Die Wüste Internet – dreißig Jahre später

Was aus den Warnungen vor der digitalen Welt geworden ist


Einleitung: Ein Dokument aus der Frühzeit des Internets

1996 stellte Wolf-Rüdiger Wagner unter dem Titel „Die Wüste Internet – oder: Eine Warnung vor der Überschätzung des Mediums“ eine Sammlung von Zitaten aus Clifford Stolls Buch Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn zusammen. Die Auswahl sollte keine abschließende Bewertung des damals noch jungen Internets liefern, sondern zur kritischen Lektüre und kontroversen Diskussion anregen.1

Rund dreißig Jahre später lohnt es sich, dieses Dokument erneut zu lesen. Manche Aussagen wirken überzogen, andere erstaunlich gegenwärtig. Wieder andere verweisen auf Probleme, die sich inzwischen unter veränderten technischen und gesellschaftlichen Bedingungen erheblich verschärft haben.

Stoll wandte sich nicht grundsätzlich gegen Computer. Seine Kritik richtete sich gegen die Vorstellung, mit der Einführung neuer Technologien würden sich gesellschaftliche, kulturelle und pädagogische Probleme gleichsam von selbst lösen. Er fragte nach dem Verhältnis von Information und Erkenntnis, nach den Bedingungen menschlicher Kommunikation, nach der Qualität von Bildung und nach den tatsächlichen Kosten technischer Modernisierung.

Heute stehen mit sozialen Netzwerken, globalen Plattformunternehmen und generativer künstlicher Intelligenz andere Technologien im Mittelpunkt. Die Grundfrage ist jedoch geblieben: Welche gesellschaftlichen Probleme können technische Medien lösen, welche verändern sie lediglich, und welche neuen Probleme bringen sie hervor?


Was ist an Stolls Kritik heute noch aktuell?

Die folgenden Gegenüberstellungen greifen die Problemstellungen der Zitatensammlung von 1996 auf und beziehen sie auf die gesellschaftliche Wirklichkeit des Jahres 2026. Dabei geht es nicht darum, einzelne Prognosen nachträglich zu bestätigen, sondern die Fortdauer und Veränderung grundlegender Probleme sichtbar zu machen.

Problemstellung von 1996 Bedeutung im Jahr 2026
Informationsfülle ist nicht Erkenntnis. Suchmaschinen und generative KI stellen enorme Informationsmengen bereit. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zu verstehen, Aussagen zu prüfen und selbstständig zu urteilen, entsteht dadurch nicht automatisch.
Digitale Kommunikation ist nicht gleich Verständigung. Soziale Netzwerke ermöglichen Austausch und Gemeinschaft, begünstigen aber unter bestimmten Bedingungen auch Polarisierung, aggressive Kommunikation und die Abschottung gegenüber anderen Perspektiven.
Technischer Fortschritt bedeutet nicht automatisch Zeitgewinn. Neue Werkzeuge erleichtern Tätigkeiten, erzeugen aber zugleich neue Anforderungen: Aktualisierungen, ständige Erreichbarkeit, Informationsmanagement und fortwährende Anpassung an neue Systeme.
Interaktivität ist nicht gleich Selbstbestimmung. Nutzer können zwischen zahlreichen Angeboten wählen und Inhalte produzieren. Die grundlegenden Regeln digitaler Plattformen und die Funktionsweise ihrer Algorithmen bestimmen sie jedoch meist nicht mit.
Software kann eigenständiges Denken ersetzen, statt es zu fördern. Generative KI verschärft die Frage, ob Lernende eigene Lösungswege entwickeln oder vorgefertigte Antworten übernehmen.
Mediale Attraktivität ist kein Qualitätsmerkmal von Bildung. Anschauliche Videos, Animationen und interaktive Anwendungen können Lernen unterstützen. Sie garantieren aber weder vertieftes Verständnis noch kritische Reflexion.
Technikinvestitionen können andere Bildungsressourcen verdrängen. Die Frage nach dem Verhältnis von digitaler Ausstattung, pädagogischem Personal, Bibliotheken und Zeit für Bildung bleibt aktuell.
Mehr Medienzugang bedeutet nicht automatisch mehr Demokratie. Veröffentlichungsmöglichkeiten sind gewachsen. Öffentliche Sichtbarkeit, gesellschaftlicher Einfluss und die Verfügung über Kommunikationsinfrastrukturen sind jedoch ungleich verteilt.

Besonders bemerkenswert ist Stolls Unterscheidung zwischen Information und Erkenntnis. Seine Feststellung, dass der Geist mit Ideen und nicht einfach mit Informationen arbeitet, berührt unmittelbar die heutige Auseinandersetzung mit KI.

Die Verfügbarkeit von Informationen ist eine Voraussetzung für Erkenntnis, aber nicht mit ihr identisch. Erkenntnis verlangt, Fragen zu entwickeln, Informationen auszuwählen, ihre Entstehungsbedingungen zu prüfen, Zusammenhänge herzustellen und begründete Urteile zu bilden. Gerade diese Leistungen können durch technische Systeme unterstützt, aber nicht einfach mit deren Nutzung gleichgesetzt werden.


Wo hat Stoll die Entwicklung unterschätzt?

Stolls Kritik enthält zugleich Verallgemeinerungen, die aus heutiger Sicht nicht haltbar sind.

Das Internet ist keineswegs nur ein Ort für Belanglosigkeiten. Es hat wissenschaftliche Zusammenarbeit, internationale Kommunikation, öffentliche Dokumentation, kulturelle Produktion und politische Mobilisierung erheblich verändert. Digitale Bibliotheken, offene wissenschaftliche Publikationen und gemeinsame Wissensprojekte haben neue Zugänge zu Erkenntnissen geschaffen.

Auch seine Skepsis gegenüber Hypertext erscheint zu einseitig. Nichtlineare Darstellungsformen müssen keineswegs zwangsläufig den Zusammenhang von Argumentationen zerstören. Sie können Beziehungen zwischen Quellen, Perspektiven und Wissensbeständen erschließen, die in linearen Darstellungen schwerer sichtbar werden.

Ähnliches gilt für digitale Lernmedien. Entscheidend ist nicht, ob ein Angebot multimedial gestaltet ist, sondern welche Erkenntnis- und Reflexionsprozesse es ermöglicht. Ein digitaler Lernweg kann bloß vorgefertigte Antworten abfragen. Er kann aber ebenso die eigenständige Untersuchung historischer Quellen, den Vergleich unterschiedlicher Deutungen und die Entwicklung begründeter Urteile ermöglichen.

Stolls grundsätzliche Schwäche liegt darin, dass er die Gefahren neuer Technologien gelegentlich zu Eigenschaften der Technologien selbst erklärt. Ihre gesellschaftliche Bedeutung entsteht jedoch erst im Zusammenhang mit den Praktiken, Interessen und institutionellen Bedingungen ihrer Entwicklung und Nutzung.

Gerade hier lässt sich seine Kritik mit einem erweiterten Medienbegriff verbinden. Medien sind nicht allein technische Geräte und Programme. Sie umfassen ebenso die mit ihnen hervorgebrachten Inhalte, die Praktiken ihrer Nutzung und die gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie wirksam werden.2


Drei Fragen, die heute noch grundlegender gestellt werden müssen

Wem nützen die technischen Entwicklungen?

Stoll fragte vor allem, ob Computer und Internet den Menschen tatsächlich helfen.

Heute muss zusätzlich gefragt werden, wer über die Technologien verfügt, wer ihre Entwicklung bestimmt, wer von ihrer Nutzung profitiert und wer ihre Kosten trägt.

Die gegenwärtige Plattformökonomie zeigt, dass individuelle Nutzungsmöglichkeiten und gesellschaftliche Verfügungsmacht weit auseinanderfallen können. Menschen können Inhalte veröffentlichen, miteinander kommunizieren und digitale Dienste verwenden, ohne über die technischen Infrastrukturen, Geschäftsmodelle oder Regeln der Sichtbarkeit entscheiden zu können.

