Die Wahl ist vorbei – die Erklärungen waren schon vorher da

Politiker, Medien und Gegenmedien erzählen uns, was die Menschen gewählt haben – bevor wir wissen, was sie erfahren haben

Kommentar von Detlef Endeward – 07.09.2026, 10.45 Uhr*

Gestern Abend um 21.30 Uhr stand das endgültige Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt noch nicht fest. Die Erklärungen waren trotzdem schon da.

Politiker bedankten sich bei ihren hervorragenden Wahlkämpfern und natürlich bei ihren Wählerinnen und Wählern. Journalisten begannen zu erklären, warum die Menschen so gewählt hatten. Erste Experten wussten, was passiert war.

Ich hatte deshalb vorgeschlagen: Vielleicht wäre es sinnvoller, zunächst einmal nicht zu wissen. Nachzudenken. Fragen zu stellen.

Nun ist es Montag, 10.45 Uhr. Wir wissen inzwischen, wie die Wahl ausgegangen ist. Und wir verfügen bereits über eine kaum noch überschaubare Menge an Erklärungen.

Sind wir deshalb klüger?

Ich bin mir nicht sicher.


Jeder findet zunächst das, was er ohnehin schon wusste

Die Reaktionen der Politiker sind beinahe erwartbar.

Die AfD sieht sich durch ihren Wahlerfolg bestätigt: Die Menschen wollten einen grundlegenden Politikwechsel.

Die CDU sucht nach eigenen Fehlern, nach Ursachen in der Bundespolitik und teilweise immerhin nach der Frage, was sich tatsächlich ändern müsse.

SPD und Grüne sehen vor allem die Gefahr für die Demokratie.

Die FDP erkennt die Notwendigkeit einer anderen Wirtschafts- und Migrationspolitik.

Die Linke verweist stärker auf soziale Unsicherheit, Arbeitsplatzverlust, Sozialabbau und öffentliche Daseinsvorsorge.

Das Erstaunliche daran:

Alle haben irgendwie recht – und alle finden im Wahlergebnis zunächst das wieder, was sie schon vorher gedacht haben.

Das Ergebnis wird in das vorhandene Weltbild eingeordnet.

Das ist menschlich. Und selbstverständlich ist auch meine eigene Betrachtung davon nicht frei.

Paradigmenloses Denken gibt es nicht.

Aber gerade deshalb müsste man das eigene Paradigma wenigstens kennen – und bereit sein, es durch die Wirklichkeit infrage stellen zu lassen.


Die Tagesschau: hervorragend vermessen – aber was wurde eigentlich gemessen?

Schauen wir exemplarisch auf tagesschau.de, Stand heute Vormittag.

Das Angebot ist beeindruckend.

Ergebnisse, Wahlbeteiligung, Wählerwanderungen, Altersgruppen, Geschlecht, Parteikompetenzen, wichtige Themen, Reaktionen, Analysen, Regierungsoptionen – sogar ein Koalitionsrechner steht bereit.

Wir wissen inzwischen ziemlich genau, wer wen gewählt hat.

Wir erfahren, welche Themen die Befragten wichtig fanden.

Wir erfahren, wer unzufrieden ist.

Wir erfahren, welche Partei bei welchem Problem für kompetent gehalten wird.

Und natürlich erfahren wir, wer jetzt mit wem regieren könnte.

Nur eine Frage bleibt merkwürdig unterbelichtet:

Was haben diese Menschen eigentlich erlebt?


Menschen sind nicht nur Wähler

Vielleicht liegt schon darin ein Problem.

Am Wahlabend werden Menschen zu Wählern.

Dann werden sie vermessen.

Männlich oder weiblich. Jung oder alt. Stadt oder Land. Früher CDU, diesmal AfD. Zufrieden oder unzufrieden. Migration wichtig. Wirtschaft wichtig. Innere Sicherheit wichtig.

Aber am Montagmorgen sind diese Menschen wieder etwas anderes.

Sie gehen zur Arbeit – oder fürchten um ihren Arbeitsplatz.

Sie bezahlen ihre Miete.

Sie bringen ihre Kinder in eine Schule, deren Zustand sie jeden Tag sehen.

Sie versuchen einen Facharzttermin zu bekommen.

Sie besuchen ihre Eltern im Pflegeheim.

Sie warten auf einen verspäteten Zug.

Sie rechnen aus, ob ihre Rente einmal reichen wird.

Und einige erleben vielleicht gar nichts davon als besonderes Problem.

Das müssten wir wissen.

Denn erst dann könnten wir beginnen zu verstehen, was hinter einer Wahlentscheidung steht.


„Unzufriedenheit“ erklärt überhaupt nichts

Besonders beliebt ist jetzt wieder dieses wunderbare Wort:

Unzufriedenheit.

Die Menschen seien unzufrieden.

Gut.

Aber womit?

Und warum?

Wenn jemand Angst hat, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, ist das keine „Stimmung“. Dann ist sein Arbeitsplatz möglicherweise tatsächlich gefährdet.

Wenn jemand keine bezahlbare Wohnung findet, ist das kein Kommunikationsproblem.

Wenn Eltern erleben, dass die Schule ihrer Kinder verfällt, haben sie möglicherweise keinen falschen Eindruck vom Zustand des Schulgebäudes.

Wenn jemand Monate auf einen Facharzttermin wartet, muss man ihm nicht erklären, dass unser Gesundheitssystem im internationalen Vergleich eigentlich ziemlich leistungsfähig ist.

Die Menschen sind nicht so unwissend, wie manche politische und mediale Erklärung nahelegt.

Sie können durchaus richtig wahrnehmen, dass etwas nicht funktioniert.

Ob sie deshalb auch richtig erklären können, warum es nicht funktioniert, ist eine völlig andere Frage.

Und genau da beginnt Politik.


Die entscheidende Lücke: Erfahrung – Deutung – Entscheidung

Nehmen wir einen bedrohten Arbeitsplatz.

Die Erfahrung lautet:

Mein Arbeitsplatz ist gefährdet.

Daraus folgt noch überhaupt keine politische Position.

Jetzt beginnt die Deutung.

Die Regierung ist schuld.

Die Energiewende ist schuld.

China ist schuld.

Die Migranten sind schuld.

Das Management hat versagt.

Die Eigentümer wollen ihre Rendite sichern.

Der Kapitalismus funktioniert so.

Alles mögliche Deutungen derselben Erfahrung.

Und erst daraus kann eine politische Konsequenz entstehen.

Genau diese Vermittlung interessiert mich.

Erfahrung → Deutung → politische Konsequenz.

Wenn wir nur fragen, welches Thema für die Wahlentscheidung wichtig war, springen wir über den entscheidenden Teil hinweg.


Und dann lese ich die „Alternativmedien“

Man könnte nun meinen: Also weg von den sogenannten Mainstreammedien. Schauen wir, was die Alternativen schreiben.

Das hilft.

Aber anders, als man vielleicht denkt.

Rainer Balcerowiak bei den NachDenkSeiten macht etwas, was in der bisherigen Tagesschau-Berichterstattung weitgehend fehlt. Er stellt Sachsen-Anhalt als gesellschaftlichen Raum dar: Bevölkerungsverlust, niedrige Einkommen, Niedriglohn, Armut, Industrieabbau, Probleme von Schulen, Gesundheitsversorgung und Mobilität.

Endlich Gesellschaft!

Nur folgt daraus ziemlich schnell die nächste fertige Erklärung: Strukturkrise, Sozialabbau, Frust über die etablierten Parteien, Russland- und Kriegspolitik – und die AfD habe diese Wut aufgesogen.

Das liegt meiner eigenen Sichtweise deutlich näher.

