Kulturelle Hegemonie im Klassenzimmer – wenn Wirtschaftsideologie zu Grundwissen wird
Wie eine bestimmte Sicht auf Wirtschaft den Rahmen dessen bestimmt, was Schülerinnen und Schüler als ökonomische Wirklichkeit kennenlernen
Ein Unterrichtsmaterial als Beispiel
Die 2011 erschienene Unterrichtseinheit Unsere Wirtschaftsordnung wurde von Hans Kaminski, Michael Koch und Katrin Eggert vom Institut für Ökonomische Bildung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg erstellt. Sie gehört zur Initiative „Handelsblatt macht Schule“; als Kooperationspartner wird der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) genannt.
Diese institutionelle Konstellation beweist keine ideologische Ausrichtung. Interessanter ist die Frage:
Welches Verständnis von Wirtschaft wird als grundlegendes Wissen vorausgesetzt – und welche gesellschaftlichen Fragen werden dadurch hervorgehoben oder an den Rand gedrängt?
Wenn eine Perspektive zu „Grundwissen“ wird
Im Vorwort wird das Wissen über die marktwirtschaftliche Ordnung als „unabdingbares Orientierungswissen“ bezeichnet. Daran ist zunächst nichts ungewöhnlich: Schülerinnen und Schüler müssen die Wirtschaftsordnung kennen, innerhalb deren sie leben.
Entscheidend ist jedoch die Unterscheidung zwischen der Beschreibung einer bestehenden Wirtschaftsordnung und einem bestimmten theoretischen Modell ihrer Erklärung.
Denn jede Beschreibung arbeitet mit Kategorien. Man kann Wirtschaft als Koordination knapper Ressourcen untersuchen oder als gesellschaftliche Organisation von Produktion und Reproduktion. Man kann nach Markt und Staat fragen – oder nach Kapital und Arbeit; Eigentum als Ordnungselement beschreiben – oder nach der Verfügung über Produktionsmittel und der daraus entstehenden Macht fragen.
Keine dieser Fragen ist voraussetzungslos.
Die entscheidende Leistung: den Denkraum festlegen
Das Material stellt der Marktwirtschaft als Idealtyp die Zentralverwaltungswirtschaft gegenüber. Reale Wirtschaftsordnungen erscheinen anschließend als Mischformen dieser beiden Modelle.
Marktwirtschaft ↔ Zentralverwaltungswirtschaft
Eine andere Perspektive könnte dagegen fragen nach:
Kapital ↔ Arbeit
private Verfügung über Produktionsmittel ↔ gesellschaftliche Verfügung
Produktion für Verwertung ↔ Produktion für gesellschaftliche Bedürfnisse
Damit ändern sich nicht lediglich die Antworten. Es verändert sich, was überhaupt als erklärungsbedürftiger Gegenstand erscheint.
Kapitalismus kann als Wirtschaftsordnung mit bestimmten Koordinationsmechanismen beschrieben werden. Er kann aber auch als gesellschaftliche Produktionsweise untersucht werden, in der Eigentum, Arbeit, Interessen und wirtschaftliche Macht miteinander verbunden sind.
Was nicht gefragt wird, muss nicht beantwortet werden
Hier liegt eine wesentliche Wirkung hegemonialer Begriffe. Alternative Antworten müssen nicht verboten werden. Es genügt, wenn bestimmte Fragen gar nicht erst zu den grundlegenden Fragen gehören:
- Warum befinden sich Produktionsmittel überwiegend in privater Verfügung?
- Warum müssen Unternehmen Gewinne erzielen und Kapital verwerten?
- Welche Folgen hat Konkurrenz für Unternehmen und Beschäftigte?
- Wie entsteht wirtschaftliche Macht?
- Wie hängen Eigentum, Vermögen und politische Macht zusammen?
- Welche gesellschaftlich notwendigen Arbeiten erscheinen im Markt gar nicht oder nur teilweise als wirtschaftliche Leistung?
Solche Fragen ergänzen nicht lediglich einen vorhandenen Themenkatalog. Sie können das Verständnis dessen verändern, was „Wirtschaft“ überhaupt ist.
Kontroversität innerhalb eines gesetzten Rahmens
Das Material weist ausdrücklich den möglichen Vorwurf zurück, die Orientierung an der bestehenden Wirtschaftsordnung führe zu deren kritikloser Übernahme. Schülerinnen und Schüler sollen unterschiedliche Interessen erkennen, Konflikte untersuchen und ordnungspolitische Fragen beurteilen.
Das sollte ernst genommen werden. Gerade deshalb ist das Beispiel interessant.
Hegemonie bedeutet nicht, dass nur eine Meinung zugelassen wird. Man kann ausgesprochen kontrovers diskutieren und sich dennoch innerhalb eines gemeinsamen begrifflichen Rahmens bewegen.
Deshalb reicht die Frage nicht:
Welche unterschiedlichen Antworten dürfen Schülerinnen und Schüler geben?
Vorgelagert ist die Frage:
Welche Fragen lernen sie überhaupt zu stellen?
Wenn eine Theorie zur Fachlichkeit wird
Schülerinnen und Schüler sollen „strukturiertes ökonomisches Wissen“ erwerben und wirtschaftliche Phänomene mit „fachspezifischen Methoden“ analysieren. Damit entsteht eine Trennung zwischen vermeintlich fachwissenschaftlichem Wissen und den unterschiedlichen politischen oder gesellschaftlichen Bewertungen dieses Wissens.
Doch auch Fachwissen enthält theoretische Voraussetzungen.
