift diese Überlegungen auf und verbindet sie mit der Bedeutung sozialer Bindungen für die Bewahrung von Identität. Vgl. Negt 2010, S. 213 und 223–224; Zeuner, S. 72–73 und 87–88. Die Unterscheidung zwischen gesellschaftlicher Differenzierung und desintegrativer Fragmentierung ist eine analytische Präzisierung des vorliegenden Beitrags.
6 Materielle, soziale und kulturelle Ressourcen. Zeuner betont unter Bezug auf Keupp, dass Identitätsentwicklung nicht allein von individuellen Fähigkeiten abhängt. Sie benötigt materielle Sicherheiten, soziale Netzwerke, gesellschaftliche Anerkennung und kulturelle Ressourcen. Die zunehmende Individualisierung gesellschaftlicher Risiken und die Schwächung solidarischer Sicherungen können Identitätsentwicklung gefährden. Vgl. Zeuner, S. 108–110.
7 Identitätskompetenz und gesellschaftliche Kompetenzen. Zeuner erläutert die Verbindungen zwischen Identitätskompetenz und den übrigen fünf Kompetenzdimensionen Negts auf S. 121–122. Sie verweist dabei auf Negts Metakompetenz des Herstellens gesellschaftlicher Zusammenhänge (Negt 2010, S. 217). Im Abschnitt zur Bildungspraxis bezeichnet sie Identitätskompetenz ausdrücklich als Grundlage für die Entwicklung und das Verständnis der anderen gesellschaftlichen Kompetenzen (Zeuner, S. 413). Das hier entwickelte Modell mit zwölf Kompetenzdimensionen nimmt diese Überlegungen auf, ordnet sie aber innerhalb einer erweiterten Konzeption neu.
Literatur
Freire, Paulo: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, verschiedene Ausgaben.
Keupp, Heiner u. a. (2002): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen: Steidl.
Negt, Oskar (2016): Versuch einer Ortsbestimmung der politischen Bildung. In: Hessische Blätter für Volksbildung, Heft 1, S. 10–20. Bibliografische Detailangaben noch prüfen.
Zeuner, Christine: Gesellschaftliche Kompetenzen. Insbesondere Kapitel 3.1, S. 65–122, und Kapitel 4.3.1, S. 409–413.
Soziale Kompetenz /Identitätskompetenz
Soziale Kompetenz
Identität, Eigensinn und Solidarität
Soziale Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit, sich selbst als gesellschaftliches Wesen zu begreifen, die Entwicklung der eigenen Identität in ihren sozialen Zusammenhängen zu verstehen und individuelle Selbstbestimmung mit solidarischer gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit zu verbinden.
Ihr Kern ist die Identitätskompetenz. Identität ist kein unveränderlicher Besitz, sondern entwickelt sich lebenslang im Spannungsverhältnis zwischen eigenen Erfahrungen, Bedürfnissen und Vorstellungen einerseits und gesellschaftlichen Erwartungen, Anerkennungsverhältnissen und Machtstrukturen andererseits. Dabei sind individuelle und kollektive Identität untrennbar miteinander verbunden.
Eine besondere Bedeutung besitzt der von Oskar Negt hervorgehobene Eigensinn: die Fähigkeit, eigene Erfahrungen und Interessen gegenüber gesellschaftlichen Anpassungsforderungen zur Geltung zu bringen. Eigensinn ist eine Voraussetzung von Selbstbestimmung, muss sich jedoch mit der Anerkennung anderer und solidarischem Handeln verbinden.
Gesellschaftliche Fragmentierung, Konkurrenz, Ausgrenzung und der Verlust sozialer Bindungen können Identität bedrohen. Soziale Kompetenz bedeutet deshalb nicht, sich solchen Verhältnissen möglichst reibungslos anzupassen. Sie schließt vielmehr ein, deren gesellschaftliche Ursachen zu erkennen, individuelle Krisenerfahrungen in größere Zusammenhänge einzuordnen und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Ihr emanzipatorisches Ziel ist die Fähigkeit, die eigene Identität auch unter widersprüchlichen Lebensbedingungen selbstbestimmt weiterzuentwickeln und gemeinsam mit anderen gesellschaftliche Verhältnisse zu gestalten und zu verändern.

