Klasse – gesellschaftliches Verhältnis, historische Erfahrung und kollektives Handeln
Der Klassenbegriff bei Marx, Thompson und Vester
Der Begriff der Klasse bezeichnet in der marxistischen Gesellschaftstheorie keine bloße statistische Gruppe von Menschen mit ähnlichem Einkommen, Bildungsstand oder beruflicher Stellung. Klassen entstehen aus gesellschaftlichen Produktions- und Eigentumsverhältnissen, aus der unterschiedlichen Verfügung über Produktionsmittel und aus den damit verbundenen Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnissen.
Bei Karl Marx bildet die Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozess den Ausgangspunkt der Klassenanalyse. Edward P. Thompson erweitert diese Perspektive durch die Untersuchung der historischen Herausbildung von Klassen aus gemeinsamen Erfahrungen, Konflikten und kulturellen Praktiken. Michael Vester und seine Forschungsgruppe verbinden diese Tradition mit der empirischen Analyse sozialer Milieus, gesellschaftlicher Ungleichheiten und politisch-kultureller Orientierungen.
Zusammengenommen ermöglichen diese Ansätze einen Klassenbegriff, der ökonomische Strukturen, historische Erfahrungen, kulturelle Deutungen und gesellschaftliches Handeln aufeinander bezieht.
1. Karl Marx: Klasse als gesellschaftliches Verhältnis
Für Marx sind Klassen historisch entstandene gesellschaftliche Verhältnisse. Im Kapitalismus beruht die grundlegende Klassenstruktur auf der Trennung zwischen den Eigentümern beziehungsweise Verfügungsberechtigten über Produktionsmittel und denjenigen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen.
Die kapitalistische Produktionsweise bringt damit zwei grundlegende Klassenpositionen hervor: Bourgeoisie und Proletariat. Diese stehen nicht lediglich aufgrund unterschiedlicher Einkommen einander gegenüber, sondern sind durch das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit miteinander verbunden.
Die Bourgeoisie verfügt über die Bedingungen der Produktion und eignet sich den produzierten Mehrwert an. Die Lohnabhängigen sind darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, und produzieren im Arbeitsprozess den Wert, aus dem auch der Mehrwert hervorgeht.
Klassen sind deshalb bei Marx keine isolierten Bevölkerungsgruppen, sondern durch gesellschaftliche Beziehungen miteinander verbundene und zugleich gegensätzlich positionierte soziale Kräfte.
Die Klassenstruktur ist jedoch komplexer als die Gegenüberstellung von Kapital und Lohnarbeit. Marx untersucht auch Grundeigentümer, Bauern, Kleinbürger, unterschiedliche Kapitalfraktionen und weitere gesellschaftliche Gruppen. Ihre ökonomischen Positionen, politischen Interessen und Handlungsmöglichkeiten sind historisch verschieden.
Entscheidend ist außerdem die Unterscheidung zwischen objektiver Klassenlage und der Entwicklung gemeinsamer Interessen, Organisationen und politischen Handelns. Die gemeinsame ökonomische Stellung führt nicht automatisch zu einem einheitlichen Klassenbewusstsein.
Im Elend der Philosophie (1847) beschreibt Marx, wie sich eine durch ökonomische Bedingungen entstandene Klasse erst durch Auseinandersetzungen und Organisation auch als handelnde gesellschaftliche Kraft konstituiert. Diese Überlegung bildet einen wichtigen Ausgangspunkt für die spätere historische Klassenforschung.
2. Edward P. Thompson: Klasse als historischer Prozess
Thompson wendet sich gegen Vorstellungen, nach denen Klassen als fertige gesellschaftliche Kategorien existieren, denen Menschen aufgrund bestimmter Merkmale einfach zugeordnet werden können.
In seiner grundlegenden Studie The Making of the English Working Class (1963) untersucht er, wie sich die englische Arbeiterklasse zwischen dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert historisch herausbildete.
Sein Ausgangspunkt lautet: Klasse ist kein Ding, sondern ein historisches Geschehen und ein gesellschaftliches Verhältnis.
