„Samstags gehört Vati mir“ – und heute?

Vom Wiederaufbau zur Teil-Rückeroberung der Zeit

Wie Gewerkschaften dem Kapital den Samstag abtrotzten

In den 1950er Jahren wurde mit der Einführung der Fünf-Tage-Woche ein gesellschaftlicher Fortschritt erkämpft, der weit über arbeitsrechtliche Fragen hinausging. Die Losung „Samstag gehört Vati mir“ brachte auf den Punkt, worum es ging: Zeit für Familie, Erholung, gesellschaftliche Teilhabe und ein Leben jenseits der Erwerbsarbeit.

Damals galt die Verkürzung der Arbeitszeit vielen Unternehmern als wirtschaftlich riskant. Heute erleben wir eine bemerkenswerte Umkehrung der Debatte. Unter Schlagworten wie „Flexibilisierung“, „Standortsicherung“ oder „Wettbewerbsfähigkeit“ werden längere Arbeitszeiten, die Aufweichung von Arbeitszeitgrenzen und die stärkere Verfügbarkeit von Beschäftigten erneut diskutiert.

Aus historischer Perspektive ist das bemerkenswert. Was einst als sozialer Fortschritt gefeiert wurde, erscheint heute manchem als Hindernis wirtschaftlicher Effizienz. Die Frage lautet deshalb nicht nur, wie Wohlstand geschaffen wird, sondern auch, wem die gewonnene Zeit gehört: den Menschen oder den Verwertungsinteressen der Ökonomie.

Wer die Kämpfe der 1950er Jahre kennt, erkennt darin eine alte Konfliktlinie wieder. Die Auseinandersetzung drehte sich damals wie heute nicht allein um Stunden und Löhne, sondern um die gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit selbst. Die Forderung „Samstag gehört Vati mir“ war letztlich ein demokratischer Anspruch auf Lebenszeit. Dass dieser Anspruch heute wieder unter Druck gerät, zeigt, dass soziale Errungenschaften niemals endgültig gesichert sind.

Arbeitszeitverkürzung als Ergebnis sozialer Kämpfe:
Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und die Machtfrage der Zeit (1945–1975)

Die Geschichte der Arbeitszeit in der Bundesrepublik Deutschland wird häufig als Erfolgsgeschichte des Wirtschaftswunders erzählt:(1) Erst Wiederaufbau, dann steigender Wohlstand, schließlich mehr Freizeit für alle. Eine historisch-materialistische Betrachtung rückt jedoch andere Zusammenhänge in den Mittelpunkt. Sie fragt nicht nach den Errungenschaften einer vermeintlich harmonischen Sozialpartnerschaft, sondern nach den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen, den Interessen der Klassen und den Konflikten um die Verfügung über Arbeitszeit.

Nach 1945 lag die westdeutsche Wirtschaft am Boden. Fabriken waren zerstört, Verkehrswege unterbrochen und Millionen Menschen kämpften um ihre materielle Existenz. In dieser Situation wurde die Arbeitskraft der Beschäftigten zur zentralen Ressource des Wiederaufbaus. Die gesetzliche 48-Stunden-Woche bei einer Sechs-Tage-Woche bildete den arbeitsrechtlichen Rahmen. Tatsächlich wurde häufig noch länger gearbeitet. Die enormen Produktivitätssteigerungen der Nachkriegszeit beruhten nicht nur auf technischem Fortschritt und Investitionen, sondern auch auf der intensiven Nutzung menschlicher Arbeitskraft.

Die dominante Erzählung vom „Wirtschaftswunder“ verdeckt dabei, dass der erwirtschaftete Wohlstand auf einer erheblichen Belastung der Beschäftigten beruhte. Während Unternehmen von steigenden Gewinnen profitierten, blieb die Verfügungsgewalt über die eigene Lebenszeit für die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter stark eingeschränkt. Arbeit diente zunächst der Existenzsicherung und der Wiederherstellung kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Fragen nach Selbstbestimmung, Freizeit oder Lebensqualität hatten gegenüber den Erfordernissen der Kapitalakkumulation nur geringe Bedeutung.

