Rüstungsproduktion und Wirtschaftskrise
Vom Rüstungsboom des Ersten Weltkriegs über die zivile Massenproduktion zur erneuten Aufrüstung im Faschismus*
Redaktionsgruppe Stadtpost 1982 / wiederveröffentlicht: Detlef Endeward (09/2026)
Der Kampf um den Weltmarkt verstärkte die Widersprüche zwischen den nationalen Kapitalien. Der 1. Weltkrieg war eine in diesem Sinne notwendige Konsequenz. Lokomotiven wurden aber auch und gerade im Kriege benötigt. Bei Rückgang des Exportanteils auf 13 % wurden 1918 noch einmal 416 (!) Lokomotiven hergestellt: die Soldaten mussten zur Front.
Im Bereich des Lokomotivbaus bereitete die Rüstungsproduktion keinerlei Komplikationen. Für eine weitergehende Rüstungsproduktion musste die HANOMAG erst umgestellt werden … Schließlich wurden dann Granaten, Geschützrohre und Zünder in großen Mengen hergestellt.
Der im Kriege anhaltenden Expansion der Produktion entsprach die von 1915–1917 vorgenommene Ausdehnung der Produktionsanlagen auf 85 ha. In der Planung waren auch Werkswohnungen vorgesehen, wahrscheinlich für die Arbeiter aus dem „Werkverein“, der zur Sicherung des Betriebsfriedens Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet worden ist. Der Krieg verhinderte die Realisierung.
Weiter ging es dagegen mit dem Ausbau der Produktionsanlagen: 1917 wird das neue HANOMAG-Kraftwerk mit 16.000 kW fertiggestellt, dessen Schornstein noch heute in den Himmel ragt. Am Ende des Ersten Weltkrieges arbeiteten 9.000 Personen, davon 2.000 Frauen, auf dem Gelände.
Nach dem verlorenen Kriege wurde die Umstellung auf die Friedensproduktion notwendig – und das war auch für die HANOMAG nicht einfach. Die Weltmärkte blieben zunächst verschlossen. Doch die ehemaligen Gegner im Westen hielten den deutschen Kapitalismus mit Krediten aufrecht, nachdem die russische Oktoberrevolution eine weltpolitische Wende mit sich brachte.
Lokomotiven waren nun nicht mehr gefragt – neue Technologien entwickelten neue Transportsysteme. HANOMAG produzierte bis 1923 zwar noch 280 Lokomotiven pro Jahr, dann sanken die Produktionszahlen kontinuierlich.
Andere Abteilungen mussten verstärkt oder neu aufgebaut werden: die Schlepperproduktion und der Automobilbau.
Nach dem Vorbild Henry Fords wurde das Auto für die Massen entwickelt. „Ein Kilo Blech, ein Kilo Lack, fertig ist der HANOMAG“. So entstand das Kommißbrot, ein sehr erfolgreicher Kleinstwagen. Aber auch andere, größere Karossen wurden – vor allem in den 20er Jahren – hergestellt.
Doch trotz allem ging die Aktiengesellschaft am Ende der Weimarer Zeit pleite. D. h. nicht ganz: Ein Vergleich, der allen Schuldnern bis zu 40 % ihrer Forderungen auszahlte, rettete den Namen „HANOMAG“. Der Ausstieg aus der Lokomotivproduktion von 1930/31 – nicht zuletzt eine Folge der Weltwirtschaftskrise – und die seitdem zerrütteten wirtschaftlichen Verhältnisse führten zum Niedergang im Jahre 1931.
Der rettende Ast in Gestalt des Automobil- und Schlepperbaus wurde in einer eigenen GmbH fortgeführt. In dieser GmbH wurde dann 1932 auch noch der Dampfmaschinenbau eingestellt – der ökonomische Tiefpunkt war erreicht. Die Arbeiterzahlen bezeugen den Entwicklungsprozess:
| Jahr | Umsatz RM | Arbeiter |
|---|---|---|
| 1923/24 | 27.863.800 | 6.266 |
| 1924/25 | 27.321.100 | 4.614 |
| 1925/26 | 40.924.500 | 3.591 |
| 1926/27 | 50.311.100 | 5.714 |
| 1927/28 | 18.487.100 | 5.488 |
| 1928 | 39.550.400 | 3.549 |
| 1929 | 36.487.600 | 3.435 |
| 1930 | 33.035.700 | 3.401 |
| 1931 | 10.906.800 | 2.994 |
| 1932 | 18.629.100 | 1.260 |
| 1933 | 32.250.000 | 1.890 |
| 1934 | — | 3.220 |
Den Aufschwung 1933/34 und ein vollständig ausgewechselter Aufsichtsrat war erstes Ergebnis der Machtergreifung durch den Faschismus in Deutschland, der ökonomisch sehr stark auf den Automobilbau setzte. HANOMAG setzte im Faschismus auch andere Zeichen:
In guter Erinnerung war offensichtlich die Bedeutung der HANOMAG als Rüstungsproduzent im Ersten Weltkrieg, denn schon 1935 werden wieder die ersten Granaten und Flak-Geschütze hergestellt.
Darüber hinaus wurde der Fahrzeugbau vorangetrieben: Schnelle Wagen wurden neben dem Kommißbrot entwickelt. Und der Dieselmotor fand seine erste Anwendung in Planierraupen und danach im PKW: Der Hanomag-Diesel-PKW stellte erste Weltrekorde auf!
In den Kriegsjahren 1939 bis 1945 wurden dann die Produktionskapazitäten voll ausgenutzt. Mit 6.000 Zwangsarbeitern aus den besetzten Gebieten und aus dem KZ-Zwischenlager Mühlenberg wurde die Zahl der Arbeitskräfte auf 20.000 hochgetrieben!!
*Hinweis zur Wiederveröffentlichung: Ich habe die Argumentation und auch die zeitgenössischen politischen Wertungen des Textes von 1982 bewusst nicht historisch korrigiert. Das ist gerade bei diesem Kapitel wichtig: Formulierungen etwa über die Ursachen des Ersten Weltkriegs, die westlichen Kredite nach 1918 oder die Beschäftigtenzahlen 1939–1945 sind Aussagen der damaligen Broschüre und sollten bei einer Wiederveröffentlichung als solche erkennbar bleiben. Die heutige städtische Erinnerungskultur nennt beispielsweise für 1944 andere, differenziertere Zahlen zu Gesamtbelegschaft, Zwangsarbeitenden und Kriegsgefangenen.