Die Bedeutung der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) für das Konzept der Gesellschaftskompetenz

Gemeinsamkeiten, Anknüpfungspunkte – und eine grundlegende Differenz

Detlef Endeward (07/2026; aktualisiert: 09/2026)

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und das Konzept der Gesellschaftskompetenz haben vieles gemeinsam. Beide wenden sich gegen ein Bildungsverständnis, das Lernen auf die Aufnahme von Wissen oder die Vorbereitung auf berufliche Anforderungen reduziert. Menschen sollen Zusammenhänge verstehen, unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen, urteilen und verantwortlich handeln können.

Gerade deshalb lohnt es sich, Gemeinsamkeiten und Anknüpfungspunkte herauszuarbeiten. Dabei werden aber auch Unterschiede sichtbar. Einer davon ist grundlegend: BNE thematisiert Wirtschaft, Gesellschaft und deren notwendige Transformation, vermeidet jedoch weitgehend, die kapitalistische Produktionsweise selbst zum Gegenstand der Analyse zu machen. Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz ist sie dagegen konstitutiv.

BNE: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung

BNE nimmt die ökologischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen einer globalisierten Welt zum Ausgangspunkt. Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen bilden dafür einen wichtigen internationalen Orientierungsrahmen.

Bildung soll Menschen befähigen, die Folgen des eigenen und gesellschaftlichen Handelns zu erkennen, unterschiedliche Interessen und Perspektiven einzubeziehen und an einer nachhaltigen Entwicklung mitzuwirken. Die Deutsche UNESCO-Kommission hebt dabei unter anderem vorausschauendes Denken, interdisziplinäres Wissen, Partizipation und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit hervor.

Damit geht BNE weit über eine traditionelle Umweltbildung hinaus. Es geht nicht nur um Mülltrennung, Energiesparen oder individuelles Konsumverhalten. Nachhaltigkeit betrifft ökologische, soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Zusammenhänge.

Die entscheidende Frage lautet:

Wie können Menschen befähigt werden, Gegenwart und Zukunft nachhaltig zu gestalten?

Gesellschaftskompetenz: Gesellschaft verstehen, beurteilen und gestalten

Das Konzept der Gesellschaftskompetenz setzt an einem anderen Punkt an. Sein Ausgangspunkt ist nicht zunächst Nachhaltigkeit, sondern Gesellschaft selbst.

Gesellschaftskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, gesellschaftliche Verhältnisse in ihren Zusammenhängen wahrzunehmen, ihre historische Entstehung zu verstehen, Interessen und Machtverhältnisse zu erkennen, sie kritisch zu beurteilen und Möglichkeiten eigenen und gemeinsamen Handelns zu entwickeln.

Die zwölf Kompetenzdimensionen sind dabei keine voneinander isolierten Fähigkeiten. Sie funktionieren vielmehr wie unterschiedliche Linsen, durch die derselbe gesellschaftliche Gegenstand betrachtet werden kann:

philosophisch – kulturell – politisch/demokratisch – sozial – interkulturell – kommunikativ – medial – technologisch – ökonomisch – ökologisch – unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit – historisch.

Erst ihr Zusammenspiel ermöglicht Zusammenhangsdenken.

Ein großer gemeinsamer Bereich

Die Überschneidungen mit BNE sind deshalb erheblich. Ökologische Kompetenz fragt nach dem Verhältnis von Mensch und Natur und nach den Grenzen gesellschaftlicher Naturaneignung. Gerechtigkeitskompetenz thematisiert die Verteilung von Lebenschancen, Ressourcen, Belastungen und Risiken. Politische Kompetenz fragt nach Beteiligung und gesellschaftlicher Gestaltung. Ökonomische Kompetenz untersucht Produktion, Arbeit und Verteilung. Historische Kompetenz macht sichtbar, dass gegenwärtige Verhältnisse entstanden und deshalb grundsätzlich auch veränderbar sind.

Auch Kommunikation, Medien, Technik und Kultur gehören dazu. Eine sozial-ökologische Transformation findet schließlich nicht außerhalb gesellschaftlicher Kommunikation, technologischer Entwicklung oder kultureller Vorstellungen vom „guten Leben“ statt.

Beide Ansätze treffen sich deshalb in einem Bildungsverständnis, das sich verkürzt so beschreiben lässt:

Wahrnehmen → Verstehen → Zusammenhänge herstellen → Urteilen → Handeln.

Und beide benötigen Komplexitätsbewusstsein und Ambiguitätstoleranz. Gesellschaftliche Probleme haben selten einfache Ursachen und noch seltener Lösungen ohne Widersprüche und Interessenkonflikte.

Die entscheidende Differenz: Welche Gesellschaft?

An dieser Stelle reicht die Feststellung gemeinsamer Ziele allerdings nicht aus.

BNE spricht von ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen nachhaltiger Entwicklung, von Transformation, von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und von der Notwendigkeit struktureller Veränderungen. Sie kann durchaus kritisch auf bestehende Wirtschaftsweisen blicken.

Aber eine Frage bleibt häufig unterbelichtet:

In welcher Gesellschaft und unter welchen Produktionsverhältnissen soll diese Transformation eigentlich stattfinden?

„Wirtschaft“ erscheint dann leicht als ein gesellschaftlicher Teilbereich neben Politik, Ökologie und Sozialem. Damit bleibt offen, nach welchen Prinzipien diese Wirtschaft organisiert ist, wem Produktionsmittel gehören, wer über Investitionen entscheidet und welche Interessen aus diesen Eigentums- und Produktionsverhältnissen entstehen.

Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz kann diese Frage nicht ausgeblendet werden.

Kapitalistische Produktionsweise als gesellschaftlicher Zusammenhang

Die kapitalistische Produktionsweise ist dabei nicht einfach ein weiteres Thema für die ökonomische Kompetenz.

Sie bezeichnet einen gesellschaftlichen Zusammenhang, der weit über „die Wirtschaft“ hinausreicht. Private Verfügung über Produktionsmittel, Lohnarbeit, Produktion für Märkte, Konkurrenz, Profit und Kapitalverwertung beeinflussen die Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten. Sie stehen zugleich in Wechselwirkung mit Staat, Politik, Kultur, Technik, Medien und gesellschaftlichen Naturverhältnissen.

Deshalb gehören Politik und Ökonomie zu den grundlegenden Achsen der Gesellschaftskompetenz.

Die Fragen lauten dann:

Wer arbeitet – und unter welchen Bedingungen? Wer besitzt? Wer entscheidet über Investitionen? Wer verfügt über die Ergebnisse gesellschaftlicher Arbeit? Welche Interessen entstehen daraus? Wie werden Gewinne, Einkommen, Vermögen, Chancen und Risiken verteilt? Wer verfügt über gesellschaftliche und politische Macht?

Damit verschiebt sich auch die Nachhaltigkeitsfrage.

Nicht nur: Was wäre nachhaltig?

BNE kann fragen:

Wie können wir nachhaltig produzieren, konsumieren und leben?

Gesellschaftskompetenz muss darüber hinaus fragen:

Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen wird produziert und konsumiert?

Und weiter:

Warum wird ökologisch oder gesellschaftlich Notwendiges nicht getan, obwohl das Wissen darüber vorhanden ist? Welche Interessen stehen Veränderungen entgegen? Welche Bedeutung haben Eigentum, Renditeerwartungen und Konkurrenz? Wer müsste die Kosten einer Transformation tragen, wer würde von ihr profitieren? Wer kann entsprechende Entscheidungen treffen – und wer nicht?

Aus einem vermeintlich technischen Sachproblem wird damit ein gesellschaftlicher Interessen- und Konfliktzusammenhang.

Das lässt sich beispielsweise am Automobil besonders deutlich zeigen. Die Frage lautet nicht nur, welcher Antrieb weniger CO₂ verursacht. Sie betrifft ebenso die Interessen von Beschäftigten, Unternehmen und Eigentümern, Standortentscheidungen, Renditeerwartungen, globale Produktionsketten, staatliche Industriepolitik, Mobilitätsbedürfnisse und die Frage, ob individuelle Automobilität oder gesellschaftliche Mobilität den Ausgangspunkt bildet.

