Kracauers Motivkomplexe der Stabilisierungsphase (1924–1929)
Kracauers Motivkomplexe der Stabilisierungsphase (1924–1929)
Filmgeschichte zwischen gesellschaftlicher Erstarrung, Neuer Sachlichkeit und kritischem Erwachen
Die Jahre 1924 bis 1929 gelten in der Geschichte der Weimarer Republik häufig als Phase relativer wirtschaftlicher und politischer Stabilisierung. Nach dem Ende der Hyperinflation, der Einführung der Rentenmark und der Neuordnung der Reparationszahlungen durch den Dawes-Plan verbesserten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Industrie wurde modernisiert, die Rationalisierung vorangetrieben, neue Konsum- und Freizeitangebote entstanden.
Diese Entwicklung war jedoch widersprüchlich. Die wirtschaftliche Erholung beruhte teilweise auf ausländischen Krediten. Die Rationalisierung veränderte die Arbeitsverhältnisse und verstärkte den Druck auf Beschäftigte. Zugleich wuchs die Zahl der Angestellten, deren gesellschaftliche Stellung zwischen traditionellen Mittelschichtvorstellungen und zunehmender wirtschaftlicher Abhängigkeit widersprüchlich blieb.
Siegfried Kracauer untersucht diese Jahre im dritten Teil von From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film unter der Überschrift „The Stabilized Period (1924–1929)“.[1]
Seine zentrale These lautet, dass die äußere Stabilisierung der Republik keineswegs mit einer inneren demokratischen Festigung der Gesellschaft gleichzusetzen sei. Die autoritären Orientierungen, die er in den Filmen der unmittelbaren Nachkriegszeit erkannt hatte, seien nicht überwunden, sondern gleichsam stillgestellt worden.
Kracauer spricht deshalb von einer gesellschaftlichen und psychischen Erstarrung. Viele Filme dieser Jahre erscheinen ihm unverbindlich, oberflächlich und auf die Ablenkung von gesellschaftlichen Konflikten ausgerichtet. Gleichzeitig untersucht er Filme, in denen verdrängte Wünsche und Ängste sichtbar werden, neue Formen realistischer Darstellung entstehen oder gesellschaftskritische Orientierungen wieder hervortreten.
Seine sechs Kapitel werden im Folgenden als Motivkomplexe vorgestellt. Die Untertabs erläutern die von ihm exemplarisch behandelten Filme und deren Bedeutung innerhalb seiner Argumentation.
Die Interpretationen werden zunächst als Aussagen Kracauers wiedergegeben. Ihre historische Tragfähigkeit ist gesondert zu prüfen. Insbesondere dürfen die Vielfalt der Filmproduktion, die gesellschaftlichen Klassenverhältnisse und die politischen Konflikte der Stabilisierungsphase nicht auf eine einheitliche kollektive Mentalität reduziert werden.
Die sechs Motivkomplexe
Niedergang – Decline
Kracauer 2004, S. 131–137
Kracauer beginnt seine Untersuchung mit einem Überblick über die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Stabilisierungsphase.
Die Modernisierung der Industrie, die Ausweitung der Verwaltung und die Rationalisierung der Arbeit veränderten die gesellschaftlichen Verhältnisse. Besonders interessiert ihn das Wachstum der Angestelltenschaft. Viele Angestellte näherten sich hinsichtlich ihrer Arbeitsbedingungen und wirtschaftlichen Lage den Industriearbeitern an, hielten jedoch an ihren Vorstellungen einer besonderen gesellschaftlichen Stellung fest.
Kracauer verbindet diese Entwicklung mit seiner bereits 1930 veröffentlichten Untersuchung Die Angestellten. Die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Lage und gesellschaftlichem Selbstverständnis bildet einen wichtigen Hintergrund seiner Interpretation der Filme.
Den deutschen Film sieht er während dieser Jahre in einem künstlerischen und gesellschaftlichen Niedergang. Er führt diesen nicht vorrangig auf den Verlust einzelner Regisseure, die Internationalisierung der Filmproduktion oder die Herstellung billiger Kontingentfilme zurück.
Die eigentliche Ursache erkennt er in einer inneren Erstarrung. Die gesellschaftlichen Orientierungen, die während der Nachkriegsjahre zu den großen fantastischen und expressionistischen Filmen beigetragen hätten, seien nun blockiert.
