Wenn Fragen die Antworten rahmen
Ein Lernweg zur Analyse von Umfragen, Framing und journalistischer Berichterstattung am Beispiel des ARD-DeutschlandTrends zum Sozialstaat
Der Lernweg bietet Lehrkräften einen Vorschlag, mit Schülerinnen und Schülern nicht nur die Ergebnisse einer politischen Umfrage, sondern deren Herstellung und mediale Weiterverarbeitung zu untersuchen. Am Beispiel des ARD-DeutschlandTrends zum Sozialstaat wird schrittweise danach gefragt, was erhoben wird, welche Voraussetzungen bereits in Fragestellungen und Antwortmöglichkeiten enthalten sind, welche Alternativen unsichtbar bleiben und wie aus den erhobenen Daten schließlich eine journalistische Erzählung entsteht. Die Arbeitsblätter können als zusammenhängender Lernweg oder – je nach Unterrichtszusammenhang und Lerngruppe – einzeln eingesetzt werden.
Didaktischer Vorschlag für Lehrkräfte
Der Lernweg folgt bewusst nicht dem üblichen Weg, von veröffentlichten Prozentzahlen unmittelbar zu deren politischer Interpretation überzugehen. Er kehrt die Perspektive um: Ausgangspunkt sind die Fragen selbst. Die Schülerinnen und Schüler untersuchen zunächst, welchen Gegenstand eine Frage überhaupt erzeugt, welche Annahmen sie enthält und welchen Raum sie für mögliche Antworten öffnet oder begrenzt.
Erst danach werden die Ergebnisse und schließlich deren journalistische Verarbeitung einbezogen. Dadurch lässt sich der Weg von der Fragestellung über die erhobenen Antworten bis zur medialen Deutung nachvollziehen:
Die einzelnen Arbeitsblätter geben dabei möglichst wenig von der späteren Analyse vor. Begriffe wie Gerechtigkeitsproblem, Kommunikationsproblem oder Framing sollen nicht am Anfang als fertige Erklärung angeboten werden. Die Lernenden sollen solche Zusammenhänge zunächst am Material entdecken, Unterschiede formulieren und eigene Begriffe entwickeln. Erst anschließend können ihre Beobachtungen mit analytischen Konzepten verbunden werden.
Besonders wichtig ist deshalb die Offenheit der Arbeitsaufträge. So wird beispielsweise nicht vorgegeben, worin sich zwei unterschiedliche Gerechtigkeitsfragen unterscheiden. Gefragt wird zunächst lediglich: „Bei Frage A setzt die Gerechtigkeitsfrage ein bei …“ und „Bei Frage B setzt die Gerechtigkeitsfrage ein bei …“. Der Unterschied soll aus der Untersuchung hervorgehen und nicht schon in der Aufgabenstellung stecken.
Die acht Arbeitsblätter und die abschließende Redaktionsaufgabe können vollständig nacheinander bearbeitet werden. Sie lassen sich aber ebenso als Materialpool nutzen. Für eine kürzere Unterrichtssequenz können einzelne Analyseschritte ausgewählt oder arbeitsteilig an Gruppen vergeben werden.
Der Lernweg zielt damit nicht darauf, den Schülerinnen und Schülern zu sagen, wie sie den Sozialstaat oder die Ergebnisse des DeutschlandTrends politisch beurteilen sollen. Er soll sie vielmehr dazu befähigen, eine vorgelagerte Frage zu stellen:
Damit wird die Umfrage selbst zum Gegenstand politischer Medienbildung.
Der Lernweg verbindet mehrere Dimensionen von Gesellschaftskompetenz. Im Zentrum stehen Medien- und Kommunikationskompetenz: Die Schülerinnen und Schüler untersuchen, wie Fragen Wirklichkeit strukturieren, Antwortmöglichkeiten begrenzen und Ergebnisse medial gedeutet werden.
Politische Kompetenz kommt ins Spiel, wenn nach Entscheidungen, Interessen und gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten gefragt wird; ökonomische Kompetenz, wenn Finanzierung und Struktur der sozialen Sicherungssysteme untersucht werden. Damit unmittelbar verbunden ist die Gerechtigkeitskompetenz: Wer trägt welche Lasten, wer verfügt über welche Ressourcen – und auf welcher Ebene wird überhaupt über Gerechtigkeit gesprochen?
Entscheidend ist, dass diese Dimensionen nicht nebeneinanderstehen. Gerade ihr Zusammenhang wird zum Gegenstand des Lernens: Eine scheinbar einfache Umfrage zum Sozialstaat führt von Sprache und medialer Darstellung über politische Entscheidungen und ökonomische Strukturen zu Fragen gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Gesellschaftskompetenz zeigt sich deshalb nicht darin, zu jeder Dimension eine Antwort zu kennen, sondern darin, Zusammenhänge herstellen, unterschiedliche Deutungen prüfen und daraus neue Fragen an die gesellschaftliche Wirklichkeit entwickeln zu können.
Interaktive Arbeitsblätter
Die folgenden Arbeitsblätter bauen aufeinander auf. Die einzelnen Schritte können jedoch auch unabhängig voneinander eingesetzt werden. Die Eingabefelder lassen sich direkt im Browser bearbeiten. Jedes Arbeitsblatt kann anschließend einzeln ausgedruckt oder zurückgesetzt werden.
Wer den gesamten Lernweg bearbeitet, sollte mit Arbeitsblatt 1 beginnen. Spätere Arbeitsblätter führen zusätzliche Analyseperspektiven ein, die bei der ersten Begegnung mit dem Material bewusst noch nicht vorgegeben werden.