Über Wolfsburg hinaus
Die Gründung der Volkswagenwerke in Niedersachsen – vom Stammwerk zum regionalen Produktionsverbund
Die Geschichte der Volkswagenwerke in Niedersachsen ist mehr als die Geschichte eines Unternehmens, das an verschiedenen Orten Fabriken errichtete. Mit jeder Werkgründung veränderten sich Arbeitsmärkte, Verkehrswege, Wohnverhältnisse und regionale Wirtschaftsstrukturen. Zugleich entstand ein Produktionsverbund, dessen einzelne Standorte zunehmend voneinander und von Entscheidungen abhängig wurden, die weit über Niedersachsen hinausreichen.
Das ist der Ausgangspunkt unserer bisherigen Beiträge zum VW-Komplex: von Stadt und Unternehmen über Region und Unternehmen bis zum Weltkonzern. Die Gründungsdaten bilden dafür ein historisches Gerüst. Erst im Zusammenhang mit Eigentum, Arbeit, staatlicher Industriepolitik, Mitbestimmung und Weltmarkt wird erkennbar, was diese Standorte gesellschaftlich bedeuten.
Die Werke im historischen Überblick
Die Tabelle unterscheidet bewusst zwischen Neugründung, Aufnahme der Produktion und Übernahme eines bestehenden Standorts. Gerade Osnabrück zeigt, warum diese Unterscheidung wichtig ist.
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Standort |
Gründung / Produktionsbeginn |
Ursprüngliche Funktion und historische Besonderheit |
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Wolfsburg |
1938; Grundsteinlegung am 26. Mai |
Stammwerk des nationalsozialistischen KdF-Wagen-Projekts; im Krieg Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit, nach 1945 zivile Automobilproduktion unter britischer Verwaltung. [1] |
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Braunschweig |
1938 |
Als „Vorwerk“ für Werkzeug-, Vorrichtungs- und Lehrenbau sowie Ausbildung gegründet; später Komponentenwerk im arbeitsteiligen Produktionsverbund. [1, 2] |
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Hannover-Stöcken |
1955 Baubeginn; 8. März 1956 Produktionsbeginn |
Eigenständiger Standort für den VW-Transporter; Expansion in eine bereits bestehende Industriestadt. [3] |
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Emden |
1964; erster Käfer im Dezember |
Automobilproduktion mit unmittelbarer Anbindung an den Seehafen; wichtiger Standort für den Überseeexport. [4] |
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Salzgitter |
1970; Beginn der K-70-Fertigung |
Zunächst Fahrzeugwerk, anschließend zunehmend Motoren- und Komponentenproduktion; heute ein Standort der technologischen Transformation. [5] |
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Osnabrück |
2009 Übernahme des Karmann-Standorts; anschließende Aufnahme der VW-Produktion |
Weiterführung einer älteren Automobilbaugeschichte unter dem Dach des Volkswagenkonzerns; keine klassische VW-Neugründung. [6] |
Stationen einer niedersächsischen Industriegeschichte
Wolfsburg und Braunschweig: Die Anfänge im Nationalsozialismus
Wolfsburg und das Braunschweiger Vorwerk entstanden 1938 als Bestandteile des nationalsozialistischen Volkswagenprojekts. Die Kriegsproduktion, der Einsatz von Zwangsarbeit und der Übergang zur zivilen Automobilproduktion nach 1945 gehören untrennbar zu dieser Gründungsgeschichte.[1][2]
Hier beginnt auch die Geschichte der engen Verbindung von Unternehmen und Stadt, die in den Wolfsburg-Filmen der 1950er und 1960er Jahre als Erfolgsgeschichte der modernen Industriegesellschaft erscheint.
Hannover:
Volkswagen kommt in eine Industriestadt
Mit dem Transporterwerk in Hannover-Stöcken begann 1956 eine neue Phase der Expansion. Anders als in Wolfsburg traf Volkswagen hier auf eine bereits entwickelte Industriestadt mit eigenen Unternehmen, Arbeitswelten und gewerkschaftlichen Traditionen.[3]
Die Ansiedlung veränderte die Stadt und ihre Wirtschaftsstruktur. Zugleich entstand ein weiterer Standort, dessen Zukunft von den Produktions- und Investitionsentscheidungen des Konzerns abhing.
Emden:
Das Tor zum Weltmarkt
Die Gründung des Emdener Werkes 1964 verband industrielle Entwicklung in Ostfriesland mit dem Überseeexport.[4] Der Hafen wurde zum Ausgangspunkt einer zunehmend internationalen Produktions- und Absatzstrategie.
Klaus Wildenhahns Dokumentarfilm Emden geht nach USA macht gut ein Jahrzehnt später die Kehrseite dieser Entwicklung sichtbar: Entscheidungen über internationale Produktionsstandorte können die Zukunft einer ganzen Region infrage stellen.[7]