Exemplarische Filmbezüge
Varieté (1925) – E. A. Dupont
Kracauer behandelt den Film im Zusammenhang mit der technischen und künstlerischen Entwicklung des deutschen Kinos. Die bewegliche Kamera, ungewöhnliche Perspektiven und die Darstellung körperlicher Bewegung zeigen die weiterhin vorhandenen gestalterischen Möglichkeiten.
Für seine Gesamtargumentation ist wichtig, dass technische Virtuosität und gesellschaftlicher Erkenntnisgewinn nicht gleichzusetzen sind.
Die Liebe der Jeanne Ney (1927) – G. W. Pabst
Kracauer erwähnt den Film bereits im Zusammenhang mit der Entwicklung der deutschen Filmkunst. Später untersucht er ihn ausführlicher unter dem Gesichtspunkt des neuen Realismus.
Er gehört zu jenen Produktionen, die den behaupteten allgemeinen Niedergang differenzieren und zugleich die Grenzen von Kracauers Gesamturteil sichtbar machen.
Berlin – Die Sinfonie der Großstadt (1927) – Walter Ruttmann
Kracauer hebt hervor, dass Ruttmanns Film als Kontingentfilm für Fox Europa entstand. Damit widerspricht er der Erklärung, die künstlerische Entwicklung des deutschen Films sei allein durch die Kontingentfilmproduktion beeinträchtigt worden.
Seine eigentliche Auseinandersetzung mit dem Film erfolgt im Kapitel „Montage“.
Zusammenhang: Der Niedergang ist für Kracauer nicht in erster Linie ein technisches oder industrielles Problem. Er interpretiert ihn als Ausdruck einer gesellschaftlichen Mentalität, in der autoritäre Orientierungen fortbestehen, aber unter den Bedingungen der Republik keine unmittelbare politische Entfaltung finden.
Historisch-kritische Frage: Welche Rolle spielten tatsächlich die wirtschaftliche Konzentration der Filmindustrie, Produktionskosten, Verleihstrukturen, die Ufa-Krise und die Übernahme durch den Hugenberg-Konzern 1927? Lassen sich künstlerische Entwicklungen aus einer allgemeinen gesellschaftlichen Erstarrung erklären?
Erstarrter Boden – Frozen Ground
Kracauer 2004, S. 138–152
Kracauer unterscheidet innerhalb der Filmproduktion der Stabilisierungsphase drei Gruppen: Filme, die unmittelbar von der gesellschaftlichen Erstarrung zeugen; Filme, die erkennen lassen, welche Orientierungen und Vorstellungen erstarrt sind; und Filme, die Einblicke in die inneren Vorgänge dieser erstarrten Mentalität eröffnen.
Die große Masse der Unterhaltungsfilme erscheint ihm politisch und gesellschaftlich unverbindlich. Sie vermeide grundlegende Konflikte und biete eine scheinbar neutrale Unterhaltung.
Daneben behandelt er Filme, die gesellschaftliche Missstände zwar aufgreifen, deren Ursachen jedoch nicht grundsätzlich untersuchen. Besonders kritisch betrachtet er die Monumentalisierung von Macht, Technik und gesellschaftlicher Ordnung.
Exemplarisch besprochene Filme
Varieté (1925) – E. A. Dupont
Kracauer untersucht den Film als Beispiel für die Verbindung von Unterhaltung, Sensation und filmtechnischer Virtuosität.
Die Zirkuswelt mit ihren körperlichen Leistungen, erotischen Konflikten und dramatischen Zuspitzungen ermöglicht eine eindrucksvolle Inszenierung, ohne dass daraus für Kracauer eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen entsteht.
Wege zu Kraft und Schönheit (1925) – Wilhelm Prager
Der Kulturfilm propagiert Körperpflege, Sport und körperliche Leistungsfähigkeit. Kracauer interessiert sich besonders für die ästhetische Inszenierung des Körpers.
Die Darstellung körperlicher Schönheit und Leistungsfähigkeit erscheint ihm als Ausdruck eines gesellschaftlichen Bedürfnisses nach äußerer Form und Ordnung.
Die Verbindung von Körperidealen, Modernisierung und gesellschaftlicher Disziplinierung bietet einen Ansatzpunkt für weiterführende Untersuchungen.
Die Verrufenen (1925) – Gerhard Lamprecht
Kracauer behandelt den Film im Zusammenhang mit Produktionen, die soziale Not und gesellschaftliche Randgruppen zum Gegenstand haben.
Sein Interesse richtet sich darauf, ob die Darstellung sozialer Missstände deren gesellschaftliche Ursachen sichtbar macht oder sie innerhalb individueller Schicksalsgeschichten verarbeitet.
Geschlecht in Fesseln (1928) – Wilhelm Dieterle
Der Film thematisiert die Folgen von Haft, sexueller Unterdrückung und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Kracauer ordnet ihn in die zeitgenössische Produktion sozialproblemorientierter Filme ein, deren gesellschaftskritische Ansprüche er an ihrer tatsächlichen Darstellung der Verhältnisse misst.
Tartüff (1925) – F. W. Murnau
Kracauer untersucht den Film im Zusammenhang mit der aufwendigen, stilisierten Bildgestaltung deutscher Großproduktionen.
Die formale Geschlossenheit und die monumentale Gestaltung von Räumen und Figuren sind für ihn kennzeichnend für eine Tendenz, gesellschaftliche Wirklichkeit durch künstlich geordnete Bildwelten zu ersetzen.
Faust – Eine deutsche Volkssage (1926) – F. W. Murnau
Kracauer behandelt den Film als Beispiel einer aufwendigen, fantastischen Großproduktion.
Die Gestaltung übernatürlicher Mächte, die monumentalen Bildräume und die ästhetische Beherrschung der dargestellten Welt sind für seine Deutung der filmischen Erstarrung bedeutsam.
Metropolis (1927) – Fritz Lang
Für Kracauer gehört Metropolis zu den aufschlussreichsten Filmen dieser Phase.
Der Film zeigt eine hierarchisch organisierte Gesellschaft, in der eine privilegierte Führungsschicht über die arbeitenden Massen verfügt. Der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital wird schließlich durch die Vermittlung zwischen den gesellschaftlichen Gegensätzen gelöst.
Kracauer kritisiert die politische Unverbindlichkeit dieser Lösung. Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse bleiben unangetastet; an die Stelle ihrer Veränderung tritt eine moralische Versöhnung.
Gerade diese Verbindung von monumentaler Technikdarstellung, gesellschaftlicher Hierarchie und versöhnender Botschaft erscheint ihm als charakteristisch für die Stabilisierungsphase.
Spione (1928) – Fritz Lang
Kracauer behandelt den Film als eine Weiterentwicklung von Motiven, die bereits in Dr. Mabuse, der Spieler angelegt waren.
Die Welt geheimer Organisationen, Täuschungen und übermächtiger Einzelpersonen bleibt bestehen, erscheint nun jedoch stärker als routiniertes Unterhaltungsmuster.
Die ursprüngliche gesellschaftliche Bedrohlichkeit solcher Figuren wird für Kracauer teilweise durch die Konventionen des Abenteuer- und Kriminalfilms abgeschwächt.
Zusammenhang: Der erstarrte Boden bezeichnet für Kracauer eine Filmproduktion, in der gesellschaftliche Widersprüche entweder ausgeblendet, ästhetisch überformt oder in unverbindliche Unterhaltung überführt werden.
Historisch-kritische Frage: Welche gesellschaftlichen Interessen werden durch die Filme bestätigt? Welche Konflikte werden sichtbar, welche verdeckt? In welchem Verhältnis stehen Unterhaltungsbedürfnisse, Filmindustrie und kulturelle Hegemonie?
Die Prostituierte und der Jugendliche – The Prostitute and the Adolescent
Kracauer 2004, S. 153–164
Kracauer untersucht zwei wiederkehrende Figurentypen: die Prostituierte und den Jugendlichen.
Beide erscheinen häufig als Außenseiter gesellschaftlicher Ordnung. Ihre Lebensweisen und Konflikte stehen im Gegensatz zu bürgerlichen Moralvorstellungen, familiärer Autorität und gesellschaftlichen Konventionen.
Die Prostituierte verkörpert in Kracauers Interpretation vielfach eine widersprüchliche Verbindung von gesellschaftlicher Ausgrenzung und emotionaler Freiheit. Der Jugendliche steht für den Wunsch nach Selbstbestimmung, der an den autoritären Strukturen der Erwachsenenwelt scheitert.
Exemplarisch besprochene Filme
Dirnentragödie (1927) – Bruno Rahn
Mit Asta Nielsen in der Hauptrolle zeigt der Film eine ältere Prostituierte, deren Leben durch die Beziehung zu einem jüngeren Mann und die Konflikte mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld bestimmt wird.
Kracauer hebt Nielsens Darstellung einer gesellschaftlich ausgegrenzten Frau hervor, die zugleich durch ihre Gefühle und ihre Abkehr von bürgerlichen Konventionen charakterisiert ist.
Die Figur erhält für ihn eine symbolische Bedeutung, die über die realistische Darstellung der Prostitution hinausgeht.
Asphalt (1929) – Joe May
Ein junger Polizist gerät durch seine Beziehung zu einer Diebin in Konflikt mit seinen beruflichen und moralischen Verpflichtungen.
Kracauer behandelt den Film im Zusammenhang mit dem wiederkehrenden Gegensatz zwischen bürgerlicher Ordnung und einer als verführerisch dargestellten gesellschaftlichen Außenwelt.
Die weibliche Hauptfigur verbindet für ihn Elemente der gesellschaftlichen Außenseiterin mit einer Gefährdung der bestehenden Ordnung.
Primanerliebe (1927) – Robert Land
Ein Schüler leidet unter der autoritären Erziehung durch seinen Vormund und seine Lehrer. Seine Verzweiflung führt zu einer dramatischen Gewalttat.
Kracauer interpretiert den Film als Ausdruck des Konflikts zwischen jugendlichem Selbstbestimmungsbedürfnis und einer repressiven Erwachsenenwelt.
Die spätere Einsicht der Erwachsenen erscheint ihm als begrenzte Korrektur ihrer autoritären Haltung.
Der Kampf des Donald Westhof (1928)
Kracauer erwähnt den Film als eine weitere Bearbeitung des Konflikts zwischen Jugendlichen und autoritärer Erziehung.
Er stellt ihn in die Nähe von Primanerliebe, ohne ihm die gleiche Bedeutung beizumessen.
Der Geiger von Florenz (1926) – Paul Czinner
Elisabeth Bergner spielt ein junges Mädchen, das sich gegen die familiären Verhältnisse auflehnt und zeitweilig in männlicher Kleidung auftritt.
Kracauer interessiert sich besonders für die psychologische Gestaltung der Figur und ihre uneindeutige Geschlechterrolle.
Er verbindet die Darstellung jugendlicher Unsicherheit mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Geschlechterkonventionen und Identitätsvorstellungen.
Fräulein Else (1929) – Paul Czinner
Kracauer behandelt den Film im Zusammenhang mit Elisabeth Bergners Darstellung junger Frauen, deren Selbstverständnis zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und individuellen Wünschen widersprüchlich bleibt.
Die psychologische Gestaltung der weiblichen Figur steht für ihn im Mittelpunkt.
Zusammenhang: Die Prostituierte und der Jugendliche erscheinen bei Kracauer als Figuren, an denen die Widersprüche zwischen gesellschaftlicher Anpassung und individuellen Bedürfnissen besonders deutlich werden.
Historisch-kritische Frage: Welche Geschlechterbilder, moralischen Normen und Erziehungsvorstellungen werden dargestellt? Inwiefern bestätigen die Filme gesellschaftliche Konventionen, und wo stellen sie diese infrage?
Der neue Realismus – The New Realism
Kracauer 2004, S. 165–180
Kracauer untersucht hier die Hinwendung zu einer realistischeren Darstellung gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Die Neue Sachlichkeit erscheint ihm jedoch als widersprüchliche Entwicklung. Einerseits richtet sich die Aufmerksamkeit stärker auf alltägliche Lebensverhältnisse, soziale Konflikte und zeitgenössische Probleme. Andererseits kann die Betonung äußerer Tatsachen mit einer Zurückhaltung gegenüber ihrer gesellschaftlichen Erklärung verbunden sein.
Kracauer unterscheidet deshalb zwischen der Darstellung sichtbarer Wirklichkeit und ihrer kritischen Durchdringung.
Exemplarisch besprochene Filme
Die freudlose Gasse (1925) – G. W. Pabst
Der Film zeigt soziale Gegensätze, Armut, Spekulation und Prostitution im Wien der Nachkriegszeit.
Kracauer untersucht ihn als einen wichtigen Schritt zu einer stärker gesellschaftsbezogenen Filmgestaltung.
Zugleich kritisiert er die Grenzen dieser Darstellung. Die sozialen Verhältnisse werden zwar sichtbar, ihre Ursachen und politischen Konsequenzen bleiben jedoch für ihn unzureichend geklärt.
Geheimnisse einer Seele (1926) – G. W. Pabst
Der Film versucht, psychoanalytische Vorstellungen filmisch darzustellen.
Kracauer interessiert sich für die Verbindung von psychologischer Erklärung und filmischer Gestaltung. Traumsequenzen und symbolische Bilder dienen dazu, innere Konflikte sichtbar zu machen.
Die Konzentration auf die individuelle Psyche wirft zugleich die Frage auf, in welchem Verhältnis psychologische Konflikte zu gesellschaftlichen Bedingungen stehen.
Die Liebe der Jeanne Ney (1927) – G. W. Pabst
Der Film verbindet eine individuelle Liebesgeschichte mit politischen Konflikten und revolutionären Ereignissen.
Kracauer würdigt die realistische Gestaltung und die filmischen Ausdrucksmöglichkeiten, kritisiert jedoch die politische Unbestimmtheit der Erzählung.
Besonders wichtig ist für ihn die Frage, ob die dargestellten gesellschaftlichen Konflikte eine eigenständige Bedeutung gewinnen oder dem privaten Schicksal der Hauptfiguren untergeordnet bleiben.
Die Büchse der Pandora (1929) – G. W. Pabst
Kracauer behandelt den Film im Zusammenhang mit Pabsts Interesse an psychologisch und gesellschaftlich widersprüchlichen Figuren.
Die Figur der Lulu steht im Zentrum einer Darstellung von Begehren, gesellschaftlichen Konventionen und zerstörerischen Beziehungen.
Der Film zeigt die Möglichkeiten einer differenzierten Figurenzeichnung, ohne dass daraus notwendig eine eindeutige gesellschaftliche Erklärung entsteht.
Tagebuch einer Verlorenen (1929) – G. W. Pabst
Der Film thematisiert sexuelle Doppelmoral, familiäre Autorität und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Kracauer behandelt ihn innerhalb seiner Auseinandersetzung mit Pabsts gesellschaftsbezogenen Filmen und den Grenzen ihrer realistischen Darstellung.
Zusammenhang: Der neue Realismus eröffnet für Kracauer Möglichkeiten einer stärkeren Annäherung an gesellschaftliche Wirklichkeit. Er bleibt jedoch begrenzt, solange die Darstellung sozialer Tatsachen nicht mit einer Untersuchung ihrer Ursachen verbunden wird.
Historisch-kritische Frage: Was bedeutet Realismus im Film? Reicht die Darstellung von Armut, sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Ausgrenzung aus, um deren Ursachen zu erklären? Welche Rolle spielen filmische Gestaltung und Erzählperspektive?
Montage – Montage
Kracauer 2004, S. 181–189
Kracauer untersucht die Entwicklung von Montageverfahren und dokumentarisch orientierten Filmen, die gesellschaftliche Wirklichkeit in Form von Bildfolgen, Querschnitten und rhythmischen Zusammenstellungen darstellen.
Besonders interessieren ihn die Möglichkeiten und Grenzen einer Filmgestaltung, die auf traditionelle Spielfilmhandlungen weitgehend verzichtet.
Die Montage kann neue Zusammenhänge sichtbar machen. Sie kann aber auch dazu führen, dass gesellschaftliche Erscheinungen lediglich formal miteinander verbunden werden, ohne ihre Ursachen und Widersprüche zu erklären.
Exemplarisch besprochene Filme
Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins (1926) – Berthold Viertel
Kracauer behandelt den Film als Beispiel einer Erzählweise, die unterschiedliche gesellschaftliche Milieus durch den Weg eines Geldscheins miteinander verbindet.
Das Geldstück wird zum verbindenden Element zwischen verschiedenen Menschen und Lebenssituationen.
Die Konstruktion ermöglicht einen Querschnitt durch gesellschaftliche Verhältnisse, wirft aber zugleich die Frage auf, ob die dargestellten Beziehungen tatsächlich erklärt werden.
Berlin – Die Sinfonie der Großstadt (1927) – Walter Ruttmann
Kracauer untersucht Ruttmanns Film besonders ausführlich.
Die rhythmische Montage verbindet Verkehrsbewegungen, industrielle Arbeit, Straßenleben, Freizeit, Konsum und andere Erscheinungen der Großstadt zu einer Tagesstruktur.
Kracauer würdigt die filmische Gestaltung, kritisiert jedoch die weitgehende Konzentration auf äußere Bewegungen und sichtbare Oberflächen.
Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Erscheinungen werden formal miteinander verbunden, ohne dass ihre sozialen und ökonomischen Beziehungen ausreichend sichtbar würden.
Die Montage erscheint ihm deshalb als Ausdruck einer Neuen Sachlichkeit, die Tatsachen registriert, aber deren gesellschaftliche Bedeutung nicht hinreichend erschließt.
Markt am Wittenbergplatz (1929) – Wilfried Basse
Der kurze Dokumentarfilm zeigt den Aufbau und das Geschehen eines Berliner Marktes.
Kracauer würdigt die anschauliche Darstellung alltäglicher Vorgänge, sieht darin jedoch vor allem eine Beschreibung äußerer Erscheinungen.
Die gesellschaftlichen Beziehungen hinter den beobachteten Tätigkeiten bleiben für ihn weitgehend unberührt.
Menschen am Sonntag (1930) – Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer
Kracauer behandelt den Film am Ende seines Montagekapitels, obwohl seine Veröffentlichung bereits in das Jahr 1930 fällt.
Im Mittelpunkt stehen junge Angestellte und ihre Freizeit an einem Berliner See.
Kracauer sieht in der Darstellung dieser Menschen einen wichtigen Einblick in die Lebenswelt der Angestelltenschaft.
Besonders interessiert ihn eine Sequenz, in der Fotografien der Ausflügler in die bewegten Bilder eingefügt werden. Die erstarrten Momentaufnahmen deutet er als Hinweis auf die gesellschaftliche Leere und Orientierungslosigkeit dieser Menschen.
Gleichzeitig kritisiert er, dass der Film die beobachtete Wirklichkeit kaum über ihre äußere Erscheinung hinaus untersucht.
Zusammenhang: Montage eröffnet neue Möglichkeiten filmischer Wirklichkeitserfassung. Für Kracauer bleibt sie jedoch problematisch, wenn formale Zusammenhänge an die Stelle einer Untersuchung gesellschaftlicher Verhältnisse treten.
Historisch-kritische Frage: Welche gesellschaftlichen Zusammenhänge werden durch Montage sichtbar, welche verdeckt? Wie unterscheidet sich eine rhythmische Zusammenstellung von Bildern von einer Montage, die Widersprüche und Ursachen gesellschaftlicher Verhältnisse offenlegt?
Kurzes Erwachen – Brief Reveille
Kracauer 2004, S. 190–202
Gegen Ende der Stabilisierungsphase erkennt Kracauer Anzeichen einer veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Orientierung.
Die Reichstagswahl von 1928, die Entwicklung sozialkritischer Literatur und das wachsende Interesse an gesellschaftlichen Missständen erscheinen ihm als Hinweise auf eine mögliche Überwindung der bisherigen Erstarrung.
Auch im Film sieht er neue Tendenzen. Neben gesellschaftsbezogenen Spielfilmen gewinnen experimentelle und politische Filmformen an Bedeutung.
Kracauer spricht jedoch nur von einem kurzen Erwachen. Die neuen Entwicklungen seien noch nicht stark genug gewesen, um die grundlegenden gesellschaftlichen Orientierungen dauerhaft zu verändern.
Exemplarisch besprochene Filme
Heimkehr (1928) – Joe May
Kracauer behandelt den Film im Zusammenhang mit den Versuchen, die Filmproduktion stärker auf gegenwärtige gesellschaftliche und menschliche Konflikte auszurichten.
Die Erzählung von Heimkehr, Liebe und Entfremdung steht für eine Abkehr von rein monumentalen Ausstattungsformen.
Die wunderbare Lüge der Nina Petrowna (1929) – Hanns Schwarz
Kracauer behandelt den Film als Beispiel einer aufwendig gestalteten, psychologisch orientierten Produktion der späten Stabilisierungsphase.
Die Verbindung individueller Konflikte mit einer differenzierten filmischen Gestaltung zeigt für ihn Möglichkeiten einer Erneuerung, bleibt aber im Rahmen konventioneller Erzählformen.
Vormittagsspuk (1928) – Hans Richter
Der experimentelle Kurzfilm zeigt Gegenstände, die sich ihrer gewöhnlichen Verwendung entziehen und scheinbar ein Eigenleben entwickeln.
Kracauer sieht darin einen spielerischen Angriff auf festgelegte Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster.
Die filmischen Experimente eröffnen neue Möglichkeiten, gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten durch die Gestaltung der Bilder infrage zu stellen.