Menschen machen unter bestimmten, nicht frei gewählten Bedingungen gemeinsame Erfahrungen. Sie verarbeiten diese Erfahrungen in kulturellen Traditionen, Wertvorstellungen, Organisationen und Konflikten. Dabei können sie gemeinsame Interessen erkennen und sich gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen als zusammengehörig begreifen.
Thompson unterscheidet dabei zwischen Klassenerfahrung und Klassenbewusstsein.
Die Klassenerfahrung wird wesentlich durch die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse geprägt. Wie diese Erfahrungen jedoch wahrgenommen, interpretiert und politisch verarbeitet werden, ist kulturell und historisch vermittelt.
Klassenbewusstsein entsteht deshalb nicht mechanisch aus der ökonomischen Lage. Es entwickelt sich in konkreten Auseinandersetzungen und kann unterschiedliche politische und kulturelle Formen annehmen.
Für Thompson ist die Arbeiterklasse folglich nicht nur ein Ergebnis der Industrialisierung, sondern ebenso das Ergebnis des Handelns der arbeitenden Menschen selbst.
Damit rücken Erfahrungen, Alltagskultur, religiöse und politische Traditionen, Solidarität, Widerstand und soziale Bewegungen in den Mittelpunkt der Klassenanalyse.
3. Michael Vester: Klassen, soziale Milieus und gesellschaftliche Mentalitäten
Michael Vester und seine Forschungsgruppe knüpfen ausdrücklich an die historisch-kulturelle Klassenanalyse Thompsons an und verbinden sie mit der Sozialstrukturforschung, insbesondere mit Überlegungen Pierre Bourdieus zum sozialen Raum und zum Habitus.
Ihr Ansatz untersucht, wie sich gesellschaftliche Klassenverhältnisse in unterschiedlichen sozialen Milieus, Lebensweisen, Wertorientierungen und politischen Mentalitäten ausdrücken.
Menschen mit vergleichbarer ökonomischer Stellung müssen keineswegs dieselben kulturellen Vorstellungen, politischen Überzeugungen oder gesellschaftlichen Erwartungen entwickeln.
So unterscheiden sich beispielsweise innerhalb der Arbeitnehmerschaft traditionelle, modernisierte, aufstiegsorientierte und stärker gemeinschaftlich-solidarische Milieus. Diese Unterschiede sind nicht einfach individuelle Geschmacksfragen. Sie haben historische Wurzeln und stehen mit unterschiedlichen Bildungswegen, Berufserfahrungen, sozialen Aufstiegsmöglichkeiten und gesellschaftlichen Konflikten in Verbindung.
Vester zeigt damit, dass Klassenverhältnisse auch dort wirksam bleiben, wo ein einheitliches Klassenbewusstsein fehlt oder sich unterschiedliche politische Orientierungen herausbilden.
Der Milieubegriff ersetzt den Klassenbegriff nicht. Er ermöglicht vielmehr, die innere Differenzierung gesellschaftlicher Klassenlagen und ihre kulturellen Ausdrucksformen genauer zu untersuchen.
Zugleich wird verständlich, weshalb Menschen in vergleichbaren sozialen Positionen unterschiedliche politische Schlussfolgerungen ziehen und weshalb sich gesellschaftliche Konflikte nicht unmittelbar aus ökonomischen Interessen ableiten lassen.
4. Drei Perspektiven auf gesellschaftliche Klassen
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Perspektive |
Zentrale Frage |
Erkenntnisinteresse |
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Marx: Produktions- und Eigentumsverhältnisse |
Welche Stellung nehmen Menschen innerhalb der gesellschaftlichen Produktion ein? |
Klassenstruktur, Ausbeutung, Herrschaft und Interessengegensätze |
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Thompson: historische Klassenbildung |
Wie entstehen aus gemeinsamen Erfahrungen kollektive Identitäten und Handlungsformen? |
Klassenerfahrungen, kulturelle Verarbeitung, Konflikte und Klassenbewusstsein |
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Vester: soziale Milieus und Mentalitäten |
Wie unterscheiden sich Lebensweisen und gesellschaftliche Orientierungen innerhalb von Klassenlagen? |
Milieudifferenzierung, Habitus, soziale Ungleichheit und politische Orientierungen |
Diese Perspektiven sind nicht identisch, lassen sich aber produktiv aufeinander beziehen. Marx untersucht die gesellschaftlichen Bedingungen der Klassenverhältnisse, Thompson die historische Herausbildung kollektiver Klassenidentitäten und Vester ihre sozialkulturelle Differenzierung in modernen Gesellschaften.
