Pflege als Geschäft – die Privatisierung einer gesellschaftlichen Aufgabe

Wie Renditeerwartungen Arbeitsbedingungen, Pflegequalität und Kosten verändern

Die Finanzkrise der Pflegeversicherung hat noch eine weitere, in der öffentlichen Debatte häufig vernachlässigte Dimension: die zunehmende Kommerzialisierung der Pflege.

Über Jahrzehnte wurde die öffentliche Verantwortung für Pflegeeinrichtungen zurückgedrängt. Kommunale Einrichtungen wurden teilweise privatisiert, private Pflegekonzerne expandierten, und internationale Finanzinvestoren entdeckten die Pflege als Geschäftsfeld.

Das Ausmaß dieser Entwicklung zeigt die Trägerstruktur: 2023 befanden sich nur noch 4,3 Prozent der Pflegeheime in öffentlicher Trägerschaft. 42,4 Prozent wurden privat betrieben, 53,3 Prozent von freigemeinnützigen Trägern. Bei ambulanten Pflege- und Betreuungsdiensten lag der private Anteil sogar bei 68,5 Prozent.

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Damit verändert sich die gesellschaftliche Organisation der Pflege grundlegend. Wo öffentliche Einrichtungen unmittelbar der Versorgung verpflichtet sind, müssen gewinnorientierte Unternehmen zugleich die wirtschaftlichen Erwartungen ihrer Eigentümer erfüllen.

Pflegebedürftigkeit als Geschäftsmodell

Die Pflegebranche ist für Finanzinvestoren besonders interessant. Die Nachfrage ist relativ unabhängig von konjunkturellen Schwankungen, ein erheblicher Teil der Einnahmen wird durch die Sozialversicherung abgesichert, und die demografische Entwicklung verspricht einen wachsenden Markt.

Die Hans-Böckler-Stiftung dokumentiert seit Jahren das Vordringen von Private-Equity-Gesellschaften in die Pflegewirtschaft. Nach einer 2024 veröffentlichten Untersuchung befanden sich 2022 rund 30 Prozent der deutschen Pflegeheimplätze im Bereich von Private-Equity-Investitionen.

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Das Geschäftsmodell besteht nicht notwendigerweise darin, eine Einrichtung langfristig zu betreiben. Pflegeunternehmen können übernommen, zusammengelegt, wirtschaftlich umstrukturiert und anschließend gewinnbringend weiterverkauft werden.

Hinzu kommen Geschäftsmodelle, bei denen die Pflegeimmobilien vom eigentlichen Pflegebetrieb getrennt werden. Die Einrichtungen zahlen dann Mieten an Immobiliengesellschaften, die ihrerseits Renditen erwirtschaften sollen.

Damit entstehen zusätzliche Ansprüche auf die Einnahmen der Pflegeeinrichtungen.

Der Druck wird an die Beschäftigten weitergegeben

Pflege ist eine besonders personalintensive Dienstleistung. Anders als in der industriellen Produktion lässt sich die Arbeit am Menschen nicht beliebig automatisieren oder beschleunigen.

Wenn unter diesen Bedingungen die Rendite erhöht werden soll, geraten vor allem die Personalkosten unter Druck.

Die Folgen können sein: geringere Personalbesetzung, Arbeitsverdichtung, ungünstige Dienstpläne, der verstärkte Einsatz geringer qualifizierter Hilfskräfte und die Auslagerung von Dienstleistungen.

Die Hans-Böckler-Stiftung dokumentierte entsprechende Erfahrungen von Betriebsräten in Pflegekonzernen, die von Finanzinvestoren übernommen wurden. Berichtet wurde unter anderem über Personalabbau, verschlechterte Arbeitsbedingungen und Einsparungen bei Verpflegung und Reinigung.

Hans-Böckler-Stiftung

Eine zusätzliche Gefahr besteht darin, qualifizierte Pflegekräfte durch geringer bezahlte Hilfskräfte zu ersetzen, soweit gesetzliche Personalvorgaben dies zulassen.

Dabei ist die Beschäftigung von Pflegehilfskräften keineswegs grundsätzlich problematisch. Sie übernehmen notwendige Aufgaben. Problematisch wird es, wenn Qualifikationsanforderungen aus Kostengründen abgesenkt und Beschäftigte ohne ausreichende Ausbildung und Anleitung mit anspruchsvollen Pflegeaufgaben betraut werden.

Seit Juli 2026 beträgt der gesetzliche Branchenmindestlohn für Pflegehilfskräfte 16,52 Euro brutto pro Stunde. Für qualifizierte Pflegehilfskräfte und Pflegefachkräfte gelten höhere Mindestentgelte.

Einzelnorm

Auch diese Mindestlöhne beantworten noch nicht die Frage, ob die Beschäftigten von ihrer Arbeit angemessen leben und ausreichende Rentenansprüche erwerben können.

Eine Präzisierung ist hier wichtig: Regulär beschäftigte Pflegehilfskräfte zahlen grundsätzlich Rentenversicherungsbeiträge. Bei Minijobs können jedoch Befreiungen von der Rentenversicherungspflicht bestehen. Geringfügige Beschäftigung, niedrige Löhne und unfreiwillige Teilzeit führen zudem zu entsprechend geringen Rentenansprüchen.

Die Pflegequalität wird zur betriebswirtschaftlichen Größe

Der Zusammenhang zwischen Eigentumsverhältnissen und Pflegequalität ist nicht nur eine theoretische Überlegung.

Eine wissenschaftliche Untersuchung von mehr als 10.000 deutschen Pflegeheimen stellte fest, dass gewinnorientierte Einrichtungen in fünf von sechs untersuchten Qualitätsbereichen schlechter abschnitten als gemeinnützige Einrichtungen. In vier Bereichen blieb der Unterschied auch unter Berücksichtigung der Preise bestehen.

Interessanterweise verlangten die gewinnorientierten Einrichtungen in dieser älteren Untersuchung durchschnittlich sogar niedrigere Preise. Die Studie belegt also nicht pauschal, dass private Einrichtungen immer teurer sind. Sie zeigt jedoch einen empirisch relevanten Zusammenhang zwischen Gewinnorientierung und Versorgungsqualität.

PubMed
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Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, wie teuer ein Pflegeplatz ist, sondern welcher Anteil der Einnahmen tatsächlich in Personal, Versorgung, Ausstattung und Pflegequalität fließt.

Und am Ende zahlen die Pflegebedürftigen

Die Pflegeversicherung finanziert einen Teil der Leistungen. Die Pflegebedürftigen übernehmen erhebliche Eigenanteile. Hinzu kommen öffentliche Mittel und gegebenenfalls Sozialhilfe.

Aus diesen Finanzierungsströmen müssen nicht nur die tatsächlichen Kosten der Versorgung bestritten werden. Bei gewinnorientierten Unternehmen müssen sie auch die betriebswirtschaftlichen Ertragsziele ermöglichen.

Das bedeutet nicht, dass sämtliche Preissteigerungen durch Gewinne verursacht werden. Steigende Löhne, Energiepreise, Sachkosten und notwendige Investitionen erhöhen ebenfalls die Pflegekosten.

Aber es entsteht eine zusätzliche Verteilungsfrage:

Welcher Teil der gesellschaftlich aufgebrachten Mittel wird für die Pflege verwendet, und welcher Teil fließt als Gewinn, Zins, Miete oder sonstiger Kapitalertrag an Eigentümer und Investoren?

Diese Frage wird in der gegenwärtigen Diskussion über die Finanzkrise der Pflegeversicherung nur selten systematisch gestellt.

 

Ein Zusammenhang, der über die Pflege hinausreicht

Hier schließt sich der Kreis zu den Debatten über Rente, Gesundheit und die sogenannte Krise des Sozialstaats.

Die politisch-ökonomische Kreislaufbewegung

Öffentliche Einrichtungen werden privatisiert.

 
Private Unternehmen und Finanzinvestoren erwarten Erträge.
 
Kostendruck auf Personal, Arbeitsorganisation und Versorgung.
 
Zusätzliche Belastungen für Beschäftigte und Pflegebedürftige.
 
Finanzierungsbedarf und Eigenanteile steigen unter anderem durch Personal-, Sach-, Immobilien- und Kapitalkosten.
 

Die öffentliche Debatte konzentriert sich auf die angeblich zu hohen Sozialausgaben.

Das ist ein analytisches Modell möglicher Zusammenhänge, kein Nachweis, dass jeder einzelne Pflegebetrieb diesen Verlauf nimmt.

Die zugrunde liegende Verteilungsfrage ist jedoch konkret: Pflegebedürftige benötigen Versorgung, Beschäftigte benötigen existenzsichernde Löhne und gute Arbeitsbedingungen, während gewinnorientierte Eigentümer einen Ertrag aus dem eingesetzten Kapital erwarten.

Die gesellschaftlichen Kosten der Pflege und die Ansprüche auf diese Mittel müssen gemeinsam betrachtet werden.

 

Ergänzende Literatur und Anmerkungen

Besonders relevant für diesen Abschnitt sind zwei Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung:

Reiner Rang / Heinz Schmitt (2024): Finanzinvestoren in der Pflegebranche. Fallstudie Private Equity am Beispiel der Alloheim-Pflegegruppe. Forschungsförderung Working Paper Nr. 327. Die Untersuchung behandelt Eigentumsstrukturen, Geschäftsstrategien, Beschäftigungsbedingungen und betriebliche Mitbestimmung.

Vollständige Studie als PDF

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Christoph Scheuplein / Michaela Evans / Sebastian Merkel (2019): Übernahmen durch Private Equity im deutschen Gesundheitssektor. Eine Zwischenbilanz für die Jahre 2013 bis 2018. Institut Arbeit und Technik.

Zusammenfassung und Zugang zur Studie

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Die empirische Untersuchung zum Verhältnis von Pflegequalität, Preisen und Profitorientierung ist ebenfalls unmittelbar relevant:

Verhältnis zwischen Qualität, Preis und Profitorientierung deutscher Pflegeheime (2016)

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Für den Gesamtbeitrag ergibt sich damit eine zusätzliche Leitfrage: Warum wird die Pflegeversicherung als finanziell überfordert dargestellt, ohne zugleich zu untersuchen, wie die Privatisierung und Finanzialisierung der Pflege die Verwendung ihrer Mittel, die Arbeitsbedingungen und die tatsächlichen Versorgungskosten beeinflussen?

 
 
 
 
 
 
 
 
 

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