Lernen aus dem Krieg?

Zwischenruf zum Jahresbeginn 2026

Detlef Endeward (01/2026)

Die Frage „Lernen aus dem Krieg?“ – gemeint sind die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts – wirkt auf den ersten Blick selbstverständlich, ja beinahe banal. Und doch ist sie alles andere als harmlos. Denn wer sie ernsthaft stellt, kommt nicht umhin, weiterzugehen: Wie kam es zu diesen Kriegen? Welche politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Interessen standen hinter ihnen? Und warum scheinen sich bestimmte Muster mit erschreckender Regelmäßigkeit zu wiederholen? Spätestens an diesem Punkt berührt man eine Frage, die bis heute wenig beliebt ist: den Zusammenhang von Imperialismus, Krieg und Kapitalismus.

Die militärischen „Eliten“ haben durchaus aus den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts gelernt – allerdings nicht in dem Sinne, den eine emanzipatorische oder friedenspolitische Perspektive meinen könnte. Die militärische und ab 1933 auch die ökonomische und politische „Elite“ des Deutschen Reiches zog aus dem verlorenen Ersten Weltkrieg nicht die Lehre, Krieg grundsätzlich zu vermeiden, sondern bereitete den nächsten vor. Auch dieser wurde verloren, mit verheerenden Folgen für Europa und die Welt. Nach 1945 folgte keine grundlegende Abkehr von militärischem Denken, sondern zunächst ein taktischer Rückzug: Kopf einziehen, Verantwortung externalisieren, Kontinuitäten verschleiern. Nicht wenige hochrangige Militärs aus der Zeit des Faschismus boten ihre Expertise bereitwillig den Siegermächten an und wirkten später – mit zeitlicher Verzögerung – an der Remilitarisierung und Neuformierung militärischer Strukturen mit.

Diese Kontinuitäten sind keine historischen Zufälle. Sie verweisen auf tief verankerte Denkweisen, Interessen und Machtstrukturen, deren „gedankliche Enkel“ heute erneut auf der politischen Bühne stehen. In den Tagen nach der ausgerufenen „Zeitenwende“ zeigte sich, wie schnell militärische Eskalation wieder als alternativlos dargestellt wird. Die Bereitschaft, einen möglichen dritten – und angesichts moderner Waffensysteme womöglich letzten – großen Krieg zumindest in Kauf zu nehmen, wird nicht als Wahnsinn gebrandmarkt, sondern als Realismus verkauft.

Vor diesem Hintergrund wirkt ein Buch wie das 1992 erschienene „Lernen aus dem Krieg“ (*) wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Ein Werk, das explizit danach fragt, welche Ansätze es zu einer Friedenspolitik gegeben hat, wie rüstungs- und kriegspolitische Mentalitäten überwunden werden könnten und welche gesellschaftlichen Kräfte dem entgegenstanden, wäre heute bei einem großen Verlag kaum noch vorstellbar. Der Diskurs hat sich verengt. Friedenspolitische Überlegungen gelten rasch als naiv, gefährlich oder verantwortungslos. Wer sie dennoch äußert, wird abfällig als „Lumpenpazifist“ etikettiert.

Dabei ist gerade diese Perspektive notwendig. Lernen aus dem Krieg darf nicht auf taktische oder technologische Fragen reduziert werden – auf bessere Waffen, effizientere Armeen oder „abschreckendere“ Strategien. Wirkliches Lernen müsste bedeuten, die strukturellen Ursachen von Krieg zu analysieren: Macht- und Herrschaftsverhältnisse, ökonomische Interessen, imperiale Ambitionen und die ideologischen Narrative, die Gewalt legitimieren. Es müsste bedeuten, Alternativen nicht nur rhetorisch zu beschwören, sondern politisch ernsthaft zu verfolgen.

Dass solche Fragen heute zunehmend aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt werden, ist selbst Teil des Problems. Wer aus dem Krieg lernen will, muss bereit sein, unbequeme Fragen zu stellen – auch und gerade dann, wenn sie den vermeintlichen Konsens infrage stellen. Andernfalls bleibt „Lernen aus dem Krieg“ nichts weiter als die Vorbereitung auf den nächsten.


(*) Lernen aus dem Krieg? Deutsche Nachkriegszeiten 1918/1945. Hrsg. von Gottfried Niedhart/Dieter Riesenberger. Beck’sche Reihe München 1992

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …