Filmgenres in der BRD der 50er und frühen 60er Jahre
Für die westdeutsche Filmproduktion der 1950er Jahre ist es sinnvoll, nicht einfach vom „Heimatfilm-Jahrzehnt“ zu sprechen. Gerade die Genrevielfalt macht sichtbar, wie die frühe Bundesrepublik unterschiedliche gesellschaftliche Erfahrungen, Wünsche und Konflikte filmisch verarbeitete.
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Genre / Erzählform |
Beispiele |
Gesellschaftliche bzw. mentalitätsgeschichtliche Dimension |
| Heimatfilm | Schwarzwaldmädel (1950), Grün ist die Heide (1951), Der Förster vom Silberwald (1954) |
Heimatverlust, Vertreibung, Integration, Natur als Gegenwelt, Wiederherstellung sozialer Ordnung; Ausblendung bzw. Verschiebung der NS-Vergangenheit |
| Familien- und Alltagskomödie | Vater braucht eine Frau (1952), Wenn der Vater mit dem Sohne (1955), Natürlich die Autofahrer (1959) |
Familie als gesellschaftlicher Stabilisierungsraum; Geschlechter- und Generationenrollen; Modernisierung des Alltags; bei Heinz Erhardt zugleich ironische Demontage männlicher Autorität |
| Musik-, Schlager- und Revuefilm | Die Beine von Dolores (1957), Das haut hin (1957), Und abends in die Scala (1958) |
Kontinuität älterer Unterhaltungstraditionen, zugleich Konsum, Freizeit, Jugendlichkeit, Internationalisierung und neue Medienkultur |
| Kriegsfilm |
08/15 (1954), |
Kriegserfahrung, Opfererzählungen, soldatische Gemeinschaft, individuelle Schuld; häufig Trennung von „anständigen Deutschen“ und NS-System |
| Vergangenheits- und Widerstandsfilm | Der 20. Juli (1955), Es geschah am 20. Juli (1955), Rosen für den Staatsanwalt (1959) |
Konstruktion gesellschaftlich akzeptabler Formen des Erinnerns; Widerstand als Identifikationsangebot; gegen Ende des Jahrzehnts deutlichere Kritik an personellen Kontinuitäten |
| Kriminalfilm / Thriller | Nachts, wenn der Teufel kam (1957), Es geschah am hellichten Tag (1958), Der Frosch mit der Maske (1959) |
Bedrohung von Ordnung, Angst vor dem unauffälligen Täter, Vertrauen/Misstrauen gegenüber Institutionen; Wiederherstellung von Sicherheit durch Aufklärung |
| Jugend- und Problemfilm | Die Halbstarken (1956), Endstation Liebe (1958), Die Frühreifen (1957) |
Generationenkonflikt, Sexualität, Konsum, Jugendkultur, soziale Milieus; Angst vor Kontrollverlust und „verwahrloster“ Jugend |
| Gesellschaftssatire | Wir Wunderkinder (1958), Rosen für den Staatsanwalt (1959) |
Opportunismus, Karriere, Wirtschaftswunder, NS-Kontinuitäten; Kritik wird durch Komödie und Satire gesellschaftlich anschlussfähig |
| Literatur- und historische Verfilmung | Der Hauptmann von Köpenick (1956), Buddenbrooks (1959) |
Gegenwartsfragen werden in historische Stoffe verschoben: Autorität, Bürokratie, Bürgertum, Kapital, sozialer Status |
| Arzt- und Melodram | Dr. Holl (1951), Sauerbruch – Das war mein Leben (1954) |
Vertrauen in Autoritäten, Berufsethos, Opferbereitschaft, Krankheit und Heilung; Wiederherstellung einer moralischen Ordnung |
| Liebes- und Gesellschaftsmelodram | Die Sünderin (1951), Himmel ohne Sterne (1955) |
Sexualmoral, Geschlechterordnung, deutsche Teilung, individuelle Wünsche gegen gesellschaftliche Normen |
| Militärkomödie | Der Hauptmann und sein Held (1955) | Autorität und militärischer Drill werden teilweise ironisiert; gleichzeitig Gefahr der Entpolitisierung von Wehrmacht und Krieg |
Entscheidend ist die Gleichzeitigkeit
Gerade für eine mentalitätsgeschichtliche Betrachtung nach Kracauer und Wilharm lassen sich diese Genres aber nicht als voneinander isolierte Schubladen behandeln. Zusammengenommen ergeben sie eine Art filmische Kartographie der Adenauer-Gesellschaft:
- Der Heimatfilm erzählt: Wir können wieder irgendwo zu Hause sein.
- Die Familienkomödie: Der Alltag funktioniert wieder.
- Revue- und Schlagerfilm: Wir dürfen wieder genießen.
- Der Kriminalfilm: Die Ordnung ist bedroht, aber sie lässt sich wiederherstellen.
- Der Arztfilm: Es gibt wieder Autoritäten, denen man vertrauen kann.
- Der Kriegsfilm: Wir müssen eine erzählbare Version unserer Vergangenheit finden.
- Der Jugendfilm dagegen signalisiert: Unter der Oberfläche verändert sich diese Gesellschaft bereits.
- Und Filme wie Wir Wunderkinder oder Rosen für den Staatsanwalt wenden schließlich ein: So harmonisch ist diese neue Ordnung keineswegs.
Damit ist auch die einfache Gegenüberstellung von „unpolitischem Unterhaltungskino“ und „gesellschaftskritischem Film“ problematisch. Gerade das scheinbar Unpolitische kann mentalitätsgeschichtlich besonders aussagekräftig sein. Die Frage lautet dann nicht nur: Was kritisiert ein Film ausdrücklich?, sondern ebenso: Welche Konflikte kann er erzählen, welche muss er verschieben, welche blendet er aus – und welche Ordnung stellt er am Ende wieder her?
Unter dem Gesichtspunkt kultureller Hegemonie wird die Genrelandschaft deshalb besonders interessant. Hegemonial ist nicht einfach ein einzelnes Genre wie der Heimatfilm. Hegemonial ist vielmehr ein genreübergreifendes Erzählmuster sein: Normalisierung, Wiederherstellung von Ordnung, Individualisierung gesellschaftlicher Konflikte und weitgehende Integration von Widerspruch. Dann sind Heimatfilm, Familienkomödie, Krimi und Revuefilm unterschiedliche Varianten derselben gesellschaftlichen Stabilisierungsarbeit – während Die Halbstarken, Wir Wunderkinder oder Rosen für den Staatsanwalt zeigen, wo diese Ordnung Risse bekommt.
Diese Überlegungen sind der produktive Ausgangspunkt für die Rubrik „Filmgenres der 1950er Jahre“: nicht eine Genre-Typologie um ihrer selbst willen, sondern die Frage, was unterschiedliche Genres jeweils über dieselbe Gesellschaft erzählen – und was sie nicht erzählen können oder wollen.
Filmgenres in der BRD der 50er und frühen 60er Jahre
Der Kriegsfilm/Anti-Kriegsfilm
Die Komödien/Filmlustspiele
Der Arzt- und Priesterfilm
Der Musikfilm/Schlagerfilm
Rückkehr des Revuefilms
Der Kriminalfilm/Thriller/Spionagefilm
Der Abenteurfilm/Actionfilm
Die Heinz-Erhard-Filme – ein spezifisch deutsches Subgenre
Die Edgar-Wallace-Filme