Der Kalte Krieg und der westdeutsche Film
Deutungsmuster der 1950er-Jahre in Ost und West
Detlef Endeward (06/2025)
Die 1950er-Jahre bilden eine Schlüsselphase der Nachkriegsgeschichte, in der die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West nicht nur geopolitisch, sondern auch medial und kulturell ihren Ausdruck fand. Der Kalte Krieg wurde nicht allein in politischen Institutionen und internationalen Bündnissen geführt, sondern prägte auf vielschichtige Weise die kulturelle Produktion – insbesondere den Film. In der Bundesrepublik wie in der DDR dienten filmische Produktionen als Projektionsflächen ideologischer Selbstvergewisserung und als Mittel der gesellschaftlichen Orientierung in einer Welt wachsender Spannungen.
Die Lernwerkstatt Film und Geschichte rückt in diesem Modul die wechselseitige Durchdringung von Geschichte, Ideologie und filmischer Narration in den Mittelpunkt. Während im Westen zahlreiche Produktionen entstanden, die eine Entlastungserzählung über den Zweiten Weltkrieg formulierten – etwa durch das Narrativ der „sauberen Wehrmacht“ –, zielten die DDR-Filme auf die „Entlarvung“ faschistischer Kontinuitäten in Westdeutschland und konstruierten ein antifaschistisches Selbstbild.
Zensur und Steuerung der Produktion waren auf beiden Seiten politische Realität: Im Westen galten DEFA-Filme als „kommunistische Propaganda“ und unterlagen Restriktionen, während kritische Stimmen im Osten zunehmend marginalisiert wurden, wenn sie das offizielle Gesellschaftsbild in Frage stellten. Antikriegsfilme, die auf eine universelle Humanität setzten, blieben rar – und ihre politische Wirkung begrenzt.
Diese Seiten dokumentieren die filmischen Deutungsmuster in der Bundesrepublik der 1950er-Jahre als Ausdruck konkurrierender Gesellschaftsentwürfe, fragen nach ihren erinnerungskulturellen Implikationen und diskutieren ihre Rolle im Rahmen der politischen Bildung. Ziel ist es, Schüler*innen zur kritischen Reflexion über die Wechselwirkung zwischen Geschichte, Medien und kollektiver Identitätsbildung zu befähigen.
Feindliche Brüder
Die Ausstellung Deutschland im Kalten Krieg 1945 – 1963 fand im Jahr 1992 statt, in einer Zeit als gemeinhein der weltweite Kalte Krieg als „endgültig“ beendet galt, bis er, in Deutschland mit dem Begriff „Zeitenwende“ versehen, in der Gegenwart in veränderter Form wieder Einzug hielt und hält.
Im Rahmen der damaligen Ausstellung gab es auch einen Bereich Der Kalte Krieg und der Deutsche Film. Wir zitieren hier den Einführungstext des Kurators Rainer Rother auch als Einführung in diesen Themenbereich der Lernwerkstatt.
„Als Ergebnis des Kalten Krieges konnte man in Deutschland bald nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr von einem deutschen Film sprechen. In der Welt der Filmemacher, Produzenten und Kinogänger machten sich Erscheinungen bemerkbar, die die Spaltung Deutschlands aufzeigten. Da gab es „Grenzgänger“, die anfangs noch auf beiden Seiten arbeiteten, und daneben auf beiden „Grenzposten“, die jeglichen Austausch von Filmen misstrauisch und restriktiv überwachten.
Einige Filme thematisierten den Kalten Krieg, andere ausländische bekamen aufgrund des Kalten Krieges in der Synchronisation neue Inhalte. Republikflucht und kapitalistischer Westen, antifaschistische Kämpfer hier und aufgebaute „Ost-Kulissen“ dort sollten helfen, das Bild des jeweils anderen deutschen Teils zu prägen.“
Der Kalte Krieg und der westdeutsche Film
Die verdeckten Spuren des kalten Krieges im deutschen Unterhaltungsfilm
Der „Kalte Krieg“ im Fernsehen der Bundesrepublik in den 60er Jahren
Die westliche Sicht: Dokumentarfilme zum „Kalten Krieg“
Literatur
DEUTSCHLAND IM KALTEN KRIEG 1945 BIS 1963
Online-Version einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums im Jahr 1992.
„Diese spürt den deutsch-deutschen Feindbildern in der politischen Propaganda der ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nach. „Agenten“, „Saboteure“, „Militaristen“ und „Amikäfer“ waren dabei das Personal der gegenseitigen Verteufelungskampagnen im Kampf der Systeme.“
Filme zum Thema in der Ausstellung Deutschland im Kalten Krieg 1945 – 1963
„Der Film sieht weg, wo es um das wichtigste geht. Er rührt das Grundthema der deutschen Gegenwart nicht an. Es ist, als läge ein Tabu über diesem ganzen Bereich. Seit der Spaltung sind, sage und schreibe, ganze drei Filme gemacht worden, in die das Thema hineinspielt: „Postlagernd Turteltaube“, „Weg ohne Umkehr“, „Himmel ohne Sterne“. Und der letzte von ihnen ist auch schon wieder fünf Jahre alt“, schrieb Friedrich Luft 1960. (zitiert nach Rolf Aurich – Geteilter Himmel ohne Sterne, in: Kalter Krieg. 60 Filme aus Ost und West. Herausgegeben von der Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin 1991, S.31)
Das ist vielleicht nicht ganz zutreffend in der Anzahl der Filme – es hätten auch noch „Die Spur führt nach Berlin“ (1952, Regie Franz Cap), „Vom Himmel gefallen“ (1955, Regie John Bram) und „Menschen im Netz“ (Regie Franz Peter Wirth) erwähnt werden können -, wohl aber in der Tendenz, die sich auch später nicht änderte. Alles zusammengenommen gab es bis in die späten sechziger Jahre vielleicht ein gutes Dutzend Filme, „in die das Thema hineinspielt“. Nicht grundsätzlich anders sah es in der DDR aus, wo es allerdings einige Produktionen mehr sind, die sich thematisch auf den Kalten Krieg beziehen; von Kurt Maetzigs „Roman einer jungen Ehe“ (1951) bis Rohland Grafs „Die Flucht“ kann man ein halbes Dutzend Produktionen mehr als im Westen veranschlagen. Dabei handelt es sich um Spielfilme; die Ausprägungen, die der Kalte Krieg in Dokumentarfilmen und Wochenschauen gefunden hat, sind unberücksichtigt; ebenso die Filme, die den Kalten Krieg nicht thematisieren, wohl aber, in ihren ganz anders gelagerten Handlungen, die Strukturen, die Feindbilder übernehmen.
So ist „Der Arzt von Stalingrad“ oberflächlich betrachtet ein Film, der von Kriegsgefangenen in russischen Lagern handelt, doch sind die Mittel, mit denen hier ein Gegensatz von zivilisierten Deutschen und unterjochten bzw. unterjochenden Russen (so werden sie im Film immer genannt, wenn auch die Wachmannschaften beim casting offenbar nach ihren asiatischen Gesichtern ausgesucht wurden) aufgebaut wird, ganz vom Geist des Kalten Krieges. Das das Kind des Lagerkommandanten nur durch den deutschen Chirurgen gerettet werden kann, das hat etwas vom neu gewonnenen Glauben an die eigene Stärke, dem Vertrauen in das know how der Wirtschaftswunderjahre – und es entscheidet den Ost-West-Gegensatz so, wie es der Position der Offensive entspricht, die auch in den thematisch eindeutigen Filmen feststellbar ist. Dagegen steht in den Filmen der DEFA ein defensiver Grundton – von Beginn an setzt sich dieser Ton gegen den üblichen positiven Schluss als das Entscheidende durch.
Rainer Rother: Filme zum Thema. Text zum Ausstellungsbereich Der Kalte Krieg und der deutsche Film









