Mit „Kraft durch Freude“ in den Krieg
Die Wochenschau als Propagandamedium
KdF-Wagen und Konsumversprechen – während Aufrüstung und Kriegsvorbereitung längst Realität sind
Als die Ufa-Tonwoche Nr. 442 am 22. Februar 1939 über die Internationale Automobil- und Motorrad-Ausstellung in Berlin berichtet, erzählt sie eine Geschichte des Fortschritts. Zu sehen sind die Automobilausstellung, der Bau des Volkswagenwerkes bei Fallersleben und die Probefahrt eines Volkswagens.[1] Ausstellung, Fabrik und fahrendes Automobil werden filmisch miteinander verbunden: Das nationalsozialistische Deutschland präsentiert sich als moderne Gesellschaft, die ihren „Volksgenossen“ Mobilität, technischen Fortschritt und zukünftigen Wohlstand verspricht.
Doch diese Bilder zeigen nur eine Seite der historischen Wirklichkeit.
Denn während die Wochenschau den zukünftigen Volkswagenbesitzer imaginiert, laufen Aufrüstung, territoriale Expansion und Kriegsvorbereitung bereits parallel dazu. Die Geschichte des KdF-Wagens im Frühjahr 1939 ist deshalb nicht angemessen als Abfolge von „Friedensprojekt – Kriegsbeginn – Umstellung auf Rüstung“ zu erzählen. Propagiertes Konsumversprechen und reale Kriegsvorbereitung überlagern sich.
Zwei Geschichten zur selben Zeit
Bereits am 9. Februar 1939, acht Tage vor Eröffnung der Automobilausstellung, zeigt die Ufa-Tonwoche Nr. 440 eine „Vorführung des Volkswagens“.[2] Der Wagen wird damit schon im Vorfeld der Ausstellung zum Medienereignis.
Am 17. Februar wird die Internationale Automobil- und Motorrad-Ausstellung eröffnet. Volkswagen präsentiert den KdF-Wagen öffentlich und ermöglicht Journalisten sogar Probefahrten zur Baustelle des Volkswagenwerkes bei Fallersleben.[3]
Der Wagen steht für ein Versprechen: individuelle Mobilität für breite Bevölkerungsschichten. „Kraft durch Freude“ verbindet Konsum, Freizeit und technische Modernität mit der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“.
Aber zur gleichen Zeit existiert eine andere Entwicklung.
Die deutsche Wirtschaft steht seit dem Vierjahresplan von 1936 unter dem politischen Ziel beschleunigter Aufrüstung und größerer Kriegsfähigkeit. Österreich ist seit März 1938 dem Deutschen Reich angeschlossen, im Oktober 1938 hat Deutschland das Sudetenland besetzt. Der Volkswagen wird also keineswegs in einer von Kriegsvorbereitungen noch unberührten Friedensgesellschaft präsentiert.
22. Februar 1939: Die Bilderwelt der Wochenschau
Besonders deutlich wird die propagandistische Konstruktion in der Ufa-Tonwoche Nr. 442 vom 22. Februar 1939.
Das Bundesarchiv verzeichnet für diese Ausgabe ausdrücklich:
– Internationale Automobilausstellung in Berlin,
– Bau des Volkswagenwerkes bei Fallersleben,
– Probefahrt eines Volkswagens.[1]
Die Montage erzeugt einen Zusammenhang: Automobil – Fabrik – Produktion – Zukunft.
Was die Wochenschau nicht zeigt, ist ebenso wichtig wie das, was sie zeigt.
Nur drei Wochen später, am 15. März 1939, marschiert die Wehrmacht in Prag ein und besetzt die verbliebenen tschechischen Gebiete. Böhmen und Mähren werden zum deutschen „Protektorat“. Bemerkenswert ist auch hier die Rolle der Wochenschau: Die Ufa-Tonwoche Nr. 446 vom 22. März 1939 zeigt nun die Besetzung Böhmens und Mährens, Hitler in Prag und seine Rückkehr nach Berlin.[4]
Innerhalb von gerade einmal vier Wochen liefert dasselbe Medium damit zwei Bilder nationalsozialistischer Wirklichkeit:
22. Februar: Volkswagen – Automobilausstellung – Fabrik – Probefahrt.
22. März: Wehrmacht – Besetzung – Prag – Hitler.
Die Wochenschau muss deshalb als fortlaufendes Propagandamedium untersucht werden. Sie kann sowohl die Verheißung zukünftigen privaten Konsums als auch die militärische Expansion des Regimes in eine nationalsozialistische Erfolgsgeschichte einordnen.
Während der Volkswagen versprochen wird, wird der Krieg vorbereitet
Die Parallelität verschärft sich im Frühjahr 1939 weiter.
Am 3. April 1939, nur 40 Tage nach Erscheinen der Ufa-Tonwoche Nr. 442, ergeht die Weisung zur militärischen Vorbereitung des „Falls Weiß“, des Angriffs auf Polen. Die Vorbereitungen sollen so erfolgen, dass eine Durchführung ab dem 1. September 1939 jederzeit möglich ist.[5]
Damit stehen zwei Daten unmittelbar nebeneinander:
22. Februar 1939:
Die Wochenschau präsentiert Volkswagenwerk und Volkswagen als Bilder einer kommenden Konsumgesellschaft.
3. April 1939:
Die Wehrmacht soll den Angriff auf Polen für einen möglichen Beginn am 1. September vorbereiten.
Das eine hebt das andere nicht auf. Beides gehört zur historischen Wirklichkeit des Jahres 1939.
Gerade diese Gleichzeitigkeit ist für die Interpretation entscheidend. Es wäre zu einfach, die Bilder des KdF-Wagens nachträglich lediglich als Täuschungsmanöver zu bezeichnen. Das Volkswagenprojekt besaß durchaus eine eigenständige sozial- und industriepolitische Bedeutung. Aber das Konsumversprechen existierte innerhalb eines Regimes, dessen Politik gleichzeitig immer stärker auf Expansion, Aufrüstung und Krieg ausgerichtet war.
Auch im Volkswagenprojekt selbst treffen beide Entwicklungen aufeinander
Die Parallelität reicht tiefer als die Gegenüberstellung von Wochenschau und allgemeiner Kriegspolitik.
Mommsen und Grieger haben in ihrer grundlegenden Untersuchung über das Volkswagenwerk gerade diese widersprüchliche Entwicklung herausgearbeitet. Bezeichnend sind bereits die Überschriften ihrer Kapitel: „Der Ausbau des Werkes im Windschatten der Aufrüstung“, „Vom KdF- zum Kübelwagen“ und „Das Volkswagenwerk zwischen Friedenshoffnung und Kriegsausweitung“.[6]
Das ist wichtig, weil dadurch eine zu einfache Interpretation vermieden wird: Das Volkswagenwerk war im Februar 1939 noch nicht der spätere große Rüstungsbetrieb. Die eigentliche rüstungswirtschaftliche Einbindung entwickelte sich schrittweise.
Aber die militärische Nutzung der Volkswagenkonstruktion war ebenfalls keine erst nach Kriegsbeginn entstandene Idee. An militärischen Varianten wurde bereits 1938/39 gearbeitet.[6]
Nach Kriegsbeginn wird die Entwicklung eindeutig. Am 21. September 1939 erhält das Volkswagenwerk Aufgaben im Ju-88-Programm der Luftwaffe. Am 16. Oktober 1939 entscheidet die Unternehmensleitung über die Umstellung auf „Sonderproduktion“ für die Wehrmacht. Die zivile Serienproduktion des KdF-Wagens wird damit faktisch unrealistisch. Am 3. August 1940 beginnt im Hauptwerk schließlich die Produktion des Kübelwagens VW Typ 82, der auf der Grundlage der KdF-Wagen-Konstruktion für den militärischen Einsatz entwickelt worden war.[7]
Der den Sparern versprochene KdF-Wagen wurde dagegen nicht ausgeliefert.
KdF-Wagen – Versprechen / Kübelwagen – Realität
Damit bekommt das Symbolbild seine historische Bedeutung.
Der Übergang vom KdF-Wagen zum Kübelwagen darf nicht so verstanden werden, als sei ein fertig entwickeltes ziviles Massenautomobil nach dem 1. September 1939 plötzlich für militärische Zwecke umgebaut worden.
Interessanter ist etwas anderes:
Während das Regime öffentlich die zukünftige Massenmotorisierung propagiert, entstehen bereits die politischen, militärischen und teilweise auch technischen Voraussetzungen einer Entwicklung, in der die Volkswagenkonstruktion schließlich vor allem militärisch genutzt wird.
Der Pfeil zwischen KdF-Wagen und Kübelwagen ist deshalb kein einfacher Zeitpfeil.
Er steht für das Zusammentreffen zweier Entwicklungslinien:
Propagandierte Zukunft:
Volkswagen – Freizeit – individuelle Mobilität – Konsum – „Volksgemeinschaft“.
Gleichzeitige Realität:
Aufrüstung – territoriale Expansion – Kriegsvorbereitung – Rüstungswirtschaft – militärische Nutzung der Volkswagenkonstruktion.
Am 1. September 1939, kaum mehr als sechs Monate nach den Bildern der Ufa-Tonwoche Nr. 442, beginnt mit dem deutschen Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg.
Die Wochenschau als historische Quelle lesen
Damit verändert sich auch die Frage, die wir an die Wochenschau stellen.
Sie ist nicht bloß eine Quelle dafür, wie der KdF-Wagen 1939 aussah oder wie weit der Bau des Volkswagenwerkes fortgeschritten war.
Sie ist eine Quelle dafür, wie Wirklichkeit medial hergestellt wird.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
Was zeigt die Wochenschau?
Wir müssen zugleich fragen:
Was geschieht zur selben Zeit außerhalb ihres Bildausschnittes?
Erst wenn wir die Bilder des KdF-Wagens mit der gleichzeitigen Aufrüstung, Expansion und Kriegsvorbereitung zusammenbringen, wird aus dem Anschauen der Wochenschau historisches Spurenlesen.
Die Ufa-Tonwoche zeigt uns am 22. Februar 1939 eine mögliche Zukunft: den Volkswagen für die „Volksgemeinschaft“.
Die historischen Quellen zeigen gleichzeitig eine andere Zukunft, auf die das Regime bereits hinarbeitet.
Beide Wirklichkeiten müssen nebeneinandergelegt werden. Gerade ihre Gleichzeitigkeit macht die Wochenschau als Propagandamedium sichtbar.
Anmerkungen und Quellen
[1] Ufa-Tonwoche Nr. 442/1939, 22. Februar 1939.
Bundesarchiv, Findbuch Wochenschauen und Dokumentarfilme. Verzeichnet werden ausdrücklich die Internationale Automobilausstellung in Berlin, der Bau des Volkswagenwerkes bei Fallersleben und die Probefahrt eines Volkswagens.
Online: Bundesarchiv, Wochenschauen und Dokumentarfilme.
Findbuch des Bundesarchivs als PDF
[2] Ufa-Tonwoche Nr. 440/1939, 9. Februar 1939.
Bundesarchiv, Filmarchiv, mit dem Sujet „Vorführung des Volkswagens“. Für die Analyse ist die Ausgabe wichtig, weil sie zeigt, dass die mediale Präsentation des Volkswagens bereits vor Eröffnung der Automobilausstellung eingesetzt hatte.
[3] Präsentation des KdF-Wagens am 17. Februar 1939.
Die historische Chronik von Volkswagen dokumentiert für den 17. Februar die Präsentation auf der Internationalen Automobil- und Motorrad-Ausstellung und Probefahrten von Journalisten zur Baustelle des Hauptwerkes.
Volkswagen-Chronik 1937–1945
Zur historischen Einordnung des KdF-Projektes siehe außerdem:
German History in Documents and Images: Volkswagenwerk 1939
[4] Besetzung Böhmens und Mährens und Wochenschau.
Das Findbuch des Bundesarchivs weist für die Ufa-Tonwoche Nr. 446/1939 vom 22. März 1939 ausdrücklich die Besetzung Böhmens und Mährens durch die Wehrmacht am 15. März sowie Hitler in Prag aus. Damit lässt sich die unterschiedliche propagandistische Bildproduktion innerhalb desselben Mediums unmittelbar vergleichen.
Bundesarchiv: Wochenschauen und Dokumentarfilme
[5] „Fall Weiß“, 3. April 1939.
Weisung für die einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht 1939/40. Entscheidend ist die Vorgabe, die Vorbereitungen so durchzuführen, dass der Angriff ab dem 1. September 1939 möglich war. Die Datierung macht die zeitliche Nähe zur Volkswagen-Inszenierung besonders deutlich.
[6] Grundlegende wissenschaftliche Literatur zur Geschichte des Volkswagenwerkes:
Hans Mommsen/Manfred Grieger: Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich, Düsseldorf: Econ 1996. Besonders relevant sind die Abschnitte „Der Ausbau des Werkes im Windschatten der Aufrüstung“, „Kraftfahrzeugherstellung im Volkswagenwerk: Vom KdF- zum Kübelwagen“ und „Das Volkswagenwerk zwischen Friedenshoffnung und Kriegsausweitung“. Das online zugängliche Inhaltsverzeichnis ermöglicht eine genaue Orientierung innerhalb des umfangreichen Werkes.
Ergänzend: Klaus-Jörg Siegfried: Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit im Volkswagenwerk 1939–1945. Eine Dokumentation, Frankfurt am Main 1987; ders.: Das Leben der Zwangsarbeiter im Volkswagenwerk 1939–1945, Frankfurt am Main 1988.
[7] Übergang zur Rüstungsproduktion und Kübelwagen.
Die Volkswagen-Chronik dokumentiert den schrittweisen Prozess sehr genau: 21. September 1939 Einbindung in das Ju-88-Programm; 16. Oktober 1939 Entscheidung zur „Sonderproduktion“ für die Wehrmacht; 3. August 1940 Beginn der Produktion des VW Typ 82 im Hauptwerk. Die Quelle bezeichnet den Kübelwagen ausdrücklich als auf Basis der KdF-Limousine für den militärischen Einsatz entwickelt.
Volkswagen: Unternehmensgründung und Einbindung in die Kriegswirtschaft 1937–1945
Zur unabhängigen journalistischen Einordnung der Entstehung des Werkes und seiner späteren Rüstungsfunktion:
NDR: Gründung des Volkswagenwerks – Autofabrik diente erst der Rüstung
