Ein Ergebnis – zwei Erklärungen, Deutungen und Rahmungen. Und eine dritte
Wie Tagesschau/NDR und Telepolis das vorläufige Ergebnis bei Volkswagen erzählen – und warum auch dieser Vergleich eine Geschichte erzählt
Detlef Endeward (09/2026)*
Im Beitrag „Die Krise erzählen – wie Medien aus einem Interessen- und Verteilungskonflikt ein Sachproblem machen“ ging es darum, wie die gegenwärtige Krise bei Volkswagen medial hergestellt und erklärt wird. Nicht in dem Sinne, dass die Krise lediglich eine mediale Erfindung wäre. Arbeitsplätze sind bedroht, Werke stehen zur Disposition, Absatzmärkte verändern sich, Investitionen müssen finanziert werden, Renditeerwartungen bestehen. All das ist real.
Aber aus Tatsachen entsteht noch keine Erklärung.
Welche Tatsachen ausgewählt, welche miteinander verbunden und welche Ursachen ihnen zugeschrieben werden, entscheidet wesentlich darüber, welche Geschichte von der Krise erzählt wird.
Nun gibt es ein vorläufiges Ergebnis des Konflikts im VW-Aufsichtsrat.
Und sofort beginnt die nächste Geschichte.
Oder genauer: Es beginnen mehrere.
Denn bemerkenswert ist nicht allein, was beschlossen wurde, sondern wie unterschiedlich dasselbe Ergebnis erklärt, gedeutet und gerahmt werden kann.
Tagesschau und NDR erzählen eine Geschichte.
Telepolis erzählt eine andere.
Und dieser Beitrag erzählt eine dritte.
Natürlich die richtige.
Aber dazu später.
Zunächst: Was ist eigentlich das „Ergebnis“?
Schon der Begriff ist problematisch.
Der VW-Aufsichtsrat hat sich auf einen weiteren Konzernumbau verständigt. Weitere Zehntausende Arbeitsplätze sollen wegfallen. Für mehrere Werke bleiben die längerfristigen Perspektiven offen. Entscheidungen werden vertagt, Kostensenkungen und Renditeziele bleiben bestehen. Gleichzeitig reagiert die Börse positiv.
Das lässt sich als Einigung beschreiben.
Als Kompromiss.
Als Sparprogramm.
Als Umbau.
Als Kahlschlag.
Als Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit.
Oder als weitere Verschiebung des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit.
Keiner dieser Begriffe ist mit dem Beschluss selbst identisch. Jeder ordnet ihn bereits in einen Bedeutungszusammenhang ein.
Das ist der Ausgangspunkt dieses zweiten Beitrags.
Geschichte eins: Ein schwieriger, aber notwendiger Umbau
Die umfangreiche Berichterstattung von Tagesschau und NDR stellt das Geschehen zunächst als Unternehmenskrise dar, für die eine Lösung gefunden werden muss.
Volkswagen hat Kostenprobleme. Der internationale Wettbewerb verschärft sich. Der chinesische Markt verändert sich. Die Transformation zur Elektromobilität verlangt hohe Investitionen. Werke sind nicht ausgelastet. Die Rendite der Kernmarke gilt als zu niedrig.
Innerhalb dieses Rahmens erscheint die zentrale Frage fast zwangsläufig:
Wie kann Volkswagen wieder wettbewerbsfähiger und profitabler werden?
Dann werden die jetzt beschlossenen Maßnahmen verständlich.
- Personalabbau senkt Kosten.
- Eine geringere Zahl von Produktionsstandorten beziehungsweise eine bessere Auslastung erhöht die Effizienz.
- Investitionen müssen konzentriert werden.
- Die Rendite muss steigen, damit zukünftige Investitionen finanziert werden können.
Und zwischen Unternehmensleitung, Arbeitnehmervertretern, Land Niedersachsen und Eigentümerseite muss ein tragfähiger Kompromiss gefunden werden.
Das ist eine in sich durchaus schlüssige Geschichte. Sie braucht keine falschen Zahlen. Sie muss niemanden belügen.
Ihre Wirkung entsteht durch ihren Rahmen.
Denn sobald die Krise primär als Problem mangelnder Wettbewerbsfähigkeit definiert ist, wird aus der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit nahezu automatisch das Kriterium, an dem die möglichen Lösungen gemessen werden.
Damit verschiebt sich die Frage.
Nicht mehr:
Welche Interessen treffen bei Volkswagen aufeinander?
Sondern:
Welche Maßnahmen sind notwendig, damit Volkswagen wieder erfolgreich wird?
Aus einem Interessenkonflikt wird ein Sachproblem.
Genau hier setzt die Analyse des ersten Beitrags wieder ein.
Und dann kommt „der Experte“
Besonders aufschlussreich ist deshalb der Expertenbeitrag der Tagesschau.
Der Experte liefert nicht einfach zusätzliche Fakten. Er ordnet die Fakten.
Das ist seine Aufgabe.
Er erklärt, weshalb Volkswagen sparen muss, wie die wirtschaftliche Situation einzuschätzen ist, welche Bedeutung die Maßnahmen haben und ob sie ausreichen könnten. Damit bekommt die zuvor erzählte Geschichte zusätzliche Autorität.
Der Experte erscheint zunächst als jemand, der außerhalb des Konfliktes steht und ihn aufgrund besonderen Wissens erklären kann.
Aber auch Experten denken innerhalb von Kategorien.
Deshalb wäre bei jeder solchen Einordnung zu fragen:
Wer wird als Experte ausgewählt?
Welche Vorstellung vom Unternehmen liegt seiner Analyse zugrunde?
Welche Bedeutung haben Rendite, Eigentum, Beschäftigung und gesellschaftliche Verantwortung in seinem Erklärungsmuster?
Welche Interessen erscheinen darin als ökonomische Notwendigkeiten und welche als politische Forderungen?
Und vor allem:
Welche anderen Experten hätte man fragen können?
- Einen Vertreter kritischer politischer Ökonomie?
- Eine Arbeitssoziologin?
- Einen Regionalökonomen?
- Einen Gewerkschaftswissenschaftler?
- Einen Beschäftigten aus einem bedrohten Werk?
Der Experte – aber Experte wofür?
Besonders interessant ist in der Tagesschau-Berichterstattung die Rolle Ferdinand Dudenhöffers. Er wird als Automobilexperte hinzugezogen – und zweifellos verfügt er über jahrzehntelange wissenschaftliche und praktische Kenntnisse der Automobilindustrie.
Aber Expertise ist nicht dasselbe wie Perspektivlosigkeit.
Dudenhöffer ist Volkswirt, war selbst in leitenden Funktionen der Automobilindustrie tätig und lehrte Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft. Seine Analysen bewegen sich überwiegend innerhalb einer markt-, wettbewerbs- und unternehmensökonomischen Perspektive.
Das ist zunächst weder überraschend noch illegitim.
Es wird jedoch problematisch, wenn aus einer solchen spezifischen ökonomischen Perspektive „die ökonomische Expertise“ schlechthin wird.
Dudenhöffer fragt vor allem danach, was Volkswagen tun muss, um Kosten zu senken, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und sich auf den internationalen Automobilmärkten zu behaupten.
Ein Arbeitsökonom könnte andere Fragen stellen.
Eine Arbeitssoziologin ebenfalls.
Ein Vertreter kritischer politischer Ökonomie würde möglicherweise fragen, weshalb die Renditeerwartungen der Kapitaleigner als gegebene Größe behandelt werden, während Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsplätze als anzupassende Variablen erscheinen.
Und ein Beschäftigter könnte eine noch einfachere Frage stellen:
Warum soll eigentlich ich für Entscheidungen bezahlen, die ich nicht getroffen habe?
Die Auswahl des Experten entscheidet deshalb bereits mit darüber, welche Fragen überhaupt als ökonomische Fragen erscheinen.
Dudenhöffer muss dafür nichts verschweigen und die Tagesschau muss nichts verfälschen.
Es reicht, einen Experten auszuwählen, dessen theoretischer Blick bestimmte Zusammenhänge besonders gut sichtbar macht – und andere weitgehend außerhalb des Bildes lässt.
Vielleicht müsste die Frage deshalb nicht lauten:
„Was sagt der Experte?“
Sondern:
„Experte wofür – und aus welcher ökonomischen Perspektive?“
Und anschließend:
„Welchen anderen Experten hätten wir fragen können?“
Genau an diesem Punkt wird aus einer Expertenmeinung ein Gegenstand der Medienanalyse.
Sie würden wahrscheinlich nicht einfach andere Fakten nennen.
Sie würden möglicherweise dieselben Fakten anders miteinander verbinden.
Das ist der entscheidende Punkt.
Geschichte zwei: Die Börse feiert – die Beschäftigten bangen
Telepolis nimmt weitgehend denselben Vorgang zum Ausgangspunkt.
Aber bereits die Überschrift des Beitrags vom 4. September setzt einen anderen Rahmen:
„VW-Aktie feiert, vier Werke bangen: Die zynische Logik des Kahlschlags“.
Damit werden zwei Dinge miteinander verbunden, die auch in der Berichterstattung von Tagesschau und NDR vorkommen: steigender Aktienkurs und bedrohte beziehungsweise weiterhin unsichere Arbeitsplätze.
Aber die Verbindung verändert ihre Bedeutung.
Der steigende Aktienkurs ist nun nicht lediglich eine Reaktion „der Märkte“.
Er wird zu einem Hinweis darauf, dass dieselbe Entscheidung für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen etwas grundsätzlich Verschiedenes bedeutet.
Was für Kapitalanleger eine positive Nachricht ist, kann für Beschäftigte eine existenzielle Bedrohung darstellen.
Damit verändert sich die zentrale Frage:
Nicht:
Was muss Volkswagen tun, um wettbewerbsfähig zu werden?
Sondern:
Wer gewinnt, wer verliert und wer trägt die Kosten der Unternehmensstrategie?
Das ist eine andere Geschichte.
Plötzlich werden aus „Standorten“ Regionen
Das wird noch deutlicher, wenn man die weiteren Telepolis-Beiträge hinzunimmt.
Dort geht es um die mögliche Ausgliederung der Pkw-Sparte, um den Abbau von bis zu 50.000 Stellen und um die Folgen des Sparkurses für ganze Regionen.
Damit verändert sich erneut der Gegenstand. Ein Werk ist nun nicht mehr nur eine Produktionsstätte. Es ist Teil eines gesellschaftlichen Zusammenhangs.
An einem Werk hängen Beschäftigte und ihre Familien, Zulieferbetriebe, Handwerk, Einzelhandel, kommunale Einnahmen, Infrastruktur, Qualifikationen und regionale Zukunftserwartungen.
Was betriebswirtschaftlich als „Kapazitätsanpassung“ beschrieben werden kann, kann gesellschaftlich einen tiefgreifenden Strukturbruch bedeuten.
Beides kann gleichzeitig richtig sein.
Aber es ist nicht dasselbe.
Die merkwürdige Karriere der „50.000“
Besonders schön lässt sich das Problem an einer Zahl beobachten.
50.000 Arbeitsplätze.
Eine Zahl sieht zunächst denkbar unideologisch aus. 50.000 sind 50.000.
Aber was bedeutet sie?
- Ist sie ein festgelegtes Einsparziel?
- Eine rechnerische Größenordnung?
- Eine Verhandlungsposition?
- Eine Prognose?
- Eine Obergrenze?
- Ein politisches Drohpotenzial?
Und wann sollen diese Stellen verschwinden?
- Durch Kündigungen?
- Altersteilzeit?
- Nichtbesetzung?
- Ausgliederung?
- Verkauf?
Schon die genauere Betrachtung einer einzigen scheinbar harten Zahl zeigt: Auch Zahlen erklären sich nicht selbst. Sie erhalten ihre gesellschaftliche Bedeutung erst innerhalb einer Geschichte.