5. Klasse als Verhältnis und Prozess
Aus der Verbindung dieser Ansätze ergibt sich ein Klassenverständnis, das weder ökonomistisch verkürzt noch auf kulturelle Identitäten reduziert werden kann.
Klassen haben eine objektive Grundlage in den gesellschaftlichen Produktions- und Eigentumsverhältnissen. Wie Menschen ihre Klassenlage erfahren, welche Deutungen sie entwickeln und ob daraus gemeinsames Handeln entsteht, hängt jedoch von historischen, kulturellen und politischen Vermittlungsprozessen ab.
Klassen sind zugleich gesellschaftliche Verhältnisse, historisch gewordene soziale Formationen und mögliche Subjekte kollektiven Handelns.
Dabei bleibt offen, ob gemeinsame Klassenlagen tatsächlich zu Solidarität, Organisation und politischer Handlungsfähigkeit führen. Ebenso können Konkurrenz, gesellschaftliche Spaltungen und unterschiedliche kulturelle Orientierungen die Herausbildung gemeinsamer Interessen erschweren.
Gerade diese Offenheit macht den Klassenbegriff für die historisch-politische Bildung bedeutsam. Er verbindet die Analyse gesellschaftlicher Ungleichheit mit der Frage, wie Menschen ihre Lebensverhältnisse wahrnehmen, interpretieren und verändern können.
Zentrale Literatur
Karl Marx – Klassenverhältnisse und Klassenkämpfe
Marx, Karl (1847): Das Elend der Philosophie. MEW 4, S. 63–182. Besonders S. 180 f. zur Herausbildung einer Klasse im gesellschaftlichen Konflikt.
Marx, Karl / Engels, Friedrich (1848): Manifest der Kommunistischen Partei. MEW 4, S. 459–493. Grundlegende Darstellung der historischen Klassenkämpfe und der kapitalistischen Klassengegensätze.
Marx, Karl (1852): Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. MEW 8, S. 111–207. Besonders S. 198 f. zur Klassenlage und politischen Repräsentation der Parzellenbauern.
Marx, Karl (1894): Das Kapital. Dritter Band. MEW 25, S. 892–893. Das unvollendete Kapitel 52 „Die Klassen“.
Edward P. Thompson – Klassenbildung als historische Erfahrung
Thompson, Edward P. (1963): The Making of the English Working Class. London: Victor Gollancz. Deutsch: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. Zwei Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987. Grundlegend für den historisch-prozessualen Klassenbegriff. Besonders wichtig ist das Vorwort. Englischer Text.
Thompson, Edward P. (1978): The Poverty of Theory and Other Essays. London: Merlin Press. Zur Kritik eines strukturalistischen Marxismus und zur Bedeutung historischer Erfahrung.
Thompson, Edward P. (1991): Customs in Common: Studies in Traditional Popular Culture. London: Merlin Press. Zur kulturellen Praxis, zu Traditionen und sozialen Konflikten.
Vester, Michael / von Oertzen, Peter / Geiling, Heiko / Hermann, Thomas / Müller, Dagmar (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Grundlegend für die Verbindung von Klassenanalyse, historischen Milieutraditionen und gesellschaftlichen Mentalitäten.
Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Wichtige theoretische Grundlage für die Analyse des sozialen Raums, des Habitus und der kulturellen Reproduktion sozialer Ungleichheit.
Eine gut zugängliche Einordnung des Milieuansatzes von Vester bietet die Bundeszentrale für politische Bildung: Facetten der modernen Sozialstruktur
