Politische Kompetenz

Im Konzept der Gesellschaftskompetenzen bildet die Demokratiekompetenz den normativen Kern der politischen Kompetenz, sie erschöpft diese jedoch nicht. Politische Kompetenz wird in Anlehnung an Oskar Negts Verständnis des „politischen Menschen“ weiter gefasst. Demokratie ist in diesem Verständnis nicht allein eine Staats- oder Herrschaftsform, sondern eine Lebensform und eine gesellschaftliche Praxis, die auf die Fähigkeit angewiesen ist, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, politische Urteile zu bilden und Verantwortung für die Gestaltung des Gemeinwesens zu übernehmen.

Politische Kompetenz umfasst deshalb weit mehr als die Kenntnis demokratischer Institutionen, Verfahren oder Partizipationsmöglichkeiten. Sie schließt die Fähigkeit ein, gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu analysieren, Interessenlagen zu erkennen, Konflikte zu verstehen und politische Entscheidungen in ihren historischen, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen zu beurteilen. Demokratiekompetenz bildet dabei den demokratischen Orientierungsrahmen politischen Handelns, politische Kompetenz beschreibt hingegen die umfassendere Fähigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit als politisch gestaltbar zu begreifen.

Innerhalb des Konzepts der Gesellschaftskompetenzen steht die politische Kompetenz daher in einer engen Wechselbeziehung zur ökonomischen Kompetenz. Beide bilden die grundlegende Basiskompetenzdimensionen für das Verständnis moderner kapitalistischer Gesellschaften. Politische Entscheidungen entstehen nicht unabhängig von wirtschaftlichen Strukturen, ebenso wenig entfalten ökonomische Prozesse ihre Wirkungen außerhalb politischer und rechtlicher Ordnungen. Deshalb gehört zum Erwerb politischer Kompetenz notwendigerweise die Analyse des Verhältnisses von Politik und Ökonomie.

Dies umfasst insbesondere die Frage nach den Handlungsmöglichkeiten und Handlungsspielräumen des Staates in kapitalistischen Gesellschaften. Staatliches Handeln vollzieht sich stets im Spannungsfeld demokratischer Legitimation, ökonomischer Machtverhältnisse, Eigentumsordnungen, internationaler Verflechtungen und gesellschaftlicher Interessen. Politische Kompetenz bedeutet daher auch, diese Wechselwirkungen zu erkennen und kritisch zu reflektieren. Demokratiebildung kann sich folglich nicht auf die Vermittlung demokratischer Werte und Partizipationsformen beschränken, sondern muss die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen demokratischen Handelns selbst zum Gegenstand machen.

In diesem Sinne knüpft das Konzept der Gesellschaftskompetenzen unmittelbar an Oskar Negts Verständnis an. Politische Urteilskraft entsteht nicht isoliert aus der Aneignung politischer Institutionenkunde oder demokratischer Verfahrenskenntnisse, sondern aus der Fähigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit in ihren historischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Zusammenhängen zu analysieren. Erst auf dieser Grundlage kann Demokratie als Lebensform verstanden, erhalten und weiterentwickelt werden.

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