Das Politische als gesellschaftliches Schlüsselproblem

Warum politische Kompetenz eine eigenständige Dimension der Gesellschaftskompetenz ist

Der politische Mensch, gesellschaftliche Schlüsselprobleme und die Grundlagen demokratischer Handlungsfähigkeit

Der folgende Beitrag vertieft die theoretische Begründung des Basisbeitrags „Politische Kompetenz“ im Konzept der Gesellschaftskompetenz der Lernwerkstatt Film und Geschichte.


Politische Kompetenz gesellschaftlich begründen

Im Konzept der Gesellschaftskompetenz wird politische Kompetenz als eine von zwölf miteinander verbundenen Dimensionen bestimmt. Gemeinsam mit der ökonomischen Kompetenz bildet sie eine der beiden Basiskompetenzen. Diese Stellung ergibt sich nicht allein aus der besonderen Bedeutung politischer Entscheidungen oder demokratischer Beteiligung. Sie bedarf einer gesellschaftstheoretischen Begründung.

Der Basisbeitrag zur politischen Kompetenz beschreibt bereits deren wesentliche Bestandteile: Rechtsbewusstsein und Menschenrechte, Partizipationsfähigkeit, demokratische Handlungsfähigkeit, Ideologiekritik und die Auseinandersetzung mit kultureller Hegemonie. Er unterscheidet Demokratie als Verhaltensweise, Lebensform und Staatsform und verortet politische Kompetenz im Zusammenhang der übrigen Kompetenzdimensionen.

Die vorliegende Vertiefung setzt diese Bestimmungen voraus. Sie fragt nach ihrer theoretischen Grundlage:

Warum bedarf ein Konzept, das insgesamt auf gesellschaftliche Urteils- und Handlungsfähigkeit ausgerichtet ist, einer eigenständigen Dimension politischer Kompetenz?

Diese Frage ist keineswegs selbstverständlich zu beantworten. Wenn alle gesellschaftlichen Kompetenzen dazu beitragen sollen, dass Menschen ihre Lebensverhältnisse verstehen, beurteilen und verändern können, könnte politische Kompetenz als übergreifendes Ergebnis ihres Zusammenwirkens erscheinen. Eine eigenständige Dimension wäre dann möglicherweise überflüssig.

Gerade die Auseinandersetzung mit Oskar Negts Verständnis des politischen Menschen und Christine Zeuners Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Kompetenzen macht jedoch deutlich, weshalb diese Schlussfolgerung zu kurz greift.

Negt verortet den politischen Menschen in seinen gesellschaftlichen Lebensverhältnissen. Politische Mündigkeit entsteht nicht unabhängig von den Bedingungen, unter denen Menschen leben, arbeiten und gesellschaftliche Erfahrungen machen. Seine sechs gesellschaftlichen Kompetenzen sind auf grundlegende gesellschaftliche Schlüsselprobleme bezogen, deren Verständnis Voraussetzung gesellschaftlicher Urteils- und Handlungsfähigkeit ist.1

Zeuner greift diese Perspektive auf und entwickelt sie weiter, indem sie gesellschaftliche Kompetenzen ausdrücklich als Grundlagen politischen Handelns bestimmt.2

Das hier entwickelte Konzept knüpft daran an, unterscheidet jedoch zwischen politischer Handlungsfähigkeit als übergreifendem Ziel der Gesellschaftskompetenz und politischer Kompetenz als einer spezifischen Dimension gesellschaftlicher Erkenntnis und Praxis.

Diese Unterscheidung bildet den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen.


Der politische Mensch – Politik beginnt nicht erst beim Staat

Oskar Negts politischer Mensch ist nicht mit dem Staatsbürger gleichzusetzen, der seine Rechte kennt, politische Institutionen versteht und an Wahlen teilnimmt.

Er ist zunächst ein gesellschaftliches Wesen. Seine Erfahrungen, Interessen, Bedürfnisse und Handlungsmöglichkeiten entstehen innerhalb bestimmter historischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Verhältnisse. Menschen sind diesen Verhältnissen nicht nur unterworfen. Sie reproduzieren sie durch ihre alltägliche Praxis und können sie durch gemeinsames Handeln verändern.

Das Politische ist deshalb nicht auf den institutionell abgegrenzten Bereich staatlicher Entscheidungen zu reduzieren. Es betrifft die gesellschaftliche Organisation gemeinsamer Lebensbedingungen, die Austragung von Interessenkonflikten, die Verteilung von Macht und die Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbstbestimmung.3

Politische Mündigkeit bedeutet unter diesen Voraussetzungen mehr als die Fähigkeit, sich innerhalb einer bestehenden politischen Ordnung zurechtzufinden. Sie setzt voraus, die gesellschaftlichen Bedingungen dieser Ordnung und die eigenen Handlungsmöglichkeiten innerhalb dieser Verhältnisse zu erkennen.

Wer politische Entscheidungen beurteilen will, muss auch fragen können, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sie entstehen, welche Interessen in ihnen wirksam werden und welche Alternativen möglich wären.

Damit wird eine grundlegende Verschiebung vorgenommen: Ausgangspunkt politischer Kompetenz sind nicht die Anforderungen des politischen Systems an seine Bürgerinnen und Bürger, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen Menschen leben und handeln.

Die Fähigkeit zur politischen Orientierung ist deshalb nicht allein auf die Kenntnis bestehender Institutionen gerichtet. Sie umfasst auch die Möglichkeit, deren historische Entstehung, gesellschaftliche Voraussetzungen und Veränderbarkeit zu untersuchen.

Diese Perspektive verhindert zugleich, politische Kompetenz auf eine bloße Anpassungsfähigkeit an bestehende Verhältnisse zu reduzieren.


Demokratie als gesellschaftliche Lebensform

Aus diesem Verständnis des politischen Menschen ergibt sich eine weitreichende Konsequenz für den Demokratiebegriff.

Negts Demokratieverständnis beschränkt sich nicht auf die institutionelle Staatsform. Ihre Lebendigkeit hängt davon ab, ob Menschen demokratische Selbstbestimmung in ihren gesellschaftlichen Lebensverhältnissen erfahren und praktizieren können.

Demokratie als Lebensform ist deshalb keine bloße Ergänzung der parlamentarischen Demokratie durch freundliche Umgangsformen oder gesellschaftliches Engagement. Sie verweist auf die Frage, in welchem Umfang Menschen tatsächlich über die Bedingungen ihres Lebens mitentscheiden können.

Das betrifft die Arbeitswelt ebenso wie das Gemeinwesen, die Organisation öffentlicher Einrichtungen ebenso wie die Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen. Demokratie als Lebensform berührt damit notwendigerweise auch die ökonomischen Machtverhältnisse.4

Wenn Negt betont, Demokratie müsse gelernt werden, ist damit mehr gemeint als die Aneignung institutioneller Kenntnisse oder demokratischer Verfahrensregeln.

Demokratische Handlungsfähigkeit entwickelt sich in gesellschaftlichen Erfahrungen, Auseinandersetzungen und Bildungsprozessen. Gleichzeitig setzt ihre Entwicklung gesellschaftliche Möglichkeiten demokratischer Praxis voraus.

Hier besteht ein wechselseitiges Verhältnis: Menschen lernen Demokratie, indem sie demokratisch handeln können; demokratische Verhältnisse wiederum sind auf Menschen angewiesen, die zur demokratischen Gestaltung fähig sind.

Demokratische Verhaltensweisen allein gewährleisten jedoch noch keine demokratischen Lebensverhältnisse. Und demokratische Staatsinstitutionen heben gesellschaftliche Abhängigkeiten und ungleiche Machtverhältnisse nicht automatisch auf.

Die im Basisbeitrag vorgenommene Unterscheidung von Demokratie als Verhaltensweise, Lebensform und Staatsform bezeichnet deshalb keine drei voneinander unabhängigen Bereiche. Sie eröffnet vielmehr unterschiedliche Perspektiven auf einen gesellschaftlichen Zusammenhang.

Demokratische Selbstbestimmung kann durch staatliche Institutionen rechtlich gewährleistet und zugleich durch gesellschaftliche Machtverhältnisse praktisch begrenzt werden. Sie kann im alltäglichen Zusammenleben eingeübt werden, ohne dass dadurch bereits demokratische Mitbestimmung über wirtschaftliche und politische Grundentscheidungen erreicht wäre.

Politische Kompetenz muss deshalb auch die Fähigkeit umfassen, die gesellschaftlichen Voraussetzungen, Widersprüche und Grenzen demokratischer Selbstbestimmung zu erkennen.

Darin liegt eine wesentliche Konsequenz von Negts Verständnis des politischen Menschen und der Demokratie als Lebensform.


Gesellschaftliche Schlüsselprobleme und die Begründung von Kompetenzdimensionen

Gesellschaftliche Kompetenzen sind Antworten auf gesellschaftliche Probleme

Für die Begründung einer eigenständigen politischen Kompetenz ist ein weiterer Gedanke Negts von grundlegender Bedeutung: Seine sechs gesellschaftlichen Kompetenzen sind nicht als beliebig zusammengestellte Fähigkeiten konzipiert. Sie beziehen sich auf gesellschaftliche Schlüsselprobleme, deren Bewältigung für die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung der Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist.5

Die Auswahl der Kompetenzbereiche folgt damit nicht in erster Linie einer fachwissenschaftlichen Systematik oder einem Katalog individueller Eigenschaften. Sie orientiert sich an gesellschaftlichen Problemlagen, die Menschen betreffen und deren Verständnis unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Erkenntnis verlangt.

Historische Kompetenz ist erforderlich, weil gesellschaftliche Verhältnisse nur verstanden werden können, wenn ihre Entstehung und Veränderbarkeit erkennbar werden.

Ökonomische Kompetenz ist erforderlich, weil Produktion, Verteilung, Arbeit und wirtschaftliche Macht grundlegende Bedingungen gesellschaftlicher Lebensverhältnisse bilden.

Ökologische und technologische Kompetenz erschließen gesellschaftliche Entwicklungen, deren Folgen weit über individuelle Entscheidungen hinausreichen.

Identitäts- und Gerechtigkeitskompetenz betreffen grundlegende Fragen menschlicher Selbstbestimmung, sozialer Beziehungen und gesellschaftlicher Ungleichheit.

