Körting-Werke in Linden von den Anfängen bis 1918
Vom Hinterhof zur Großfabrik
Detlef Endeward (04/2026)
Als die Gebrüder Berthold und Ernst Körting 1871 in einem Hinterhofraum der Joachimstraße in Hannover ihre Firma gründeten, konnten sie kaum absehen, dass ihr Unternehmen innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem der bedeutendsten Apparatebauer des Kaiserreichs aufsteigen würde. Die frühen Patente auf Injektoren und Dampfstrahlpumpen bildeten die technische Grundlage, doch der eigentliche Aufstieg vollzog sich in der Phase des wilhelminischen Industrialisierungsschubs.
Bereits in den 1870er und 1880er Jahren expandierte das Unternehmen rasant, doch um 1890 erreichte Körting eine neue Entwicklungsstufe. Die bisherigen Fabrikgebäude an der Celler Straße waren zu klein geworden; die wachsende Nachfrage nach Strahlapparaten, Gaswäschern, Heizungsanlagen und Motoren verlangte nach einem industriellen Großstandort. 1889/90 entstand deshalb in der damals noch ländlich geprägten Gemarkung Linden – seit 1885 Stadt – ein neuer, weitläufiger Fabrikkomplex mit eigener Gießerei und eigenem Kraftwerk. Die Lage bot unmittelbaren Eisenbahnanschluss und nahezu unbegrenzte Erweiterungsmöglichkeiten. Die Vogelschauansichten aus dieser Zeit zeigen die Fabrik wie eine Insel inmitten von Feldern, Wiesen und Buschgruppen – ein typisches Bild der industriellen Durchdringung des hannoverschen Umlands im späten 19. Jahrhundert.
Zum Werk gehörte ab 1890 eine eigene Arbeitersiedlung, das später offiziell „Körtingsdorf“ genannte Quartier mit Schule, Verwaltung und Polizei. Diese paternalistisch geprägte Werkssiedlung entsprach dem wilhelminischen Modell industrieller Sozialpolitik: Wohnraum, Infrastruktur und soziale Kontrolle lagen in einer Hand. Die Belegschaft wuchs stetig; um die Jahrhundertwende beschäftigte Körting bereits mehrere hundert Arbeiter und Angestellte.
Technisch und wirtschaftlich war das Unternehmen in dieser Zeit ein europäischer Spitzenakteur. Die Strahlpumpen und Injektoren aus Hannover wurden weltweit exportiert; Vertretungen existierten in allen wichtigen Industriezentren Europas sowie in Übersee. 1881 konnte bereits der 20.000. Strahlapparat ausgeliefert werden. Die Produktpalette wurde im Kaiserreich weiter diversifiziert: Zentralheizungen, Gaswäscher, Dampfstrahl-Feuerspritzen, Kellerpumpen, später auch Gas-, Benzin- und Dieselmotoren sowie Saugluftbremsen für Eisenbahnfahrzeuge. 1910 entstand bei Körting sogar die erste Holzwarth-Gasturbine – ein technologisches Experimentierfeld, das jedoch nicht dauerhaft erfolgreich war.

Aktie über 1000 Mark der Gebr. Körting AG vom 21. September 1903 (gemeinfrei)
Die enorme Expansion erforderte eine neue Kapitalbasis. 1903 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt – ein Schritt, der typisch war für die großindustrielle Konsolidierung der wilhelminischen Zeit. Vor dem Ersten Weltkrieg erreichte Körting seine größte Belegschaftsstärke: rund 1700 Arbeiter und 400 Angestellte machten Körting zu einem der größten Unternehmen der Region Hannover.
Mit dem Kriegseintritt 1914 veränderte sich die Produktion grundlegend. Körting stellte nun unter anderem Granatzünder her und beschäftigte dafür zahlreiche Frauen – ein Indikator für die kriegsbedingte Mobilisierung der „Heimatfront“. Gleichzeitig zeigte sich, dass einige technische Entwicklungszweige – etwa die Großgasmaschinen – nicht die erhofften Erfolge brachten und wieder eingestellt wurden. Die Kernkompetenz blieb jedoch die Strömungs- und Verfahrenstechnik, insbesondere Strahlpumpen und Brenner.
Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Körting ein Paradebeispiel für die industrielle Dynamik des Kaiserreichs: ein Unternehmen, das aus einem kleinen Hinterhofbetrieb hervorgegangen war, sich über Patente und technische Innovationen sowie der Inanspruchnahme der Arbeitskraft der lohnabhängigen Arbeiter und Angestellten zu einem global agierenden Apparatbauer entwickelte und dessen Fabrik- und Siedlungsanlagen die Industrialisierung des hannoverschen Westens entscheidend prägten.
Literatur
wikipedia.de (abgerufen 23.04.2026)
Buschmann, Walter (1981): Linden. Geschichte einer Industriestadt im 19. Jahrhundert. August Lax, Hildesheim 1881, S. 336ff
Hannover Archiv. Bl.
Bedeutende Industrieunternehmen in Hannover und Linden
Körting-Werke