Auch der Einsatz generativer KI ist mit Eigentums- und Machtverhältnissen verbunden. Die Entwicklung leistungsfähiger Systeme setzt erhebliche finanzielle, technische und energetische Ressourcen voraus. Zugleich werden menschliche Arbeit, öffentlich verfügbares Wissen und kulturelle Produktionen zu Voraussetzungen kommerziell betriebener Systeme.

Damit wird aus der Frage nach der Nützlichkeit einer Technologie eine politisch-ökonomische Frage. Technische Möglichkeiten und gesellschaftliche Interessen sind nicht voneinander zu trennen.

Was verändert sich durch die mediale Form der Erkenntnis?

Stoll befürchtete, dass Software vorgefertigte Denkweisen an die Stelle eigenständiger Erkenntnis setzt.

Die weiterführende Frage lautet: Wie verändern mediale Werkzeuge die Möglichkeiten und Grenzen dessen, was wir überhaupt erkennen können?

Ein wissenschaftliches Modell kann Zusammenhänge sichtbar machen, die sich unmittelbarer Wahrnehmung entziehen. Zugleich beruht es auf Annahmen, Auswahlentscheidungen und bestimmten Formen der Darstellung.

Generative KI kann Informationen zusammenführen und Argumentationen formulieren. Sie kann aber auch den Eindruck gesicherten Wissens erzeugen, ohne dass die Voraussetzungen ihrer Aussagen hinreichend sichtbar werden.

Hier wird Medialitätsbewusstsein zentral: Es geht nicht nur darum, Informationen auf ihre Richtigkeit zu prüfen, sondern die Bedingungen ihrer Hervorbringung zu verstehen. Medien sind nicht lediglich Transportmittel bereits vorhandenen Wissens. Sie wirken daran mit, wie Wirklichkeit wahrgenommen, dargestellt, untersucht und verstanden werden kann.3

Fördern die neuen Medien Mündigkeit oder Anpassung?

Stoll kritisierte bereits 1996, dass Menschen viel Zeit mit der Beherrschung von Programmen verbringen, statt sich mit den eigentlichen Problemen auseinanderzusetzen.

Diese Frage gewinnt angesichts der gegenwärtigen Orientierung an digitaler Kompetenz und KI-Kompetenz neue Bedeutung.

Soll Bildung Menschen vor allem befähigen, mit den jeweils verfügbaren technischen Systemen effizient umzugehen? Oder soll sie ihnen ermöglichen, deren Voraussetzungen, gesellschaftliche Zwecke und Veränderbarkeit zu erkennen?

Die Unterscheidung zwischen Medienkompetenz als zu entwickelnder Fähigkeit und Medienbildung als offenem Prozess der Entwicklung von Mündigkeit wird hier besonders deutlich.

Medienbildung erschöpft sich nicht darin, neue Werkzeuge bedienen zu lernen. Sie schließt die Fähigkeit ein, ihre gesellschaftlichen Wirkungen zu beurteilen, medienethische Fragen zu stellen und Alternativen zu den vorgegebenen Nutzungsweisen zu entwickeln.


Was bedeutet das für das Konzept der Gesellschaftskompetenzen?

Stolls Kritik lässt sich als historischer Ausgangspunkt für eine kompetenzübergreifende Untersuchung nutzen.

Sie berührt die technologische Kompetenz, wenn nach den Möglichkeiten und Grenzen digitaler Werkzeuge gefragt wird; die kommunikative Kompetenz, wenn es um gesellschaftliche Verständigung geht; die politische und ökonomische Kompetenz, wenn Macht, Eigentum und demokratische Gestaltung zur Sprache kommen; die kulturelle und soziale Kompetenz, wenn sich Beziehungen, Wahrnehmungsweisen und Lebensformen verändern.

Die historische Kompetenz ermöglicht schließlich eine besondere Fragestellung: Welche der 1996 formulierten Erwartungen und Befürchtungen haben sich bestätigt, welche nicht – und warum?

Damit wird das Dokument selbst zu einer historischen Quelle für die gesellschaftliche Wahrnehmung des frühen Internets.

Die Auseinandersetzung verlangt zugleich die Fähigkeit, mit widersprüchlichen Entwicklungen umzugehen. Digitale Technologien können gesellschaftliche Teilhabe erweitern und neue Abhängigkeiten schaffen. Sie können Erkenntnisprozesse unterstützen und zugleich eigenständiges Denken behindern. Sie können Kommunikation erleichtern und Verständigung erschweren.

Solche Widersprüche lassen sich nicht durch die einfache Gegenüberstellung von technikfreundlichen und technikkritischen Positionen auflösen. Sie müssen in ihren konkreten gesellschaftlichen Zusammenhängen untersucht werden.


Ein historisches Dokument: Die Wüste Internet (1996)

Die folgende Zusammenstellung von Wolf-Rüdiger Wagner wird als historisches Arbeitsmaterial wiedergegeben. Sie dokumentiert eine frühe medienkritische Auseinandersetzung mit den Versprechen der digitalen Vernetzung. Ihre Auswahl und Zuspitzung sollen Diskussionen eröffnen, nicht abschließen.

„Die Wüste Internet“ – oder: Eine Warnung vor der Überschätzung des Mediums

Dr. Wolf-Rüdiger Wagner, Oktober 1996


Computer und die Kultur, die sie umgibt

„Nicht die Computer als solche bereiten mir Kopfzerbrechen, es ist die Kultur, die sie umgibt.“ (S. 15)

„Manche Leute ohne Modem befürchten, daß ihnen ein bedeutender Teil des modernen Lebens entgeht. Doch nur wenige Aspekte des täglichen Lebens erfordern Computer, digitale Netze oder massive Verkabelung.“ (S. 26)

Steigerung der Effizienz?

„Ich habe etwa genausoviel Zeit damit verbracht, herauszufinden, was mit meinem Computer nicht stimmt, als ihn tatsächlich zu benutzen. Vor allem die Netz-Software muß häufig erneuert und instandgehalten werden, was einen immer wieder aus der Erledigung von Routinearbeiten herausreißt.“ (S. 53)

„Und die rasche Reaktionsfähigkeit von Computern und Netzen veranlaßt uns, immer wieder zu verschönern, was früher wahrscheinlich gut genug gewesen wäre. Da es so leicht ist, Dokumente zu layouten, überarbeiten wir sie halt noch mal.“ (S. 54)

Netze – das Nonplusultra der Demokratie?

„Jeder kann Botschaften ins Netz einspeisen. Praktisch jeder tut es auch. In der daraus entstehenden Kakophonie geht jede sinnvolle Diskussion unter. Netzdebaten zu kontroversen Themen werden oft durch extreme Ansichten polarisiert. Es ist eben ein großartiges Medium für Belanglosigkeiten und Hobbies, aber nicht der Ort für begründete, vernünftige Urteile.“ (S. 56)

Über die Qualität elektronischer Kommunikation

„Elektronische Kommunikation ist ein momenthafter und illusionärer Kontakt, der ein Gefühl von Intimität schafft, ohne die emotionalen Investitionen zu verlangen, die zu enger Freundschaft führen.“ (S. 45)

„Computernetze isolieren uns eher voneinander, als uns zusammenzubringen. Wir brauchen uns nur mit einem Teil des Individuums am anderen Ende der Leitung auseinanderzusetzen. Und wenn uns der nicht gefällt, ziehen wir den Stecker. Oder wir machen es fertig. Es besteht keine Notwendigkeit, die Unzulänglichkeit realer Menschen zu tolerieren. Es herrscht dieselbe Intoleranz wie auf der Autobahn, wo die Fahrer ihre Wut aneinander auslassen.“ (S. 94)

Renaissance des Lesens und Schreibens?

„Da sich die Netze auf das geschriebene Wort stützen, könnte man eine Renaissance des Lesens und Schreibens erwarten … Computer fördern Spezialkenntnisse wie die Anwendung von Programmen oder das Andocken an Netze auf Kosten grundlegender Fähigkeiten wie sinnvollen Satzbau, Gedankengliederung, Wortschatzentwicklung und das freie Spiel der Einbildungskraft.“ (S. 47 f.)

Über das Verschwinden von Logik im Hypertext

„Den Hypertext-Dokumenten fehlt die Einheitlichkeit. Eine Seite kann voller Informationen sein, eine andere wieder ein Vakuum. Die Befürworter sprechen von nichtlinearem Text – man liest kein kontinuierliches Schriftstück, sondern springt nach Belieben herum. So verschwinden Logik, Gliederung und Gedankengang des Verfassers. Was bleibt, sind zusammenhanglose Fakten.“ (S. 286)

Electronic Publishing und die Freiheit des Wortes

„In Wirklichkeit jedoch verliert sich das Wertvolle im Firlefanz der Millionen Nutzer, die Botschaften ins Netz schicken. Es gibt keine Hinweise auf die guten Sachen – man weiß nicht, welche Texte das Lesen lohnen. Man kann nach Themengebieten wählen, aber es gibt keine Möglichkeit, nur die interessanten Kommentare aufzurufen.“ (S. 65)

Der Computer als Zeitfresser

„Jede Stunde, die Sie vorm Bildschirm verbringen, sind sechzig Minuten, die Sie etwas anderes bleibenlassen.“ (S. 31)

„Wenn ich das nächste Mal eine Woche im Streckverband verbringen muß, werde ich im Usenet vorbeischauen. Was man mit dem Computer großartig kann, ist Zeit verplempern, von der man sonst nicht wüßte, wie man sie sich um die Ohren schlagen soll.“ (S. 81)

Der Geist arbeitet mit Ideen, nicht mit Informationen

„Keine Datenmenge, Bandbreite oder Verarbeitungskapazität kann inspirierte Gedankengänge ersetzen. Betäubt von Computern und Kommunikationstheorie haben wir uns zu der Vorstellung verleiten lassen, daß Erfahrung auf Bits und Bytes zurückgeführt werden kann. Diejenigen mit den meisten Informationen haben die größte Macht.

Es liegt auf der Hand, daß das falsch ist. Die große Datenhalde Internet verleiht weder Macht noch Wohlstand noch Scharfsinn.“ (S. 281)

„Der schwierige Teil meines Berufs besteht nicht darin, Texte zu formatieren oder Dinge ins Netz zu schicken. Ein schnellerer Computer wird es mir vielleicht erlauben, mehr Modelle zu entwickeln, mir aber letztlich nicht zu einem grundlegenderen Verständnis der Jupiteratmosphäre verhelfen. Nein, beim schwierigen Teil handelt es sich darum, die vorliegenden Daten zu begreifen, scharf über meine Beobachtungen nachzudenken und Schlußfolgerungen zu ziehen.“ (S. 158 f.)

Software füttert uns mit fremden Einsichten, statt uns dazu anzuhalten, unsere eigenen zu entwickeln

„Wenn wir nicht weiterwissen, lassen wir uns eher die Verfahren von anderen auftischen, statt unseren persönlichen Ansatz zur Problemlösung auszuarbeiten. Denn was ist schließlich ein Computerprogramm anderes als das Konstrukt eines anderen Geistes? Wenn Ihnen das genügt, gut, machen Sie ruhig weiter. Was mich betrifft, so beginnt für mich das wahre Lernen dort, wo ich meine eigenen Lösungsverfahren erfinde … die dann möglicherweise nicht in die vorfabrizierte Software hineinpassen.“ (S. 183)

„Ich will mich hier nicht zu einem Astronomieunterricht äußern, der es einem abnimmt, den Himmel anzuschauen. Sorgen bereitet mir freilich, daß diese Seminarteilnehmer die meiste Zeit damit verbringen, Softwarehilfen anstelle von grundlegenden Zusammenhängen zu erlernen. Wissenschaft hat mit unserer Umwelt zu tun, nicht mit der Beherrschung eines Computerprogramms.“ (S. 185)

Der Online-Forscher hat tausend blinde Flecken

„Ich habe den Verdacht, daß den meisten Lehrern der geringe Nutzen des einfachen Abrufs von Informationen aus dem Netz bewußt ist. Ebensogut könnte man in eine Bibliothek gehen und willkürlich Bücher aus den Regalen ziehen.“ (S. 188)

Multimedia – Lernen mit Schokoladenüberzug

„Lernprogramme ersetzen das geschriebene Wort durch Ton, Bewegung, Figuren und Text. David Gelernter, Professor für Computerwissenschaften in Yale, schreibt: ‚Indem sie unseren Kindern Bücher mit Schokoladenüberzug bieten, verderben die Multimedia-Systeme ihnen den Genuß ungezuckerter Lektüre. Sie lassen die gedruckte Seite noch langweiliger aussehen als früher schon.‘ Beunruhigt ist er auch über die Hypermedien, den letzten Schrei, Texte mit Bildern zu verknüpfen: ‚Ein Buch in Hypertext zu verwandeln ist die Einladung an den Leser, zu ignorieren, worum es geht – die Geschichte.‘“ (S. 210)

Wie interaktiv sind interaktive Medien?