Die Kompetenzdimensionen ergeben sich somit aus unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen gesellschaftlichen Problemzusammenhängen.

Zeuner führt diesen Ansatz weiter, indem sie die sechs Kompetenzen in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang untersucht und als Grundlagen politischen Handelns ausarbeitet.2

Daraus ergibt sich ein wichtiges Kriterium für die Erweiterung des Kompetenzkonzepts: Eine zusätzliche Dimension ist nicht bereits deshalb begründet, weil ein bestimmter Bildungsbereich oder ein gesellschaftliches Thema als wichtig erscheint. Sie muss einen eigenständigen gesellschaftlichen Problemzusammenhang erschließen, der durch die vorhandenen Dimensionen nicht hinreichend erfasst wird.

Das Politische als gesellschaftliches Schlüsselproblem

Unter diesem Gesichtspunkt wird die Notwendigkeit einer eigenständigen politischen Kompetenz besonders deutlich.

Die Frage, wie gesellschaftliche Macht organisiert, Herrschaft legitimiert, Interessen durchgesetzt, Konflikte ausgetragen und gemeinsame Lebensbedingungen gestaltet werden, gehört zu den grundlegenden Schlüsselproblemen gesellschaftlicher Entwicklung.

Das Politische ist dabei nicht lediglich ein Bereich neben anderen. Politische Entscheidungen wirken auf sämtliche gesellschaftlichen Lebensbereiche ein. Zugleich entstehen politische Konflikte aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen selbst.

Das Verhältnis von gesellschaftlicher Macht und demokratischer Selbstbestimmung bildet deshalb einen eigenständigen Problemzusammenhang.

Wer entscheidet über die Nutzung gesellschaftlicher Ressourcen? Wer verfügt über Produktionsmittel und wirtschaftliche Macht? Wer kann politische Entscheidungen beeinflussen? Welche Interessen finden Gehör, welche bleiben ausgeschlossen? Welche Möglichkeiten besitzen Menschen, ihre gemeinsamen Angelegenheiten selbst zu bestimmen?

Solche Fragen lassen sich nicht allein durch ökonomische, historische oder kulturelle Kompetenz beantworten. Sie verlangen eine spezifisch politische Perspektive.

Dabei geht es nicht nur um die Funktionsweise bestehender Institutionen, sondern auch um deren gesellschaftliche Voraussetzungen, um Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessen und um die Möglichkeiten einer Demokratisierung gesellschaftlicher Verhältnisse.

Gerade Negts Verständnis von Demokratie als Lebensform verweist darauf, dass die Organisation gesellschaftlicher Macht und die Verwirklichung demokratischer Selbstbestimmung nicht auf den Staat begrenzt werden können.

Wenn gesellschaftliche Schlüsselprobleme die Grundlage für die Bestimmung von Kompetenzdimensionen bilden, dann ist die politische Organisation gesellschaftlicher Verhältnisse selbst ein solches Schlüsselproblem.

Daraus lässt sich die eigenständige Dimension politischer Kompetenz begründen, ohne die gesellschaftliche Orientierung des gesamten Kompetenzkonzepts aufzugeben.

Die Erweiterung des Konzepts der Lernwerkstatt ist insofern keine Abkehr von Negts Ansatz. Sie nimmt dessen Begründungsprinzip auf und wendet es auf einen Problemzusammenhang an, der in seinen sechs Kompetenzen zwar durchgehend präsent ist, aber nicht als eigenständige Dimension ausgewiesen wird.


Gesellschaftliche Kompetenzen als Grundlagen politischen Handelns

Von gesellschaftlicher Erfahrung zur politischen Praxis

Wenn politisches Denken und Handeln gesellschaftlich konstituiert sind, können die dafür erforderlichen Fähigkeiten nicht auf einen eng begrenzten politischen Wissensbereich reduziert werden.

Menschen müssen gesellschaftliche Entwicklungen in ihrer historischen Entstehung, ihren ökonomischen Voraussetzungen, ihren technischen und ökologischen Folgen sowie ihren Auswirkungen auf soziale Beziehungen, Identität und Gerechtigkeit verstehen können.

Die gesellschaftlichen Kompetenzen eröffnen unterschiedliche Zugänge zu dieser Wirklichkeit. Sie sind nicht voneinander unabhängige Qualifikationen, sondern erschließen verschiedene Aspekte gesellschaftlicher Verhältnisse, die erst in ihrem Zusammenhang angemessen verstanden werden können.

Zeuner knüpft hier an Negts Konzept des exemplarischen Lernens und der soziologischen Phantasie an. Individuelle Erfahrungen bilden einen Ausgangspunkt gesellschaftlicher Erkenntnis, müssen aber in größere Zusammenhänge eingeordnet werden.6

Ein Arbeitsplatzverlust kann beispielsweise zunächst als persönliches Scheitern, als Folge einer unternehmerischen Entscheidung oder als unvermeidlicher wirtschaftlicher Sachzwang erscheinen. Erst die Einordnung in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eröffnet weiterführende Fragen: Welche Eigentums- und Entscheidungsverhältnisse bestehen? Welche wirtschaftlichen Interessen sind wirksam? Welche Handlungsmöglichkeiten besitzen Beschäftigte, Unternehmen und Staat? Welche Alternativen wären denkbar?

Die individuelle Erfahrung wird damit nicht entwertet, sondern zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Erkenntnis.

Dieser Übergang ist allerdings nicht selbstverständlich. Erfahrungen enthalten noch keine fertigen Erklärungen ihrer gesellschaftlichen Ursachen. Sie müssen befragt, mit anderen Erfahrungen verglichen und durch theoretische Erkenntnisse erweitert werden.

Erst auf dieser Grundlage können gesellschaftliche Interessen und Konflikte differenziert beurteilt und Möglichkeiten gemeinsamen Handelns entwickelt werden.

Dabei besteht kein zwangsläufiger Weg von der Erfahrung über die Erkenntnis zum Handeln. Gesellschaftliche Erkenntnis führt nicht automatisch zu politischer Praxis. Umgekehrt können kollektive Auseinandersetzungen selbst neue Erfahrungen und Erkenntnisprozesse hervorbringen.

Gesellschaftliche Kompetenzentwicklung ist deshalb als ein offener Zusammenhang von Erfahrung, Erkenntnis, Urteilsbildung und Praxis zu verstehen.

Politische Handlungsfähigkeit als Ergebnis des Zusammenwirkens gesellschaftlicher Kompetenzen

Die gesellschaftlichen Kompetenzen bilden Grundlagen politischen Handelns, weil keine einzelne Perspektive ausreicht, um gesellschaftliche Verhältnisse in ihrer Komplexität zu erfassen.

Historische Kompetenz erschließt die Entstehung und Veränderbarkeit gesellschaftlicher Ordnungen. Ökonomische Kompetenz ermöglicht die Analyse von Produktion, Eigentum, Verteilung und wirtschaftlicher Macht. Kulturelle Kompetenz eröffnet die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Deutungsmustern. Kommunikative Kompetenz vermittelt zwischen individueller Erfahrung, gesellschaftlicher Verständigung und kollektivem Handeln.

Politische Handlungsfähigkeit entwickelt sich im Zusammenhang dieser und weiterer Kompetenzen.

Sie ist deshalb nicht das ausschließliche Ergebnis einer besonderen politischen Qualifizierung, sondern eine mögliche Ausdrucksform umfassender Gesellschaftskompetenz.

Diese Einsicht bildet einen wesentlichen Bezugspunkt des hier entwickelten Konzepts. Sie erklärt, weshalb politische Urteils- und Handlungsfähigkeit nicht aus der Aneignung politischer Institutionenkunde oder demokratischer Verfahrenskenntnisse allein hervorgehen kann.

Sie wirft allerdings zugleich eine weiterführende Frage auf: Wenn gesellschaftliche Kompetenzen insgesamt Grundlagen politischen Handelns bilden, weshalb wird dann politische Kompetenz als eine eigenständige Dimension bestimmt?

Die Antwort liegt in der Unterscheidung zwischen dem umfassenden Ziel gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit und dem besonderen Gegenstand politischer Kompetenz.


Warum politische Kompetenz dennoch eine eigenständige Dimension bildet

Politische Handlungsfähigkeit ist mehr als politische Kompetenz

Politische Handlungsfähigkeit bezeichnet im umfassenden Sinne die Möglichkeit, gesellschaftliche Verhältnisse zu verstehen, begründete politische Urteile zu entwickeln und gemeinsam mit anderen auf gesellschaftliche Entwicklungen einzuwirken.

Daran wirken unterschiedliche gesellschaftliche Kompetenzen mit. Politische Handlungsfähigkeit ist deshalb nicht das ausschließliche Ergebnis politischer Kompetenz. Sie entwickelt sich im Zusammenwirken verschiedener Fähigkeiten, Erfahrungen und gesellschaftlicher Handlungsmöglichkeiten.

Daraus folgt jedoch nicht, dass politische Kompetenz als eigenständige Dimension entbehrlich wäre.

Denn die gesellschaftliche Wirklichkeit besitzt eine spezifisch politische Dimension, die durch die anderen Kompetenzbereiche nicht vollständig erschlossen wird.

Sie betrifft die Organisation gesellschaftlicher Macht, die Legitimation und Ausübung von Herrschaft, die Austragung von Interessenkonflikten, die Herstellung kollektiv verbindlicher Entscheidungen und die Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbstbestimmung.

Die Fähigkeit, diese Verhältnisse zu erkennen, kritisch zu beurteilen und gestaltend auf sie einzuwirken, bildet den besonderen Gegenstand politischer Kompetenz.

Politische Kompetenz ist somit nicht deshalb eine eigenständige Dimension, weil sie allein zu politischem Handeln befähigt, sondern weil sie einen spezifischen gesellschaftlichen Problemzusammenhang erschließt.

Dieser Unterschied ist für die Architektur des Konzepts entscheidend.

Die gesellschaftliche Besonderheit des Politischen

Die Eigenständigkeit des Politischen darf allerdings nicht mit seiner Unabhängigkeit von anderen gesellschaftlichen Verhältnissen verwechselt werden.

Politische Macht entsteht nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie ist mit ökonomischen Eigentumsverhältnissen, sozialen Ungleichheiten, kulturellen Orientierungen und historischen Entwicklungen verbunden.

Gleichzeitig besitzt sie eigene institutionelle und rechtliche Formen.

Staatliche Institutionen, Gesetzgebung, Rechtsprechung, Verwaltung, politische Öffentlichkeit und gesellschaftliche Organisationen bilden spezifische Formen, in denen Macht ausgeübt, Entscheidungen getroffen, Konflikte ausgetragen und Herrschaft legitimiert oder infrage gestellt wird.

Eine gesellschaftstheoretisch begründete politische Kompetenz muss deshalb zweierlei leisten: Sie muss diese besonderen politischen Formen verstehen und zugleich ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen untersuchen können.

Würde politische Kompetenz vollständig in ökonomischer Kompetenz aufgehen, könnten die besonderen Formen politischer Herrschaft, rechtlicher Gleichheit und demokratischer Legitimation aus dem Blick geraten.

Würde sie dagegen allein von den politischen Institutionen her bestimmt, blieben die ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen politischer Entscheidungen unzureichend berücksichtigt.

Politische Kompetenz ist deshalb weder eine bloße Anwendung ökonomischer Erkenntnisse noch eine auf den Staat beschränkte Institutionenkompetenz.

Sie erschließt die politische Organisation gesellschaftlicher Verhältnisse in ihrer relativen Eigenständigkeit und ihrer strukturellen Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Bereichen.


Politische und ökonomische Kompetenz – warum zwei Basiskompetenzen?

Die besondere Stellung politischer und ökonomischer Kompetenz folgt aus dem Verständnis der Gesellschaft als historisch entstandener Zusammenhang menschlicher Produktion, Reproduktion und gemeinsamer Lebensgestaltung.

Menschen müssen ihre materiellen Lebensbedingungen hervorbringen. Zugleich organisieren sie ihr gesellschaftliches Zusammenleben, entwickeln Regeln, Institutionen und Machtverhältnisse und entscheiden darüber, wie gesellschaftliche Ressourcen genutzt und verteilt werden.

Diese beiden grundlegenden Zusammenhänge lassen sich analytisch unterscheiden, ohne sie voneinander zu trennen.

In kapitalistischen Gesellschaften erscheint die Trennung von Politik und Ökonomie besonders ausgeprägt. Der Staat und die Wirtschaft werden als unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche behandelt, deren Beziehungen häufig als äußere Wechselwirkungen beschrieben werden.

Die Kritik der politischen Ökonomie geht darüber hinaus. Sie fragt nach der historischen Entstehung dieser Trennung und nach den strukturellen Zusammenhängen zwischen Eigentum, Produktion, Klassenverhältnissen, staatlicher Herrschaft und gesellschaftlicher Macht.

Politische Kompetenz muss deshalb die Fähigkeit umfassen, die politische Organisation gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen, ohne ihre ökonomischen Voraussetzungen auszublenden.

Ökonomische Kompetenz wiederum muss die Fähigkeit einschließen, wirtschaftliche Verhältnisse nicht als naturgegebene Sachzwänge, sondern als historisch entstandene und politisch gestaltbare gesellschaftliche Verhältnisse zu begreifen.

Beide Kompetenzen sind damit aufeinander angewiesen.

Ihre Stellung als Basiskompetenzen bedeutet nicht, dass alle anderen Dimensionen aus ihnen abgeleitet werden könnten. Sie verweist vielmehr darauf, dass die materielle Hervorbringung gesellschaftlicher Lebensbedingungen und die politische Organisation gesellschaftlicher Macht grundlegende Zusammenhänge bilden, in denen die übrigen gesellschaftlichen Dimensionen wirksam werden.

Historische und kommunikative Kompetenz übernehmen innerhalb dieses Gefüges eine andere, ebenfalls grundlegende Funktion: Sie bilden das Rückgrat des Konzepts.

Historische Kompetenz erschließt das Gewordensein gesellschaftlicher Verhältnisse und damit ihre Veränderbarkeit. Sie eröffnet zugleich den Blick auf noch nicht verwirklichte Möglichkeiten gesellschaftlicher Entwicklung.

Kommunikative Kompetenz vermittelt zwischen individueller Erfahrung, gesellschaftlicher Verständigung und kollektiver Praxis. Sie ermöglicht, unterschiedliche Erfahrungen aufeinander zu beziehen, gemeinsame Interessen zu erkennen, Konflikte auszutragen und gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Ohne die historische Perspektive drohten politische und ökonomische Kompetenz zu statischen Beschreibungen bestehender Verhältnisse zu werden. Ohne kommunikative Vermittlung bliebe der Übergang von individueller Erkenntnis zu gemeinsamer gesellschaftlicher Praxis unzureichend berücksichtigt.

Die Basiskompetenzen und das Rückgrat des Konzepts bezeichnen deshalb unterschiedliche, aufeinander bezogene Funktionen innerhalb eines zusammenhängenden Kompetenzverständnisses.


Die subjektive Aneignung politischer Wirklichkeit

Die bisherige Argumentation begründet politische Kompetenz aus ihrem gesellschaftlichen Gegenstand. Damit ist jedoch noch nicht geklärt, wie Menschen politische Verhältnisse wahrnehmen und welche Bedeutung ihre eigenen Vorstellungen für politische Urteils- und Handlungsfähigkeit besitzen.

