Politische Ökonomie und Kritik der politischen Ökonomie
Gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen – ihre historischen Grundlagen und ihre Veränderbarkeit erkennen
Politik und Wirtschaft werden im öffentlichen Diskurs häufig als zwei voneinander getrennte Bereiche behandelt. Die Wirtschaft produziert Güter und Dienstleistungen, Unternehmen treffen Investitionsentscheidungen, Märkte koordinieren Angebot und Nachfrage. Die Politik setzt rechtliche Rahmenbedingungen, greift regulierend ein und versucht, wirtschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen. Beide Bereiche erscheinen als eigenständige Systeme, die miteinander in Wechselwirkung stehen.
Dieses Verständnis findet sich auch in der Definition der Politischen Ökonomie, die die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) aus dem Duden Wirtschaft von A bis Z übernommen hat. Politische Ökonomie bezeichnet demnach einen Ansatz, der davon ausgeht, dass wirtschaftliches und politisches System wegen ihrer wechselseitigen Abhängigkeiten nicht getrennt voneinander untersucht werden können. Wirtschaftliches Handeln beeinflusse politische und gesellschaftliche Verhältnisse, während diese umgekehrt auf wirtschaftliche Entwicklungen einwirkten.1
Diese Definition enthält einen wichtigen Gedanken: Wirtschaft und Politik lassen sich nicht unabhängig voneinander verstehen. Sie bleibt jedoch an einer entscheidenden Stelle stehen. Sie setzt die Trennung von Wirtschaft und Politik als zwei eigenständigen gesellschaftlichen Sphären bereits voraus, statt auch danach zu fragen, wie diese Trennung historisch entstanden ist, welche gesellschaftlichen Verhältnisse ihr zugrunde liegen und wie sie immer wieder hergestellt wird.
Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz ist gerade diese weiterführende Frage von grundlegender Bedeutung.
Von den Wechselwirkungen zu den gesellschaftlichen Strukturzusammenhängen
Die Untersuchung wechselseitiger Einflüsse zwischen Wirtschaft und Politik ist notwendig, aber nicht hinreichend.
Sie kann erklären, wie staatliche Entscheidungen auf Unternehmen wirken, wie wirtschaftliche Interessen politische Prozesse beeinflussen oder welche Folgen wirtschaftliche Entwicklungen für Beschäftigung, öffentliche Haushalte und soziale Sicherung haben.
Sie erklärt damit jedoch noch nicht, warum bestimmte Akteure über Produktionsmittel, Investitionen und Arbeitsplätze verfügen, während andere darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Ebenso wenig erklärt sie, weshalb Entscheidungen über die Verwendung gesellschaftlicher Ressourcen in erheblichem Umfang privatwirtschaftlich getroffen werden, obwohl ihre Folgen die gesamte Gesellschaft betreffen.
Dafür muss die Analyse über das Verhältnis zweier vermeintlich eigenständiger Systeme hinausgehen.
Politik und Ökonomie sind nicht einfach zwei voneinander unabhängige Bereiche, die nachträglich miteinander verbunden werden. Ihre institutionelle Trennung ist selbst ein Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklung.
In kapitalistischen Gesellschaften erscheint die Wirtschaft überwiegend als Sphäre privater Eigentumsrechte, vertraglicher Beziehungen und marktvermittelter Entscheidungen. Die Politik erscheint demgegenüber als Bereich staatlicher Herrschaft, allgemeiner Gesetzgebung und demokratischer Willensbildung.
Diese Unterscheidung ist gesellschaftlich wirksam. Sie ist aber weder naturgegeben noch zeitlos. Staatliche Rechtsordnungen gewährleisten Eigentumsverhältnisse, Vertragsfreiheit und Marktbeziehungen. Umgekehrt prägen wirtschaftliche Eigentums- und Machtverhältnisse die Bedingungen politischer Entscheidungen.
Politische und ökonomische Verhältnisse sind deshalb nicht nur miteinander verflochten. Sie bilden unterschiedliche, historisch entstandene Organisationsformen eines gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs.
Die Kritik der politischen Ökonomie erweitert den Blick
Hier setzt die von Karl Marx entwickelte Kritik der politischen Ökonomie an.
Sie untersucht nicht lediglich wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten oder deren politische Auswirkungen. Sie fragt nach den gesellschaftlichen Verhältnissen, die in den ökonomischen Kategorien selbst zum Ausdruck kommen.
Waren, Geld, Kapital, Lohnarbeit und Profit erscheinen im wirtschaftlichen Alltag als selbstverständliche Gegebenheiten. Die Kritik der politischen Ökonomie untersucht dagegen, unter welchen historischen Bedingungen diese Formen entstanden sind und welche gesellschaftlichen Beziehungen sich darin ausdrücken.
Marx kritisiert damit zugleich die Vorstellung, die Kategorien der kapitalistischen Wirtschaft beschrieben allgemeingültige, von der Geschichte unabhängige Gesetze menschlichen Wirtschaftens.2
Diese Perspektive ist für Gesellschaftskompetenz aus drei Gründen bedeutsam.
Erstens macht sie sichtbar, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Organisation von Produktion, Verteilung und politischer Herrschaft historisch geworden ist.
Zweitens richtet sie die Aufmerksamkeit auf strukturelle Zusammenhänge. Gesellschaftliche Entwicklungen lassen sich nicht allein aus den Entscheidungen einzelner Akteure oder aus institutionellen Wechselwirkungen erklären. Auch Eigentumsverhältnisse, Klassenbeziehungen, Konkurrenz, Kapitalakkumulation und staatliche Herrschaftsformen prägen die Handlungsmöglichkeiten der Beteiligten.
Drittens eröffnet die Erkenntnis historischer Gewordenheit die Frage nach gesellschaftlicher Veränderbarkeit. Was unter bestimmten geschichtlichen Bedingungen entstanden ist, muss nicht für alle Zukunft in derselben Form bestehen bleiben.
Daraus folgt nicht, dass historische Entwicklungen zwangsläufig zu einer bestimmten Gesellschaftsordnung führen. Vielmehr werden die Bedingungen, Widersprüche und Handlungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Veränderung selbst zum Gegenstand der Untersuchung.
Die Kritik der politischen Ökonomie ist deshalb nicht bloß eine weitere ökonomische Theorie. Sie ist zugleich Gesellschaftskritik: Sie untersucht die historischen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Folgen jener Verhältnisse, die in der alltäglichen Wahrnehmung häufig als wirtschaftliche Sachzwänge erscheinen.
Politische und ökonomische Kompetenz als zusammengehörige Dimensionen
Im Konzept der Gesellschaftskompetenz bilden politische und ökonomische Kompetenz einen gemeinsamen Kern. Ihre Verbindung ergibt sich nicht allein daraus, dass wirtschaftliche Entscheidungen politische Folgen haben und politische Entscheidungen wirtschaftliche Prozesse beeinflussen.
Beide Kompetenzdimensionen erschließen unterschiedliche Seiten derselben gesellschaftlichen Wirklichkeit.
Ökonomische Kompetenz befähigt dazu, die gesellschaftliche Organisation von Produktion, Arbeit, Verteilung, Konsum und Reproduktion zu verstehen. Sie fragt nach Eigentum, Wertschöpfung, Interessen, wirtschaftlicher Macht, Akkumulation und Krisen sowie nach den Folgen wirtschaftlicher Entscheidungen für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen.
Politische Kompetenz richtet den Blick auf Macht, Herrschaft, Interessenauseinandersetzungen, staatliche Institutionen, demokratische Willensbildung und gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten. Sie fragt danach, wer verbindliche Entscheidungen treffen kann, wie Interessen politisch wirksam werden und unter welchen Bedingungen Menschen ihre gemeinsamen Angelegenheiten demokratisch gestalten können.
Erst ihre Verbindung erschließt einen grundlegenden Widerspruch moderner kapitalistischer Demokratien: Politische Gleichheit als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger besteht neben erheblichen Ungleichheiten wirtschaftlicher Verfügungsmacht.
Während demokratische Mitbestimmung im politischen Bereich als grundlegendes Prinzip anerkannt ist, unterliegen Entscheidungen über Investitionen, Produktionsstandorte, Beschäftigung und die Verwendung wirtschaftlicher Überschüsse vielfach privaten Eigentumsrechten und unternehmerischer Entscheidungsgewalt.
Damit stellt sich eine Frage, die über die Untersuchung politisch-ökonomischer Wechselwirkungen hinausführt:
Wie weit reicht Demokratie, wenn zentrale Entscheidungen über die gesellschaftlichen Lebensbedingungen außerhalb unmittelbarer demokratischer Verfügung getroffen werden?
Diese Frage verbindet ökonomische Kompetenz mit einem Verständnis politischer Kompetenz, das Demokratie nicht auf die Staatsform reduziert, sondern auch als Verhaltensweise und gesellschaftliche Lebensform begreift.
Politische Ökonomie umfasst unterschiedliche theoretische Traditionen
Politische Ökonomie ist kein einheitliches Theoriegebäude. Unter dieser Bezeichnung werden unterschiedliche Ansätze zusammengefasst, die sich hinsichtlich ihrer Gegenstände, Methoden und gesellschaftstheoretischen Voraussetzungen teilweise erheblich unterscheiden.
| Tradition | Zentrale Fragestellung |
|---|---|
| Klassische Politische Ökonomie (Smith, Ricardo) | Wie entstehen gesellschaftlicher Reichtum, Einkommen und ihre Verteilung? |
| Marxsche Kritik der politischen Ökonomie | Wie funktionieren kapitalistische Produktionsverhältnisse, und welche historischen Voraussetzungen und Widersprüche kennzeichnen sie? |
| Keynesianische und postkeynesianische Politische Ökonomie | Wie entstehen gesamtwirtschaftliche Instabilität, Nachfrageprobleme und Arbeitslosigkeit? |
| Institutionelle Politische Ökonomie (Veblen, Polanyi) | Wie sind wirtschaftliche Prozesse gesellschaftlich eingebettet und institutionell organisiert? |
| Vergleichende Politische Ökonomie | Wie unterscheiden sich kapitalistische Wirtschaftsordnungen und ihre Entwicklungsmodelle? |
| Internationale Politische Ökonomie | Wie prägen Welthandel, internationale Arbeitsteilung, Finanzbeziehungen und Machtverhältnisse die Weltwirtschaft? |
| Kritische Politische Ökonomie und Staatstheorie (Gramsci, Poulantzas) | Wie hängen Kapitalverhältnisse, Klassen, staatliche Herrschaft und kulturelle Hegemonie zusammen? |
| Neue Politische Ökonomie / Public Choice | Wie lassen sich politische Entscheidungen mithilfe ökonomischer Interessen- und Anreizmodelle erklären? |
Die Zuordnung dient der Orientierung. Die Ansätze überschneiden sich teilweise und lassen sich nicht immer eindeutig voneinander abgrenzen.
Die Vielfalt dieser Ansätze zeigt, dass die Verbindung wirtschaftlicher und politischer Fragestellungen unterschiedliche theoretische Wege eröffnet. Entscheidend ist daher nicht allein, ob Wirtschaft und Politik gemeinsam untersucht werden, sondern mit welchen Kategorien, welchen historischen Voraussetzungen und welchem Erkenntnisinteresse dies geschieht.
Für das Konzept der Gesellschaftskompetenz sind diese Ansätze als unterschiedliche Zugänge zur gesellschaftlichen Wirklichkeit von Bedeutung. Ihre Erkenntnisse können einander ergänzen, müssen aber auch hinsichtlich ihrer jeweiligen Voraussetzungen und Grenzen kritisch geprüft werden.
Exkurs: Politische Ökonomie am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung
Der Forschungsbereich von Lucio Baccaro
Das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (MPIfG) in Köln verfolgt unter der Leitung von Lucio Baccaro einen interdisziplinären politökonomischen Forschungsansatz. Wirtschaftliche Entwicklungen werden mit sozialwissenschaftlichen Methoden untersucht und in ihre politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge eingeordnet.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der vergleichenden Untersuchung kapitalistischer Wachstumsmodelle. Anders als ältere Ansätze, die vor allem institutionelle Unterschiede verschiedener Kapitalismusformen analysieren, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Nachfragequellen wirtschaftlichen Wachstums, die Bedeutung bestimmter Branchen und Unternehmen sowie die gesellschaftlichen Koalitionen, die unterschiedliche Entwicklungsmodelle tragen.
Untersucht werden beispielsweise exportorientierte und binnenwirtschaftlich getragene Wachstumsmodelle, Einkommensverteilung, Gewerkschaften, internationale Finanzbeziehungen, hegemoniale wirtschaftspolitische Diskurse und die wirtschaftlichen Folgen europäischer Währungsintegration.3
Bedeutung des Ansatzes
Die Forschung macht deutlich, dass wirtschaftliche Entwicklungen nicht allein aus Marktmechanismen erklärt werden können. Sie sind mit gesellschaftlichen Interessen, politischen Entscheidungen und internationalen Machtverhältnissen verbunden.
Der Ansatz bietet damit wichtige Erkenntnisse über unterschiedliche Entwicklungsformen des gegenwärtigen Kapitalismus.
Grenzen und weiterführende Fragen
Der Wachstumsmodellansatz untersucht vor allem, wodurch kapitalistische Volkswirtschaften wachsen oder stagnieren und wie die jeweiligen Entwicklungsmodelle politisch und gesellschaftlich getragen werden.
Eine Kritik der politischen Ökonomie stellt darüber hinaus die Frage, warum Kapitalakkumulation selbst zum bestimmenden Prinzip gesellschaftlicher Produktion geworden ist und welche Eigentums- und Klassenverhältnisse diesem Zusammenhang zugrunde liegen.
Es handelt sich um unterschiedliche, teilweise miteinander verbindbare Erkenntnisinteressen. Die Forschung zu Wachstumsmodellen kann konkrete historische Entwicklungen erklären. Die Kritik der politischen Ökonomie richtet sich zusätzlich auf die gesellschaftlichen Grundlagen dieser Entwicklungen.
Gerade ihre Verbindung kann für die historisch-politische und ökonomische Bildung produktiv sein: Sie ermöglicht es, konkrete wirtschaftliche Krisen zu analysieren, ohne deren strukturelle Voraussetzungen aus dem Blick zu verlieren.
Von der Politischen Ökonomie zu den weiteren Dimensionen der Gesellschaftskompetenz
Eine Untersuchung der strukturellen Zusammenhänge von Politik und Ökonomie führt über beide Kompetenzdimensionen hinaus.
Denn gesellschaftliche Produktions- und Herrschaftsverhältnisse existieren nicht unabhängig von Kultur, Kommunikation, Technik, Medien, Geschichte oder den natürlichen Lebensgrundlagen menschlicher Existenz.
Sie werden durch diese Verhältnisse vermittelt, reproduziert und verändert.
