Der erinnerungskulturelle Umgang mit der Shoah in Israel und Deutschland
Niedersächsische Lehrkräfte bilden sich in Israel/Yad Vashem fort
Jörg Gabriel (01/2018)
„Deutschland und Israel bauen ein neues Vertrauensverhältnis auf, geprägt von Respekt, Verantwortung und gemeinsamen Werten“, sagt Avner Shalev, Vorsitzender der Gedenkstätte Yad Vashem. Im Sinne eines solchen erinnerungskulturellen Dialogs vereinbarten im Mai 2016 der Niedersächsische Landtag und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel eine langfristig angelegte Kooperation. Diese Zusammenarbeit hat die Intention, Fortbildungen für Lehrkräfte sowie für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an zeithistorischen Einrichtungen aus Israel und aus Niedersachsen anzubieten sowie eine Möglichkeit zum Austausch über pädagogische und didaktisch-methodische Fragen im Zusammenhang mit der Vermittlung der Geschichte der Shoah und anderer NS-Verbrechen und ihrer Folgen zu geben. Bereits im September 2016 reiste unter der Verantwortung des Niedersächsischen Kultusministeriums eine erste Delegation niedersächsischer Lehrkräfte nach Israel, um das Seminarprogramm der International School for Holocaust Studies Yad Vashem (ISHS) wahrzunehmen.
Nicht nur für die gymnasiale Oberstufe! – Die Reisegruppen sind breit aufgestellt
Vom 10. bis 22. Oktober 2017 konnte unter diesen Vorzeichen nun bereits die zweite Fortbildungsveranstaltung in Israel stattfinden. Bedingung für die Fahrt nach Israel war die Teilnahme am zweitägigen Vorbereitungsseminar am 11./12.09.2017 in der Gedenkstätte Bergen-Belsen und am Auswertungsseminar am 30.11./01.12.2017 in Hannover.
Ein wichtiger Aspekt war aus der Veranstalterperspektive des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) und der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten (SnG), dass Kolleginnen und Kollegen der unterschiedlichen Schulformen repräsentiert waren: So konnten aus über 40 Bewerbungen aus ganz Niedersachsen Kolleginnen und Kollegen der Schulformen Förderschule, Grundschule, Integrierte Gesamtschule, Realschule, Gymnasium und Berufsbildende Schule für die Fortbildungsmaßnahme ausgewählt werden. Zusätzlich verfügten mehrere Kolleginnen und Kollegen über eine multiplikatorische Funktion, so z. B. als Fachleiterin am Studienseminar, Schulleiter oder Fachberater.
Im Rahmen des Vorbereitungsseminars in Bergen-Belsen setzten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zunächst anhand von Fachvorträgen, u. a. von Jens Christian Wagner (Leiter der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten) und Detlef Endeward (Leiter der Medienbildung am NLQ), mit den Grundzügen, aber auch aktuellen Tendenzen deutscher und im Speziellen niedersächsischer Erinnerungskultur auseinander. Eigene Erfahrungshorizonte aus Kooperationen der Schulen mit Gedenkstätten im In- und Ausland, Partnerschaften vor Ort, z. B. mit jüdischen Gemeinden, sowie Unterrichtserfahrungen und -projekte wurden reflektiert und Erwartungen an die bevorstehende Reise formuliert.
Ganz neu denken: Perspektivwechsel vor Ort
Bereits bei der ersten Reise hatte sich der Start in Israel mit einem zweitägigen landeskundlichen Programm bewährt. Das gilt insbesondere für die intensive, begleitete Erkundung Jerusalems, aber auch für den Besuch der Felsenfestung Masada, die für die jüdische Erinnerungskultur in Israel viele Jahre eine bedeutende Rolle eingenommen hat.
Spannend waren auch die für die ganze Gruppe erst beim zweiten Besuch möglich gewordenen Einblicke in eine palästinensische Mädchenschule und eine evangelisch-lutherische Schule in Bethlehem und deren Umgang mit Erinnerung und Holocaust.
Nach diesen tiefgehenden Eindrücken der unmittelbaren Erfahrung jüdischen Lebens und jüdischer Erinnerung in Israel in den ersten Tagen wurden zunächst einmal erste Perspektivverschiebungen aufseiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer benannt und diskutiert.
Dies bildete schließlich die Basis für das Herzstück der Fortbildungsreise, den Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem bzw. die Teilnahme an den Seminaren und Workshops, die in der dortigen „International School for Holocaust Studies“ angeboten werden.
An insgesamt fünf Tagen konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den englisch- und deutschsprachigen Angeboten von Universitätsdozenten, Lehrerkolleginnen und -kollegen sowie Überlebenden des Holocaust teilnehmen. Für Niedersachsen entwickelte interaktive Filmbildungsmaterialien zur Thematik konnten auch israelischen Kolleginnen vorgestellt werden.
Was bleibt? – Erinnern auch in Deutschland!
Bereits vor Ort entstanden erste Ideen, die gezeigten Impulse und Materialien in die eigenen Unterrichts- und Projektkontexte einzubinden. Eine AG, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des ersten und zweiten Durchgangs zusammenführt, findet Anfang 2018 zum ersten Mal statt.
Schon in der ersten Gruppe hatte sich eine Initiative rund um einen Fachberater für das Fach „Geschichte“ gebildet, selbst Fortbildungen für Kolleginnen und Kollegen anzubieten, deren zentraler Bezugspunkt die Materialien aus Yad Vashem und daraus entstandene eigene Schwerpunktsetzungen und Weiterentwicklungen sind.
Als ein weiterer Effekt ist aus dem ersten Besuch heraus die erste Schulpartnerschaft zwischen einer israelischen und einer niedersächsischen Schule entstanden, die in enger Kooperation mit Yad Vashem das Thema deutsch-israelische Erinnerungskultur in Vorreiterrolle vital gestaltet.
Im zweiten Durchgang war insbesondere spannend zu beobachten, wie schließlich beim Nachbereitungsseminar in der Gedenkstätte Augustaschacht in Osnabrück zu sehen war, mit welch geschärftem Blick das dortige Konzept betrachtet und in den Gesamtkontext von Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit eingeordnet wurde.
Zielgerichtet wurden gemeinsam Wege gesucht und besprochen, die Dinge für konkrete Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler nutzbar zu machen und verschiedene Linien von Erinnerungskultur auch im schulischen Kontext sichtbar werden zu lassen. Ansätze, die gerade angesichts aktueller Debatten und Verhandlungen in diesem Feld ohne Zweifel von großer Bedeutung sind.
Die Erfahrungen der ersten beiden Durchgänge zeigen, welch wichtigen Beitrag diese Fortbildungsveranstaltungen für die nachhaltige Weiterentwicklung schulischer Konzepte zur Erinnerungskultur leisten können. Eine Fortsetzung ist erfreulicherweise sowohl vonseiten aller politischen als auch schulischen Akteure unbedingt erwünscht.