Gesellschaftliche Verhältnisse werden nicht unmittelbar und voraussetzungslos wahrgenommen. Menschen interpretieren ihre Erfahrungen mithilfe bereits vorhandener Vorstellungen, Wertorientierungen und gesellschaftlicher Deutungsmuster.

Sie verfügen über ein politisches Bewusstsein, bevor sie sich systematisch mit politischen Fragen beschäftigen oder an organisierten Bildungsprozessen teilnehmen.

Dieses Bewusstsein kann widersprüchlich sein. Es kann gesellschaftliche Zusammenhänge erschließen, aber auch verdecken. Es kann bestehende Machtverhältnisse als selbstverständlich erscheinen lassen oder zu ihrer kritischen Infragestellung beitragen.

Dirk Langes Begriff des Bürgerbewusstseins bietet einen Zugang, um diese subjektive Seite politischer Wirklichkeit genauer zu bestimmen. Er bezeichnet die Vorstellungen, mit denen Menschen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wahrnehmen, ordnen und interpretieren.7

Für die Bestimmung politischer Kompetenz folgt daraus, dass gesellschaftliche Erkenntnis stets auch die Reflexion subjektiver Vorstellungen einschließen muss.

Politische Kompetenz verlangt nicht nur, Macht- und Herrschaftsverhältnisse analysieren zu können. Sie umfasst ebenso die Fähigkeit, die eigenen Wahrnehmungen, Wertvorstellungen und politischen Deutungen kritisch zu prüfen.

Hier entsteht eine Verbindung zur im Basisbeitrag entwickelten Bedeutung von Ideologiekritik und kultureller Hegemonie.

Gesellschaftliche Machtverhältnisse werden nicht ausschließlich durch Institutionen, rechtliche Regelungen oder ökonomische Abhängigkeiten aufrechterhalten. Sie wirken auch durch alltägliche Vorstellungen davon, was als normal, gerecht, notwendig oder alternativlos gilt.

Solche Vorstellungen sind gesellschaftlich entstanden, werden aber von Menschen individuell angeeignet und verarbeitet. Sie können Zustimmung erzeugen, bestehende Verhältnisse legitimieren oder gesellschaftliche Widersprüche verdecken.

Die kritische Auseinandersetzung mit ihnen verlangt deshalb mehr als die Korrektur falscher Informationen. Sie muss auch nach den gesellschaftlichen Bedingungen fragen, unter denen bestimmte Deutungen entstehen, verbreitet und als selbstverständlich anerkannt werden.

Damit wird politische Kompetenz zugleich zu einer Fähigkeit gesellschaftlicher Selbstreflexion.

Sie richtet sich nicht nur auf die Verhältnisse, in denen Menschen leben, sondern auch auf die Vorstellungen, durch die sie diese Verhältnisse wahrnehmen.


Gesellschaftskompetenz, politische Kompetenz und politische Bildung

Aus der bisherigen Argumentation ergibt sich eine weitere Unterscheidung, die für das Verständnis des Konzepts grundlegend ist.

Gesellschaftskompetenz bezeichnet die umfassende Fähigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit in ihren unterschiedlichen Dimensionen und Zusammenhängen zu erkennen, kritisch zu beurteilen und individuelle wie kollektive Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Politische Kompetenz bezeichnet innerhalb dieses Zusammenhangs eine eigenständige Dimension, die sich auf die politische Organisation gesellschaftlicher Verhältnisse, auf Macht, Herrschaft, Konflikte und gesellschaftliche Selbstbestimmung richtet.

Politische Bildung und Demokratiebildung bezeichnen demgegenüber Bildungsprozesse, die zur Entwicklung solcher Fähigkeiten beitragen können.

Damit wird politische Kompetenz nicht aus einem bestimmten fachdidaktischen Modell abgeleitet.

Ihre theoretische Begründung liegt vielmehr in der gesellschaftlichen Wirklichkeit selbst und in den Fähigkeiten, die Menschen benötigen, um deren politische Dimension zu verstehen und zu gestalten.

Die Entwicklung politischer Kompetenz kann durch organisierte politische Bildung gefördert werden. Sie vollzieht sich aber ebenso in gesellschaftlichen Erfahrungen, Konflikten, kollektiven Auseinandersetzungen und praktischen Formen der Mitbestimmung.

Diese Unterscheidung bedeutet nicht, Bildungsprozesse von gesellschaftlicher Praxis zu trennen. Im Gegenteil: Gesellschaftliche Erfahrungen können selbst Bildungsprozesse auslösen, während Bildungsprozesse neue Möglichkeiten gesellschaftlicher Praxis eröffnen.

Allerdings dürfen Kompetenz und Bildungsprozess nicht begrifflich gleichgesetzt werden.

Die ausführliche fachdidaktische Diskussion über politische Bildung, historisch-politische Bildung und Demokratiebildung – einschließlich der unterschiedlichen Kompetenzmodelle, der Ansätze von Dirk Lange und Gerhard Himmelmann sowie der geschichtsdidaktischen Debatten – erfolgt an anderer Stelle.

Für die vorliegende theoretische Vertiefung ist zunächst entscheidend, warum politische Kompetenz innerhalb des Konzepts der Gesellschaftskompetenz eine eigenständige Dimension bildet.


