Wer erklärt uns die Wirtschaft – und wer bestimmt den Deutungsrahmen?
Wirtschaftliche Macht, wissenschaftliche Autorität und die Herstellung ökonomischer Selbstverständlichkeiten
Wer erklärt uns eigentlich die Wirtschaft? In den Nachrichten, in politischen Debatten und in den Stellungnahmen wirtschaftswissenschaftlicher Experten begegnen uns immer wieder dieselben Begriffe: Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum, Produktivität, Standortkosten, Rendite, Staatsverschuldung und Finanzierbarkeit. Sie erscheinen als selbstverständliche Maßstäbe, nach denen wirtschaftliche Entwicklungen beurteilt und politische Entscheidungen begründet werden.
Doch wirtschaftliche Kennziffern erklären sich nicht selbst. Ihre Bedeutung entsteht innerhalb theoretischer Vorstellungen und gesellschaftlicher Interessenverhältnisse. Ob steigende Löhne vor allem als Kostenproblem oder als Voraussetzung gesellschaftlicher Nachfrage verstanden werden, ob Unternehmensgewinne als Maßstab wirtschaftlichen Erfolgs oder als Ausdruck gesellschaftlicher Verteilungsverhältnisse betrachtet werden, verändert bereits die Fragestellung.
Die Beiträge dieser Reihe untersuchen deshalb nicht nur, wer wirtschaftliche Entwicklungen erklärt, sondern auch, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen den Erklärungen zugrunde liegen und wie bestimmte Deutungen öffentliche Autorität gewinnen.
Ein gemeinsamer Deutungsrahmen – viele miteinander verbundene Akteure
Große Konzerne verfügen nicht nur über Kapital, Produktionsmittel und Investitionsentscheidungen. Sie besitzen auch erhebliche Möglichkeiten, ihre wirtschaftlichen Interessen öffentlich geltend zu machen. Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände, Lobbyorganisationen, Stiftungen und wirtschaftspolitische Initiativen bündeln diese Interessen, formulieren Forderungen und verbreiten Vorstellungen darüber, welche wirtschaftspolitischen Entscheidungen notwendig und vernünftig seien.
Universitäten, Wirtschaftsforschungsinstitute und wissenschaftliche Beratungsgremien verleihen wirtschaftlichen Erklärungen eine besondere Autorität. Sie liefern Analysen, Prognosen, Gutachten und politische Handlungsempfehlungen. Dabei vertreten sie unterschiedliche Positionen und verwenden unterschiedliche Methoden. Ihre Forschungsprofile erscheinen vielfältig. Die grundlegenden Eigentums- und Produktionsverhältnisse der kapitalistischen Wirtschaft werden jedoch überwiegend als gegebener gesellschaftlicher Rahmen vorausgesetzt.
Die Politik greift wissenschaftliche Expertisen und verbandliche Forderungen auf, übersetzt sie in Programme und Entscheidungen und bestimmt damit zugleich, welche wirtschaftlichen Fragen öffentlich besondere Aufmerksamkeit erhalten.
Die Medien schließlich vermitteln diese Deutungen, verbreiten sie und verstärken ihre gesellschaftliche Wirksamkeit. Wirtschaftsredaktionen greifen auf vertraute Experten, etablierte Institute und wiederkehrende wirtschaftspolitische Kategorien zurück. Dabei entstehen Kontroversen über unterschiedliche Maßnahmen, während die gemeinsamen theoretischen Voraussetzungen häufig außerhalb der Debatte bleiben.[1]
Diese Beziehungen verlaufen nicht einfach in einer Richtung – von den Konzernen über Verbände und Wissenschaft zur Politik und schließlich zu den Medien. Es handelt sich vielmehr um einen wechselseitigen Verstärkungszusammenhang. Wissenschaftliche Gutachten legitimieren politische Entscheidungen, politische Debatten beeinflussen mediale Themen, Medien verleihen Experten öffentliche Bedeutung, und wirtschaftliche Interessenvertreter können ihre Forderungen anschließend als wissenschaftlich begründete und öffentlich anerkannte Notwendigkeiten präsentieren.
Eine solche gegenseitige Bestätigung setzt keine vollständige Übereinstimmung voraus. Im Gegenteil: Unterschiedliche Positionen innerhalb eines gemeinsamen Deutungsrahmens können dessen gesellschaftliche Anerkennung gerade dadurch festigen, dass sie den Eindruck eines offenen wissenschaftlichen und politischen Meinungsspektrums erzeugen.
Aus der Perspektive der Kritik der politischen Ökonomie besteht die entscheidende Gemeinsamkeit darin, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen der kapitalistischen Produktion selbst gewöhnlich nicht zum Gegenstand der Auseinandersetzung werden.
Was innerhalb des Rahmens nicht gefragt wird
Über die Höhe von Löhnen, Steuern und Sozialleistungen wird gestritten. Über das Ausmaß staatlicher Investitionen und die Regulierung der Märkte bestehen erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Selbst grundlegende wirtschaftspolitische Gegensätze zwischen angebots- und nachfrageorientierten Ansätzen sind Teil dieser Debatten.
Doch die Fragen nach dem Eigentum an Produktionsmitteln, der gesellschaftlichen Verfügung über Investitionen, den Klassenverhältnissen und der Verwertung des Kapitals bleiben meist außerhalb der etablierten wirtschaftspolitischen Beratung.
Das bedeutet nicht, dass es keine anderen wissenschaftlichen Erklärungen gibt. Marxistische und politisch-ökonomische Forschung, postkeynesianische, feministische und sozial-ökologische Ansätze untersuchen wirtschaftliche Zusammenhänge aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie veröffentlichen Studien, analysieren Krisen und entwickeln gesellschaftliche Alternativen. Ihre institutionelle Stellung ist jedoch deutlich schwächer als die des etablierten wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams. Die Marginalisierung heterodoxer Wirtschaftswissenschaft ist selbst Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.[2]
Die alternativen Erklärungen sind also vorhanden. Sie besitzen nur nicht die gleiche öffentliche Reichweite und institutionelle Autorität.
Die Gewerkschaften: Interessenvertretung oder Gegenhegemonie?
In diesem Zusammenhang kommt den Gewerkschaften eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zu. Sie sind nicht einfach ein weiterer Interessenverband neben den Organisationen der Unternehmen. Sie organisieren Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, und vertreten deren Interessen gegenüber den Eigentümern und Verfügungsberechtigten des Kapitals.
Gewerkschaften können deshalb Erfahrungen gesellschaftlich sichtbar machen, die innerhalb der dominierenden wirtschaftspolitischen Perspektive häufig nur als Kostenfaktoren erscheinen: Arbeitsbelastung, Beschäftigungsunsicherheit, Rationalisierung, Lohnabhängigkeit und die Folgen unternehmerischer Investitionsentscheidungen.
Ihre gesellschaftliche Funktion erschöpft sich nicht im Aushandeln günstigerer Bedingungen innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung. Gewerkschaften besitzen auch das Potenzial, die gesellschaftlichen Voraussetzungen von Arbeit, Produktion und Verteilung grundsätzlich infrage zu stellen.
Genau hier liegt allerdings ein Widerspruch. Gewerkschaftliche Politik bewegt sich häufig selbst innerhalb der Kategorien von Wettbewerbsfähigkeit, Standortsicherung und Unternehmensrentabilität. Der Schutz von Beschäftigung erscheint dann zunehmend abhängig vom wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens und der Wettbewerbsposition des Standorts.
Diese Orientierung ist angesichts drohender Arbeitsplatzverluste verständlich. Sie kann aber dazu führen, dass unternehmerische Problemdefinitionen zum Ausgangspunkt gewerkschaftlicher Forderungen werden. Dann wird zwar über die Verteilung der Anpassungslasten gestritten, die Verfügungsmacht über Produktion, Investitionen und Beschäftigung bleibt jedoch weitgehend unangetastet.
Es wäre allerdings falsch, gewerkschaftliche Positionen pauschal mit denen der Unternehmensverbände gleichzusetzen. Gewerkschaften kritisieren Managemententscheidungen, unzureichende Investitionen, Sozialabbau und die Umverteilung wirtschaftlicher Risiken auf Beschäftigte. Sie entwickeln zudem eigene wirtschaftspolitische Analysen und verfügen mit gewerkschaftsnahen Forschungseinrichtungen über wichtige wissenschaftliche Ressourcen.[3]
Der entscheidende Punkt bleibt dennoch: Solange Gewerkschaften den vorherrschenden wirtschaftspolitischen Deutungsrahmen grundsätzlich übernehmen, schwächen sie ihre Möglichkeiten, eine eigenständige gesellschaftliche Gegenperspektive zu entwickeln.
Damit fehlt eine der wichtigsten möglichen gesellschaftlichen Kräfte für die Herausbildung einer Gegenhegemonie – nicht weil Gewerkschaften bedeutungslos wären, sondern weil ihre organisatorische Stärke und die Erfahrungen ihrer Mitglieder nicht vollständig in eine eigenständige Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse übersetzt werden.
Gegenhegemonie im Sinne Antonio Gramscis bedeutet mehr als den Widerspruch gegen einzelne politische Entscheidungen. Sie setzt die Entwicklung eigener Erklärungen gesellschaftlicher Verhältnisse, eigener Formen öffentlicher Verständigung und einer kollektiven Vorstellung gesellschaftlicher Veränderbarkeit voraus.
Gewerkschaften könnten dafür eine zentrale Rolle spielen: durch die Verbindung alltäglicher Arbeitserfahrungen mit wissenschaftlicher Kritik, durch politische Bildung, durch die Demokratisierung wirtschaftlicher Entscheidungen und durch die Entwicklung gesellschaftlicher Alternativen, die über die Sicherung einzelner Unternehmensstandorte hinausreichen.
Wirtschaft verstehen heißt, ihren gesellschaftlichen Rahmen sichtbar zu machen
Die bisherigen Beiträge der Lernwerkstatt untersuchen unterschiedliche Seiten dieses Zusammenhangs: die Dominanz wirtschaftspolitischer Deutungsmuster, die institutionelle Stellung von Forschung und Politikberatung, den Einfluss unternehmensnaher Organisationen, die Routinen des Wirtschaftsjournalismus und die Marginalisierung alternativer ökonomischer Erklärungen.
Gemeinsam verweisen sie auf eine weiterführende Aufgabe historisch-politischer und ökonomischer Bildung. Es genügt nicht, wirtschaftliche Kennzahlen richtig lesen oder verschiedene wirtschaftspolitische Positionen unterscheiden zu können. Notwendig ist auch die Fähigkeit zu erkennen, welche gesellschaftlichen Interessen, Eigentumsverhältnisse und Machtstrukturen in wirtschaftlichen Erklärungen sichtbar werden – und welche unsichtbar bleiben.
Wirtschaft ist kein Naturgesetz. Ihre Strukturen sind historisch entstanden, gesellschaftlich organisiert und politisch umkämpft.
Die Frage, wer uns die Wirtschaft erklärt, ist deshalb immer auch die Frage, wer über die Deutung gesellschaftlicher Wirklichkeit verfügt – und wer die Fähigkeit entwickelt, ihr eine andere Erklärung und eine andere gesellschaftliche Perspektive entgegenzusetzen.
Anmerkungen
[1]
Otto, Kim; Teschendorf, Victoria Sophie; Kowalczyk, Peter; Möller, Vanessa; Kruß, Marwin (2020): Wirtschaftspolitische Paradigmen als Deutungsmuster im öffentlichen Diskurs über Arbeitsmarktpolitik. Hans-Böckler-Stiftung. Die Untersuchung weist für 1997–2017 die Dominanz neoklassischer Deutungsmuster in den untersuchten öffentlichen Agenden nach und untersucht die wechselseitigen Beziehungen zwischen Medien, Parlament und Regierung. Vgl. insbesondere Zusammenfassung S. 4–5 und Kapitel 6.3, S. 287–290.
[2]
Heise, Arne; Thieme, Sebastian (2015): Zur De-Pluralisierung der Wirtschaftswissenschaft nach 1970: Explorationen in einem wissenschaftlichen Macht- und Kampffeld. In: Schmollers Jahrbuch, 135(2), S. 155–187. Die Autoren untersuchen die historische Marginalisierung heterodoxer Ansätze in Deutschland. Eine ausführlichere Darstellung findet sich bei Heise, Arne; Sander, Henrike; Thieme, Sebastian (2017): Das Ende der Heterodoxie? Die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland. Wiesbaden: Springer VS.
Originalaufsatz von Heise/Thieme (Open Access) · Buchausgabe Heise/Sander/Thieme · ↩ Zurück
[3]
Die Spannung zwischen Standortsicherung und eigenständiger gewerkschaftlicher Wirtschaftskritik lässt sich an aktuellen Stellungnahmen nachvollziehen. Die IG Metall forderte im März 2025 ein Investitionsprogramm zur Sicherung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit Europas. Demgegenüber wandte sich der DGB im Februar 2026 ausdrücklich gegen die Erklärung wirtschaftlicher Probleme durch zu hohe Arbeitskosten oder einen überbordenden Sozialstaat und verwies auf Managementfehler, Investitionsdefizite und Verteilungsfragen. Diese Positionen zeigen unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb gewerkschaftlicher Wirtschaftspolitik.
IG Metall: Investitions-Sofortprogramm, März 2025 (PDF) · DGB: Gerechtigkeit statt Spaltung, Februar 2026 · ↩ Zurück
Literatur zur theoretischen Vertiefung
Gramsci, Antonio (1991–2002): Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Hamburg: Argument.
Marx, Karl (1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. MEW 23. Berlin: Dietz.
Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen: Steidl.
Vertiefende Beiträge der Lernwerkstatt Film und Geschichte
Wer bestimmt, was als wirtschaftlich vernünftig gilt? – zur langfristigen Dominanz wirtschaftspolitischer Deutungsmuster.
Wer erklärt uns die Wirtschaft? – drei empirische Studien und sechs Erkenntnisse über die Wirtschaftsberichterstattung.
Wenn sich Wirtschaftsredaktionen und Experten gegenseitig bestätigen – zu den Mechanismen gegenseitiger Bestätigung wirtschaftlicher Problemdefinitionen.
Kleine Nachhilfestunde für Wirtschaftsredakteure – warum betriebswirtschaftliche Kennzahlen keine gesamtgesellschaftlichen Erklärungen liefern.
Wer erklärt die Wirtschaft anders – und wird dennoch kaum gehört? – zur wissenschaftlichen und öffentlichen Stellung alternativer ökonomischer Ansätze.
Ökonomische Kompetenz im Zeitalter finanzialisierter Öffentlichkeit – zur Verbindung ökonomischer Urteilsfähigkeit mit Medienkritik.