Aber deshalb muss es noch lange nicht stimmen.

Woher wissen wir, dass gerade diese Erfahrungen für die Wahlentscheidung ausschlaggebend waren?

Auch die Erklärung, die mir plausibel erscheint, muss überprüft werden.

Sonst kritisiere ich nur die Paradigmen der anderen und halte mein eigenes für die Wirklichkeit.


Und Overton erzählt wieder eine andere Geschichte

Noch interessanter wird es bei Roberto J. De Lapuente auf Overton.

Dort steht weniger die soziale Strukturkrise im Mittelpunkt. Erzählt wird vielmehr eine Geschichte von Bevormundung.

Aus einer Landtagswahl sei eine nationale Schicksalswahl gemacht worden. Politiker, Prominente und Medien hätten den Menschen in Sachsen-Anhalt erklärt, was sie wählen dürften, wenn sie gute Demokraten sein wollten. Die eigentlichen Probleme des Landes seien dabei in den Hintergrund geraten.

Die Sachsen-Anhalter erscheinen dort geradezu als Statisten ihrer eigenen Wahl.

Das ist ein interessanter Gedanke.

Und auch er berührt etwas, das mich beschäftigt:

Werden Menschen eigentlich als politische Subjekte ernst genommen – oder werden sie hauptsächlich erklärt?

Aber auch Overton baut daraus sofort wieder eine Geschichte: hier der Wählerwille, dort die Wahlverlierer, die mit Brandmauer und Koalitionen verhindern wollen, dass der Wahlsieger regiert.

Auch das ist ein Frame.

Ein anderer.


Wer die Tagesschau verlässt, verlässt nicht das Framing

Das ist vielleicht meine wichtigste Erkenntnis dieses Vormittags.

Wer die Tagesschau verlässt und ein „Alternativmedium“ liest, verlässt nicht das Framing. Er wechselt den Frame.

Die Tagesschau erzählt uns eine Geschichte von Wählerverhalten, Themen, Polarisierung, Parteien und Regierungsbildung.

Die NachDenkSeiten erzählen eine Geschichte von Strukturkrise, Sozialabbau und politisch aufgesaugtem Frust.

Overton erzählt eine Geschichte vom bevormundeten Wähler und einem politisch-medialen Establishment, das dessen Entscheidung nicht akzeptieren wolle.

Drei Geschichten.

Drei Perspektiven.

Drei Ausschnitte gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Keine davon ist paradigmenlos.

Und selbstverständlich ist auch dieser Kommentar eine vierte Perspektive.


Was mich stattdessen interessiert

Mich interessiert zunächst eine viel einfachere Frage:

Was haben die Menschen erfahren?

Nicht nur die AfD-Wähler.

Alle.

Was erleben CDU-Wähler, AfD-Wähler, Linke-, SPD-, Grünen- und BSW-Wähler in ihrem Alltag?

Vielleicht sitzen zwei Menschen morgens im selben verspäteten Regionalzug und wählen vollkommen unterschiedliche Parteien.

Vielleicht arbeiten zwei Menschen im selben Betrieb, fürchten beide um ihren Arbeitsplatz und ziehen daraus gegensätzliche politische Konsequenzen.

Vielleicht warten zwei Menschen gleich lange auf einen Arzttermin und erklären sich die Ursache dafür völlig unterschiedlich.

Dann hätten wir möglicherweise gar nicht zwei vollkommen verschiedene Erfahrungswelten.

Wir hätten gemeinsame oder ähnliche Erfahrungen und unterschiedliche politische Deutungen.

Das wäre interessant.


Und warum gerade die AfD?

Erst jetzt käme für mich die eigentliche Frage:

Warum konnte gerade die AfD bestimmten gesellschaftlichen Erfahrungen eine politisch so wirksame Deutung geben?

Sie verspricht Sicherheit.

Sie verspricht Ordnung.

Sie benennt Schuldige.