Schlussfolgerung – Eigenständigkeit ohne Verselbstständigung

Politische Kompetenz ist als eigenständige Dimension erforderlich, weil die politische Organisation gesellschaftlicher Verhältnisse einen spezifischen gesellschaftlichen Problemzusammenhang bildet.

Die Auseinandersetzung mit Negts Verständnis des politischen Menschen und seiner Orientierung an gesellschaftlichen Schlüsselproblemen verdeutlicht, dass Kompetenzdimensionen nicht allein aus fachlichen Wissensgebieten oder didaktischen Lernzielen abgeleitet werden können.

Sie müssen vielmehr an grundlegenden gesellschaftlichen Problemlagen ansetzen, deren Verständnis Voraussetzung gesellschaftlicher Urteils- und Handlungsfähigkeit ist.

Die politische Organisation gesellschaftlicher Macht und die Frage demokratischer Selbstbestimmung bilden einen solchen Problemzusammenhang.

Zeuners Weiterentwicklung gesellschaftlicher Kompetenzen als Grundlagen politischen Handelns unterstreicht zugleich, dass politische Handlungsfähigkeit nicht aus einer einzelnen Kompetenz hervorgeht, sondern im Zusammenhang unterschiedlicher gesellschaftlicher Fähigkeiten entwickelt wird.

Das Konzept der Lernwerkstatt verbindet beide Überlegungen: Es bestimmt politische Kompetenz als eigenständige Dimension und hält zugleich an der grundlegenden Zusammengehörigkeit aller gesellschaftlichen Kompetenzen fest.

Politische Kompetenz bildet gemeinsam mit der ökonomischen Kompetenz eine der beiden Basiskompetenzen, ohne den übrigen Dimensionen übergeordnet zu sein.

Historische und kommunikative Kompetenz bilden das Rückgrat dieses Zusammenhangs, weil sie die gesellschaftliche Gewordenheit und Veränderbarkeit der Verhältnisse erschließen und die Vermittlung zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Praxis ermöglichen.

Politische Kompetenz ist nicht das Ganze gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit. Sie ist aber eine unverzichtbare Dimension dieses Ganzen, weil die politische Organisation gesellschaftlicher Macht und die Möglichkeiten demokratischer Selbstbestimmung zu den grundlegenden Schlüsselproblemen gesellschaftlicher Entwicklung gehören.

In dieser Bestimmung liegt zugleich die emanzipatorische Perspektive des Konzepts.

Politische Kompetenz befähigt nicht nur dazu, bestehende Verhältnisse zu verstehen und sich in ihnen zu orientieren. Sie eröffnet auch die Möglichkeit, deren historische Begrenztheit zu erkennen, gesellschaftliche Alternativen zu denken und gemeinsam mit anderen an ihrer Verwirklichung zu arbeiten.


Anmerkungen

1. Negts gesellschaftliche Schlüsselprobleme und seine sechs Kompetenzen. Oskar Negt entwickelt seine sechs gesellschaftlichen Kompetenzen im Zusammenhang grundlegender gesellschaftlicher Schlüsselprobleme. Die Kompetenzen sollen Menschen befähigen, gesellschaftliche Entwicklungen in ihren Zusammenhängen zu erkennen und auf gesellschaftliche Herausforderungen urteils- und handlungsfähig zu reagieren. Die sechs Kompetenzen sind dabei keine voneinander isolierten Qualifikationen. Sie beziehen sich auf gesellschaftliche Problemlagen, deren Verständnis jeweils besondere Erkenntnisperspektiven verlangt. Christine Zeuner rekonstruiert diesen Zusammenhang in ihrer Monografie von 2026, insbesondere in den einleitenden Kapiteln über Funktion und Zusammenhang gesellschaftlicher Kompetenzen. Für das Konzept der Lernwerkstatt wird daraus das Kriterium abgeleitet, zusätzliche Kompetenzdimensionen durch eigenständige gesellschaftliche Schlüsselprobleme zu begründen.

2. Zeuners Weiterentwicklung gesellschaftlicher Kompetenzen. Christine Zeuner führt Negts Ansatz in ihrer Monografie Gesellschaftliche Kompetenzen: Grundlage für politisches Handeln (2026) systematisch weiter. Sie behandelt die gesellschaftlichen Kompetenzen als miteinander verbundene Grundlagen politischer Urteils- und Handlungsfähigkeit und verknüpft sie mit gesellschaftlicher Orientierung, demokratischer Partizipation und politischer Bildung. Besonders relevant sind die Ausführungen zur Zielsetzung und zum Zusammenhang gesellschaftlicher Kompetenzen in Kapitel 1 sowie die theoretische Verortung von Negts Ansatz und das Kapitel über Demokratie als Lebensform. Zeuner entwickelt jedoch keine eigenständige politische Kompetenz als zusätzliche Dimension. Diese Differenzierung ist eine konzeptionelle Entscheidung der Lernwerkstatt.

