„Weitwinkeligen Hanomag-Schau“ – was das schon 1982 bedeutete
Betriebsgeschichte, Eigentümerentscheidungen, Arbeitskämpfe und persönliche Erfahrungen als verschiedene Seiten derselben Geschichte
Detlef Endeward (09/2026)

Zeit und Raum
Was die Autoren unter einer „weitwinkeligen Hanomag-Schau“ verstanden, wird bereits im Inhaltsverzeichnis deutlich. Die Broschüre ist eben keine bloße Unternehmenschronik.
Zwar bildet die Betriebsgeschichte der Hanomag das zeitliche und sachliche Gerüst der Darstellung. Sie verfolgt die Entwicklung von der Frühindustrialisierung über Rüstungsproduktion und Wirtschaftskrisen bis zu Rheinstahl, Massey-Ferguson und schließlich Esch und IBH. Aber damit ist nur die eine Seite der Geschichte beschrieben.
Daneben tritt ausdrücklich die andere Seite der Hanomag-Geschichte: die der abhängig Beschäftigten. Unter der Überschrift „Geschichte der Arbeitskämpfe“ wird sie stichwortartig über mehr als ein Jahrhundert verfolgt: vom ersten Streik 1848 über den großen gewerkschaftlich organisierten Streik von 1905, die Erfahrungen von Faschismus und Wiederaufbau, die Krise 1966/67 bis zu den betrieblichen Auseinandersetzungen der späten 1960er und 1970er Jahre.
Damit verändert sich bereits die Perspektive. Unternehmensgeschichte erscheint nicht allein als Geschichte von Eigentümern, Vorständen, Produkten, Investitionen, Absatzmärkten und Krisen. Diejenigen, die in diesem Unternehmen arbeiten, treten als handelnde Subjekte ihrer eigenen Geschichte auf: Sie reagieren auf Unternehmensentscheidungen, organisieren sich, streiken, unterliegen, setzen Forderungen durch und versuchen immer wieder, Einfluss auf Bedingungen zu gewinnen, über die andere verfügen.
Und selbst diese kollektive Ebene reicht den Autoren nicht aus. Am Ende der Broschüre folgt ein „Interview mit einem Hanomag-Kollegen im Mai 1982“. Damit bekommt die zuvor als Betriebs-, Konzern- und Arbeitskampfgeschichte erzählte Entwicklung eine persönliche Dimension. Die Krise erscheint nun aus der Erfahrung eines unmittelbar Betroffenen: Was in Unternehmensmeldungen als Umstrukturierung, Absatzproblem, Kurzarbeit oder notwendiger Arbeitsplatzabbau bezeichnet wird, bedeutet für konkrete Menschen Unsicherheit, Abhängigkeit und die Sorge um die eigene Zukunft.
„Weitwinkelig“ heißt deshalb schon 1982: dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen betrachten. Die Betriebsgeschichte strukturiert die Darstellung, aber sie erschöpft sie nicht. Unternehmensentscheidungen und Eigentumsverhältnisse gehören ebenso in das Bild wie Arbeitskämpfe und die subjektive Erfahrung derjenigen, die von diesen Entscheidungen abhängig sind.
Gerade darin liegt eine Verbindung zur gegenwärtigen Beschäftigung mit VW. Auch dort genügt es nicht, die Geschichte aus der Perspektive des Konzerns und seiner gegenwärtigen „Krisenerzählung“ zu schreiben. Zu einer wirklich weitwinkeligen Betrachtung gehören mindestens ebenso die Beschäftigten, Betriebsräte und Gewerkschaften, die Eigentümer und Kapitalinteressen, das Land Niedersachsen und andere politische Akteure – und schließlich die individuellen Erfahrungen der Menschen, für die eine Entscheidung über ein Werk eben keine abstrakte Standortentscheidung, sondern eine Entscheidung über ihre materielle Lebensperspektive ist.
So verstanden ist die „weitwinkelige Hanomag-Schau“ von 1982 nicht nur ein historisches Dokument. Sie enthält zugleich ein methodisches Prinzip für die Gegenwart: Nicht nur fragen, was mit einem Unternehmen geschieht, sondern wer handelt, wer entscheidet, wer über die Mittel verfügt, wer sich wehrt – und wer die Folgen trägt.
Das macht auch die Brücke zu VW präziser: Nicht die Entwicklung von Hanomag wiederholt sich bei VW. Vergleichbar ist vielmehr die Notwendigkeit, hinter der jeweiligen Krisenerzählung das „Funktionieren“ kapitalistischer Wirtschaft als gesellschaftlichen Zusammenhang sichtbar zu machen.