„Samstags gehört Vati mir“ – und heute?
Vom Wiederaufbau zur Teil-Rückeroberung der Zeit
Wie Gewerkschaften dem Kapital den Samstag abtrotzten
In den 1950er Jahren wurde mit der Einführung der Fünf-Tage-Woche ein gesellschaftlicher Fortschritt erkämpft, der weit über arbeitsrechtliche Fragen hinausging. Die Losung „Samstag gehört Vati mir“ brachte auf den Punkt, worum es ging: Zeit für Familie, Erholung, gesellschaftliche Teilhabe und ein Leben jenseits der Erwerbsarbeit.
Damals galt die Verkürzung der Arbeitszeit vielen Unternehmern als wirtschaftlich riskant. Heute erleben wir eine bemerkenswerte Umkehrung der Debatte. Unter Schlagworten wie „Flexibilisierung“, „Standortsicherung“ oder „Wettbewerbsfähigkeit“ werden längere Arbeitszeiten, die Aufweichung von Arbeitszeitgrenzen und die stärkere Verfügbarkeit von Beschäftigten erneut diskutiert.
Aus historischer Perspektive ist das bemerkenswert. Was einst als sozialer Fortschritt gefeiert wurde, erscheint heute manchem als Hindernis wirtschaftlicher Effizienz. Die Frage lautet deshalb nicht nur, wie Wohlstand geschaffen wird, sondern auch, wem die gewonnene Zeit gehört: den Menschen oder den Verwertungsinteressen der Ökonomie.
Wer die Kämpfe der 1950er Jahre kennt, erkennt darin eine alte Konfliktlinie wieder. Die Auseinandersetzung drehte sich damals wie heute nicht allein um Stunden und Löhne, sondern um die gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit selbst. Die Forderung „Samstag gehört Vati mir“ war letztlich ein demokratischer Anspruch auf Lebenszeit. Dass dieser Anspruch heute wieder unter Druck gerät, zeigt, dass soziale Errungenschaften niemals endgültig gesichert sind.