3. Der politische Mensch. In Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform (2010) entwickelt Negt ein Verständnis politischer Mündigkeit, das über staatsbürgerliche Kenntnisse und institutionelle Beteiligung hinausgeht. Die gesellschaftlichen Bedingungen menschlicher Erfahrung, die Bedeutung politischer Urteilsfähigkeit und die Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung bilden zentrale Bezugspunkte seiner Argumentation. Seine Forderung, die Systemfrage nicht aus politischer Bildung auszuklammern, findet sich auf S. 24. Damit verweist er auf die Notwendigkeit, gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse selbst zum Gegenstand politischer Erkenntnis zu machen.

4. Demokratie als Lebensform und demokratisches Lernen. Negt betont, dass Demokratie nur lebendig bleiben könne, wenn Mitbestimmung in lebenswichtigen Fragen zur alltäglichen gesellschaftlichen Praxis werde (Der politische Mensch, 2010, S. 507). Seine Überlegungen zur Demokratisierung gesellschaftlicher Lebensbereiche und zur Demokratie als Lebensform finden sich außerdem auf S. 514–515. In seinem Beitrag Demokratie als Lebensform (2008) verbindet Negt demokratisches Lernen mit praktischen Erfahrungen solidarischer und kooperativer Mitbestimmung. Zeuner greift diesen Zusammenhang in ihrer Monografie von 2026, Kapitel 2.4, ausdrücklich auf. Auch ihr Beitrag zum Tod Oskar Negts von 2024 hebt die gesellschaftliche Bedeutung dieses Demokratieverständnisses hervor.

5. Schlüsselprobleme als Begründung eigenständiger Kompetenzdimensionen. Die Orientierung an gesellschaftlichen Schlüsselproblemen ist für die Erweiterung des Konzepts entscheidend. Negts sechs Kompetenzen beziehen sich auf grundlegende gesellschaftliche Herausforderungen. Die Auswahl der Dimensionen erfolgt damit nicht aus einer beliebigen Zusammenstellung wünschenswerter individueller Fähigkeiten. Für die Lernwerkstatt wird dieses Prinzip erweitert. Die politische Organisation gesellschaftlicher Macht, die Legitimation von Herrschaft, die Austragung gesellschaftlicher Konflikte und die Möglichkeiten demokratischer Selbstbestimmung werden als eigenständiger Schlüsselproblemzusammenhang bestimmt. Diese Begründung ist eine Weiterentwicklung des Ansatzes und sollte nicht als ausdrückliche Forderung Negts nach einer siebten politischen Kompetenz verstanden werden.

6. Erfahrung, exemplarisches Lernen und politische Praxis. Negts Konzept der soziologischen Phantasie und des exemplarischen Lernens verbindet individuelle Erfahrung mit der Erkenntnis gesellschaftlicher Zusammenhänge. Zeuner greift diese Perspektive auf und untersucht ihre Bedeutung für politische Bildungsprozesse. Ihr Beitrag von 2013 behandelt die didaktisch-methodische Umsetzung gesellschaftlicher Kompetenzen, während die Monografie von 2026 den Zusammenhang von gesellschaftlicher Erkenntnis, Kompetenzentwicklung und politischem Handeln umfassender entfaltet. Für das hier entwickelte Konzept ist entscheidend, zwischen den gesellschaftlichen Fähigkeiten selbst und den Bildungsprozessen zu unterscheiden, durch die sie erworben und weiterentwickelt werden können.

7. Bürgerbewusstsein und subjektive Sinnbildung. Dirk Lange bestimmt Bürgerbewusstsein als Gesamtheit der mentalen Vorstellungen von der politisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit (2008, S. 433). Sein Ansatz macht deutlich, dass Menschen politische Verhältnisse durch bereits vorhandene Deutungsmuster und Sinnbildungen wahrnehmen. Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz ist dies vor allem im Hinblick auf die subjektive Aneignung gesellschaftlicher Wirklichkeit bedeutsam. Die gesellschaftliche Entstehung solcher Vorstellungen wird ergänzend durch ideologiekritische und hegemonietheoretische Perspektiven erschlossen.


Literatur

Endeward, Detlef (2026): Politische Kompetenz. Lernwerkstatt Film und Geschichte.

Lange, Dirk (2008): Bürgerbewusstsein. Sinnbilder und Sinnbildungen in der Politischen Bildung. In: Gesellschaft – Wirtschaft – Politik, 57. Jg., Heft 3, S. 431–439. Onlinebeitrag.

Lange, Dirk / Himmelmann, Gerhard (Hrsg.) (2007): Demokratiebewusstsein. Interdisziplinäre Annäherungen an ein zentrales Thema der Politischen Bildung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Negt, Oskar (1971): Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie der Arbeiterbildung. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.

Negt, Oskar (2008): Demokratie als Lebensform. Bundeszentrale für politische Bildung.

Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen: Steidl.

Zeuner, Christine (2013): Entwicklung und Umsetzung eines didaktisch-methodischen Konzepts zur politischen Bildung. Oskar Negts „Gesellschaftliche Kompetenzen“. In: Magazin erwachsenenbildung.at, Ausgabe 20. Volltext.

Zeuner, Christine (2024): Bildung als Mittel gegen Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Oskar Negt (1934–2024). In: Außerschulische Bildung, Heft 1. Volltext.

Zeuner, Christine (2026): Gesellschaftliche Kompetenzen: Grundlage für politisches Handeln. Orientierung und Wissen für die Demokratie. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag. Open-Access-Ausgabe.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …