Politische Bildung zwischen kritischer Urteilsfähigkeit und gesellschaftlicher Bestandssicherung

Kommentar zur aktuellen Debatte über den Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung*

Detlef Endeward (11.08.2026)

Die Bezeichnung der Bundeszentrale für politische Bildung als eine Art „intellektueller Verfassungsschutz“ ist mehr als eine unglückliche Metapher. Nimmt man sie ernst und verbindet sie mit der angekündigten „Schärfung des Kernauftrags“, deutet sich darin eine Verschiebung des Verständnisses politischer Bildung an: weg von der Befähigung zur selbstständigen politischen Urteilsbildung und hin zur Stabilisierung einer vorausgesetzten demokratischen Ordnung.

Der Verfassungsschutz und die politische Bildung haben jedoch unterschiedliche gesellschaftliche Aufgaben. Der Verfassungsschutz beobachtet und bewertet Bestrebungen, die sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Politische Bildung dagegen soll Menschen befähigen, gesellschaftliche und politische Verhältnisse selbstständig zu analysieren, Interessen und Machtverhältnisse zu erkennen, Kontroversen auszuhalten, begründete Urteile zu bilden und politisch handlungsfähig zu werden.

Der Unterschied ist grundlegend: Verfassungsschutz fragt nach Verfassungskonformität; politische Bildung muss nach gesellschaftlichen Ursachen, Interessen, Macht- und Herrschaftsverhältnissen sowie Veränderungsmöglichkeiten fragen können. Zu ihren Gegenständen gehören deshalb auch der Staat, seine Institutionen und seine Politik sowie die gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer Demokratie stattfindet. Politische Bildung muss also gerade das kritisch untersuchen können, dessen Bestand sie nach der Formel vom „intellektuellen Verfassungsschutz“ sichern soll.

Problematisch erscheint vor diesem Hintergrund auch die erneute Orientierung an der lange Zeit dominierenden Extremismuslogik. Wenn Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus als zentrale Herausforderungen nebeneinandergestellt werden, wird ein Ordnungsschema aufgerufen, in dessen Zentrum eine als demokratisch vorausgesetzte gesellschaftliche Mitte steht, während die Gefährdungen der Demokratie an deren politischen Rändern lokalisiert werden.

Dass Rechtsextremismus, Islamismus und antidemokratische Strömungen innerhalb der politischen Linken Gegenstände politischer Bildung sein müssen, steht außer Frage. Entscheidend ist jedoch, wie sie zum Gegenstand werden. Politische Bildung sollte nicht lediglich Kategorien staatlicher Sicherheitsbehörden übernehmen und politische Erscheinungen nach ihrer Entfernung von einer vorausgesetzten demokratischen Mitte sortieren. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, nach den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehung zu fragen: nach sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung, ökonomischen Krisen, Nationalismus und Rassismus, religiösen und kulturellen Konflikten, Geschlechterverhältnissen, medialen Öffentlichkeiten, politischen Interessen und Erfahrungen gesellschaftlicher Ohnmacht.

Gerade darin unterscheidet sich politische Bildung von Extremismusprävention. Prävention kann eine Wirkung politischer Bildung sein; sie darf aber nicht deren leitendes Erkenntnisprinzip werden. Andernfalls verändert sich unmerklich auch die Perspektive: Nicht mehr die Gesellschaft mit ihren Widersprüchen wird zum Gegenstand politischer Bildung, sondern das Verhalten derjenigen, die von einer als demokratisch definierten Normalität abweichen.

Aus einer an Gramsci orientierten Perspektive erhält diese Verschiebung zusätzliche Bedeutung. Staatliche politische Bildung war selbstverständlich immer schon Bestandteil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um Deutungen und damit um kulturelle Hegemonie. Die Bundeszentrale stand nie außerhalb dieser Prozesse. Problematisch würde die Entwicklung jedoch dann, wenn aus dieser unvermeidlichen Einbindung ein zunehmend expliziter institutioneller Auftrag zur Stabilisierung der bestehenden Ordnung würde.

Die Verschiebung ließe sich zugespitzt beschreiben:

von der Befähigung zur politischen Urteilsbildung zur Stabilisierung einer vorgegebenen demokratischen Ordnung; von Gesellschaftskritik zur Extremismusprävention; von der Analyse gesellschaftlicher Widersprüche zur Identifizierung von Gefährdungen; von ktritischer Urteilsfähigkeit zu Resilienz.

Gerade der Begriff der demokratischen Resilienz ist dabei ambivalent. Demokratie muss selbstverständlich gegenüber ihren Gegnern verteidigungsfähig sein. Aber Demokratie ist nicht lediglich eine bestehende institutionelle Ordnung, die geschützt werden muss. In einem an Oskar Negt anschließenden Verständnis ist sie eine Lebensform und ein unabgeschlossener gesellschaftlicher Lernprozess. Politische Bildung muss deshalb auch danach fragen dürfen, warum Menschen demokratische Institutionen nicht als ihre eigenen erfahren, welche gesellschaftlichen Verhältnisse demokratische Teilhabe erschweren und welche Veränderungen notwendig wären, um Demokratie gesellschaftlich zu erweitern.

Insofern ist nicht die verstärkte Beschäftigung mit Islamismus oder anderen antidemokratischen Erscheinungen das eigentliche Problem. Problematisch wäre vielmehr eine Transformation politischer Bildung in eine pädagogisch-intellektuelle Ergänzung staatlicher Sicherheits- und Stabilisierungspolitik. Die Bundeszentrale würde dann weniger als Raum organisierter gesellschaftlicher Kontroversität und stärker als Institution zur Festigung eines politisch definierten demokratischen Konsenses verstanden.

Ein aufschlussreicher medialer Nebenaspekt

Bemerkenswert ist schließlich, wie die Tagesschau selbst mit der Formulierung vom „intellektuellen Verfassungsschutz“ umgeht. Sie berichtet nicht nur über diese umstrittene Charakterisierung, sondern übernimmt sie in die Überschrift des Beitrags: „Wohin steuert der intellektuelle Verfassungsschutz?“

Damit geschieht etwas für die Analyse medialer Kommunikation Typisches. Eine zunächst erklärungsbedürftige und politisch keineswegs selbstverständliche Aussage wird durch ihre Wiederholung zum sprachlichen Rahmen der weiteren Auseinandersetzung. Die Frage lautet dann nicht mehr zuerst: Soll politische Bildung überhaupt als eine Form von Verfassungsschutz verstanden werden? Gefragt wird bereits: Wohin steuert dieser „intellektuelle Verfassungsschutz“?

Das bedeutet keineswegs, der Tagesschau eine bewusste politische Absicht oder gar eine gesteuerte Kampagne zu unterstellen. Gerade aus hegemonietheoretischer Perspektive wäre eine solche Erklärung zu kurz gegriffen. Interessanter ist der alltäglichere Vorgang: Begriffe werden aufgegriffen, journalistisch zugespitzt, wiederholt und dadurch allmählich Bestandteil des selbstverständlichen politischen Vokabulars. Kulturelle Hegemonie funktioniert gerade nicht nur durch bewusste Steuerung, sondern durch die gesellschaftliche Verbreitung und Normalisierung bestimmter Deutungsmuster.

Der Vorgang ist deshalb zugleich ein gutes Beispiel für die Verbindung von politischer, kommunikativer und medialer Kompetenz. Gesellschaftskompetent zu urteilen bedeutet hier nicht nur zu untersuchen, was über die Aufgaben politischer Bildung gesagt wird. Es bedeutet ebenso zu fragen, mit welchen Begriffen darüber gesprochen wird, welche gesellschaftlichen Vorstellungen diese Begriffe transportieren und welche Alternativen durch das jeweilige Framing aus dem Blick geraten.

Dem wäre ein anderes Verständnis entgegenzustellen: Politische Bildung schützt Demokratie nicht dadurch, dass sie Menschen auf die bestehende Ordnung verpflichtet. Sie stärkt Demokratie, indem sie Menschen befähigt, gesellschaftliche Verhältnisse einschließlich ihrer Macht-, Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse kritisch zu verstehen, begründet zu beurteilen und demokratisch handelnd zu verändern.

Gerade darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen politischer Bildung und Verfassungsschutz.


* Der Kommentar bezieht sich auf den am 11. August 2026 auf tagesschau.de veröffentlichten Beitrag von Dietrich Karl Mäurer: „Wohin steuert der ‚intellektuelle Verfassungsschutz‘?“

Siehe auch Markus Decker, „Bundeszentrale für politische Bildung will sich weiter um Rechtsextremismus kümmern“, RND, 6. August 2026. Der Beitrag beschreibt den gegenwärtigen Kurswechsel vor dem Hintergrund der Führungskrise der bpb. Bemerkenswert ist dabei der Kontrast zur Ära des langjährigen Präsidenten Thomas Krüger: Nach dessen Ausscheiden hätten Bundesinnenministerium und Vizepräsident Volker Ullrich begonnen, die Einrichtung „auf einen anderen Kurs zu bringen“.

Eine weitergehende Einordnung bietet Pauline Jäckels in ihrem taz-Kommentar „Zurück zu den antikommunistischen Wurzeln“ vom 5. August 2026. Sie interpretiert die stärkere Beschäftigung mit Linksextremismus als Teil einer gegenwärtigen politischen Rechtsverschiebung und erinnert zugleich an die historische Kontinuität der hegemonialen Funktion der Bundeszentrale. Damit stellt sich die Frage, welche konkrete Gestalt diese Funktion unter den gegenwärtigen politischen Kräfteverhältnissen annimmt.

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