Überzeugungstäter im Irrtum

„Anschauungen kann man revidieren, aber Ideale legt man nicht ab wie ein Hemd“

Bettina Greffrath (1993)

Begeisterung und aktive wie passive Unterstützung des NS-Regimes, ohne die die Etablierung und Festigung des Machtapparates der Nationalsozialisten nicht denkbar gewesen wäre, ist so gut wie nie Motiv und nur einmal Thema[1] in den neuen deutschen Spielfilmen. Im Überblick finden sich nur wenige Reflexionen, die zu diesem Aspekt der historischen Selbstsicht Stellung nehmen.

Typisch für diese Beurteilungen der NS-Ideologie und ihrer Verfechter erwies sich in den Analysen das Gefühl, betrogen, hintergangen, verführt worden zu sein. Typisch ist auch das Empfinden von Enttäuschung über die Menschen, die einen „in die Irre“ geführt haben. Sie zeigen sich in den Filmen zumeist als moralisch zweifelhafte, schwächliche Maskenträger.

Besonders junge Erwachsene, Jugendliche und Kinder werden im Konflikt zwischen dem in der NS-Zeit Erlernten und Vermittelten auf der einen Seite und Einsichten, Enttäuschungen und Erfahrungen in Kriegs- und Nachkriegszeit auf der anderen gezeigt. Sie, entlastet durch die „Gnade der späten Geburt“, führt eine ganze Reihe der untersuchten Spielfilme als Ankläger älterer Menschen vor.[2] Häufig jedoch erscheint dieser laute Protest fragwürdig, da er sich in den Filmgeschichten gegen Personen richtet, die alt und/oder geschwächt, sozusagen wehrlos oder zumindest (durch eine Schwerbeschädigung etwa) „bereits gestraft genug“ erscheinen. Die Anklagen bleiben in dieser Art von Figurenkonstellation zumeist pauschalisierend und abstrakt und wirken sehr häufig auch herzlos und brutal aus dem Mund eines gesunden, kräftigen jungen Menschen. Der Handlungskontext lässt den Vorwurf gegenüber der älteren Generation fast immer ungerecht, zumindest aber überzogen erscheinen. Kaum je kommt es in den Filmen zu einer offenen Verständigung über die jeweiligen Positionen oder zu klärenden Auseinandersetzungen.[3]

In UND ÜBER UNS DER HIMMEL wird z. B. (dramaturgisch und durch die Worte des Protagonisten Hans Richter) die Pauschal-Kritik an der Vätergeneration und der Hinweis auf die von ihnen zu verantwortende Vergangenheit durch die spezifische Zeichnung des Hauptanklägers, des Sohnes Werner, unterschwellig entkräftet. Seine abstrakten Ideale stoßen sich hart an der realitätsgerechter erscheinenden Haltung seines Vaters:

„Hans geht zu seinem Sohn Werner, der jetzt auf einem Kran arbeitet, und versucht, sich mit ihm auszusöhnen. Er zeigt Werner, wie virtuos man mit dem Kran umgehen kann, indem er mit ihm behutsam eine Arbeiterjacke von einem Lastkahn aufhebt.

Hans: Werner, wenn wir zwei uns nicht vertragen wollen, wer dann, mmh? (…) Ihr Jungs, ihr seid stur. Ihr wollt es immer besser wissen. Ich war auch ‚mal jung, du, ich war auch ‚mal jung (dabei tippt er sich mit dem Finger selbst heftig auf die Brust, dann beugt er sich vor und schlägt Werner auf die Schulter). (…)

Hans zeigt auf die Schaltknüppel des Krans: Also hiermit willst du mir beweisen, dass es auch anders geht.

Werner: Ja, ich bin glücklich, wenn ich hier morgens steh‘. (…)

Hans: (…) Ich hab‘ hier oben doch schon gestanden, als du dir noch in die Hosen gemacht hast.

Werner: Ja, dann wundert es mich, wieso du den Kran dann im Stich gelassen hast.

Hans: Ich ihn? Er mich! Als ich nach Haus kam, stand er auf Latschen. (…) Aber, Junge, was verstehst du denn schon vom Leben? Sicher, du warst verwundet, hast im Dreck gelegen. Aber jeden Morgen und jeden Mittag hieß es: Kaffeeholer ‚raus, Essenholer ‚raus. (…) Aber im Leben gibt’s keine Essenholer, du – da musst du selber seh’n, wo du dein Brot herholst.

Werner: Ich verdien‘ es mir doch, durch Arbeit, hier im Kran.

Hans: Ja, aber trocken Brot. Und damit du mir nicht umkippst. Damit du mir nicht schlapp machst, da hab ich mir gesagt, ich werd‘ dich ’n bisschen verwöhnen, werd dich großpäppeln. Ich hab’s doch nur gut gemeint. (Dabei legt er seine Hand auf Werners Arm.)

Werner: Mit uns hat man es immer nur gut gemeint. Darum mussten wir in ‚Krieg und darum sitzen wir jetzt im Elend. Und kaum rühr’n wir uns, da kommt man schon wieder und meint es gut mit uns. Ach, lasst uns doch endlich ‚mal zufrieden. Wir brauchen eure dreckige Klugheit nicht. (…)“[4]

Über die Haltung Hans Richters und seine Handlungen zur Zeit des Dritten Reiches ist im Film nichts zu erfahren. Der einzige Rückblick führt in harmonisch-nostalgischen Bildern in die Zeit vor 1933. Der positive Protagonist wird letztlich auch von der moralischen Schuld wegen seiner Schiebergeschäfte entlastet, weil er „das Gute wollte“. Seine Verfehlungen erscheinen lediglich als Irrtum.

Diese Handlungsbegründung fand die Themen- und Motivanalyse häufig auch dort, wo einmal vollverantwortliche Menschen als Mittäter und/oder überzeugte Parteigänger der Nationalsozialisten erscheinen. Eine der wenigen direkten Thematisierungen dieses Problemkreises, der unterschwellig in Filmmotiven vieler Spielfilme berührt wird, ist das Porträt einer Jugendgruppe im Film UND FINDEN DEREINST WIR UNS WIEDER. Diesem Film gilt deshalb die exemplarische Analyse dieses Abschnitts.

UND FINDEN DEREINST WIR UNS WIEDER (B, 1947)

Die Handlung dieses am 2. Dezember 1947 uraufgeführten, mit britischer Lizenz produzierten Spielfilms führt zurück in den März 1945. Auf einer alten Burg in Westfalen, einer ehemaligen Jugendherberge, leben dreißig evakuierte Jungen. Betreut werden sie von zwei Lehrern, Studienrat Bockendahl (Paul Dahlke) und Assessor Hoefer (Helmut Heyne). Diese überlegen, ob es richtiger sei, die Jungen zu ihren Eltern nach Berlin zurückzubringen oder in Westfalen den Ausgang des Krieges abzuwarten. Bockendahl ist für Berlin, Hoefer jedoch hat die Information, dass Berlin verteidigt werden soll, und rät ab.

Schließlich macht sich eine kleine Gruppe der Jungen, motiviert und angeführt von dem glühend-überzeugten Hitlerjungen Wolfgang (Lutz Moik) auf den Weg nach Berlin. Für Wolfgang ist sein ehemaliger Lehrer Paulke Vorbild und Leitbild zugleich.

Für meine Fragestellung erwiesen sich die folgenden Momente der Filmerzählung als besonders interessant: die spezifische Zeichnung des Verhältnisses zwischen Paulke und Wolfgang und die Auseinandersetzungen zwischen Paulke und dem Studienrat Bockendahl, sowie die Art und Weise der Zeichnung des jugendlichen Anführers, seine Erfahrungen und Einsichten. Alle drei Aspekte erfasst die zeitgenössische Inhaltsangabe nicht oder verharmlosend, wenn es z. B. heißt:

„Wolfgang wird Führer des Planes, sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Fünf Jungen entkommen mit ihm und treten den Rückmarsch nach Berlin an. Ihr erstes Ziel ist ein Lager bei Hannover, wo sich Studienassessor Paulke, der ständig heldische Ideale gepredigt hat, mit einer Gruppe Buben befindet. Sie glauben, dass Paulke sie nach Berlin führen wird, damit sie im Volkssturm für die Heimat kämpfen können. Doch sie haben sich geirrt – Paulke ist bereits dabei, sich in Sicherheit zu bringen.“[5]

Paulke erscheint in diesem Film als ein Täter – er ist der „Prediger heldischer Ideale“, der Demagoge, der ideologische Verführer. Die Bewertung dieses Täters erschließt sich insbesondere bei der genaueren Betrachtung zweier Gesprächsszenen:

  1. das Wiedersehen zwischen Wolfgang und seinem ehemaligen Lehrer Paulke;
  2. die Auseinandersetzung zwischen dem nach den Jungen suchenden Studienrat Bockendahl und Paulke.

Wolfgang, der fünf Jungen anführt, die ihm mehr aus persönlicher Anhänglichkeit als aus ideologisch-politischer Überzeugung folgen, möchte Paulke die Führung nach Berlin übergeben. Der junge Lehrer hatte immer propagiert, Berlin, „jedes Haus und jede Straße“ zu verteidigen. Wolfgangs Besuch ist Paulke jedoch eher unangenehm: „Wegen der Leute“, wie er sagt, hindert er Wolfgang schon beim Eintreten am Hitlergruß.

Ist Paulkes Einschätzung nun – im März 1945 sicherlich realistischer („Berlin ist verloren und wir alle“) –, so erscheint er im Film negativ als „Wendehals“. Gegenüber seinem ehemaligen Schüler Wolfgang streitet er nun all‘ das ab, womit er sich bisher gebrüstet hatte: seine SA-Mitgliedschaft „der ersten Stunde“, die Bekanntschaft mit Horst Wessel, die Teilnahme an Saalschlachten. Paulke sagt:

„Ich habe immer nur meine Pflicht getan. Parteimitglied war ich, aber nur gezwungen.“

Diese Sätze erschüttern sichtbar den jugendlichen Anführer der Gruppe. Er hält Paulke entgegen, die Jungen seien ihrem Lehrer nur gefolgt,

„(…) weil wir alle wussten, dass Sie durch dick und dünn geh’n würden mit dem Führer. Dass Sie das auch (betont, B.G.:) wirklich glaubten, was Sie uns sagten. Sie waren immer ehrlich.“[6]

Dass dieses Vorbild – aus Selbstschutz – die von ihm in der Vergangenheit propagierten Positionen und Ideale verleugnet, demonstriert die Filmerzählung vordergründig: Paulke gibt ausgerechnet seinem glühenden Verehrer Wolfgang ein Paket mit seiner SA-Uniform mit, die er unauffällig wegwerfen oder vernichten soll.

So indirekt wie Wolfgang greift auch Studienrat Bockendahl Paulke nicht wegen der früher vertretenen Ideale an, sondern wegen ihres „Verrats“. Als Paulke sich rechtfertigt, eine Schuld abstreitet, herrscht ihn Bockendahl an:

„Schuld – wer sonst ist schuld als Sie? Wer hat denn diese Vorstellungen in ihnen (den Jungen, B.G.) erweckt… Nur Sie und Ihresgleichen (…). Eine furchtbare Schuld ist das, die schrecklichste, die ich mir denken kann.“[7]

Im Anschluss an diesen mit äußerster Wut vorgebrachten Vorwurf entspinnt sich folgender Dialog:

„Paulke: Ich habe immer nur meine Pflicht getan.

Bockendahl: Ja, die Pflicht, immer die bequemste Ausrede. Vielleicht waren Sie wirklich einmal überzeugt … aber einer Idee noch zu dienen, wenn sie sich nur noch verbrecherisch auswirkt.

Paulke: Für diese Äußerung werden Sie sich verantworten, Kollege.

Bockendahl: Ja, eure ganze Weisheit: Denunzieren, Angst einjagen (…). Nichts verachte ich so wie Denunzianten. Haben Sie keine Angst, dass der Spieß einmal umgedreht wird? (Er sieht Paulke, der in altem Regenmantel, ungepflegt und kläglich wirkend, vor ihm steht, eindringlich an.) Vielleicht sind Sie gar kein schlechter Mensch gewesen, haben sogar eine Art Ideal gehabt. Wenn Sie wenigstens danach gelebt hätten, wenn Sie jetzt mit den Jungs wirklich nach Berlin gehen würden, ein Mann wie Sie, wie die kleinen Kerle kämpfen wollen. Dann hätte ich ja noch Achtung vor Ihnen gehabt. (…)

Paulke: Man kann von mir keinen Wahnsinn verlangen.

B.: Aber ihr habt ihn von anderen verlangt. Sie, der immer diese Ideale gepredigt hat, Sie sitzen hier (…). Anschauungen kann man revidieren, aber Ideale legt man nicht ab wie ein Hemd.“

Klagt Bockendahl in seinen Worten die Verführung der Jugend als das schwerste Verbrechen der Nationalsozialisten an, so bleibt die Beurteilung der Person Paulkes in dieser Szene in einer eigentümlichen Schwebe. Verurteilt wird die gewendete Haltung gegenüber den einst vertretenen politischen Zielen, die allerdings signifikant diffus als „Ideale“ gefasst sind. Kritisiert wird der „Mangel an Charakter“, seiner (ehemaligen) Überzeugung „treu“ zu bleiben. Die „Idee“ erscheint in den Äußerungen der positiv aufgebauten Autoritätsfigur Bockendahl nicht an sich schlecht, sie hat sich allerdings „verbrecherisch aus(ge)wirkt“. B. klagt sogar ein Festhalten an dieser Idee ein, obgleich diese Haltung, was auch von Paulke selbst erkannt wird, zu diesem Zeitpunkt einer Wahnsinnstat gleichkäme.

In Großaufnahme zeigt uns die Kamera am Ende dieser Szene noch einmal Bockendahl – mit weit aufgerissenen Augen, zerzaust und wütend:

„B.: Das haben Sie vorhin falsch verstanden. Ich werde Sie nicht denunzieren. Aber schweigen werde ich nicht. Ich werde nicht dulden, dass Ihnen jemals wieder eine einzige Klasse anvertraut wird.“[8]

Nicht noch einmal, so B., dürfe eine Generation „verpfuscht, belogen und dann (betont, B.G.) allein gelassen“ werden.

Eine abschließende Aufwertung erhält Paulke dann am Ende des Films UND FINDEN DEREINST WIR UNS WIEDER, als der Studienrat Bockendahl in einer Ansprache die Jungen im westfälischen Evakuierungslager über den Freitod ihres ehemaligen Lehrers informiert. Die Kamera erfasst den Sprecher aus einer leichten Obersicht, halbnah, sodass die Rücken der vor ihm stehenden Zuhörer mit in den Blickwinkel kommen:

„Herr Paulke ist nicht mehr – er hat sich selbst getötet. Ich weiß, dass ihr ihn geliebt habt. Aber er konnte wohl nur ein Vorbild sein in einer Zeit wie der, welche jetzt zu Ende geht. Weil er das wusste, hatte er auch den Mut, konsequent zu sein. Dann aber haben ihn eure fünf Kameraden beschämt. Vielleicht ist das auch ein Grund für seine Tat. Zu sterben für eine Idee kann gut sein. Zu leben aber, zu arbeiten für sein Volk, wo es jetzt die Hilfe jedes Einzelnen ganz besonders braucht, ist viel größer als der Tod.“[9]

Die „Konsequenz“, die Bockendahl Paulke zuvor mit kritischem Impetus abgesprochen hatte, kehrt nun posthum zu ihm zurück. Das Kapitel „Nationalsozialistisches Deutschland“ wird zugeschlagen, ohne dass der Film an irgendeiner Stelle zu einer substanziellen Kritik oder Analyse findet. Selbst die „Verführung“ der Jugend – häufiges inhaltliches Motiv der untersuchten Filme – erscheint am Ende von UND FINDEN DEREINST WIR UNS WIEDER lediglich dann problematisch, wenn sie durch eine ängstlich-schwankende und inkonsequente Person geschieht. Am Ende dieses Films steht als alte und neue Autorität Studienrat Bockendahl vor den Kindern und Jugendlichen. Er hält eine Ansprache, deren Duktus verrät, dass hier nur ein abstraktes, inhaltlich in keiner Weise diskutiertes Ideal durch ein neues, im Film ebenso abstrakt bleibendes, ersetzt wird.


Anmerkungen

[1] Vgl. hierzu die Analyse des Films ROTATION, Abschnitt 5.1.1.

[2] Z. B.: STRASSENBEKANNTSCHAFT, WEGE IM ZWIELICHT, UND ÜBER UNS DER HIMMEL.

[3] Vgl. hierzu auch Abschnitt 5.2.1.2.

[4] Eigenes Filmprotokoll nach Videokopie. (Zwar lässt sich der emotional heftig geäußerte Dissens zwischen Vater und Sohn noch nicht beilegen, doch ist Werners anschließender Vorwurf, sein Vater habe schon vor seiner Rückkehr Schiebergeschäfte gemacht und wolle sich nur ein schönes Leben machen, kraftlos. Die Filmerzählung hat Hans Richter vor Werners Rückkehr nur bei einer kleinen und listigen Transportaktion gesehen, bei der er sich zugleich ein paar Lebensmittel für den Eigenbedarf „organisiert“ hat.)

[5] O. O., u. J. (Materialsammlung zum Film, DIF).

[6] Alle Zitate und Beschreibungen dieses Films aus dem Filmprotokoll, das aufgrund einer Schneidetisch- und einer Video-Sichtung angefertigt wurde. Kleinere Wertungenauigkeiten sind unter anderem wegen des mangelhaften Tons möglich.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Filmprotokoll, gibt Dialog so genau wie erfassbar wieder. (Vgl. Anmerkung 6.) Kleinere Wortfehler sind möglich. Hervorhebungen: B.G.


Auszug aus: Bettina Greffrath: Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945-1949. Diss. Universität Hannover 1993, S. 261-268
[Orthographie aktualisiert und Anmerkungen an die Online-Veröffentlichung angepasst. D.E.]

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