Die Filmwirtschaft der Weimarer Republik – Produktion, Verleih und Kinobetrieb

Die Filmwirtschaft der Weimarer Republik – Produktion, Verleih und Kinobetrieb

Die Filmwirtschaft der Weimarer Republik war ein arbeitsteiliges Wirtschaftssystem. Sie umfasste die Herstellung von Spiel-, Lehr-, Werbe- und Kulturfilmen, deren Verleih sowie ein dichtes Netz von Lichtspieltheatern. Ihre Entwicklung war durch Expansion, internationale Konkurrenz, Konzentration wirtschaftlicher Macht und schließlich durch den Tonfilmumbruch und die Weltwirtschaftskrise geprägt.

Editorische Bemerkung

Dieser Beitrag ist keine systematische statistische Untersuchung der Filmwirtschaft der Weimarer Republik. Er führt ausgewählte, öffentlich zugängliche historische Statistiken und wirtschaftsgeschichtliche Angaben zusammen und untersucht sie anhand einzelner Fragestellungen. Die Erhebungen unterscheiden sich zum Teil in Kategorien, Bezugsräumen und Zeiträumen; wo dies für die Interpretation wichtig ist, wird es kenntlich gemacht. Dennoch lassen die verfügbaren Zahlen begründete Aussagen über Umfang, Struktur und Entwicklung der Filmwirtschaft zu. Sie zeigen Größenordnungen, Veränderungen der Produktion und des Filmangebots, Beschäftigungsstrukturen sowie die Entwicklung von Kinobesuchen und Einnahmen.


Produktion: Umfang, Vielfalt und wirtschaftliche Konzentration

Die Gesamtzahl deutscher Filme nahm bis 1928 deutlich zu. Das Wachstum beruhte jedoch vor allem auf Lehr-, Werbe- und Kulturfilmen. Die Langspielfilmproduktion entwickelte sich anders. Die Unterscheidung ist notwendig, weil die Zahl der Filmtitel weder den Produktionsaufwand noch den wirtschaftlichen Wert unmittelbar ausdrückt.1

JahrFilme insgesamtLehr-, Werbe-, KulturfilmeLange SpielfilmeKurze Spielfilme
192380846125394
1924116088922051
19251481125321216
1926161914301854
1927219219472423
1928260223702248
1929233521471835

Quelle: Historische Produktionsstatistik, wiedergegeben in Weimarer Republik (1977), S. 464.

Deutsche Filmproduktion 1923–192929402205147073501923192419251926192719281929■ Alle deutschen Filme■ Lehr-, Werbe-, Kulturfilme■ Lange Spielfilme
Anzahl der Filmtitel; die drei Reihen haben unterschiedliche Größenordnungen.

Die Herstellung war auf viele Unternehmen verteilt. Große Konzerne wie die Ufa verfügten zugleich über eigene Ateliers, Verleihstrukturen und Filmtheater. Kleinere Produzenten waren häufig auf fremde Einrichtungen und den Zugang zu Verleihnetzen angewiesen. Die Konzentration wirtschaftlicher Verfügungsmacht ist deshalb nicht mit der bloßen Zahl selbstständiger Produktionsfirmen gleichzusetzen.2


Filmverleih: Marktorganisation und internationale Konkurrenz

Erst durch Verleih und Aufführung konnte ein fertiggestellter Film Einnahmen erzielen. Der Verleih organisierte Kopien, Verträge, Werbung und die zeitlich-räumliche Auswertung. Er war damit eine Schlüsselstelle der wirtschaftlichen Machtverteilung. Die historische Angebotsstatistik zeigt zudem, dass der deutsche Filmmarkt in erheblichem Umfang von ausländischen Produktionen geprägt war.3

JahrDeutsche lange SpielfilmeAusländische lange SpielfilmeZusammen
1923253164417
1924220340560
1925212306518
1926185302487
1927242283525
1928224293517
1929183233416

Quelle: Jahrbuch der Filmindustrie, historische Übersicht des deutschen Filmangebots. Die Werte bezeichnen Filmtitel im Angebot, keine Zuschauer- oder Umsatzanteile.

Langspielfilme auf dem deutschen Markt3842881929601923192419251926192719281929■ Deutsche Filme■ Ausländische Filme
Filmangebot nach Herkunft, 1923–1929.

Zwischen 1924 und 1929 übertraf die Zahl ausländischer langer Spielfilme im erfassten Angebot die deutsche. Daraus folgt noch nicht, dass ausländische Filme höhere Einnahmen erzielten. Der Befund zeigt aber die Bedeutung internationaler Verleihbeziehungen und die Konkurrenz um den Zugang zu deutschen Kinos.


Kinobetrieb: Expansion und Krise eines Massenmarktes

Die Lichtspieltheater waren die Orte, an denen die zahlenden Zuschauer die wirtschaftliche Verwertung der Filme ermöglichten. Ihre Zahl und Sitzplatzkapazität wuchsen in den 1920er-Jahren erheblich. Die Kinostatistiken sind dabei nicht durchgehend identisch abgegrenzt.4

JahrFilmtheaterSitzplätze
1925ca. 3.600ca. 1.275.000
19305.0591.969.000
19325.0591.989.000

Quellen: Statistisches Reichsamt, Wirtschaft und Statistik (1926), S. 683; SPIO, Filmstatistisches Taschenbuch 1959, Tab. 44, S. 43.

JahrKinobesuche (Mio.)Durchschnittspreis (RM)Bruttoeinnahmen (Mio. RM)
1925271,50,69187,3
1926332,40,69229,3
1927337,40,77259,8
1928352,50,78275,0
1929328,30,83272,5
1930/31290,40,84243,9
1931/32273,10,72196,6
1932/33238,40,74176,4

Quellen: Historische Reihe 1925–1929; SPIO, Filmstatistisches Taschenbuch 1959, Tab. 45, S. 43. Ab 1930/31 Rechnungsjahre.

Kinobesuche und Bruttoeinnahmen 1925–1932/333982991991000192519261927192819291930/311931/321932/33■ Kinobesuche (Mio.)■ Bruttoeinnahmen (Mio. RM)
Beide Reihen sind in Millionen angegeben, aber in unterschiedlichen Einheiten; ab 1930/31 Rechnungsjahre.

1928 erreichten die Kinobesuche in dieser Reihe 352,5 Millionen. Danach gingen sowohl Besucherzahlen als auch Bruttoeinnahmen deutlich zurück. Zwischen 1928 und 1932/33 sanken die Besuche um rund 32 Prozent und die Einnahmen um rund 36 Prozent. Die Krise des Kinobetriebs wurde durch die zusätzlichen Investitionen in Tonanlagen verschärft.5


Beschäftigung und Betriebsstruktur

Die gewerbliche Betriebszählung von 1925 unterscheidet Filmaufnahme, Filmverleihung und Filmvorführung. Der größte Teil der statistisch erfassten Beschäftigung entfiel auf die Lichtspieltheater. Die Filmgeschichte ist deshalb auch die Geschichte von Vorführern, Kassiererinnen, Musikern, Technikern und weiteren Beschäftigten – nicht allein die Geschichte von Stars und Regisseuren.6

WirtschaftsbereichBetriebeBeschäftigteDavon weiblich
Filmaufnahme3194.6941.261
Filmverleihung3432.8211.365
Filmvorführung2.80418.1735.826
Zusammen3.46625.6888.452

Quelle: Statistisches Reichsamt, Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1929, S. 106; gewerbliche Betriebszählung vom 16. Juni 1925.

Beschäftigte in der Filmwirtschaft 192520000150001000050000FilmaufnahmeFilmverleihFilmvorführung■ Beschäftigte
Beschäftigte nach Wirtschaftsbereich, gewerbliche Betriebszählung 1925.

Von 25.688 erfassten Beschäftigten arbeiteten 18.173 in der Filmvorführung, also rund 71 Prozent. Die Betriebszählung ist keine vollständige Berufszählung aller Filmschaffenden; projektbezogene und wechselnde Beschäftigungen werden dadurch nur unvollständig erfasst.


Der Tonfilm als wirtschaftlicher Strukturbruch

Seit 1928/29 verlangte die Umstellung auf Tonfilm schallisolierte Ateliers, neue Aufnahmetechnik und zusätzliche Fachkräfte. Die Ufa errichtete dafür das Tonkreuz in Babelsberg. Auch die Kinos mussten in Wiedergabeanlagen investieren. Die neue Technik erhöhte zunächst den Kapitalbedarf und verstärkte die Abhängigkeit kleinerer Unternehmen von großen Studios und Patentinhabern.7

ZeitraumDurchschnittliche Jahresproduktion langer SpielfilmeFilmmeter
1926–1928: letzte Stummfilmperiode217520.611
1929–1931: erste Tonfilmperiode158381.528

Quelle: Alexander Jason, Handbuch der Filmwirtschaft, Bd. 3, S. 10.

Die Zahl der langen Spielfilme sank nach Jasons Vergleich deutlich. Seine zeitgenössische Kostenanalyse führt dies auf die erheblichen zusätzlichen Herstellungskosten zurück. Zugleich wurde die Sprachgebundenheit zum Problem des internationalen Verleihs. Der Tonfilm veränderte somit Produktion, Verwertung und Aufführung gleichzeitig.

Patentkonkurrenz und Tonfilmfrieden

Der Tonfilmkrieg zwischen europäischen und amerikanischen Patentgruppen war ein Kampf um technische Standards, Lizenzzahlungen und Absatzgebiete. Die Zeitschrift Der Rote Aufbau deutete die Auseinandersetzung bereits 1930 als Konkurrenz miteinander verflochtener Kapitalgruppen. Ihre Erwartung einer späteren Verständigung wurde durch den Pariser Tonfilmfrieden von 1930 bestätigt. Die Vereinbarung regelte zentrale Patent- und Marktfragen, hob aber die wirtschaftliche Konkurrenz nicht auf.8

„Dieser Kampf wird früher oder später mit einer Einigung der streitenden kapitalistischen Truppen enden.“

Der Rote Aufbau, Jg. 1930, Heft 1, S. 36 f.


Wirtschaftliche Konzentration und gesellschaftliche Bedeutung

Die Weimarer Filmwirtschaft war zugleich ein expandierender Massenmarkt und ein Feld wachsender wirtschaftlicher Abhängigkeiten. Die Herstellung vieler unterschiedlicher Filme ging mit der Konzentration von Kapital, technischen Einrichtungen, Patenten und Verleihmöglichkeiten einher. Der Tonfilm und die Weltwirtschaftskrise verschärften diese Entwicklung. Die ökonomischen Bedingungen entschieden mit darüber, welche Filme produziert, verliehen und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden konnten.


Anmerkungen

1. Historische Produktionsstatistik, wiedergegeben in Weimarer Republik (1977), S. 464. Die Filmmeterangaben sind in der hier verwendeten Kurzfassung nicht enthalten. ↩ Zurück zur Textstelle

2. Klaus Kreimeier: Die Ufa-Story. Geschichte eines Filmkonzerns. München/Wien: Hanser, 1992; Hans Borgelt: Die Ufa – ein Traum. Berlin: Edition q, 1993. ↩ Zurück zur Textstelle

3. Jahrbuch der Filmindustrie, historische Übersicht zu deutschen und ausländischen Filmangeboten. Die Angebotszahlen sind nicht als Umsatzanteile zu lesen. ↩ Zurück zur Textstelle

4. Statistisches Reichsamt: Wirtschaft und Statistik, 1926, S. 683 ff.; SPIO: Filmstatistisches Taschenbuch 1959, Tabelle 44, S. 43. ↩ Zurück zur Textstelle

5. SPIO: Filmstatistisches Taschenbuch 1959, Tabelle 45, S. 43. Ab 1930/31 Rechnungsjahre. Die Ausgabe von 1957 weist für 1932/33 einen abweichenden Besucherwert aus; hier wird die Angabe 238,4 Mio. aus der Ausgabe von 1959 verwendet. ↩ Zurück zur Textstelle

6. Statistisches Reichsamt: Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1929, S. 106; gewerbliche Betriebszählung vom 16. Juni 1925. ↩ Zurück zur Textstelle

7. Alexander Jason: Handbuch der Filmwirtschaft, Bd. 3, S. 9–10; Guido Bagier: „Ton mehr aufdrehen – verstärken“, in: Das Ufa-Buch, S. 244–248; Hans-Michael Bock: „Keine dramatischen Maggiwürfel“, ebenda, S. 256–259; Eleanor A. Halsall: „A Leap into the Dark“ (2024). ↩ Zurück zur Textstelle

8. Der Rote Aufbau, Jg. 1930, Heft 1, S. 36 f.; Klaus Kreimeier (1992), S. 205–219; Tonfilmfrieden – Tonfilmkrieg. Die Geschichte der Tobis vom Technik-Syndikat zum Staatskonzern (2003). ↩ Zurück zur Textstelle

Literatur und Quellen

Bagier, Guido: „Ton mehr aufdrehen – verstärken“, in: Das Ufa-Buch, S. 244–248.
Bock, Hans-Michael: „Keine dramatischen Maggiwürfel“, in: Das Ufa-Buch, S. 256–259.
Borgelt, Hans: Die Ufa – ein Traum. Berlin 1993.
Halsall, Eleanor A.: „A Leap into the Dark“, 2024.
Jason, Alexander: Handbuch der Filmwirtschaft, Bd. 3.
Kreimeier, Klaus: Die Ufa-Story. München/Wien 1992.
Müller, Corinna: Vom Stummfilm zum Tonfilm. München 2003.
SPIO: Filmstatistisches Taschenbuch 1959.
Statistisches Reichsamt: Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1929; Wirtschaft und Statistik, 1926.
Der Rote Aufbau, Jg. 1930, Heft 1.

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