Verkleinerungen: Der bestrafte Blick in den Spiegel
TRÄUM NICHT, ANNETTE! (DEFA, 1949)
Bettina Greffrath (1993)
Als ein anderer – psychologisch besonders interessanter – Versuch, durch Phantasien die Erdenschwere der aktuellen Existenz abzuschütteln, erwies sich auch ein DEFA-Spielfilm: TRÄUM NICHT, ANNETTE (Urauff.: 4.2.1949; Regie: Eberhard Klagemann). Den Inhalt des Films fand ich in der zeitgenössischen Besprechung von Edith Hamann folgendermaßen zusammengefasst:
„Die Story von Annette hat den Vorzug, sich in zwei Sätzen erzählen zu lassen: Ein sehr nettes Mädchen wird von drei sehr netten Männern geliebt und kann sich nicht entscheiden. Zweimal träumt sie, wie ihre Ehe mit dem einen und dem anderen wird, bis der dritte Traum endlich die wahre Liebe fixiert und damit zur Entscheidung drängt.“[1]
Auf der Haupthandlungsebene schwebt dieser Film bereits zeitlich und örtlich im luftleeren Raum. Verstärkt wird diese Tendenz durch die zentrale Bedeutung der zweiten Handlungsebene: Die „Träume“ bewegen sich gleichermaßen in von der Nachkriegsrealität abgetrennten Milieus. Demgegenüber fragte sich die schon zitierte Edith Hamann:
„Ob der Einfall sehr glücklich war, diesen 1944 bereits einmal gedrehten, wenn auch nicht erschienenen Film zu ‚überspielen‘ und 1949 als Novität herauszubringen, sei dahingestellt. Seine Idee ist nicht bedeutungsvoller und nicht ausgiebiger geworden.“[2]
Andere Kritiker verweisen noch deutlicher auf die besondere Produktionsgeschichte dieses Films:
„Es ist ein alter Terra-Film ‚Sag endlich Ja‘, Regie: Helmut Weiß. Er wurde 1944/45 in der großen Mittelhalle der Ufa-Stadt Babelsberg gedreht.“[3]
Nicht ohne ironischen Unterton und Schadenfreude sieht mancher die DEFA mit diesem Film dann auch „auf kapitalistischer Spurbreite“. In einer Premierenbesprechung heißt es über TRÄUM’ NICHT ANNETTE sarkastisch:
„Junges Mädchen liebt drei Männer. Dass sie am Ende nicht dem Legationsrat oder Ingenieur, sondern dem mittellosen Pianisten in die Arme sinkt, ist gottlob das (ein-, B. G.) zige Moment dieses Films, das man pädagogisch oder sozialkritisch auslegen könnte. Auch die Backfischträume werden trotz ihrer kapitalistischen Verblendung mit freundlicher Toleranz bedacht.“[4]
Die Kritik erfasst die moralisierende Tendenz des Films m. E. zutreffend. Die Analyse des Films[5] zeigte, dass diese Moral zwar präsent und bedeutsam ist, weil sie den Handlungsausgang bestimmt. Die lustvoll inszenierten narzisstisch-strukturierten Phantasien der ersten beiden Träume Annettes vermag sie indes nicht zu überdecken. Der Film beschwört diese Moral eher verbal, als dass er von ihr durch die Attraktivität und die Wertung der handelnden Personen überzeugt. Zu glitzernd sind insbesondere die ersten beiden Träume Annettes, als dass die kleinen Makel den heiter-identifizierenden Genuss trüben könnten.
Die erste Traumphantasie Annettes (Jenny Jugo) zeigt das Leben als schwerelosen Walzer: Zu sehen ist die Hochzeit Annettes mit dem moralisch etwas leichtfertig gezeichneten Klaus (Karl Schönböck) in einer glanzvollen höheren (Adels-)Gesellschaft. Diese wird gestört durch die „Gesetze der alten Welt“ – Annette erwacht durch einen Pistolenschuss, der in einem Duell abgefeuert wird, das „ihr Ehemann“ Klaus durch die rücksichtslose Brüskierung eines „Bourbonen“ provoziert hat.
Die zweite Traumsequenz beschreibt das Leben Annettes mit ihrem zweiten Verehrer. Theo (Helmut Rudolph), ernsthaft und tüchtig, aber von seiner Mutter abhängig und krankhaft eifersüchtig, erscheint als Gegenstück zu Klaus. Auch diese Ehe wird im Traum gestört: Hans, der dritte Verehrer, kritisiert nüchtern die naiv-romantische Bewunderung Annettes für die (welt-)zerstörenden Erfindungen Theos. Mit Annettes Feststellung ihm gegenüber: „Bist auch kein bisschen romantisch“, und Hans’ Erwiderung: „Gott sei dank, nein.“, endet der Traum.
Im dritten Traum schließlich offenbart sich das Begehren nach narzisstischer Erhöhung, das zuvor in der phantasierten Aufwertung durch die gesellschaftlich und beruflich außergewöhnlich hochstehenden Männer erfolgte, noch direkter. Gezeigt wird Annette in der Ehe mit beiden Männern (sie teilen sich die Ehefrau tageweise), wie sie vom Volk bejubelt wird. Klaus sagt: „Dich wollen die Leute sehen.“ Annette tritt daraufhin auf den Balkon vor die Menge und sagt: „Ist es nicht herrlich, geliebt zu werden?“
Hier wird im Bild eine Sehnsucht nach Bestätigung und Aufwertung erfüllt, die jedoch im weiteren Verlauf der Handlung in eine Erniedrigung und Bestrafung Annettes umschlägt. Im vierten und letzten Traum ist Annette auf dem Weg zur Klavierstunde beim strengen und übermächtigen Lehrer Hans (Max Eckardt). Annette wird in dieser Sequenz sogar physisch ganz klein, als es heißt, der Lehrer warte schon fünf Minuten. Als ein Diener sie empört fragt, ob sie so – in kostbarer Abendgarderobe noch ganz „grande dame“ – zur Klavierstunde wolle, trägt Annette im Film plötzlich ein braves Schulmädchendress. Dann hockt sie klein und kläglich neben dem auf einem überhohen Hocker sitzenden Hans am Klavier. Der gebärdet sich streng und schlägt mit dem Stock auf ihre Finger.
Dann verkehrt sich in diesem Traum die Situation nochmals: Es wird ein grundlegendes Problem von Hans offenbar – man verweigert ihm die gesellschaftliche Anerkennung als großer Pianist. Deshalb will Hans, dass Annette auf seinem nächsten Konzert singt, um es zu einem Erfolg werden zu lassen. Als sich Annette zunächst verweigert, verkehrt sich – wiederum durch optisches Größer- und Kleinerwerden der Figuren – das Überlegenheitsverhältnis. Annette spielt plötzlich gut Klavier, Hans schrumpft durch einen Filmtrick im Wortsinne in sich zusammen.
Das anschließend gezeigte Konzert ist zu Beginn eine Selbstinszenierung, diesmal von Hans. Zu sehen ist er am Klavier im Zentrum eines revuefilmartigen Bühnenaufbaus: wie die Ringe in einer Muschel führen runde Treppen zu diesem Zentrumspodest hinauf. Doch Hans’ Klavierspiel (in Klischeebildern, mit heftigen Bewegungen und fliegenden Haaren gezeigt), seine ernsthaften Etüden langweilen das Publikum. Viele Zuschauer gähnen, einige verlassen sogar den Saal. Hans’ Demütigung wird durch den aufbrandenden Applaus bei Annettes Auftritt, durch die Rückkehr und die Begeisterung des Publikums noch erhöht. Dabei gelten die von Annette gesungenen Verse, ihre Hingebung einzig dem erfolglosen Hans:
„(Annette singt mit einer Stimme, die in ihrem Klang zwischen Operntimbre und Zarah-Leander-Anklängen wechselt:)
‚Das ist der schönste Tag meines Lebens,
an dem ich schwören kann,
dass Dir mein Herz gehört.‘
(Während dieser Zeilen kehrt das Publikum in den Saal zurück.)“[6]
Theo macht deshalb mit einer seiner Apparaturen Annettes Traum ein Ende: Bei der Zeile „Bei dir ist es immer so schön“ ist plötzlich kein Ton mehr zu hören.
Unvermittelt geht der Film nun von diesem Traum in ein Happy-End über: Nachdem Annette aufgewacht ist, fragt sie sogleich nach Hans, erfährt, dass er gerade abreist. Sie hastet auf den Bahnsteig, auf dem Theo und Klaus dem glücklich vereinten Paar nachschauen.
Was ist passiert? War es die Macht der Liebe? Oder werden die beiden Seiten einer Medaille vorgeführt, die sowohl vor als auch nach Kriegsende die psychologische Situation, die Wunsch- wie auch Alpträume vieler Deutscher ausmachte?
Angesichts der ungewöhnlichen Produktionsgeschichte ist bei weitgehenden Deutungen Vorsicht geboten. Immerhin ist auch die Darstellerin der Annette, Jenny Jugo, eine Figur des Spiels, des Changierens, des kreischenden Unernstes.
Interessant ist in diesem Zusammenhang aber die zeitgenössische Kritik an der Verformung dieses Typus in diesem DEFA-Spielfilm:
„Es ist ein Jenny-J u g o-Film, und dennoch keiner, denn wenn sie auch diese Annette mit der besonderen Anmut ihres Wesens ausstattet, so gibt ihr die Rolle kaum eine andere Möglichkeit, als immer wieder – wenn auch auf liebenswürdige und reizend hilflose Art – unentschlossen zu sein. Das aber, was wir an ihr lieben, ist grade ihr Entschlossenheit – mochte sie durch ein rasantes Mundwerk und die behendeste Ungeschicklichkeit die Tücken der Sub- und Objekte besiegen oder als Schwester Buster Keatons mit zwerchfellerschütternder Sachlichkeit die Melancholie der wahren Komik erläutern.“[7]
„Liebenswürdig“, „reizend hilflos“ und „unentschlossen“ – sehen wir hier Persönlichkeitseigenschaften im Zerrspiegel des Selbstgefühls einer in Kriegs- wie Nachkriegssituation gleichermaßen im Selbstgefühl gekränkten und/oder apathischen Generation? Wurde diese Jenny Jugo, die Figur der Annette in diesem DEFA-Spielfilm, zu einer Projektionsfläche für eigene psychologische Notlagen und moralische Reorientierungen?
Die zeitgenössische Publikumsreaktion auf TRÄUM’ NICHT ANNETTE fand sich in einer der zeitgenössischen Kritiken sehr schlicht eingeschätzt:
„Das Publikum freut sich von Herzen, ‚man kann so schön seine Sorgen vergessen‘.“[8]
In TRÄUM NICHT ANNETTE leben sich – so zeigte sich in einer Analyse der zentralen, auch bildlichen Motive des Films – Phantasien aus. Sie sind jedoch weniger eskapistischer Natur, sondern kreisen um das narzisstisch gekränkte und zugleich bedrohte Selbst der Protagonistin. Die egozentrische Selbsterhöhung, die sich diese Figur in ihren Träumen leistet und die in der Realhandlung des Films ihren Kern in der Verehrung dreier Männer hat, wird belohnt und bestraft zugleich. Annette wählt schließlich den erfolglosesten, wenn auch begabtesten unter den dreien, der mit seiner rüden Art, mit ihr umzugehen, am wenigsten die Aussicht auf eine den Größenphantasien entsprechende gesellschaftlich und materiell gehobene Zukunft eröffnet.
Der Traum, Ort der Phantasien, der Verarbeitung wie der Transzendenz der erlebten Wirklichkeit, hat in diesem Film eine besondere Qualität: Annettes Träume sind narzisstische und masochistische Phantasien, sind Wunschträume vom Geliebtwerden und Begehren nach Strafen und strengen Regeln.
Anmerkungen
[1] DIF, ohne genaue Quellenangabe, vermutlich Zs. Der neue Film.
[2] Ebd.
[3] Der Abend, Berlin, 8.2.1949. Der Kritiker berichtet unter der Überschrift „Der Wechselbalg Annette“ über die Produktionsgeschichte dieses DEFA-Spielfilms weiter: „Vor zwei Jahren luden die Produktionsleiter Klagemann und Leistenschneider Helmut Weiß zu einer Besprechung ein. Sie sahen sich mit ihm den Film an und überlegten sich dann, wie sie mit einem dramaturgischen Dreh die nicht eben originelle Handlung der fertigen Szenen zu einem ganzen Film gestalten könnten. Da Helmut Weiß es ablehnte, versuchte es Eberhard Klagemann, unterstützt von seiner Gattin. Er drehte knapp ein Viertel des Filmes neu. Man kann nicht sagen, dass er dadurch bedeutend origineller geworden sei. Der Film ist immer noch der Terra-Film ‚Sag endlich Ja‘. Das Babylon wartet nun auf den Ufa-Film ‚Kolberg‘, Regie Veit Harlan, umgeändert zu einem neuen DEFA-Film, vielleicht unter dem Titel ‚Das Mädchen Kristina‘.“
[4] Ztg. Der Abend vom 5.2.1949.
[5] Diese musste allerdings auf der Grundlage eines eigenen Filmprotokolls nach einer einmaligen Leinwandsichtung des Films im Staatlichen Filmarchiv der DDR erfolgen. Alle Beschreibungen und unausgewiesenen Zitate im Folgenden nach diesem Protokoll.
[6] Eigenes Filmprotokoll, s. Anm. 5.
[7] Hamann: Träum’ nicht Annette, a. a. O., Sperrung wie im Original.
[8] „Träume dich glücklich: ‚Träume nicht, Annette‘ im Babylon.“ Der Abend, 5.2.1949.
Auszug aus: Bettina Greffrath: Verzweifelte Blicke, ratlose Suche, erstarrte Gefühle, Bewegungen im Kreis. Spielfilme als Quellen für kollektive Selbst- und Gesellschaftsbilder in Deutschland 1945-1949. Diss. Universität Hannover 1993, S. 427 und S. 459-464
[Orthographie aktualisiert und Anmerkungen an die Online-Veröffentlichung angepasst. D.E.]