Flucht ohne Zukunft

Wo die Phantasie an den Belastungen der Vergangenheit scheitert und gesellschaftliche Gegenentwürfe ausbleiben

Bettina Greffrath (1993)

Im Verhältnis zu den gegenwartsbezogenen Spielfilmen entfernen sich nur wenige Filme überhaupt aus dem Handlungsraum Nachkriegsdeutschlands. In der Prozessanalyse zeigt sich jedoch deutlich die Tendenz, zunehmend mehr Filme zu drehen, die sich weder räumlich noch zeitlich in der unmittelbaren Vergangenheit oder Nachkriegsgegenwart verorten lassen, noch sich als Parabel auf zeitnahe Probleme beziehen.

Im vergleichenden Überblick erschienen eskapistische Phantasien in den Spielfilmen relativ selbstverständlich und in sich kohärent, für die die Konzeptionen und zum Teil auch die Filmaufnahmen noch zur Zeit des Dritten Reiches, also nicht unter der Last der Nachkriegswirklichkeit entstanden.[1]

Die dramatische Erdenschwere der Gegenwartsbilder tatsächlich hinter sich zu lassen, gelingt jedoch (zumindest einigen Filmen) erst im Jahr 1949.

Die genauere Untersuchung galt in diesem fünften Kapitel vier der Spielfilme, die den problembeladenen Handlungsraum der Trümmerstädte vollständig verlassen. In diesen exemplarischen Analysen wurde deutlich, dass diese Filme bewusst oder unbewusst am Boden haften, d. h. sich hintergründig um neuralgische Momente des Nachkriegssituationserlebens drehen. Offenbar wurde, dass den filmischen Phantasien keine tatsächliche Loslösung von den historisch und kollektiv bedeutsamen Belastungen gelingt. Dies gilt vor allem für die Frage nach individueller Schuld und Verantwortung, die allein in drei der in diesem Abschnitt exemplarisch untersuchten Spielfilme eine Rolle spielt. Erneut fand sich in den Filmen jene Bodenhaftung, die sich sowohl in der Analyse der Gegenwartsbilder[2] als auch der Selbst- und Menschenbilder[3] als charakteristische Momente gezeigt haben.

Auch brechen sich in diesen „eskapistischen Versuchen“ immer wieder Grundempfindungen von Kleinheit und individueller Ohnmacht wie auch – gleichsam als „Kehrseite der Medaille“ – Allmachtsphantasien.

Die Flucht – oder gar eine Form der Transzendenz, ein gedankliches oder auch spielerisches Überschreiten der Nachkriegsrealität – misslingt. Die Flucht- und Wunschbilder, Phantasie, Gefühle und Sinne bleiben in den unbewältigten Problemen von Vergangenheit und Gegenwart, auf eine eigentümliche Art gelähmt und gefangen.

Die Fähigkeit zum denkenden, phantasievollen Überschreiten der (historisch erfahrenen) Realität wäre jedoch eine wichtige Voraussetzung für den Neubeginn, die grundlegende Neuordnung von Gesellschaft und Politik im Nachkriegsdeutschland gewesen. So wird im letzten Analyseschwerpunkt noch einmal zielgerichtet nach den Inhalten und der Qualität der in den Filmen formulierten normativen Vorstellungen und Entwürfe für die zukünftige Entwicklung in Deutschland gefragt.


Anmerkungen

[1] SAG’ DIE WAHRHEIT; DIE ABENTEUER DES FRIDOLIN B.; TRÄUM NICHT ANNETTE und, sieht man von der Rahmensequenz ab, auch: DER APFEL IST AB.

[2] Abschnitt 5.2.

[3] Abschnitt 5.3.


Auszug aus: Bettina Greffrath: Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945-1949. Diss. Universität Hannover 1993, S. 475/476
[Orthographie aktualisiert und Anmerkungen an die Online-Veröffentlichung angepasst. D.E.]

 

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …