Was Filme über Politik und Ökonomie bei Volkswagen sichtbar machen
Der VW-Komplex im Film – Unternehmen, Arbeit, Politik und Gesellschaft“
Die gegenwärtige Auseinandersetzung bei Volkswagen lässt sich nicht nur über Geschäftsberichte, Eigentumsverhältnisse und das VW-Gesetz erschließen. Filme über Volkswagen und Wolfsburg bilden ein historisches Archiv, in dem sich Veränderungen der politischen Ökonomie des Konzerns beobachten lassen.
Die auf der Seite „Die Stadt – Das Auto – Der Film“ untersuchten Produktionen zeigen Volkswagen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven: als nationalsozialistisches Prestigeprojekt, als Symbol des westdeutschen „Wirtschaftswunders“, als Weltkonzern, als Arbeitgeber, als Ort industrieller Arbeit, Rationalisierung und Migration und schließlich als gesellschaftlichen Machtkomplex. Gerade die Unterschiede zwischen firmeneigenen Filmen und unabhängigen Dokumentar- und Spielfilmen machen sichtbar, dass es nicht die eine Geschichte Volkswagens gibt.
Das Unternehmen erzählt sich selbst
Die von Volkswagen produzierten Filme entwerfen zunächst eine Erfolgsgeschichte. In ZEIT-ZEICHEN (1980/1995) wird aus der Geschichte des Unternehmens eine Fortschrittserzählung: Die Volkswagen-Idee übersteht Nationalsozialismus und Krieg, der Käfer wird zum Symbol des „Wirtschaftswunders“, Volkswagen expandiert international und erscheint immer wieder „am Puls der Zeit“.
Politisch interessant ist dabei gerade der Umgang mit der NS-Geschichte. Die nationalsozialistische Gründung des Werkes erscheint weniger als konstitutiver Bestandteil der Unternehmensgeschichte denn als zeitweilige Behinderung einer eigentlich positiven „Volkswagen-Idee“. Aus einer politisch und ökonomisch erklärungsbedürftigen Unternehmensgründung entsteht eine Ideengeschichte des „Wagens für alle“.
Auch die internationale Expansion wird in der Unternehmenskommunikation positiv aufgeladen. DIE FAZENDA AM CRISTALINO (1980) präsentiert das Engagement von Volkswagen im brasilianischen Amazonasgebiet als privatwirtschaftliche Entwicklungshilfe. Expansion erscheint nicht als Kapitalverwertung und Erschließung neuer Produktions- und Absatzmöglichkeiten, sondern als gesellschaftlicher Fortschritt.
Die Filme sind deshalb nicht wertlos, weil sie Unternehmensfilme sind. Im Gegenteil: Sie sind besonders aufschlussreiche Quellen dafür, wie Volkswagen seine ökonomischen Interessen gesellschaftlich legitimiert und welche Selbstbilder das Unternehmen zu unterschiedlichen Zeiten produziert.
Rationalisierung: Fortschritt für wen?
Noch deutlicher wird dies bei den Filmen über Rationalisierung.
SIE NENNEN IHN ROBBY (1977) präsentiert den Industrieroboter nahezu ausschließlich als technischen und humanitären Fortschritt. Die Maschine übernimmt monotone und körperlich belastende Arbeit. Rationalisierung erscheint als Humanisierung.
Nur sieben Jahre später ist das Bild bereits ambivalenter. FORTSCHRITT AUF DEM PRÜFSTAND (1984) zeigt die vollautomatisierte Halle 54. Arbeiter und Betriebsräte kommen zu Wort, die menschenleere Produktionshalle selbst wird zum Bild einer Veränderung: Der Mensch kontrolliert zunehmend einen Produktionsprozess, aus dem seine unmittelbare Arbeit verschwindet.
Damit erscheint eine Frage, die auch den heutigen Konflikt bestimmt:
Was bedeutet Produktivitätsfortschritt für diejenigen, deren Arbeit dadurch produktiver – und möglicherweise überflüssig – wird?
Technischer Fortschritt ist nicht identisch mit gesellschaftlichem Fortschritt. Wer über seine Einführung entscheidet, wem die Produktivitätsgewinne zufallen und wer die sozialen Risiken trägt, ist keine technische, sondern eine politische und ökonomische Frage.
EMDEN GEHT NACH USA: Die heutige Krise gab es schon 1975
Geradezu verblüffend aktuell wirkt Klaus Wildenhahns vierteiliger Dokumentarfilm EMDEN GEHT NACH USA von 1975.
Damals sollten bei Volkswagen bis Ende 1976 rund 25.000 Arbeitsplätze wegfallen. In Emden kursierte das Gerücht einer möglichen Werksschließung. Gleichzeitig hatte der VW-Aufsichtsrat beschlossen, ein Werk in den USA zu errichten. Volkswagen reagierte damit auf veränderte Weltmarktbedingungen und Schwierigkeiten beim Export in die USA.
Fast das gesamte gegenwärtige Konfliktraster ist damit bereits vorhanden:
Weltmarkt – Standortentscheidung – Rentabilität – Investition – Arbeitsplatz – Gewerkschaft – Betriebsrat – Konzernstrategie – regionale Abhängigkeit.
Wildenhahn betrachtet diese Zusammenhänge allerdings von unten. Nicht die abstrakte Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns steht im Mittelpunkt, sondern was unternehmerische Entscheidungen für diejenigen bedeuten, die von ihnen abhängig sind.
