Kriegspropaganda

„Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges“

Detlef Endewatd (01/2026)

Kriegspropaganda ist ein zentrales Instrument moderner Kriegsführung. Sie dient nicht der Informationsvermittlung, sondern vor allem der gezielten Beeinflussung von Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungen gesellschaftlicher Akteure.  Kriegspropaganda wirkt sowohl nach innen als auch nach außen und hat dabei tiefgreifende politische, gesellschaftliche und internationale Folgen hat.


Funktion der Kriegspropaganda nach innen

Nach innen richtet sich Kriegspropaganda primär an die eigene Bevölkerung. Ihre zentrale Funktion besteht in der Legitimierung des Krieges sowie in der Mobilisierung und Stabilisierung der gesellschaftlichen Ordnung. Der Krieg wird dabei als notwendige, gerechte oder defensive Maßnahme dargestellt, während politische oder ökonomische Interessen ausgeblendet werden (vgl. Ellul 1965).

Ein wesentliches Merkmal ist die Reduktion komplexer Konfliktursachen auf einfache Schuldzuweisungen. Zweifel, Kritik oder pazifistische Positionen werden delegitimiert, indem sie als illoyal oder gefährlich markiert werden. Lord Arthur Ponsonby beschreibt diesen Mechanismus als systematische Diskreditierung abweichender Meinungen, die im Verlauf eines Krieges zunehmend als Verrat interpretiert werden (vgl. Ponsonby 1928).

Die innenpolitische Wirkung von Kriegspropaganda ist eine zunehmende Repression abweichender Positionen. Pressefreiheit, Meinungspluralismus und politische Opposition werden eingeschränkt, da nationale Geschlossenheit als übergeordnetes Ziel gilt. Historisch lässt sich dies insbesondere im Ersten und Zweiten Weltkrieg nachweisen (vgl. Welch 2013).

Funktion der Kriegspropaganda nach außen

Nach außen zielt Kriegspropaganda auf die internationale Öffentlichkeit, neutrale Staaten und potenzielle Verbündete. Sie verfolgt das Ziel, das eigene militärische Handeln als legitim, moralisch gerechtfertigt und unvermeidlich darzustellen, während der Gegner moralisch delegitimiert wird (vgl. Jowett/O’Donnell 2019).

Durch die Darstellung des Gegners als grundsätzlich grausam, irrational oder unmenschlich wird ein moralischer Gegensatz konstruiert, der Verhandlungen erschwert. Gewalt erscheint nicht nur als notwendig, sondern als moralisch geboten. Harold D. Lasswell beschreibt diesen Prozess als Emotionalisierung internationaler Politik, bei der rationale Abwägungen zunehmend verdrängt werden (vgl. Lasswell 1927).

Die außenpolitische Wirkung ist eine zunehmende Eskalation des Konflikts. Die wechselseitige Dämonisierung der Kriegsparteien verstärkt militärische Handlungslogiken und reduziert die Bereitschaft zu Deeskalation.

Auswirkungen auf Diplomatie und Konfliktlösung

Ein zentraler Effekt intensiver Kriegspropaganda ist die abnehmende Möglichkeit diplomatischer Bemühungen. Wenn der Gegner als moralisch absolut böse konstruiert wird, erscheinen Kompromisse als unmoralisch oder politisch unvertretbar. Diplomatie wird diskreditiert und als Zeichen von Schwäche interpretiert (vgl. Münkler 2002).

Ponsonby betont, dass gerade diese moralische Absolutsetzung des eigenen Handelns dazu führt, dass Kriege verlängert und intensiviert werden, da politische Lösungen aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt werden (vgl. Ponsonby 1928).

Schlussfolgerung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Kriegspropaganda eine doppelte Funktion erfüllt:
Nach innen stabilisiert sie Herrschaft durch Mobilisierung und Repression, nach außen legitimiert sie Eskalation und erschwert diplomatische Lösungen. Ihre langfristigen Folgen sind die Erosion demokratischer Strukturen, die Verhärtung internationaler Konflikte und eine Reduktion politischer Handlungsoptionen auf militärische Gewalt.

 

  1. Feindbildkonstruktion
    Der Gegner wird entmenschlicht (z. B. als „Barbar“, „Unmensch“, „Teufel“) dargestellt.

  2. Vereinfachung und Schwarz-Weiß-Denken
    Klare Trennung zwischen „gut“ (wir) und „böse“ (der Feind); komplexe Ursachen werden ausgeblendet.

  3. Emotionale Ansprache
    Nutzung von Angst, Hass, Stolz, Patriotismus, Mitleid oder Rachegefühlen statt sachlicher Argumente.

  4. Selektive Information und Lügen
    Eigene Verluste werden verschwiegen oder verharmlost, Erfolge übertrieben; Gräueltaten des Gegners hervorgehoben oder erfunden.

  5. Wiederholung einfacher Botschaften
    Kurze Slogans und Bilder werden ständig wiederholt, um sich einzuprägen.

  6. Appell an Pflicht und Opferbereitschaft
    Moralischer Druck: Wer nicht unterstützt, gilt als Verräter oder Feigling.

  7. Autoritätsargumente
    Berufung auf Staat, Militär, Religion oder „wissenschaftliche“ Stimmen.

„Ponsonbys 10 Merkmale der Kriegspropaganda“
(nach Falsehood in Wartime, 1928)

  1. Wir wollen keinen Krieg.
    Der eigene Staat stellt sich immer als friedliebend dar.

  2. Der Feind ist allein schuld am Krieg.
    Die Verantwortung wird vollständig auf den Gegner geschoben.

  3. Der Feind ist moralisch verwerflich und grausam.
    Er wird als unmenschlich, barbarisch oder böse dargestellt.

  4. Wir kämpfen für eine gute und gerechte Sache.
    Eigene Interessen werden als moralische Pflicht dargestellt.

  5. Der Feind begeht absichtlich Gräueltaten; unsere sind Versehen.
    Eigene Gewalt wird relativiert oder entschuldigt.

  6. Der Feind benutzt verbotene Waffen.
    Auch ohne Beweise wird dem Gegner unmoralisches Verhalten vorgeworfen.

  7. Unsere Verluste sind gering, die des Feindes enorm.
    Verzerrung oder Manipulation von Zahlen.

  8. Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache.
    Prominente Stimmen dienen zur Legitimation des Krieges.

  9. Unsere Mission ist heilig.
    Der Krieg erhält eine religiöse oder moralisch überhöhte Bedeutung.

  10. Wer unsere Darstellung anzweifelt, ist ein Verräter.
    Kritik wird delegitimiert oder unterdrückt.


Historische Quelle

Arthur Ponsonby (1928): Falsehood in Wartime
→ Analyse der britischen Propaganda im Ersten Weltkrieg
→ Ponsonby war britischer Politiker und Kriegsgegner

Deutsche Übersetzung:
Lügen in Kriegszeiten“ 

Leo Ensel: Das Wörterbuch zur Kriegstüchtigkeit (mehrere Folgen auf den nachdenkseiten.de)

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