Erziehung zum Börsenjunkie – Früh übt sich, wer später spekulieren will
Frühstartrente: Der Staat übernimmt die finanzielle Früherziehung
Eine politische Glosse von Detlef Endeward
Endlich kümmert sich der Staat um die finanzielle Bildung unserer Kinder. Nicht etwa durch besseren Wirtschaftsunterricht, in dem über Löhne, Eigentum, soziale Sicherung oder die Verteilung gesellschaftlichen Reichtums nachgedacht wird. Nein, viel praktischer: Schon mit sechs Jahren bekommen die Kleinen ihr erstes staatlich finanziertes Kapitalmarktdepot.
Zehn Euro monatlich. Das ist zwar nicht viel, aber für den Einstieg in die Welt der Aktienkurse reicht es. Schließlich muss man früh lernen, dass Geld nicht einfach zum Ausgeben da ist. Geld muss arbeiten. Am besten sechzig Jahre lang.
Und das Schönste: Niemand muss die Kinder vorher fragen, ob sie überhaupt Börsianer werden wollen.
Die wundersame Geldvermehrung
Die Bundesregierung hat auch schon ausgerechnet, was dabei herauskommen könnte: Aus 1.440 Euro staatlicher Förderung werden bei sieben Prozent jährlicher Rendite bis zum Rentenalter rund 53.000 Euro. Garantiert ist das natürlich nicht. Aber wer wird bei solchen Aussichten kleinlich sein und nach Risiken fragen?
Mit fünf Prozent Rendite wären es nur noch rund 19.400 Euro, mit drei Prozent etwa 6.900 Euro. Aber solche Zahlen verderben die Vorfreude. Finanzielle Bildung beginnt schließlich mit Optimismus.
Chancengleichheit – sofern die Eltern zahlen können
Besonders pädagogisch wertvoll ist die Einbeziehung der Familie. Eltern und Großeltern sollen möglichst kräftig dazuzahlen. Wer seinem Kind zusätzlich 50 Euro monatlich spendiert, darf in der Modellrechnung auf rund 320.000 Euro Endvermögen hoffen.
Und wer das Geld nicht hat? Der lernt eben frühzeitig eine der wichtigsten Regeln unserer Wirtschaftsordnung: Gleiche Chancen sind schön, aber eigenes Vermögen ist schöner.
Die Finanzwirtschaft bildet mit
Auch die Finanzwirtschaft darf sich freuen. Sie erhält eine neue Generation von Kundinnen und Kunden, die noch nicht einmal lesen können, wenn ihre ersten Kapitalanlagen getätigt werden. Die Kosten der Vermögensverwaltung sind selbstverständlich ein Beitrag zur wirtschaftlichen Wertschöpfung. Schließlich muss irgendjemand das Geld verwalten, das für die Kinder arbeitet.
Und wenn die Börse gerade dann abstürzt, wenn die inzwischen 65-Jährigen ihre Ersparnisse brauchen? Auch das ist eine wertvolle Lebenserfahrung. Wer früh genug mit dem Kapitalmarkt vertraut gemacht wurde, sollte gelernt haben, Verluste mit Fassung zu tragen.
Privatisierung ganz ohne Verkauf
Das eigentlich Geniale an der Frühstartrente ist jedoch ihre gesellschaftspolitische Wirkung.
Früher galt Alterssicherung als gesellschaftliche Aufgabe. Beschäftigte zahlten Beiträge, Arbeitgeber ebenfalls, und die Rentenversicherung sollte soziale Lebensrisiken solidarisch absichern.
Heute geht das moderner: Der Staat gibt zehn Euro, die Eltern sollen möglichst viel dazulegen, und den Rest erledigt hoffentlich der Aktienmarkt.
Eine öffentliche Einrichtung muss dafür nicht verkauft werden. Privatisiert wird einfach die Verantwortung.
Und das ganz ohne große Privatisierungsdebatte.
Vom Schulkind zum Aktionär
Vielleicht sollte man die Frühstartrente deshalb als neues Bildungsprogramm verstehen. Nicht Lesen, Schreiben und Rechnen stehen im Mittelpunkt, sondern die frühzeitige Gewöhnung an Renditeerwartungen, Kapitalmarktrisiken und Eigenverantwortung.
Vom Schulkind zum Aktionär, vom Bürger zum Anleger, vom sozialen Recht zur privaten Vorsorge.
So beginnt die Erziehung zum Börsenjunkie.
Mit zehn Euro vom Staat. Und der Hoffnung, dass die Börse schon alles richten wird.
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