Zwei Geschichten – aber ein gemeinsamer blinder Fleck?
Man sollte es sich allerdings nicht zu einfach machen.
Die Gegenüberstellung lautet nicht:
Tagesschau falsch – Telepolis richtig.
Auch Telepolis rahmt.
Begriffe wie „Kahlschlag“, „Beben“ oder „zynische Logik“ sind keine neutralen Beschreibungen. Sie machen gesellschaftliche Folgen sichtbar, dramatisieren sie aber zugleich bewusst.
Das ist zunächst weder gut noch schlecht.
Es muss nur erkennbar bleiben.
Telepolis stellt den Interessengegensatz stärker ins Zentrum und rückt damit etwas ins Blickfeld, was in der betriebswirtschaftlichen Krisenerzählung leicht verschwindet.
Aber auch diese Geschichte könnte weiter gefragt werden:
- Wer verfügt tatsächlich über Volkswagen?
- Welche Rolle spielen Porsche/Piëch, institutionelle Anleger, das Land Niedersachsen, Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertretungen?
- Wie verteilen sich Entscheidungs- und Verfügungsmacht?
- Welche unterschiedlichen Interessen bestehen sogar innerhalb der Seite „Arbeit“?
- Und vor allem: Wie ist der Konflikt historisch entstanden?
Auch die Gegen-Erzählung beendet also die Analyse nicht.
Sie öffnet lediglich andere Fragen.
Und nun die dritte Geschichte
Damit sind wir bei diesem Beitrag.
Er berichtet nicht noch einmal über den VW-Beschluss. Er untersucht, wie über ihn berichtet wird. Sein Gegenstand ist damit nicht allein Volkswagen. Sein Gegenstand sind auch Tagesschau, NDR und Telepolis – und schließlich dieser Text selbst.
Die erste Geschichte sagt ungefähr:
Volkswagen befindet sich in einer schweren Krise und muss sich verändern. Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, sind schmerzhafte Einschnitte notwendig.
Die zweite sagt:
Unter dem Stichwort Wettbewerbsfähigkeit werden die Kosten einer verfehlten Unternehmensstrategie auf Beschäftigte und Regionen verlagert, während Kapitalinteressen und Renditeerwartungen weitgehend unangetastet bleiben.
Die dritte fragt:
Warum erscheinen dieselben Vorgänge in der einen Geschichte als wirtschaftliche Notwendigkeit und in der anderen als gesellschaftlicher Interessenkonflikt?
Damit verschiebt sich die Ebene.
Die Krise ist nicht verschwunden – sie hat ihre Form verändert
Im ersten Beitrag lautete die Frage, wie aus einem grundlegenden Interessen- und Verteilungskonflikt zwischen Kapital und Arbeit medial ein Sachproblem werden kann.
Das vorläufige Ergebnis widerlegt diese Überlegung nicht. Es bestätigt sie geradezu experimentell. Denn nun lässt sich beobachten, wie der Konflikt nach einer Entscheidung sprachlich weiterverarbeitet wird.
- Es gibt eine „Einigung“.
- Einen „Sparplan“.
- Einen „Kompromiss“.
- Die Aktie steigt.
Und dennoch wissen Zehntausende Beschäftigte nicht, wie ihre berufliche Zukunft aussehen wird. Der Konflikt ist also nicht verschwunden. Er hat lediglich eine institutionelle Form bekommen.
Ein Aufsichtsratsbeschluss beendet nicht den Gegensatz der Interessen, der zu ihm geführt hat.
Der entscheidende Unterschied: Was gilt als erklärungsbedürftig?
Vielleicht liegt hier der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Erzählungen.
In der betriebswirtschaftlichen Rahmung muss erklärt werden, warum Volkswagen seine Kosten senken und seine Rendite erhöhen muss. Die Rendite selbst wird dagegen kaum grundsätzlich erklärungsbedürftig.
In einer politisch-ökonomischen Perspektive ist gerade das eine zentrale Frage:
Warum soll eine bestimmte Rendite erzielt werden?
- Wer bestimmt ihre Höhe?
- Wer profitiert von ihr?
- Wer erwirtschaftet sie?
Welche Alternativen würden sich ergeben, wenn nicht Kapitalrendite, sondern Beschäftigung, regionale Stabilität, ökologische Transformation oder gesellschaftlicher Nutzen zum Ausgangspunkt der Entscheidung gemacht würden?
Damit wird sichtbar, dass der Begriff des Sachzwangs häufig dort beginnt, wo aufgehört wird, nach den Voraussetzungen einer Entscheidung zu fragen.
Kapital und Arbeit verschwinden nicht dadurch, dass man sie nicht benennt
Das führt zurück zum grundlegenden Konflikt.
Volkswagen ist kein einheitliches handelndes Subjekt.
„VW muss sparen“ ist sprachlich bequem.
Aber wer ist VW?
- Die Aktionäre?
- Die Familien Porsche und Piëch?
- Das Land Niedersachsen?
- Der Vorstand?
- Der Aufsichtsrat?
- Die Betriebsräte?
- Die IG Metall?
- Die Beschäftigten?
- Die Zulieferer?
- Die Standortkommunen?
Alle gehören in irgendeiner Weise zum gesellschaftlichen Komplex Volkswagen. Aber sie verfügen nicht über dieselbe Macht. Und ihre Interessen sind nicht identisch. Deshalb handelt es sich im Kern nicht lediglich um einen Verteilungskonflikt nach dem Motto: Wer bekommt wie viel?
Und während wir Geschichten erzählen …
Während Journalisten die Krise beschreiben, Experten sie erklären, Kommentatoren sie unterschiedlich deuten und ein Historiker und Politologe schließlich auch noch die verschiedenen Erzählungen analysiert, stellt sich für die Beschäftigten bei Volkswagen eine sehr viel weniger akademische Frage:
Was wird aus uns?
Man kann über Renditeziele und Wettbewerbsfähigkeit, Überkapazitäten und Transformation, Standortstrategien und Kapitalmärkte schreiben. Man kann untersuchen, welche Begriffe verwendet werden, wer als Experte auftritt und wie aus einem Interessen- und Verteilungskonflikt ein Sachproblem wird. Und man kann – wie in diesem Beitrag – anschließend noch die unterschiedlichen Erzählungen selbst zum Gegenstand einer Meta-Geschichte machen.
Für die Beschäftigten bleiben die Folgen jedoch materiell.
Es geht um Arbeitsplätze und Einkommen, um berufliche Biografien, Familien und Lebensplanungen. Und an den Standorten geht es darüber hinaus um Zulieferer, Handwerk, Kaufkraft, kommunale Einnahmen und die Zukunft ganzer Regionen.
Deshalb drängt sich – gerade aus hannoverscher Perspektive – eine historische Erinnerung auf.
Vor fast fünfzig Jahren erschien über ein anderes großes hannoversches Industrieunternehmen eine Darstellung unter einem Titel, der die Erfahrungen vieler Beschäftigter in drei Worte fasste:
„Verladen und verkauft“.
Gemeint war die Hanomag.
Die Geschichte ist nicht die Geschichte von Volkswagen. Die Eigentumsverhältnisse sind andere, die politischen Rahmenbedingungen ebenfalls, und aus historischen Analogien lassen sich keine Prognosen ableiten. Wer Geschichte ernst nimmt, darf Unterschiede nicht einebnen.
Aber Geschichte kann Fragen stellen.
Auch die Hanomag war einmal weit mehr als eine Ansammlung von Produktionsanlagen. Sie war ein Unternehmen, von dem Arbeitsplätze, Familien, Zulieferer und ein erheblicher Teil der industriellen Identität Hannovers abhingen. Unternehmensentscheidungen, Eigentümerwechsel und wirtschaftliche Strategien wurden damals ebenfalls mit ökonomischen Notwendigkeiten begründet. Für die Beschäftigten zeigte sich der Prozess schließlich in einer sehr viel konkreteren Erfahrung: Was als Unternehmenspolitik entschieden wurde, veränderte ihre Lebensbedingungen, ohne dass diejenigen, die die Folgen trugen, in gleichem Maße darüber verfügen konnten.
Genau deshalb ist die historische Erinnerung keine Behauptung:
VW wird die neue Hanomag.
Sie formuliert eine Frage:
Könnte etwas strukturell Vergleichbares geschehen – und woran würden wir es rechtzeitig erkennen?
Damit bekommt auch die gegenwärtige Auseinandersetzung um Volkswagen eine andere zeitliche Dimension. Wenn heute über Ausgliederungen, Standortperspektiven, Stellenabbau, Renditeziele und die zukünftige Struktur des Konzerns diskutiert wird, muss gefragt werden, welche Entscheidungen lediglich kurzfristige Reaktionen auf eine Krise sind – und welche Entscheidungen Strukturen schaffen, die später kaum noch zurückgenommen werden können.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nicht, ob der Aktienkurs heute steigt.
Nicht einmal, ob der jetzt gefundene „Kompromiss“ ein oder zwei Jahre trägt.
Sondern:
Wer verfügt morgen über Volkswagen – über seine Werke, seine Produktionsmittel, seine Investitionen und letztlich über die Bedingungen, unter denen Zehntausende Menschen arbeiten und leben?
Damit endet die Meta-Geschichte dort, wo die wirkliche Geschichte beginnt.
Journalisten werden weiter berichten.
Experten werden weiter erklären.
Wir werden weiter analysieren, welche Geschichten sie daraus machen.
Aber für die Beschäftigten entscheidet sich etwas, das sich nicht auf eine Erzählung reduzieren lässt.
Für sie steht eine sehr reale Frage im Raum:
Werden wir am Ende „verladen und verkauft“?
Die Geschichte der Hanomag beantwortet diese Frage für Volkswagen nicht.
Aber sie gibt uns allen Grund, sie rechtzeitig zu stellen.
Es geht grundlegender um das Verhältnis von Kapital und Arbeit: um Eigentum, Verfügungsmacht, Entscheidungsgewalt und die Aneignung beziehungsweise Verwendung des gesellschaftlich produzierten Reichtums.
Der aktuelle Verteilungskonflikt ist eine konkrete Erscheinungsform dieses grundlegenderen Verhältnisses.
Ein Ergebnis – aber für wen?
Damit lässt sich auch der Begriff „Ergebnis“ noch einmal anders lesen.
- Für die Börse gibt es ein Ergebnis.
- Für den Vorstand gibt es eines.
- Für den Aufsichtsrat gibt es eines.
- Für das Land Niedersachsen gibt es eines.
- Für die IG Metall gibt es eines.
Für einen Beschäftigten in Hannover, Emden, Zwickau oder einem anderen betroffenen Werk gibt es möglicherweise noch gar keines. Für ihn besteht das „Ergebnis“ vielleicht gerade darin, weiter nicht zu wissen, ob sein Arbeitsplatz in einigen Jahren noch existiert.
Ein und derselbe Beschluss produziert unterschiedliche gesellschaftliche Wirklichkeiten. Das ist keine Frage unterschiedlicher Gefühle. Es ist Ausdruck unterschiedlicher materieller Interessen und gesellschaftlicher Positionen.
Und welche Geschichte ist nun richtig?
Jetzt können wir auf die Behauptung vom Anfang zurückkommen.
Natürlich ist die dritte Geschichte die richtige. Sonst würde ich sie nicht schreiben.
Aber gerade eine Kritik an medialen Rahmungen darf nicht so tun, als besäße sie selbst keinen Rahmen.
Auch dieser Beitrag wählt aus.
Auch er setzt Begriffe.
Auch er verbindet Tatsachen miteinander.
Auch er folgt einem theoretischen Verständnis gesellschaftlicher Wirklichkeit – hier ausdrücklich einer politisch-ökonomischen Perspektive, in der Eigentum, Interessen, Macht sowie das Verhältnis von Kapital und Arbeit zentrale Kategorien sind.
Der Unterschied liegt deshalb nicht darin, dass die anderen Geschichten perspektivisch wären und diese dritte nicht.
Der Anspruch ist ein anderer:
Die eigene Perspektive sichtbar zu machen und sie zugleich der Kritik auszusetzen.
Die Meta-Geschichte steht nicht außerhalb der Geschichten.
Sie ist selbst eine.
Deshalb: Ein Ergebnis, mindestens drei Geschichten
Die Berichterstattung über Volkswagen ist damit selbst eine ausgezeichnete Quelle für gesellschaftliches Lernen.
Nicht indem Schülerinnen und Schüler entscheiden sollen:
Tagesschau oder Telepolis – wer hat recht?
Interessanter sind andere Fragen:
- Warum erzählen beide Medien denselben Vorgang unterschiedlich?
- Welche Tatsachen wählen sie aus?
- Welche verbinden sie miteinander?
- Welche Begriffe benutzen sie?
- Wer kommt zu Wort?
- Wer darf als Experte erklären?
- Welche Interessen werden sichtbar?
- Welche verschwinden?
- Was erscheint als veränderbare politische Entscheidung?
- Was erscheint als unvermeidlicher wirtschaftlicher Sachzwang?
Und schließlich:
Von welchem gesellschaftlichen Standort aus erzähle ich selbst die Geschichte?
Damit führt der zweite Beitrag über den ersten hinaus.
Zuerst ging es darum, wie die Krise erzählt wird.
Jetzt lässt sich beobachten, wie ihr vorläufiges Ergebnis erzählt wird.
Und aus beiden Untersuchungen ergibt sich dieselbe Einsicht:
Gesellschaftliche Wirklichkeit wird durch Medien nicht einfach abgebildet. Sie wird ausgewählt, geordnet, erklärt und mit Bedeutung versehen.
Ein Ergebnis. Zwei Erklärungen, Deutungen und Rahmungen. Und eine dritte.
Die dritte ist die Meta-Geschichte.
Und selbstverständlich ist sie richtig.
Zumindest solange wir weiterfragen.
Anmerkung zur Auswahl
Die herangezogenen Beiträge bilden keine systematische Medienanalyse. Untersucht werden zwei relativ geschlossene publizistische Erzählzusammenhänge rund um die vorläufige Einigung bei Volkswagen: die umfangreiche Berichterstattung von Tagesschau/NDR und mehrere zeitlich und thematisch eng damit verbundene Beiträge von Telepolis. Die Gegenüberstellung ist exemplarisch. Aussagen über „die Medien“ insgesamt lassen sich daraus nicht ableiten.
Die in den Beiträgen genannten Zahlen und Unternehmensdaten wurden für diesen Beitrag nicht eigenständig überprüft. Es wird – optimistisch – davon ausgegangen, dass sie von den jeweiligen Redaktionen korrekt wiedergegeben wurden.
Beiträge von Tagesschau und NDR
Tagesschau/NDR: Nach Einigung auf Sparplan – VW-Aktie steigt im DAX
NDR: Reaktionen auf die Einigung bei Volkswagen
NDR Info: VW-Aufsichtsrat beschließt Sparmaßnahmen
Tagesschau: Das sieht der VW-Sparplan vor
Beiträge von Telepolis
Telepolis: VW-Aktie feiert, vier Werke bangen – Die zynische Logik des Kahlschlags
Telepolis: VW-Umbau – Blume plant wohl Ausgliederung der Pkw-Sparte
Telepolis: Beben bei Volkswagen – Warum der Sparkurs ganze Regionen bedroht
Telepolis: VW-Krise – Warum geplante Abbau von 50.000 Stellen keine fixe Zielgröße sind
*Für die Visualisierung, Recherche, Strukturierung und sprachliche Überarbeitung wurde ChatGPT von OpenAI unter Verwendung des Modells GPT-5.6 Sol eingesetzt (Zugriff: 05. September 2026).