Sie reduziert Komplexität.

Sie sagt ihren Wählern: Ihr habt recht. Ihr habt euch das nicht eingebildet. Wir nehmen euch ernst.

Das kann ungeheuer attraktiv sein, wenn die eigene Erfahrung lautet:

Ich kann sowieso nichts verändern.

Eine emanzipatorische Alternative wäre schwieriger.

Sie müsste sagen:

Es gibt keine einfache Lösung.

Es gibt unterschiedliche Interessen.

Wir müssen über Macht und Eigentum reden.

Wir müssen darüber streiten, wie gesellschaftlicher Reichtum verteilt wird.

Und wir müssen gemeinsam entscheiden, wie wir leben wollen.

Das bedeutet nicht weniger Unsicherheit.

Zunächst bedeutet es möglicherweise sogar mehr.

Paulo Freire wusste, dass Befreiung auch Angst machen kann. Freiheit bedeutet eben nicht, dass endlich jemand anderes die richtige Ordnung herstellt. Sie bedeutet, selbst Subjekt gesellschaftlicher Veränderung zu werden.

Vielleicht liegt genau darin eine unserer Schwierigkeiten.


10.45 Uhr – Zeit, noch nicht fertig zu sein

Es ist jetzt Montag, der 7. September 2026, 10.45 Uhr.

Die Politiker haben gesprochen.

Die Medien haben ihre ersten Erzählungen angeboten.

Die Alternativmedien ebenfalls.

Den Experten sollten wir noch etwas Zeit lassen.

Und uns selbst vielleicht auch.

Denn ich möchte nicht den Fehler wiederholen, den ich gerade kritisiere: aus einigen Zahlen, einigen Artikeln und meinem eigenen gesellschaftstheoretischen Blick bereits zu wissen, warum Menschen so gewählt haben.

Meine Hypothese steht.

Menschen können gesellschaftliche Probleme durchaus richtig wahrnehmen und dennoch deren Ursachen falsch erklären.

Und unterschiedliche Menschen können dieselben Erfahrungen machen und daraus vollkommen unterschiedliche politische Konsequenzen ziehen.

Ob das für Sachsen-Anhalt zutrifft, muss untersucht werden.

Deshalb bleibt vorläufig die Frage:

Was haben die Menschen erfahren, wie erklären sie sich diese Erfahrungen – und warum konnte gerade die AfD daraus ein so erfolgreiches politisches Deutungsangebot machen?

Vielleicht sollten wir diesmal versuchen, diese Frage nicht schon zu beantworten, bevor wir sie wirklich untersucht haben.


Beiträge und Materialien, auf die Bezug genommen wurde

Tagesschau.de – Wahlergebnis, Reaktionen und erste Deutungen

Die Tagesschau-Berichterstattung wurde exemplarisch als Angebot eines zentralen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmediums betrachtet. Im Mittelpunkt standen Ergebnisse, Wählergruppen, Parteikompetenzen, Wählerwanderungen, Regierungsbildung und erste politische Reaktionen. Der Kommentar fragt danach, was innerhalb dieses Rasters sichtbar wird – und was nicht.

Die Auswahl entspricht dem Charakter des Kommentars: Sie dokumentiert die bis zum Vormittag des 7. September vorliegenden Deutungsangebote und beansprucht keine vollständige Medienanalyse. Die Tagesschau-Berichterstattung wurde und wird anschließend weiter ergänzt.

Alternative Deutungsangebote


Ausgangspunkt des Kommentars

Der Kommentar setzt den bereits am Wahlabend formulierten Gedanken fort:

„Wahlabend in Sachsen-Anhalt: Die Antworten sind schon da“


*Für die Visualisierung, Recherche, Strukturierung und sprachliche Überarbeitung wurde ChatGPT von OpenAI unter Verwendung des Modells GPT-5.6 Sol eingesetzt (Zugriff: 05. September 2026).

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