„Interaktives Fernsehen eröffnet die Wahl zwischen vielen verschiedenen Ergebnisvarianten, die alle vorprogrammiert sind. Das Erlebnis ist ungefähr so interaktiv wie ein Zigarettenautomat.“ (S. 42)

„Lernende brauchen den persönlichen Kontakt mit den Lehrenden. Interaktive Videos und Fernübertragungen sind kein Ersatz für den Direktzugriff auf den Lehrer.“ (S. 178)

Am Rande der Netze beginnt der Ausverkauf von Schulen und Bibliotheken

„Um dieser fixen Idee die Ehre zu erweisen, geben Schulbehörden viel zuviel Geld für technischen Spielkram aus, den Lehrer nicht wollen und Schüler nicht brauchen. Unterdessen sind die Beschaffungsprogramme unserer Bibliotheken in einem beklagenswerten Zustand.“ (S. 27)

„Offen gesagt würde ich lieber eine Bibliothek voller Bücher und kompetentem Personal aufsuchen als eine mit Online-Katalogen, CD-ROMs, Terminals und wenigen Büchern. Daher habe ich Angst vor der Bücherei der Zukunft eines Minsky, Feigenbaum oder Lynch1. Wegen der hohen Kosten und aus Gründen des Urheberrechts und der langfristigen Archivierung wird es sie nicht geben. Aber schon der stürmische Versuch, dorthin zu gelangen, kostet uns barbarische Mengen an Geld für Elektronik, während für Bücher und Bibliothekare nur noch Krümel abfallen.“ (S. 270)


Quelle

Stoll, Clifford: Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn. Frankfurt am Main 1996. ISBN 3-10-075105-1.

Anmerkung zum historischen Dokument

1 Drei Vertreter und Wortführer einer Richtung der KI-Forschung, die von der prinzipiellen Überlegenheit des Computers über den Menschen ausgeht.


Anregungen zur kritischen Lektüre und Diskussion

Die Zitate ersetzen nicht die Lektüre des Buches, rufen aber sicherlich bei Ihnen Reaktionen hervor:

Das stimmt nur, wenn …

Das sehe ich ganz anders, weil …

Aufgrund meiner Erfahrungen kann ich sagen, daß …

Ihre Reaktionen sind eine gute Ausgangsbasis für die kritische Lektüre des Buches und für eine kontroverse Diskussion über Computer und Internet.

PS. Stoll arbeitet als Wissenschaftler in einem renommierten Institut für Astrophysik und gilt als Pionier des Internet!

Dr. Wolf-Rüdiger Wagner, 10/96


Von der historischen Warnung zur gegenwärtigen Medienbildung

Die historische Zusammenstellung bietet die Möglichkeit, einen Lernprozess zu eröffnen, der über die bloße Bewertung früherer Prognosen hinausgeht.

Zunächst können die Aussagen Stolls mit heutigen Erfahrungen verglichen werden. Wo erscheinen sie zutreffend? Wo widersprechen ihnen eigene Beobachtungen? Welche Entwicklungen waren 1996 noch nicht absehbar?

Darauf aufbauend können die gesellschaftlichen Bedingungen untersucht werden, unter denen sich digitale Medien entwickelt haben. Welche wirtschaftlichen Interessen haben ihre Gestaltung beeinflusst? Welche politischen Entscheidungen haben ihre Verbreitung ermöglicht? Welche Formen gesellschaftlicher Kontrolle und Mitbestimmung sind entstanden, welche fehlen?

Schließlich stellt sich die Frage nach möglichen Alternativen. Wie könnten digitale Technologien gestaltet und eingesetzt werden, wenn nicht vor allem Effizienzsteigerung, Marktanteile und kommerzielle Verwertung, sondern gesellschaftliche Verständigung, Erkenntnisgewinnung und demokratische Teilhabe im Mittelpunkt stünden?

Damit wird aus der Beschäftigung mit einem historischen Text ein offener Prozess der Medienbildung: wahrnehmen, irritieren lassen, Fragen entwickeln, Perspektiven vergleichen, Zusammenhänge erkennen, urteilen und Möglichkeiten eigenen Handelns erschließen.


Fazit: Nicht die Technik, sondern ihre gesellschaftliche Gestaltung steht zur Diskussion

Die entscheidende Frage hat sich seit 1996 kaum verändert: Nicht, was wir mit den neuen Medien alles machen können, sondern was sie mit unseren Möglichkeiten zu erkennen, zu urteilen und gesellschaftlich zu handeln machen – und wie wir diese Bedingungen selbst gestalten können.

Eine solche Perspektive vermeidet sowohl Technikbegeisterung als auch Technikpessimismus. Sie betrachtet digitale Medien weder als automatische Fortschrittsgaranten noch als zwangsläufige Bedrohung. Stattdessen fragt sie nach den gesellschaftlichen Bedingungen, Widersprüchen und Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Entwicklung.

Die Gegenüberstellung von 1996 und 2026 wird damit zu einem Beispiel für Medienbildung als Prozess der Entwicklung von Medienkompetenz und gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit.


Anmerkungen

1 Clifford Stoll veröffentlichte sein Buch im englischen Original 1995 unter dem Titel Silicon Snake Oil: Second Thoughts on the Information Highway. Die deutschsprachige Ausgabe erschien 1996. Die hier verwendete Zitatensammlung wurde von Wolf-Rüdiger Wagner im Oktober 1996 zusammengestellt. Sie ist als historisches Diskussionsmaterial zu lesen, nicht als systematische Darstellung aller Positionen Stolls.

2 Ein erweitertes Medienverständnis berücksichtigt technische, inhaltliche und gesellschaftlich-kommunikative Dimensionen. Vgl. Schmidt, Siegfried J. (2002), sowie den Beitrag „Der Medienbegriff als Kompaktbegriff“ (Arbeitspapier für den Orientierungsrahmen Medienbildung, 2015). Die technische Infrastruktur ist dabei ebenso zu berücksichtigen wie die institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen der Medienproduktion und -nutzung.

3 Zum Konzept des Medialitätsbewusstseins vgl. Wolf-Rüdiger Wagner, Bildungsziel Medialitätsbewusstsein (2013), sowie die medienphilosophischen Überlegungen von Sybille Krämer und Martin Seel. Entscheidend ist die Einsicht, dass Medien nicht nur bereits vorhandene Erkenntnisse übertragen, sondern an der Hervorbringung und Strukturierung von Wahrnehmung, Wissen und Bedeutung beteiligt sind. Siehe auch Medienbildung als Reflexion medialer Weltaneignung.


Literatur

Krämer, Sybille (1998): Das Medium als Spur und als Apparat. In: Dies. (Hrsg.): Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Frankfurt am Main, S. 73–94.

Schmidt, Siegfried J. (2002): Medien als Kompaktbegriff. Bezug auf die Unterscheidung medialer Dimensions- und Wirkungsbereiche, S. 27. Vollständige bibliographische Angabe im zugrunde liegenden Arbeitspapier nicht ausgewiesen.

Seel, Martin (1998): Medien der Realität und Realität der Medien. In: Krämer, Sybille (Hrsg.): Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Frankfurt am Main, S. 244–268.

Stoll, Clifford (1996): Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn. Frankfurt am Main.

Wagner, Wolf-Rüdiger (1996): „Die Wüste Internet“ – oder: Eine Warnung vor der Überschätzung des Mediums. Zitatensammlung und Diskussionsanregungen, Oktober 1996.

Wagner, Wolf-Rüdiger (2013): Bildungsziel Medialitätsbewusstsein. Einladung zum Perspektivwechsel in der Medienbildung. München.

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