Daraus ergibt sich die Bedeutung der weiteren Dimensionen des Konzepts:
| Kompetenzdimension | Bedeutung für eine politisch-ökonomische Gesellschaftsanalyse |
|---|---|
| Philosophische Kompetenz | Hinterfragt Menschenbilder, Wertvorstellungen und die normativen Grundlagen gesellschaftlicher Ordnungen. |
| Kulturelle Kompetenz | Untersucht kulturelle Deutungen, Identitätsbildungen und die gesellschaftliche Herstellung von Selbstverständlichkeiten. |
| Soziale und Identitätskompetenz | Erschließt soziale Ungleichheit, Lebenslagen, kollektive Erfahrungen und gesellschaftliche Zugehörigkeiten. |
| Interkulturelle Kompetenz | Ermöglicht die Auseinandersetzung mit globalen Ungleichheiten, unterschiedlichen gesellschaftlichen Erfahrungen und internationalen Abhängigkeiten. |
| Kommunikative Kompetenz | Vermittelt individuelle Erfahrungen, kollektive Verständigung und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit. |
| Medienkompetenz | Untersucht, wie wirtschaftliche und politische Verhältnisse medial dargestellt, gedeutet und legitimiert werden. |
| Technologische Kompetenz | Fragt nach der gesellschaftlichen Gestaltung von Technik, ihren Machtwirkungen und ihren Folgen für Arbeit und Leben. |
| Ökologische Kompetenz | Erschließt das Verhältnis gesellschaftlicher Produktion zu natürlichen Lebensgrundlagen und ökologischen Grenzen. |
| Gerechtigkeitskompetenz | Untersucht gesellschaftliche Verteilung, Ungleichheit und die Maßstäbe gerechter Lebensverhältnisse. |
| Historische Kompetenz | Macht Entstehung, Veränderung und mögliche Überwindung gesellschaftlicher Verhältnisse erkennbar. |
Die Kompetenzdimensionen stehen damit nicht isoliert nebeneinander. Sie eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf eine gemeinsame gesellschaftliche Wirklichkeit.
Politische und ökonomische Kompetenz bilden einen zentralen Zusammenhang, weil gesellschaftliche Produktion und gesellschaftliche Macht nicht unabhängig voneinander verstanden werden können.
Historische und kommunikative Kompetenz bilden das Rückgrat des Konzepts: Historische Kompetenz erschließt die Gewordenheit und Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Kommunikative Kompetenz ermöglicht es, individuelle Erfahrungen in gemeinsame Verständigungs-, Urteils- und Handlungsprozesse zu überführen.
Erst durch diese Verbindung werden gesellschaftliche Zusammenhänge nicht nur erkannt, sondern auch zum Gegenstand demokratischer Auseinandersetzung und möglicher Veränderung.
Volkswagen als Beispiel: Warum Politische Ökonomie für Gesellschaftskompetenz unverzichtbar ist
Wie bedeutsam eine politisch-ökonomische Perspektive ist, zeigt sich besonders deutlich an den gegenwärtigen Auseinandersetzungen im Volkswagen-Konzern. Was öffentlich überwiegend als Unternehmenskrise, Standortproblem oder notwendige Anpassung an veränderte Wettbewerbsbedingungen erscheint, berührt grundlegende Fragen gesellschaftlicher Macht, wirtschaftlicher Interessen, demokratischer Mitbestimmung und politischer Verantwortung.
Eine auf Wechselwirkungen zwischen Politik und Wirtschaft beschränkte Betrachtung untersucht, wie die Krise von Volkswagen die Landes- und Bundespolitik beeinflusst, welche staatlichen Fördermaßnahmen infrage kommen oder wie politische Entscheidungen die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns verändern. Das sind wichtige Fragen. Sie erfassen aber nur einen Teil des gesellschaftlichen Zusammenhangs.
Eine Kritik der politischen Ökonomie fragt darüber hinaus, weshalb die Zukunft von Zehntausenden Beschäftigten und ganzer Regionen von unternehmerischen Rentabilitätsentscheidungen abhängig ist, wer über diese Entscheidungen verfügt und nach welchen Interessen und Maßstäben sie getroffen werden.
Dabei wird sichtbar, dass es nicht nur um die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens geht, sondern um die gesellschaftliche Organisation von Produktion, Eigentum und Verfügungsmacht. Während die Beschäftigten die Produkte herstellen und die gesellschaftlichen Folgen von Standortentscheidungen mittragen, liegen die maßgeblichen strategischen Entscheidungen bei den Unternehmensorganen innerhalb der bestehenden Eigentums- und Mitbestimmungsordnung. Auch die besondere Beteiligung des Landes Niedersachsen und die institutionalisierte Mitbestimmung bei Volkswagen heben diese grundlegende Spannung nicht auf.
Die gesellschaftliche Bedeutung reicht weit über den Konzern hinaus. Standortentscheidungen betreffen Zulieferbetriebe, kommunale Haushalte, öffentliche Infrastruktur, regionale Entwicklung und die Lebensperspektiven der Beschäftigten und ihrer Familien. Zugleich stellt sich die Frage, welche Produkte künftig hergestellt werden sollen, welche gesellschaftlichen Bedürfnisse damit befriedigt werden und welche Rolle ökologische Anforderungen oder mögliche alternative Nutzungen industrieller Produktionskapazitäten spielen.
Die öffentliche Auseinandersetzung: Wirtschaftliche Sachzwänge oder gesellschaftliche Entscheidungen?
Ebenso aufschlussreich ist die öffentliche Auseinandersetzung über die Krise. Begriffe wie Wettbewerbsfähigkeit, Überkapazitäten, Kostendruck oder alternativlose Restrukturierung sind nicht bloß neutrale Beschreibungen. Sie beruhen auf bestimmten wirtschaftlichen Kriterien und können dazu beitragen, unternehmerische Entscheidungen als unausweichliche Sachzwänge erscheinen zu lassen.
Eine kritische Analyse muss deshalb prüfen, welche Sachverhalte diese Begriffe zutreffend beschreiben, welche Interessen mit ihrer Verwendung verbunden sind und welche Handlungsmöglichkeiten in der öffentlichen Darstellung sichtbar werden oder ausgeblendet bleiben.
Die wirtschaftlichen Herausforderungen durch veränderte Märkte, technologische Umbrüche und internationale Konkurrenz sind real. Wie darauf reagiert wird, welche Renditeziele gelten, welche Belastungen verteilt werden und welche Alternativen zur Diskussion stehen, ist jedoch Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.
Nicht nur die Krise selbst ist zu erklären, sondern auch, weshalb bestimmte Formen ihrer Bewältigung als wirtschaftlich notwendig erscheinen und andere Möglichkeiten gesellschaftlicher Gestaltung in den Hintergrund treten.
Die Bedeutung der verschiedenen Kompetenzdimensionen
Gerade am Beispiel Volkswagen wird deutlich, weshalb die übrigen Dimensionen der Gesellschaftskompetenz notwendig sind.
Historische Kompetenz erschließt die Entstehung des Volkswagen-Konzerns, seine Eigentumsverhältnisse und die Entwicklung industrieller Arbeit. Sie ermöglicht es, die heutigen Strukturen als Ergebnis historischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen zu verstehen.
Medienkompetenz untersucht die öffentliche Darstellung der Krise, die Auswahl und Gewichtung von Informationen sowie die Durchsetzung bestimmter Deutungsmuster. Sie fragt, welche Perspektiven in der Berichterstattung dominieren und welche gesellschaftlichen Interessen sichtbar werden oder unbeachtet bleiben.
Kommunikative Kompetenz ermöglicht die Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen und gesellschaftlichen Perspektiven. Sie verbindet die individuellen Erfahrungen der Beschäftigten mit kollektiven Verständigungs- und Handlungsprozessen.
Technologische und ökologische Kompetenz fragen nach der Zukunft industrieller Produktion, der Entwicklung neuer Technologien, den ökologischen Folgen der Automobilproduktion und nach gesellschaftlich sinnvollen Mobilitätskonzepten.
Gerechtigkeitskompetenz richtet den Blick auf die Verteilung von Risiken, Belastungen, Gewinnen und Entscheidungsmacht. Sie fragt danach, wer die Kosten wirtschaftlicher Umstrukturierungen trägt und wer über die Verwendung gesellschaftlich geschaffenen Reichtums entscheidet.
