Die Deutsche Industrie und der Faschismus
Raub und Krieg – beste Gewinnaussichten!
Detlef Endeward (10/2024)
Das Verhältnis der deutschen Industrie zum Faschismus gehört zu den umstrittensten Fragen der zeitgeschichtlichen Forschung. In der wissenschaftlichen Diskussion reicht das Spektrum der Bewertungen von der Deutung der Industrie als Wegbereiterin des Faschismus über die Charakterisierung als Profiteurin bis hin zur Vorstellung der Unternehmen als Opfer politischer Zwangsmaßnahmen. Zentral für diese Debatte sind die gegensätzlichen Konzepte des „Primats der Politik“ und des „Primats der Ökonomie“, die zugleich die Pole der historiografischen Auseinandersetzung markieren.
Im Kern geht es dabei um das Verhältnis von Politik und Ökonomie in der kapitalistischen Gesellschaft sowie um die Interdependenzen zwischen Industrie, Staatsapparat und Partei im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Die Fragestellung ist nicht allein historischer Natur, sondern besitzt auch eine politisch-moralische Dimension, da sie die Beteiligung von Unternehmen und wirtschaftlichen Eliten an faschistischen Verbrechen sowie die Verantwortung handelnder Personen und Institutionen bis in die Gegenwart hinein berührt.
Industrie und Machtübernahme
Besonders umstritten ist die Rolle der deutschen Wirtschaft im Prozess der Machtübertragung beziehungsweise Machtübernahme durch die NSDAP im Jahr 1933. Während Teile der Forschung (gegenwärtig eher der mainstream) die Industrie eher als reaktiven Akteur beschreiben, der sich den politischen Verhältnissen anpasste, betonen andere Studien die aktive Unterstützung konservativer und industrieller Eliten, etwa durch finanzielle Zuwendungen, politische Netzwerke oder strategische Bündnisse zur Zerschlagung der Arbeiterbewegung. Diese Frage steht im Zentrum des Themenfeldes „Das Ende der Weimarer Republik – Bedingungen des Faschismus“, dem sich die Lernwerkstatt gesondert widmet.
Profiteure von Enteignung, Zwangsarbeit und Krieg
Unstrittig ist hingegen, dass zahlreiche deutsche Unternehmen massiv von der faschistischen Verfolgungs- und Kriegspolitik profitierten. Die sogenannte „Arisierung“ jüdischen Eigentums führte zur systematischen Enteignung jüdischer Unternehmerinnen und Unternehmer, von der große wie kleine Firmen unmittelbar profitierten. Ebenso unbestreitbar ist, dass zentrale Rüstungs- und Chemiekonzerne, darunter insbesondere die IG Farben, durch Aufrüstung, Kriegsproduktion und den Einsatz von Zwangs- und KZ-Häftlingsarbeit enorme Gewinne erzielten.
Die IG Farben nahm dabei eine Schlüsselrolle ein: Als größter Chemiekonzern Europas war sie unverzichtbar für die Kriegsvorbereitung und Kriegsführung des Deutschen Reiches. Ihre Produktion von synthetischem Benzin, Kautschuk (Buna), Sprengstoffen und Giftgasen bildete eine zentrale Voraussetzung für die militärische Expansion. Der Bau und Betrieb des Werkes Auschwitz-Monowitz steht exemplarisch für die Verflechtung von industrieller Rationalität, staatlicher Gewalt und massenhaftem Mord. Millionen Menschen kamen durch die Produkte, Produktionsbedingungen und politischen Entscheidungen, an denen die IG Farben beteiligt war, ums Leben.
Transnationale Wirtschaftsbeziehungen im Krieg
Kontrovers diskutiert werden zudem die teilweise bis weit in den Krieg hinein fortbestehenden Geschäftsbeziehungen deutscher Unternehmen mit ausländischen, insbesondere US-amerikanischen Konzernen. Diese Kooperationen werfen grundlegende Fragen nach den Grenzen politischer Loyalität und der Logik kapitalistischer Profitmaximierung auf. Ob diese Beziehungen als pragmatische Notwendigkeit, Ausdruck wirtschaftlicher Autonomie oder als „business as usual“ im Sinne eines Profits über alle moralischen und politischen Grenzen hinweg zu deuten sind, bleibt Gegenstand der Forschung.
Filmische Auseinandersetzungen und erinnerungskulturelle Leerstelle
Auffällig ist, dass es nur sehr wenige filmische Auseinandersetzungen mit der Rolle der deutschen Industrie im Nationalsozialismus gibt. Während der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistischen Verbrechen insgesamt intensiv medial behandelt werden, bleiben wirtschaftliche Strukturen, Unternehmensverantwortung und Profiteure häufig im Hintergrund. Die Lernwerkstatt konzentriert sich daher exemplarisch auf Filme zur IG Farben, um von diesem Fall ausgehend struktur- und sozialgeschichtliche Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Ziel ist es, auf historische Sachverhalte hinzuweisen, die in der öffentlichen politischen Diskussion der Gegenwart häufig marginalisiert oder vergessen werden: die ökonomischen Voraussetzungen von Diktatur und Krieg, die Handlungsspielräume wirtschaftlicher Akteure und die langfristigen Kontinuitäten wirtschaftlicher Macht. Die Auseinandersetzung mit der IG Farben steht dabei nicht nur für ein einzelnes Unternehmen, sondern für ein System, in dem Raub, Krieg und Gewinnstreben eng miteinander verbunden waren.