Nachhaltigkeit wird damit zu einer Frage gesellschaftlicher Gestaltung – und gesellschaftlicher Macht.

Ökologische Kompetenz: der Stoffwechsel von Mensch und Natur

Gerade an der ökologischen Kompetenz wird die Differenz deutlich.

Natur und Gesellschaft stehen nicht unabhängig nebeneinander. Menschen eignen sich Natur durch gesellschaftlich organisierte Arbeit an. Sie gewinnen Rohstoffe, produzieren Güter, verändern Landschaften, verbrauchen Energie und erzeugen Abfälle und Emissionen.

Wie dieser Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur organisiert wird, hängt von den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen ab.

Damit reicht es nicht, planetare Grenzen festzustellen. Zu untersuchen ist zugleich, welche Produktionsweise diese Grenzen beansprucht, welche ökonomischen Zwänge auf Unternehmen und Beschäftigte wirken und warum eine Wirtschaftsweise, die auf fortgesetzte Kapitalverwertung angewiesen ist, mit der Begrenztheit natürlicher Ressourcen in Konflikt geraten kann.

Die ökologische Frage wird so zugleich zu einer ökonomischen, politischen und sozialen Frage.

Historische Kompetenz: Es war nicht immer so

Hier kommt eine weitere Dimension hinzu, die im Konzept der Gesellschaftskompetenz besonderes Gewicht besitzt: die historische Kompetenz.

Gesellschaftliche Verhältnisse sind keine Naturverhältnisse. Auch die kapitalistische Produktionsweise ist historisch entstanden. Eigentumsordnungen, Arbeitsverhältnisse, Sozialstaat, Gewerkschaften, Unternehmen, Märkte und politische Institutionen haben eine Geschichte.

Historische Kompetenz verhindert deshalb, die Gegenwart als selbstverständlich hinzunehmen.

Sie fragt:

Wie ist das geworden? Welche Konflikte gingen voraus? Welche Alternativen gab es? Wer setzte sich durch? Was wurde erreicht? Was ging verloren?

Damit öffnet der Blick zurück zugleich den Blick nach vorn.

Was geworden ist, kann auch verändert werden.

Historisches Bewusstsein verbindet sich so mit Utopiefähigkeit.

Philosophische Kompetenz: Auch die Ziele befragen

Eine besondere Funktion besitzt schließlich die philosophische Kompetenz. Sie steht nicht lediglich als eine zwölfte Kompetenz neben den anderen, sondern kann gegenüber allen anderen Dimensionen eine reflexive Funktion übernehmen.

Denn auch Begriffe wie Nachhaltigkeit, Fortschritt, Wachstum, Wohlstand, Freiheit, Gerechtigkeit oder Verantwortung sind nicht selbstverständlich.

Was verstehen wir unter einem „guten Leben“? Ist Wirtschaftswachstum Voraussetzung für Wohlstand? Was soll wachsen – und was vielleicht schrumpfen? Was bedeutet Gerechtigkeit zwischen heutigen Menschen und zukünftigen Generationen? Welche Bedürfnisse sollen befriedigt werden? Wer entscheidet darüber?

Gesellschaftskompetenz bedeutet deshalb auch, die Maßstäbe des eigenen Urteilens zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen.

Demokratie, Resonanz und Selbstwirksamkeit

Die Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse darf allerdings nicht in der Erfahrung eigener Ohnmacht enden. Bildung benötigt die Erfahrung, dass eigenes Denken, gemeinsames Lernen und gesellschaftliches Handeln einen Unterschied machen können.

Hier besteht ein wichtiger Anknüpfungspunkt zwischen BNE und Gesellschaftskompetenz: Selbstwirksamkeit.

Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz verbindet sie sich mit Resonanz und demokratischer Erfahrung. Lernen braucht Beziehungen, Widerspruch, Zeit und Räume, in denen Menschen ihre Erfahrungen einbringen, Fragen entwickeln und gemeinsam nach Antworten suchen können.

Demokratie ist dabei nicht nur eine Staatsform, über deren Institutionen man etwas wissen sollte. Sie muss auch als Lebens- und Lernform erfahrbar werden.

Friedensfähigkeit als gesellschaftliche Kompetenz

Das gilt ebenso für Friedensbildung. Nachhaltige Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden lassen sich kaum voneinander trennen. Das BNE-Portal verweist selbst auf die Verbindung von BNE mit Friedenspädagogik, Globalem Lernen und Demokratiepädagogik.

Gesellschaftskompetenz erweitert auch hier die Perspektive. Konflikte sollen nicht nur erkannt und kommunikativ bearbeitet werden. Zu fragen ist ebenfalls nach ihren gesellschaftlichen Ursachen:

Welche Interessen treffen aufeinander? Welche Ungleichheiten bestehen? Wer verfügt über Macht und Ressourcen? Welche historischen Erfahrungen wirken fort? Welche Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktbearbeitung gibt es?

Friedensfähigkeit reicht damit von persönlichen und sozialen Konflikten bis zu gesellschaftlichen und internationalen Macht- und Herrschaftsverhältnissen.

BNE und Gesellschaftskompetenz – keine Stufenfolge

Deshalb wäre es missverständlich, die Beziehung so darzustellen:

SDGs → BNE → Gesellschaftskompetenz

Gesellschaftskompetenz ist keine um einige zusätzliche Fähigkeiten erweiterte BNE.

Treffender ist es, von zwei Ansätzen mit großen Überschneidungsbereichen, aber unterschiedlichen Ausgangspunkten zu sprechen.

BNE nimmt die Herausforderung nachhaltiger Entwicklung zum Ausgangspunkt. Gesellschaftskompetenz nimmt Gesellschaft in ihren historischen, politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Zusammenhängen zum Gegenstand.

Der entscheidende zusätzliche Schritt besteht darin, diese Gesellschaft nicht abstrakt zu lassen:

Gesellschaftskompetenz untersucht gesellschaftliche Wirklichkeit unter den Bedingungen einer kapitalistischen Produktionsweise. Deshalb gehören Arbeit und Kapital, Eigentum und Verfügungsmacht, Interessen und Verteilung sowie Macht und Herrschaft zu ihren konstitutiven Fragestellungen.

Damit wird BNE nicht zurückgewiesen. Im Gegenteil: Sie ist ein wichtiger Bezugspunkt für das Konzept der Gesellschaftskompetenz. Ihre Fragen nach Nachhaltigkeit, Zukunft, Verantwortung, Partizipation und Gestaltung werden aufgenommen.

Sie werden aber um eine Frage ergänzt, ohne die gesellschaftliche Transformation kaum verstanden werden kann:

Nicht nur: Wie wollen wir nachhaltig leben?
Sondern auch: Welche gesellschaftlichen Verhältnisse ermöglichen oder verhindern es?

Daraus ergibt sich als gemeinsamer Bildungsprozess:

Wahrnehmen → Verstehen → Zusammenhänge herstellen → kritisch urteilen → Alternativen denken → demokratisch handeln.

Und als Ziel nicht die Anpassung an eine vorgegebene Zukunft, sondern die Fähigkeit, Gesellschaft als historisch geworden, widersprüchlich und veränderbar zu begreifen – und an ihrer demokratischen, gerechten, friedlichen und ökologisch nachhaltigen Gestaltung mitzuwirken.

BNE als wichtiger Bezugspunkt – mit emanzipatorischem Anspruch

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist ein wichtiger Bezugspunkt des Konzepts der Gesellschaftskompetenz. Dieses erweitert die Perspektive um historische Kompetenz, kritische politische Ökonomie, Ideologie- und Medienkritik sowie die Analyse gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse.

Die kapitalistische Produktionsweise bildet dabei einen konstitutiven gesellschaftstheoretischen Bezugspunkt.

Ziel ist es, gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur zu verstehen und kritisch zu beurteilen, sondern demokratische Handlungsoptionen zu ihrer Überwindung und zur Gestaltung nachhaltiger, gerechter, friedlicher und solidarischer Gesellschaften zu entwickeln und zu reflektieren.


Gesellschaft verstehen – Herrschaftsverhältnisse erkennen – Alternativen denken – demokratisch handeln.

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