Vielleicht heißt Kompetenz ja auch nur: die richtigen Fragen stellen!
Mehr Fragen – mehr Möglichkeiten – Fragen für heute – Perspektiven für morgen
Gesellschaftskompetenz zeigt sich nicht zuerst darin, auf gesellschaftliche Probleme fertige Antworten geben zu können. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Fragen zu stellen, die Wirklichkeit öffnen, statt sie vorschnell zu schließen.
Wer fragt, nimmt das Vorgefundene nicht einfach als selbstverständlich hin. Warum ist etwas so, wie es ist? Wie ist es dazu gekommen? Wer entscheidet darüber? Wer verfügt über welche Möglichkeiten? Wessen Interessen setzen sich durch? Wer gewinnt, wer verliert? Welche Perspektiven fehlen? Könnte es auch anders sein?
Solche Fragen verwandeln vermeintliche Sachzwänge wieder in gesellschaftliche Verhältnisse, über die nachgedacht, gestritten und möglicherweise auch entschieden werden kann.
Eine gute Unterrichtsstunde …
Eine gute Unterrichtsstunde ist, wenn am Ende mehr und andere Fragen stehen als am Anfang.
Das bedeutet nicht, dass Unterricht keine Antworten geben oder kein Wissen vermitteln soll. Im Gegenteil: Wissen ist notwendig, um bessere Fragen stellen zu können. Aber die Qualität von Unterricht bemisst sich nicht allein daran, wie viele vorher festgelegte Antworten Schülerinnen und Schüler am Ende reproduzieren können.
Am Anfang einer Auseinandersetzung stehen vielleicht einfache Fragen: Was ist passiert? Wer war beteiligt? Was bedeutet ein Begriff? Durch die Beschäftigung mit einem gesellschaftlichen Problem sollten daraus weiterführende Fragen entstehen: Warum ist es passiert? Welche Interessen stehen dahinter? Welche historischen Voraussetzungen gibt es? Wer besitzt Macht, etwas zu verändern? Welche Folgen hat eine Entscheidung für andere Menschen, für andere Regionen oder für die Zukunft?
Die Fragen verändern sich, weil sich der Blick auf das Problem verändert.
Die „richtigen“ Fragen sind nicht die Fragen mit einer richtigen Antwort
Von den richtigen Fragen zu sprechen, darf deshalb nicht heißen, dass die Lehrkraft bereits jene Frage kennt, auf die die Schülerinnen und Schüler lediglich kommen sollen. Dann wäre die Frage nur eine versteckte Form der vorgegebenen Antwort.
„Richtig“ sind Fragen vielmehr dort, wo sie Zusammenhänge sichtbar machen, Widersprüche freilegen und neue Perspektiven ermöglichen.
Das schließt unbequeme Fragen ausdrücklich ein. Gerade dort, wo etwas als alternativlos, selbstverständlich oder naturgegeben erscheint, beginnt gesellschaftliches Fragen:
Wer sagt eigentlich, dass es so sein muss?
Von der Frage zur Gesellschaftskompetenz
Die zwölf Dimensionen der Gesellschaftskompetenz lassen sich deshalb als Frageperspektiven auf gesellschaftliche Wirklichkeit verstehen. Philosophische, kulturelle, politische, soziale, interkulturelle, kommunikative, mediale, technologische, ökonomische, ökologische, historische und Gerechtigkeitsfragen stehen nicht nebeneinander. Sie richten unterschiedliche Scheinwerfer auf dasselbe Problem.
Aus einer zunächst ökonomischen Frage kann eine politische werden, daraus eine historische, eine ökologische oder eine Frage nach Gerechtigkeit. Erst in ihrer Verbindung entsteht ein komplexeres Bild gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Gesellschaftskompetenz bedeutet dann auch, zwischen diesen Perspektiven wechseln und ihre Zusammenhänge erkennen zu können.
Fragen für heute – Perspektiven für morgen
Fragen richten sich nicht nur auf das, was ist und was war. Sie öffnen den Blick auf das, was sein könnte.
Damit erhält das Fragen eine utopisch-emanzipatorische Dimension. Wer gesellschaftliche Verhältnisse verstehen lernt, muss sie nicht deshalb für unveränderlich halten. Aus der Analyse der Gegenwart entsteht die Frage nach möglichen Zukünften:
Wie wollen wir leben? Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie sollen gesellschaftlicher Reichtum, Macht und Entscheidungsmöglichkeiten verteilt sein? Was müsste sich verändern – und wer könnte es verändern?
So führt die Bewegung vom Wissen nicht zur endgültigen Antwort, sondern zu einer neuen Frage.
Mehr Wissen ermöglicht andere Fragen.
Andere Fragen eröffnen neue Perspektiven.
Neue Perspektiven machen Alternativen denkbar.
Und denkbare Alternativen erweitern die Möglichkeiten gesellschaftlichen Handelns.
Vielleicht lässt sich Gesellschaftskompetenz deshalb tatsächlich auf einen zunächst sehr einfachen Satz bringen:
Kompetenz heißt auch, die richtigen Fragen stellen zu können.
Und vielleicht ist genau deshalb eine Unterrichtsstunde dann besonders gelungen, wenn am Ende nicht weniger, sondern mehr Fragen im Raum stehen als am Anfang – allerdings andere, genauere und weiterführende Fragen.