Weitere Dimensionen – insbesondere kulturelle, soziale und interkulturelle Kompetenz – erschließen die Bedeutung industrieller Arbeit für Identität, Lebensverhältnisse und gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die internationalen Verflechtungen des Konzerns.
Am Beispiel Volkswagen zeigt sich somit, dass politische und ökonomische Kompetenz zwar einen zentralen Ausgangspunkt gesellschaftlicher Analyse bilden, die gesellschaftliche Wirklichkeit aber erst durch die Verbindung der unterschiedlichen Kompetenzdimensionen umfassender erschlossen werden kann.
Weiterführende Beiträge: Über Wolfsburg hinaus und Gesellschaftskompetenz und Lernwerkstatt.
Politische Ökonomie als Bestandteil emanzipatorischer Gesellschaftsbildung
Politische Ökonomie besitzt für das Konzept der Gesellschaftskompetenz deshalb eine doppelte Bedeutung.
Sie ermöglicht einerseits, wirtschaftliche Entwicklungen in ihren politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen zu verstehen. Sie eröffnet andererseits – als Kritik der politischen Ökonomie – die Möglichkeit, die historisch entstandenen Grundlagen dieser Zusammenhänge selbst zu hinterfragen.
Damit verschiebt sich die Perspektive von der Frage, wie Menschen innerhalb bestehender wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse handeln können, zur weiterführenden Frage, wie diese Verhältnisse entstanden sind, welche Interessen und Machtstrukturen sie prägen und unter welchen Bedingungen sie verändert werden können.
Das bedeutet nicht, dass jede ökonomische oder politische Untersuchung unmittelbar in eine umfassende Kapitalismuskritik überführt werden muss. Wohl aber sollten die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Untersuchungsgegenstands grundsätzlich hinterfragbar bleiben.
Gesellschaftskompetenz erschöpft sich nicht in der Fähigkeit, bestehende Strukturen zu verstehen und sich in ihnen zurechtzufinden. Sie schließt die Fähigkeit ein, ihre historischen Voraussetzungen, inneren Widersprüche und möglichen Alternativen zu erkennen.
Darin liegt auch der emanzipatorische Gehalt des Konzepts.
Nicht nur verstehen, wie Politik und Wirtschaft aufeinander einwirken, sondern begreifen, wie ihre gesellschaftlichen Grundlagen entstanden sind, wie sie zusammenhängen und wie sie verändert werden können.
Anmerkungen und Literatur
1. Duden Wirtschaft von A bis Z: Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag. 6. Auflage. Mannheim: Bibliographisches Institut 2016. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2016. Politische Ökonomie – bpb. Die bpb veröffentlicht im Politiklexikon außerdem eine breitere Begriffsbestimmung. Die hier entwickelte Kritik richtet sich auf die engere Definition aus dem Wirtschaftslexikon.
2. Marx, Karl (1857): Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie. In: MEW 42, S. 19–45; ders. (1859): Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Vorwort. In: MEW 13, S. 7–11; ders. (1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Band I. MEW 23. Berlin: Dietz.
3. Baccaro, Lucio / Pontusson, Jonas (2016): Rethinking Comparative Political Economy: The Growth Model Perspective. In: Politics & Society, 44(2), S. 175–207. Baccaro, Lucio / Blyth, Mark / Pontusson, Jonas (Hg.) (2022): Diminishing Returns: The New Politics of Growth and Stagnation. Oxford: Oxford University Press.
Weiterführende Literatur
Polanyi, Karl (1978): The Great Transformation. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Gramsci, Antonio (1991–2002): Gefängnishefte. Hamburg: Argument.
Poulantzas, Nicos (1978): Staatstheorie. Hamburg: VSA.
Hirsch, Joachim (2005): Materialistische Staatstheorie. Hamburg: VSA.
Heinrich, Michael (2004): Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Stuttgart: Schmetterling.