Eine Perspektive besitzt einen erheblichen Vorteil, wenn ihre Begriffe und Modelle nicht mehr als eine mögliche theoretische Sichtweise erscheinen, sondern als selbstverständliche Grundlage, auf der anschließend unterschiedliche Positionen diskutiert werden.
Eine Theorie ist besonders erfolgreich, wenn sie nicht mehr als Theorie wahrgenommen wird, sondern als Sachverstand erscheint.
Von der Wirtschaftskunde zurück zur politischen Ökonomie
Eine politisch-ökonomische Betrachtung würde Wirtschaft nicht nur als gesellschaftliches Teilsystem untersuchen. Sie fragt nach den Zusammenhängen von Produktion, Eigentum, Arbeit, Macht, Staat und gesellschaftlichen Interessen.
Damit verändert sich beispielsweise die Bedeutung des Gewinnprinzips. Es erscheint nicht lediglich als Ordnungselement einer Marktwirtschaft, sondern als Bestandteil einer Produktionsweise, deren gesellschaftliche Voraussetzungen und Folgen untersucht werden können.
Der Perspektivwechsel ersetzt die ökonomische Analyse also nicht. Er erweitert sie um die Frage, welche gesellschaftlichen Beziehungen sich hinter ökonomischen Kategorien verbergen.
Hegemonie braucht keinen Lehrplanbefehl
Kulturelle Hegemonie bedeutet nicht, dass eine zentrale Instanz festlegt, was Schülerinnen und Schüler denken sollen. Begriffe und Deutungsmuster entstehen und verbreiten sich im Zusammenspiel von Wissenschaft, Hochschulen, Verbänden, Unternehmen, Medien, Stiftungen, Schulbuchverlagen, Bildungsadministration und Schule.
Deshalb ist auch die Produktionsgeschichte von Unterrichtsmaterialien ein legitimer Gegenstand politisch-ökonomischer Bildung.
Wenn Schülerinnen und Schüler wirtschaftliche Interessen untersuchen sollen, sollte die Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen ihr eigenes Unterrichtswissen produziert wird, nicht ausgeklammert bleiben.
Gramsci im Klassenzimmer
Mit Antonio Gramscis Begriff der kulturellen Hegemonie lässt sich dieser Zusammenhang genauer fassen. Herrschaft stabilisiert sich nicht allein durch Zwang, sondern auch durch gesellschaftliche Zustimmung. Besonders wirksam können Vorstellungen dort werden, wo sie gar nicht mehr als besondere Position wahrgenommen werden.
Aus einer bestimmten Interpretation der Wirtschaft wird „die Wirtschaft“.
Aus einer bestimmten wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive wird „ökonomisches Grundwissen“.
Aus gesellschaftlich und politisch erzeugten Bedingungen werden „Sachzwänge“.
Aus politischen Entscheidungen werden „notwendige Reformen“.
Ideologiekritik kann sich deshalb nicht auf die Unterscheidung richtiger und falscher Aussagen beschränken. Sie muss fragen, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen eine Darstellung selbstverständlich setzt und welche Alternativen dadurch unsichtbar werden.
Gesellschaftskompetenz: den Rahmen selbst untersuchen
Hier setzt ein weiter gefasstes Verständnis von Gesellschaftskompetenz an. Es genügt nicht, Schülerinnen und Schüler dazu zu befähigen, innerhalb einer bestehenden Wirtschaftsordnung sachgerecht zu handeln. Sie müssen diese Ordnung selbst zum Gegenstand der Analyse machen können.
Dazu gehören Fragen wie:
- Wie ist diese Wirtschaftsordnung entstanden?
- Welche gesellschaftlichen Konflikte haben sie geprägt?
- Wer verfügt über wirtschaftliche Entscheidungsmacht?
- Welche Interessen wirken auf ihre Gestaltung ein?
- Welche Vorstellungen von Arbeit, Eigentum, Wohlstand und Wachstum erscheinen selbstverständlich?
- Welche Alternativen wurden historisch diskutiert?
Damit wird ökonomische Bildung nicht aufgegeben, sondern um historische, politische, soziale und ökologische Zusammenhänge erweitert.
Nicht die richtige Antwort lernen
Das Beispiel Unsere Wirtschaftsordnung ist nicht deshalb interessant, weil ihm eine einfache Manipulationsabsicht unterstellt werden könnte. Im Gegenteil: Das Material will ausdrücklich Urteilsfähigkeit ermöglichen und behandelt unterschiedliche Interessen und gesellschaftliche Konflikte.
Gerade daran lässt sich zeigen, wie tief kulturelle Hegemonie reichen kann:
Sie zeigt sich darin, was als Fachwissen gilt, welche Begriffe zur Beschreibung der Wirklichkeit verwendet werden, welche Modelle als Ausgangspunkt dienen und welche Fragen als fachlich relevant erscheinen.
Eine emanzipatorische ökonomische Bildung fragt deshalb nicht nur:
Wie funktioniert unsere Wirtschaftsordnung?
sondern auch:
Warum beschreiben wir sie eigentlich genau so?
und schließlich:
Wie würde dieselbe gesellschaftliche Wirklichkeit aussehen, wenn wir andere Fragen an sie stellen?
Der Lernertrag besteht dann nicht darin, die vermeintlich richtige Wirtschaftsordnung benennen zu können. Er zeigt sich darin, dass Schülerinnen und Schüler verstehen, warum unterschiedliche theoretische Perspektiven dieselbe gesellschaftliche Wirklichkeit unterschiedlich sichtbar machen – und dass sie mehr und bessere Fragen an diese Wirklichkeit stellen können.
Hinweis: Der Text wurde mit Unterstützung von ChatGPT strukturiert und redigiert; KI übernimmt dabei Verlagsaufgaben wie Gliederung und Lesefluss.