Erst mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er Jahre verschärfte sich der Konflikt um die Verteilung der Produktivitätsgewinne. Die zentrale Frage lautete: Wem gehört die durch technischen Fortschritt und Rationalisierung gewonnene Zeit? Soll sie in höhere Profite umgesetzt werden oder in eine Verkürzung der Arbeitszeit?

Die Gewerkschaften beantworteten diese Frage mit einer breit angelegten gesellschaftlichen Mobilisierung. Die Kampagne „Samstag gehört Vati mir“ war weit mehr als ein familienpolitischer Werbeslogan. Sie formulierte einen Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe jenseits der Erwerbsarbeit. Der Kampf um den freien Samstag war ein Kampf um die Rückgewinnung von Lebenszeit, die bislang dem Produktionsprozess unterworfen war.

Entscheidend ist dabei, dass die Fünf-Tage-Woche nicht das Ergebnis eines gesellschaftlichen Konsenses war. Sie wurde in langwierigen Tarifauseinandersetzungen gegen den Widerstand vieler Unternehmerverbände durchgesetzt. Vor allem die Gewerkschaften der Industrie, insbesondere die IG Metall, machten die Arbeitszeitverkürzung zu einem zentralen Feld sozialer Auseinandersetzung. Die Produktivitätszuwächse sollten nicht ausschließlich den Kapitaleigentümern zufallen, sondern teilweise in Form zusätzlicher Freizeit an die Beschäftigten zurückgegeben werden.

Mit der Durchsetzung der 40-Stunden-Woche in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren erreichte diese Entwicklung einen vorläufigen Höhepunkt. Die Verkürzung der Arbeitszeit bedeutete eine reale Verschiebung gesellschaftlicher Machtverhältnisse zugunsten der abhängig Beschäftigten. Sie schuf Räume für Familie, politische Beteiligung, Bildung, Kultur und Erholung. Die gewonnene Freizeit war damit nicht nur ein sozialer Fortschritt, sondern auch Ausdruck einer zeitweiligen Begrenzung der kapitalistischen Verwertung von Arbeitskraft.

Aus heutiger Perspektive erscheint diese Entwicklung jedoch keineswegs unumkehrbar. Seit den 1980er Jahren lässt sich eine Gegenbewegung beobachten. Unter den Schlagworten Flexibilisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Globalisierung werden Arbeitszeiten erneut entgrenzt. Digitale Kommunikation, Schichtmodelle, Wochenendarbeit und ständige Erreichbarkeit verschieben die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Die Frage, wem die gesellschaftlich erzeugten Produktivitätsgewinne zugutekommen, stellt sich erneut.

Die Geschichte der Arbeitszeitverkürzung zeigt daher vor allem eines: Sozialer Fortschritt entsteht nicht automatisch aus wirtschaftlichem Wachstum. Er ist das Ergebnis kollektiver Organisierung und gesellschaftlicher Konflikte. Die freie Zeit des Wochenendes, die heute oft als Selbstverständlichkeit erscheint, wurde von den Beschäftigten und ihren Gewerkschaften erkämpft. Sie bleibt damit auch ein Gradmesser gesellschaftlicher Machtverhältnisse.


1) Siehe dazu exemplarisch den Beitrag bei planet wissen. Hildegard Kriwet: Wirtschaftswunder. „Samstags gehört Vati mir“

„Nur noch die Älteren erinnern sich daran: In den fünfziger Jahren gab es für Arbeitnehmer keinen freien Samstag. Arbeiter, Angestellte und Beamte arbeiteten sechs Tage in der Woche täglich acht Stunden lang. Bei den 1.-Mai-Feiern 1954 spielte deshalb der Kampf um kürzere Arbeitszeiten eine zentrale Rolle. 40 Stunden und 5-Tage-Woche waren das Ziel, denn – so hieß es im Aktionsprogramm des Deutschen Gewerkschaftsbundes, das noch in jenem Jahr formuliert wurde:“

Beitrag von Renate Faerber-Husemann | 

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