Freie Fahrt (1928) – Ernő Metzner
Der für die Sozialdemokratische Partei produzierte Film verbindet eine Darstellung der Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft im Kaiserreich mit der Präsentation gegenwärtiger Parteiarbeit.
Kracauer würdigt die filmische Gestaltung des historischen Teils, kritisiert jedoch die stärker schematische politische Darstellung im zweiten Teil.
Der Film ist für die Untersuchung der Beziehungen zwischen Filmproduktion, politischer Organisation und Arbeiterbewegung besonders aufschlussreich.
Überfall (1929) – Ernő Metzner
Kracauer hebt den experimentellen Kurzfilm als eine besonders radikale Produktion hervor.
Die Geschichte eines Kleinbürgers, der durch einen zufälligen Geldfund in eine Folge bedrohlicher Ereignisse gerät, wird mit ungewöhnlichen Perspektiven, verzerrten Bildern und expressiver Montage gestaltet.
Kracauer deutet den Film als bewussten Bruch mit konventionellen Darstellungen des Straßenmilieus.
Im Unterschied zu anderen Straßenfilmen wird die kleinbürgerliche Hauptfigur nicht idealisiert. Die filmische Gestaltung macht ihre Orientierungslosigkeit und ihre gesellschaftliche Gefährdung sichtbar.
Revolte im Erziehungshaus (1929) – Georg Asagaroff
Kracauer behandelt den Film im Zusammenhang mit gesellschaftskritischen Produktionen, die sich gegen autoritäre Institutionen und überkommene Erziehungsvorstellungen richten.
Die Darstellung jugendlicher Auflehnung knüpft an frühere Filme über Generationenkonflikte an, erhält jedoch eine deutlichere gesellschaftskritische Orientierung.
Zusammenhang: Das kurze Erwachen bezeichnet für Kracauer eine Entwicklung, in der sozialkritische und experimentelle Tendenzen wieder stärker hervortreten. Sie bleiben jedoch widersprüchlich und werden durch die nachfolgende politische und wirtschaftliche Krise überlagert.
Historisch-kritische Frage: Welche gesellschaftlichen Gruppen und politischen Bewegungen trugen diese Entwicklung? Welche Bedeutung hatten Arbeiterfilm, sozialdemokratische und kommunistische Filmarbeit sowie die experimentellen Formen der Avantgarde?
Historische Einordnung: Stabilisierung ohne Überwindung gesellschaftlicher Widersprüche
Kracauers Darstellung der Stabilisierungsphase unterscheidet sich deutlich von seiner Interpretation der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Während die Filme von 1918 bis 1924 für ihn vor allem die Angst vor Freiheit, Chaos und autoritärer Herrschaft zum Ausdruck bringen, erkennt er in der folgenden Phase eine weitgehende Stillstellung dieser Konflikte.
Die äußere Stabilisierung der Republik habe keine entsprechende innere demokratische Neuorientierung hervorgebracht. Stattdessen seien gesellschaftliche Konflikte in unverbindliche Unterhaltung, private Schicksalsgeschichten und eine formal orientierte Darstellung äußerer Wirklichkeit überführt worden.
Diese These ist historisch aufschlussreich, muss aber kritisch überprüft werden. Bereits die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Jahre 1924 bis 1929 war keineswegs durch eine allgemeine gesellschaftliche Erstarrung gekennzeichnet.
Die Rationalisierung der Produktion, die Konzentration wirtschaftlicher Macht, die Veränderungen der Arbeitsverhältnisse und die Entwicklung neuer Konsum- und Freizeitformen griffen tief in die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse ein.
Die Angestellten, denen Kracauer besondere Aufmerksamkeit widmete, bildeten keine einheitliche gesellschaftliche Gruppe. Ihre unterschiedlichen Lebenslagen und politischen Orientierungen lassen sich nicht unmittelbar aus ihrer Darstellung in einzelnen Filmen ableiten.
Auch die Filmproduktion war durch gegensätzliche Entwicklungen geprägt. Neben kommerzieller Unterhaltung und aufwendigen Großproduktionen entstanden sozialkritische Spielfilme, Dokumentarfilme, experimentelle Arbeiten und politisch organisierte Filmproduktionen.
Die Filme dieser Jahre müssen deshalb auch als Bestandteil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen untersucht werden. Das betrifft insbesondere die Eigentums- und Produktionsverhältnisse der Filmindustrie, die Beziehungen zwischen Film und politischer Öffentlichkeit sowie die Konkurrenz unterschiedlicher gesellschaftlicher Deutungen.
Kracauers Motivkomplexe bieten dafür wichtige Fragestellungen. Sie dürfen jedoch nicht als vollständige Beschreibung der gesellschaftlichen Mentalitäten der Stabilisierungsphase verstanden werden.
Methodische Konsequenzen für die Filmanalyse
Für die Lernwerkstatt Film und Geschichte sind Kracauers Motivkomplexe eine Orientierung bei der Auswahl und vergleichenden Untersuchung der Filme.
Besonders wichtig ist die Frage, wie die gesellschaftlichen Veränderungen der Stabilisierungsphase in unterschiedlichen Filmformen verarbeitet wurden: in Unterhaltungsfilmen, sozialkritischen Spielfilmen, dokumentarischen Querschnittfilmen, experimentellen Produktionen und politisch engagierten Filmen.
Die Analyse muss dabei zwischen der filmischen Darstellung gesellschaftlicher Erfahrungen und deren historischer Erklärung unterscheiden.
Bettina Greffrath hat in ihrer Auseinandersetzung mit Kracauer darauf hingewiesen, dass Aussagen über kollektive Mentalitäten nicht allein auf einer begrenzten Auswahl besonders eindrucksvoller Filme beruhen dürfen. Wiederkehrende Motive müssen innerhalb einer möglichst breiten und historisch bestimmten Filmgruppe untersucht werden.[2]
Die Lernwerkstatt verbindet deshalb die Analyse der Filmrealität mit der Untersuchung der Bedingungsrealität, der Bezugsrealität und der Wirkungsrealität.
Die gesellschaftlichen Produktionsbedingungen, die politischen und ökonomischen Konflikte sowie die zeitgenössische Rezeption gehören ebenso zur Untersuchung wie die konkrete filmische Gestaltung.
Eine ausführliche kritische Auseinandersetzung mit Kracauers Methode bietet der Beitrag „Siegfried Kracauers psychologische Filmgeschichte – Erkenntnisgewinn und Kritik“.
Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Mentalitäten, filmischer Darstellung und kulturellen Deutungskämpfen wird im Beitrag „Film als Seismograph und Medium kultureller Hegemonie“ weitergeführt.
Anmerkungen
[1] Siegfried Kracauer: From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film. Revised and Expanded Edition, hrsg. von Leonardo Quaresima, Princeton/Oxford 2004, Teil III: „The Stabilized Period (1924–1929)“, S. 131–202. Die sechs Kapitel beginnen auf S. 131, 138, 153, 165, 181 und 190. Die englische Ausgabe liegt vollständig digitalisiert vor. Deutsche Ausgabe: Von Caligari zu Hitler, Werke, Bd. 2.1, hrsg. von Sabine Biebl, Berlin 2012. Deutsche Leseprobe. ↩
[2] Bettina Greffrath (1993): Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945–1949. Dissertation, Universität Hannover, S. 19–30. Zur Kritik an Kracauers Filmauswahl und zur Forderung nach einer systematischeren Untersuchung wiederkehrender Motive. Methodischer Grundlagenteil in der Lernwerkstatt. ↩
Literatur
Greffrath, Bettina (1989): „Von Tauchstationen und Entdeckungsreisen. Kleines Plädoyer für sozialpsychologische Fragen an Film und Kinogeschichte“. In: Film – Geschichte – Wirklichkeit. Geschichtswerkstatt 17. Hamburg, S. 41–53.
Greffrath, Bettina (1993): Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945–1949. Dissertation, Universität Hannover.
Greffrath, Bettina (1995): Gesellschaftsbilder der Nachkriegszeit. Deutsche Spielfilme 1945–1949. Pfaffenweiler.
Kracauer, Siegfried (1930): Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland. Frankfurt am Main.
Kracauer, Siegfried (1947/2004): From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film. Revised and Expanded Edition, hrsg. und eingeleitet von Leonardo Quaresima. Princeton/Oxford: Princeton University Press.
Kracauer, Siegfried (2012): Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. Werke, Bd. 2.1, hrsg. von Sabine Biebl. Berlin: Suhrkamp.
Quaresima, Leonardo (2004): „Introduction to the 2004 Edition: Rereading Kracauer“. In: Kracauer, From Caligari to Hitler, S. xv–l. Verlagsnachweis.
Weiterführende Beiträge
Siegfried Kracauers psychologische Filmgeschichte – Erkenntnisgewinn und Kritik