Dabei beobachtet er auch die Arbeitnehmerorganisationen. Der Film zeigt Engagement und Widerstand, aber ebenso Resignation und das Taktieren von Funktionären zwischen Gewerkschafts- und Parteipolitik. Die Arbeitnehmerseite erscheint damit keineswegs automatisch als Gegenmacht. Auch sie bewegt sich innerhalb institutioneller und politischer Abhängigkeiten.
Gerade deshalb wäre EMDEN GEHT NACH USA ein außerordentlich produktiver historischer Spiegel für den Konflikt von 2026.
PALERMO ODER WOLFSBURG: Abhängigkeit reicht über das Werkstor hinaus
Werner Schroeters PALERMO ODER WOLFSBURG (1979/80) erweitert die Perspektive nochmals.
Volkswagen erscheint hier nicht lediglich als Unternehmen, sondern als eine Institution, die eine ganze Stadt und die Lebensverhältnisse ihrer Bewohner strukturiert. Für den aus Sizilien kommenden Arbeitsmigranten Nicola gibt es in Wolfsburg faktisch kaum eine Alternative zu VW. Werk, Wohnheim, Stadt und soziale Beziehungen bilden einen Zusammenhang.
Damit wird sichtbar, warum die Schließung eines Automobilwerkes niemals nur eine betriebswirtschaftliche Entscheidung ist.
Ein Werk stellt nicht lediglich Automobile her. Es produziert Einkommen, soziale Beziehungen, Lebensplanungen, kommunale Einnahmen, Nachfrage und regionale Wirtschaftsstrukturen. Das Unternehmen verfügt dadurch über gesellschaftliche Macht, die weit über das Eigentum an seinen Fabrikanlagen hinausgeht.
DER VW-KOMPLEX: das Unternehmen als gesellschaftliches Verhältnis
Am weitesten führt Hartmut Bitomskys DER VW-KOMPLEX von 1988.
Schon der Titel ist programmatisch. Ein „Komplex“ bezeichnet ein aus miteinander verflochtenen Teilen bestehendes Ganzes. Bitomsky untersucht deshalb nicht einfach, wie ein Volkswagen hergestellt wird. Die Produktion des Autos wird zum Ausgangspunkt einer Untersuchung von Technik, Arbeit, Unternehmensgeschichte und gesellschaftlicher Organisation.
Das Automobil erscheint als Produkt einer Schlüsselindustrie; Volkswagen als Organisation, die Arbeit, Technik und Menschen miteinander verbindet und zugleich Machtverhältnisse erzeugt.
Genau hier berührt der Film unmittelbar die heutige Frage nach dem „VW-Konstrukt“.
Denn die aktuelle Eigentumsstruktur – Porsche/Piëch, Niedersachsen, Qatar, Mitbestimmung, Vorstand, Betriebsrat und VW-Gesetz – beschreibt zunächst die institutionelle Oberfläche.
Bitomskys Perspektive führt darunter:
Was ist dieses Unternehmen gesellschaftlich?
Es ist Kapital und Eigentum. Es ist Produktionsapparat und Technologie. Es ist Arbeit. Es ist politische Macht. Es ist staatliche Beteiligung. Es strukturiert Städte und Regionen. Es produziert Konsumgüter und Bedürfnisse. Es verändert Natur und Ressourcen. Und es erzeugt Abhängigkeiten, ohne dass diejenigen, die von seinen Entscheidungen abhängig sind, in gleichem Maße über diese Entscheidungen verfügen können.
Die Filme machen aus dem aktuellen Ereignis einen historischen Zusammenhang
Damit lässt sich der gegenwärtige „Machtkampf“ anders lesen.
Was heute als außergewöhnliche Krise erscheint, hat historische Vorläufer. Weltmarktprobleme, Standortkonkurrenz, Rationalisierung, Arbeitsplatzabbau, Internationalisierung und Auseinandersetzungen zwischen Management und Arbeitnehmervertretung begleiten Volkswagen seit Jahrzehnten.
Die Filme zeigen aber zugleich, dass sich die Begründungen verändern.
In den fünfziger und sechziger Jahren dominiert die Erfolgsgeschichte des „Volkswagens“ und des Wirtschaftswunders. In den siebziger Jahren werden Expansion und Rationalisierung als Modernisierung und Humanisierung präsentiert. Gleichzeitig machen unabhängige Filmemacher die sozialen Kosten dieser Entwicklung sichtbar. In den achtziger und neunziger Jahren treten Ökologie, Automatisierung und globale Verantwortung hinzu.
Der Konflikt zwischen Kapitalverwertung und gesellschaftlicher Funktion des Unternehmens verschwindet nicht. Er erhält jeweils neue historische Formen und neue Begründungen.
Deshalb sind diese Filme für die Analyse des heutigen VW-Konflikts mehr als historische Illustrationen. Sie sind bewegte Spuren früherer Konflikte.
Man kann sie mit den gegenwärtigen Nachrichten konfrontieren und fragen:
Was hat sich seit EMDEN GEHT NACH USA von 1975 verändert – und was erstaunlich wenig?
Und damit führt die Filmanalyse unmittelbar zur politischen Ökonomie. Nicht weil der Film die Antwort liefert, sondern weil er sichtbar macht, dass hinter dem scheinbar aktuellen Ereignis historisch gewordene Eigentums-, Arbeits-, Produktions- und Machtverhältnisse liegen.