Problemorientierter Unterricht

Vom historischen Problem zur gesellschaftlichen Orientierung

Detlef Endeward (12/2025)

„Der Problemorientierte Geschichtsunterricht (POGU) ist ein geschichtsdidaktisches Konzept mit dem Anspruch, theoretische Reflexion und Praxis des historischen Lernens miteinander in Einklang zu bringen. Wissenschaftstheoretisch oientiert sich der POGU an der Forderung der Historischen Sozialwissenschaft, Problemorientierung und erkenntnisleitende Interessen zu Prinzipien historischen Fragens zu erheben (H. U. Wehler, S. 27ff). Probleme im Sinne des POGU sind aus der Gegenwartserfahrung entstandene historische Fragen (Fragenbündel), die nicht einfach nur auf die Klärung eines Sachverhaltes abzielen. Dem Problemorientierten Geschichtsunterricht geht es weniger um die eher vordergründige Sicherung eines Was?, Wo?, Wann?, sondern um die Herausbildung einer Haltung

  • in der vermeintlich Selbstverständliches fragwürdig wird und damit eine neue Sicht begründet (Konstituierung eines neuen oder Erweiterung des bisherigen Fragehorizontes,
  • die befriedigende Antwort aus der Geschichte auch für das eigene Handeln und damit auch für das eigene Selbstverständnis eingefordert (Standortgebundenheit des Fragenden),
  • in der sich durch die Verknüpfung veschiedener Sachverhalte oder Fragestellungen der Übergang vom bloßen Fragen zum Problembewußstein manifestiert.

Darum kann der POGU auch nicht als ein Rezept genommen werden, das dann – als eine Art Arbeitstechnik – automatisch das gewünschte Ergebnis hervorbringt. Der POGU will den Fragenden vielmehr dazu bringe, auf das ihm Fragliche durch Erkenntnisarbeit selber eine Antwort zu finden.“

Integration in das Konzept der Gesellschaftskompetenzen

Der problemorientierte Geschichtsunterricht (POGU) lässt sich nahtlos in das Bildungskonzept der Gesellschaftskompetenzen integrieren, weil beide Ansätze historisches Lernen als aktiven, reflexiven und gesellschaftlich situierten Prozess verstehen. POGU geht davon aus, dass historische Fragen aus gegenwärtigen Erfahrungen entstehen und Lernende dazu befähigen sollen, vermeintlich Selbstverständliches infrage zu stellen. Genau diese Haltung bildet auch im Modell der Gesellschaftskompetenzen eine zentrale Grundlage: Gesellschaft wird als historisch gewordener, veränderbarer Zusammenhang verstanden, dessen Strukturen nur durch kritische Reflexion und kommunikative Auseinandersetzung erschlossen werden können.

POGU fördert insbesondere die historische Kompetenz, wie sie im Modell beschrieben wird: die Fähigkeit, Geschichte als offenen Prozess zu begreifen, Deutungen zu rekonstruieren und aus Vergangenheitserfahrungen Orientierung für Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. Gleichzeitig stärkt problemorientiertes Arbeiten die politische Kompetenz, da Lernende Machtverhältnisse, Interessenlagen und gesellschaftliche Konflikte analysieren und in ihren eigenen Standort einordnen müssen. Durch die Betonung der Standortgebundenheit des Fragens wird zudem soziale und kulturelle Kompetenz angesprochen, weil Lernende ihre Perspektiven mit anderen austauschen und im Dialog erweitern.

Zugleich ist POGU ohne kommunikative Kompetenz nicht denkbar: Historische Probleme werden erst im Austausch sichtbar, und ihre Bearbeitung verlangt die Fähigkeit, unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen und produktiv zu verknüpfen. Damit trägt POGU wesentlich zur Entwicklung des Komplexitätsvermögens bei, das das Modell als zentrale Bildungsanforderung moderner Gesellschaften beschreibt. Problemorientierung führt Lernende in Ambiguitäten, Mehrdeutigkeiten und offene Entwicklungsprozesse ein – und macht sie darin handlungsfähig.

So wird POGU zu einem didaktischen Verfahren, das die im Konzept der Gesellschaftskompetenzen beschriebenen Fähigkeiten nicht nur theoretisch fordert, sondern praktisch einlöst.


Literatur

Dahl, Clemens (1990). Aus der Praxis des problemorientierten Geschichtsunterrichts in der Sekundarstufe I, in: Uffelmann, Uwe in Verbindung mit Sabine Andreesen u. a., Problemorientierter Geschichtsunterricht, Villingen-Schwenningen 1990, S. 188-204.

PRAXIS GESCHICHTE, Heft 5/1998: Problemorientierter Geschichtsunterricht

Sturm, Reinhard (1992). Einstiege in den problemorientierten Geschichtsunterricht, in: Geschichte lernen, Heft 28/1992, S. 20-24.

Uffelmann, Uwe (1988): Problemfindung, Problemlösung, Reflexion. Problemorientierter Geschichtsunterricht in der Schulpraxis, in: Praxis Geschichte, Heft 5/1988, S.7)

Uffelmann, Uwe (1997) Problemorientierter Geschichtsunterricht, in: Bergmann, Klaus u. a. (Hg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. überarb. Aufl., Seelze-Velber 1997, S. 282-287.

Uffelmann, Uwe u. a., (1999): Neue Beiträge zum Problemorientierten Geschichtsunterricht, Idstein 1999.

Historische Kompetenz

Geschichtsbewusstsein

Materialistisches Geschichtsverständnis

Utopiefähigkeit, Zeitbewusstsein und Zukunftsgestaltung

Problemorientierter Unterricht

Einbindung in das Gessamtmodell

Die Bedeutung historisch-politischer Filmbildung 

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