Wer sorgt für ein menschenwürdiges Leben?

Deutsche Spielfilme des 20. Jahrhunderts über soziale Sicherheit, Arbeit, Krankheit und Alter


Kaiserreich im historischen Rückblick

FilmGegenstandBedeutung für die Sozialstaatsdiskussion
Die Unbesiegbaren
Arthur Pohl; DDR 1953
Behandelt Arbeiterbewegung, Streikunterstützung und Repression im letzten Jahr des Sozialistengesetzes. Eine Arbeiterfamilie gerät durch die Verhaftung des Vaters in Not.Kollektive Selbsthilfe und politische Rechte: Erschließt die Kämpfe im Umfeld der entstehenden Sozialversicherung. Die Sozialgesetzgebung selbst ist nicht Hauptgegenstand. Zugleich lässt sich das Geschichtsbild der frühen DDR untersuchen.

Weimarer Republik: Arbeitslosigkeit, Armut und Solidarität

FilmGegenstandBedeutung für die Sozialstaatsdiskussion
Mutter Krausens Fahrt ins Glück
Phil Jutzi; Deutschland 1929
Eine Zeitungsverkäuferin und ihre Familie leben unter bedrückenden Bedingungen im Berliner Wedding. Eine geringe fehlende Geldsumme setzt eine existenzielle Katastrophe in Gang.Armut als gesellschaftliches Verhältnis: Wohnungsnot, wirtschaftliche Abhängigkeit und fehlende Absicherung greifen ineinander. Zu untersuchen ist auch das Verhältnis von individueller Verzweiflung und organisierter Solidarität.
Lohnbuchhalter Kremke
Marie M. Harder; Deutschland 1930
Ein Angestellter verachtet notleidende Arbeiter. Als er selbst durch Rationalisierung seine Beschäftigung verliert, erlebt er die Erniedrigungen der Armut.Abwertung von Menschen in sozialer Not: Wie entstehen Distanzierung und Überlegenheitsgefühle gegenüber Menschen, deren Lage einen selbst treffen kann?
Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?
Slatan Dudow; Deutschland 1932
Arbeitslosigkeit, der Tod eines jungen Erwerbslosen und der Verlust der Wohnung bestimmen die Geschichte einer Berliner Arbeiterfamilie. Die Erzählung führt zur solidarischen Arbeiterkultur und zur Frage gesellschaftlicher Veränderung.Soziale Not als veränderbarer Zusammenhang: Verbindet Erwerbslosigkeit, Familie, Wohnen und politische Handlungsfähigkeit. Wie wird aus persönlicher Not eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe?

Nachkriegszeit und frühe Bundesrepublik: Lebensgrundlagen und gesellschaftlicher Neubeginn

FilmGegenstandBedeutung für die Sozialstaatsdiskussion
Liebe 47
Wolfgang Liebeneiner; Deutschland (West) 1949
Die Begegnung zweier verzweifelter Menschen verbindet Erfahrungen von Krieg, Verlust und gesellschaftlicher Zurückweisung.Voraussetzungen eines lebbaren Lebens: Welche Unterstützung brauchen Menschen nach Krieg und Zusammenbruch? In welchem Verhältnis steht die private Verständigung der Hauptfiguren zu gesellschaftlicher Verantwortung?
Unser täglich Brot
Slatan Dudow; DEFA 1949
Eine Familie steht vor unterschiedlichen Wegen der Existenzsicherung: gemeinsamer Wiederaufbau einer Fabrik oder individuelles Fortkommen durch Geschäfte.Arbeit, Eigentum und soziale Sicherheit: Welche Wirtschaftsordnung soll ein gesichertes Leben ermöglichen? Besonders geeignet zur Gegenüberstellung mit westdeutschen Nachkriegsfilmen.
Die Ratten
Robert Siodmak; BRD 1955
Eine schwangere, mittellose Frau kommt nach Berlin und gerät in ein zerstörerisches Abhängigkeitsverhältnis. Die Hauptmann-Vorlage wird in die frühe Nachkriegszeit übertragen.Mutterschaft ohne materielle Sicherheit: Welche Handlungsmöglichkeiten bleiben ohne Geld und tragfähige Unterstützung? Wie macht das Melodram soziale Ursachen sichtbar, und wie übersetzt es sie in persönliche Schuldverhältnisse?

Bundesrepublik: Alter, Wohnen und soziale Rechte

FilmGegenstandBedeutung für die Sozialstaatsdiskussion
Lina Braake oder Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat
Bernhard Sinkel; BRD 1975
Eine ältere Frau verliert nach der Übernahme ihres Wohnhauses durch eine Bank ihre vertraute Lebensumgebung und kommt in ein Altenheim. Gemeinsam mit einem ehemaligen Bankangestellten entwickelt sie einen Plan, sich Handlungsspielraum zurückzuerobern.Alter, Wohnrecht und wirtschaftliche Macht: Wer bestimmt darüber, wie und wo ältere Menschen leben dürfen? Welche Möglichkeiten haben sie, sich gegen institutionelle Bevormundung und wirtschaftlich mächtige Akteure zu wehren?
Acht Stunden sind kein Tag: Oma und Gregor
Rainer Werner Fassbinder; BRD 1972; Fernsehfilm
Oma und Gregor suchen eine bezahlbare Wohnung. Zugleich entsteht ihre Initiative für einen Kindergarten in einer leerstehenden ehemaligen Bücherei. Nach der polizeilichen Schließung setzen Eltern und Kinder gemeinsam die Wiedereröffnung durch.Wohnen im Alter, Kinderbetreuung und demokratische Selbstorganisation: Wie wird aus einem privat erfahrenen Mangel eine öffentliche Aufgabe? Soziale Sicherung betrifft alle Generationen.
Liebe Mutter, mir geht es gut
Christian Ziewer; BRD 1972
Ein arbeitslos gewordener Maschinenschlosser zieht nach West-Berlin. Dort erlebt er Abhängigkeit im Betrieb und im Arbeiterwohnheim, steigenden Leistungsdruck sowie Schwierigkeiten, kollektiven Widerstand zu organisieren.Voraussetzungen sozialer Sicherheit: Beschäftigung allein schützt nicht vor Abhängigkeit und Unsicherheit. Wie greifen Arbeits- und Wohnverhältnisse ineinander, und was behindert solidarisches Handeln?
Angst essen Seele auf
Rainer Werner Fassbinder; BRD 1974
Die Beziehung einer älteren Reinigungskraft und eines jüngeren marokkanischen Arbeiters stößt auf Ausgrenzung. Die spätere Annäherung ihres Umfeldes ist wesentlich von eigenen Interessen bestimmt.Gesellschaftliche Zugehörigkeit: Wer wird als gleichberechtigter Mensch anerkannt, wer auf Arbeitskraft, Herkunft oder vermeintliche Nützlichkeit reduziert? Der Film erweitert die Sozialstaatsdiskussion über finanzielle Leistungen hinaus.

DDR: Arbeit, Ruhestand und gesundheitliche Krisen

FilmGegenstandBedeutung für die Sozialstaatsdiskussion
Bankett für Achilles
Roland Gräf; DDR 1975
Ein langjähriger Chemiearbeiter steht vor dem Ruhestand. Offizielle Würdigung und seine eigenen Erfahrungen, Bedürfnisse und Widersprüche fallen auseinander.Abschied von der Erwerbsarbeit: Was bedeutet der Ruhestand in einer Gesellschaft, die Identität stark über Arbeit bestimmt? Welche Stellung und welche Ansprüche haben Menschen nach ihrem Arbeitsleben?
Lachtauben weinen nicht
Ralf Kirsten; DDR 1979
Eine Schmelzerbrigade erfährt zufällig von der geplanten Stilllegung ihrer Öfen. Die Beschäftigten empören sich darüber, dass ohne sie entschieden wurde, und erzwingen eine Auseinandersetzung mit der Leitung.Eigentum und betriebliche Entscheidungsmacht: Was bedeutet gesellschaftliches Eigentum, wenn Beschäftigte über ihre Arbeitsbedingungen und die Zukunft ihres Betriebes nicht mitentscheiden? Ein Anknüpfungspunkt an gegenwärtige Konflikte um Werksschließungen.
Die Beunruhigung
Lothar Warneke; DDR, Produktion 1981, Kinostart 1982
Eine berufstätige Mutter wird mit einer bedrohlichen gesundheitlichen Diagnose konfrontiert und überprüft ihr bisheriges Leben und ihre Beziehungen.Gesundheitliche Versorgung und soziale Beziehungen: Welche Sicherheit bieten medizinische Institutionen, Beruf, Familie und persönliche Bindungen? Ein Zugang zu gelebter Unterstützung, weniger zur Finanzierung des Gesundheitswesens.

Deutschland in den 1990er-Jahren: Prekäre Lebenslagen und Ausgrenzung

FilmGegenstandBedeutung für die Sozialstaatsdiskussion
Das Leben ist eine Baustelle
Wolfgang Becker; Deutschland 1997
Nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes hält sich Jan mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Liebesbeziehung, Wohnsituation und berufliche Unsicherheit verschränken sich.Soziale Unsicherheit im Alltag: Wie durchdringt sie die gesamte Lebensführung? Wird sie als gesellschaftliches Problem oder als allgemeine Unübersichtlichkeit des Lebens erzählt?
Nachtgestalten
Andreas Dresen; Deutschland 1999
Mehrere Geschichten führen durch das nächtliche Berlin. Ein obdachloses Paar möchte sich mit gefundenem Geld eine einzige Nacht in einem richtigen Bett ermöglichen. Andere Begegnungen handeln von Abhängigkeit, Einsamkeit und unverhoffter Unterstützung.Menschen außerhalb gesellschaftlicher Normalität: Welche Bedürfnisse bleiben unerfüllt, welche Hilfe entsteht zufällig und welche wäre gesellschaftlich zu gewährleisten?

Filmbearbeitungen und Vorschläge für Lernwege folgen.

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