Wandel durch Erziehung
Gefährdete Jugend zwischen Fürsorge, Selbstregulierung und demokratischer Verantwortung
Bettina Greffrath (1993)
Kinder und Jugendliche sind in den Jahren 1947 und (besonders) 1948 häufig Haupthandlungsträger. 1) Dieser Trend korrespondiert mit der Tendenz zu einer heiteren und optimistischen Lebenssicht in den Filmen. Kinder werden zu Stellvertretern einer Einstellung, die von den Erwachsenen zu diesem Zeitpunkt offenbar glaubhaft kaum verkörpert werden konnte. Ab Herbst 1948 spielen Kinder kaum noch eine dominante Rolle in den Filmen, bis zum Ende unseres Untersuchungszeitraumes zeigt nur noch der DEFA-Film DIE KUCKUCKS ungestüm lebensfrohe und zuversichtliche Kinder.
Im Jahr 1949 sind Jugendliche und junge Erwachsene als Hauptfiguren in anderer Konnotation von Bedeutung. Mindestens drei Spielfilme haben die Straffälligkeit als zentrales Motiv: Der DEFA-Spielfilm UND WENN’S NUR EINER WÄR und die Westproduktionen MARTINA und MÄDCHEN HINTER GITTERN. Zu diesem historischen Zeitpunkt war das Alltagsproblem der Jugendkriminalität und der sittlichen Gefährdung offenbar immer noch dringlich. Die Fürsorgeerziehung hatte sich – folgen wir den Ausprägungen dieses Motivs in den Filmen – bereits institutionalisiert, war aber in ihrer Form noch umstritten. Während frühere Spielfilme die Perspektiven für straffällig gewordene Kinder und Jugendliche häufig düster zeichneten, 2) verbindet sich 1949 dieses Motiv auf neue Weise mit einer Hoffnung: der Hoffnung auf Besserung und Wiedereingliederung in die Gemeinschaft.
Anmerkungen
1 Vgl. hierzu Abschnitt 5,2.2,1
2 Das Motiv der Straffälligkeit wird insgesamt sehr viel häufiger im Zusammenhang mit jungen Menschen als mit Erwachsenen gestaltet. Entwurzelte und in (zumeist kleinere) Straftaten involvierte Kinder (IRGENDW0 IN BERLIN, WEGE IM ZWIELICHT) oder Jugendliche (UND ÜBER UNS DER HIMMEL, MENSCHEN IN GOTTES HAND) kommen in den frühen Filmen nicht selten ums Leben.
Auszug aus: Bettina Greffrath: Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945-1949. Diss. Universität Hannover 1993, S. 491/492
[Orthographie aktualisiert und Anmerkungen an die Online-Veröffentlichung angepasst. D.E.]